Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-01-13 · 2 (13.1.1899) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
2 (13.1.1899)
Article
Beaurepaire
Date
1899-01-13
Page
3 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315799-3383824--10128-3383955
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2 Jftipwt Seite 3 unterbrochenen feierlicheren Ton. Mochten übrigens draußen die Parteien auch rasen, in den heiligen Hallen, wo die Gerechtigkeit selber gelassen waltet, wenn sie nicht just ein Schläfchen macht, da gab es keinen unziemlichen Laut. Alles gemessen, würdig, erhaben. Richter in der alten Tracht ihres Amtes, im hermelinbesehten Purpurgewande, thronten hoch über den Leidenschaften der Menge, prüften kalt und urtheilten in unnahbarer Gerechtigkeit. Viel hatte sich ja in den letzten Jahren wurmstichig und verfault erwiesen. Politiker brachen unter schimpflichen Anklagen zusammen, die Volksvertretung verfiel dem Spott und der Verachtung, Finanzscandale verbreiteten einen Pestgeruch im ganzen Lande. Eins-schien selbst nach den Niederlagen des großen Krieges noch unversehrt: die moralische Festigkeit der Armee. Auch diese zeigte sich im Falle Dreyfus, in all den Lügen und Fälschungen, als fragwürdig. „Generalstäbler" wurde zum Schimpfworte, wie es in anderer Zeit das Wort „kaiserlich" gewesen. Aber die Justiz, die man so verzweifelt wenig in Anspruch genommen, die wirkliche bürgerliche Justiz war doch noch aufrecht. Und in der Justiz war noch das höchste Tribunal sozusagen gerichtlich unbescholten. Auch das ist nicht mehr. Es war Herrn Quesnay de Beaurepaire, einer Leuchte der französischen Magistratur, einer Stütze der gegenwärtig eingerichteten Gesellschaft, Vorbehalten, die letzte Illusion zu vernichten. Man kann jetzt vom Cassationshofe sagen, wie vom obersten Rechnungshof am Seine-Ufer, den einst die Petroleumpolitiker der Commune innerlich zerstörten, dass nur noch seine Fa^ade übrig geblieben ist. Wie hat sich das zugetragen? Wer ist der Mann, der gegen die ohnehin schwer nothleidende Republik einen solchen Mordhieb führte? Herr Quesnay de Beaurepaire, bis gestern Senatspräsident am Cassationshofe, gehört zum Besten, was der Opportunismus in Frankreich hervorgebracht hat. Er war vielleicht der Cicero dieser Republik. Er war es ganz gewiss in dem historischem Augenblicke, da er die Anklage wider Boulanger vor dem Staatsgerichtshofe vertrat. In Oatlllnam! Es war etwas Zauberstarkes in seiner Rede. Damals verdiente er sich die Todfeindschaft aller, welche die Republik zerstören wollten. Keinen Mann hasste die Boulange, die mit der heutigen Cavaigne (von Cavaignac) beinahe identisch ist, heißer als den Generalproeurator Beaurepaire. Der Grimm erlosch auch nicht mit der Boulange. Der brave General war längst todt, und sein verlaufenes Heer, wie verstreut und vernichtet es auch war, pflegte noch immer den Hass gegen Baurepaire als eine Tradition. Sie bedeckten ihn mit Beschimpfungen sondergleichen. Aber diesen strengen, unbeugsamen Mann, der noch nicht Präsident des Cassationshofes war, focht das wenig an. Er vertheidigte seine theure Republik wie ein alter Römer. Und das war noch nicht einmal seine größte Zeit. Es kam der Wahnsinn des Anarchismus ins Land. Alle Welt hatte den Kopf verloren. Durch die Bombenattentate waren der ganzen Bevölkerung die Nerven zerrüttet. Insbesondere der Richterstand war schwer heimgesucht. Denn gegen die Richter waren die verruchten Anschläge hauptsächlich gekehrt. Und als man den Ravachol endlich hatte, da gehörte Courage dazu, die Anklage gegen ihn zu vertreten. Der Justizpalast, hieß es, werde an dem Tage in die Lust fliegen. Wieder stand Cicero auf und vertheidigte, umgeben von Justizsoldaten mit aufgepflanzten Bajonnetten, die geltende Ordnung. Auch er sei ein Soldat der Justiz, rief er mit unvergesslichem Schwünge, und er thue furchtlos seine Pflicht. Da war er wahrhaftig herrlich anzusehen, der schlanke grauhaarige Mann im rothen Hermelintalar, mit den strengen Augen im hageren, glattrasierten, energischen Gesichte. Ravachol selbst betrachtete ihn mit unverhohlener Bewunderung wie einen ebenbürtigen Gegner. Die Ordnung imponierte der Anarchie — es war nahezu ein Vorwurf für Maler. Und seine Rede war, wie wenn man Eisen klirren hörte. Impavidum ferient ruinae. Herr Quesnay de Beaurepaire trat in der folgenden Zeit nicht mehr sonderlich hervor. Seine Laufbahn war eine schöne, gerade. Er stieg hinan. Da der Ankläger vor dem Gerichtshöfe aufzustehen hat, nennt man diese Gerichtspersonen „stehende". Er kam aus der NaAstnature ckedont in die höhere "Magistrature assise. Quesnay wurde gesetzt. Da gab es weniger Gelegenheit, zu glänzen, an Catilina die Geduldfrage zu richten und von den Damen bei der Rückkehr aus einem Feldzuge wider die Feinde der Ordnung beglückwünscht zu werden. Vielleicht litt Quesnay unter seinem Avancement. Es gibt ja Leute, die unglücklich sind, wenn sie nicht anklagen können. Nach solchen und ähnlichen Erklärungen muss man suchen, wenn man Quesnay de Beaurepaire jetzt unversehens aufstehen sieht, um gegen seine gesetzten Collegen vom Cassationshofe eine Anklage zu schleudern. Er wirft sogar sein Amt eines Vorsitzenden hin und scheidet aus dem Dienst, um nur die Arme recht frei zu haben für die Geberden seiner Anklage, die freilrch in einem anderen Sinne öffentlich ist, als es seine frühere zu sein pflegte. Und was ist der Anlass? Der Zwischenfall Bard. Von allen Zwischenfällen der Affaire, und sie ist wahrlich nicht arm an grotesken und schmählichen, ist der Zwischenfall Bard wohl der lächerlichste und unwürdigste. Bard, ein Richter am Cassationshofe, soll eines Tages den zur Zeugenschaft vorgeführten Häftling Picquart irrthümlich im Zimmer Beaurepaires gesucht haben. Bard sei verlegen gewesen, als er statt des schlimmen Oberstenden wackeren Senatspräsidenten dasitzen sah. Das machte auf den ehemaligen Staatsanwalt einen peinlichen Eindruck, und er — klagt an. Es gehe am Cassationshofe nicht ordentlich zu, die Richter benähmen sich zu liebenswürdig gegen Picquart, sie spielen wahrscheinlich unter einer Decke mit dem Enthüller der Fälschungen. Er führt an, dass man den wartenden Oberst Picquart, der aus seiner militärischen Geheimzelle nach dem Cassationsgericht gebracht wurde, einen warmen Grog habe reichen lassen. Dieser Grog aber ist der einzige, wenn auch geistreiche Beweis, den er für die schwerste Anklage zur Verfügung hat. Und Beaurepaire verlässt Amt und Würden, um seinen Genossen, den höchsten Richtern Frankreichs, daraufhin Missbrauch der Amtsgewalt vorzuwerfen. Fast möchte man glauben, dass der Mann, der solches thut, gestört sei. Aber er macht seine Sache ganz ruhig, unter Beobachtung aller gehörigen Formen, mit dem Anscheine der größten Gewissenhaftigkeit, ja geradezu pedantisch. Ah, ist er vielleicht im formalen Rechtssinne beschränkt, in den Paragraphen erstarrt, ist er ein verknöcherter Staatsanwalt, dem alles Menschliche fremd geworden ist, so dass er es als Amtsverbrechen ansieht, wenn man einem vielgeplagten Häftling die Labung reicht? Quesnay wäre das? Nur der wird es glauben, der Herrn Quesnay de Baurepaire nicht kennt. Herr v. Beaurepaire ist nämlich nicht so einfach. Er wandelt in zwiefacher Gestalt umher, wie jener Dr. Jekyll des englischen Romans. Der gestrenge Würdenträger der Justiz ist auch ein Schriftsteller, und zwar ein leichter. Wenn es finster wurde, pflegte er unter dem Namen Jules de Glouvet kleine Geschichten von erstaunlich freier Auffassung zu schreiben. Ja, er gieng sogar in weiblicher Verkleidung als Lueie Herpin auf literarische Abenteuer aus. Es gab eine Zeit, in der Henri Rochefort den Ober-Staatsanwalt der Republik respectlos nicht anders als: Lueie Herpin anredete. Und wenn man den ernsten Rechtsmenschen bei so frivolem Thun ertappt sah, hatte man förmlich den Eindruck, als wär^ er in seiner rothen Amtsrobe auf den Opernball gegangen, um das Tanzbein zu schwingen, und als hätte ihm ein Uebermüthiger die Maske vom Gesicht gerissen. Hat sich also im Präsidenten Beaurepaire die alte Lueie Herpin geregt, die den Seandal liebt? Ist es die Gewohnheit, anzuklagen, die jetzt verspätet und unpassend aus artet? Ist es das gerichtliche Komödiantenthunr eines sensationslüsternen Schauspielers der Justiz? Von alledem vermuthlich etwas, und dazu kommt noch eins. Dieser Soldat hält sich gerne bei den Bajonnetten auf, und zwar auf der Seite der Kolben, nicht den Spitzen gegenüber. Wo aber ist die Kolbenseite? Wenn er sich plötzlich gegen seine Collegen stellt, so möchte man vermuthen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.