Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 31 (31.12.1897)
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1897-12-31
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite MW* Nr. 81. alle Stellen der Erde erkennen kann, wo jemals Blut geflossen. Da sieht man die Erde bedeckt mit seltsamen dunkelrothen Blumen. — Wer das Kräutlein besäße, der könnte in jener Nacht auf dem Boden Jerusalems eigene Dinge schauen: Nichts als rothe, dunkelrothe Blumen, in der Stadt und rings um die Mauern, bis weit ins Land hinein. Die Jebusiter, die Juden, die Egypter, die Philistäer, die Babylonier, die Syrer, die Römer, die Perser, die Araber, die Seldschukken, die Kreuzfahrer, tscherkessische Mameluken, die Türken — sie alle zog es mit geheimen Kräften nach Jerusalem. Ja, es muss ein großer Magnet dort in der Erde vergraben sein. Erwin Rosenberger. weltchrornk. Die Judenemigration nach Amerika. Ueber die Resultate derselben im letzten Jahre liegen bereits Berichte vor. Die Gesammtemigration nach Amerika betrug im Jahre 1897 230.000 Personen. Davon waren. 22.000 Juden, somit. 9*6 Percent. Im Jahre 1896 hingegen, betrug die Gesammtemigratio 362.000 Personen. Während davon. 30.000 Juden waren, also.. . 8 3 Percent. Wir sehen daher, dass die jüdische Emigration, wie die Gesammtemigration im letzten Jahre, der Ziffer nach, abgenommen hat, allein percentuell ist sie gestiegen. Nach dem Percentsatze vom Jahre 1896 per 8.3 Percent, hätten im letzten Jahre nur 19.090 auswandern dürfen; diese Ziffer ist jedoch um beiläufig 3000 Personen übertroffen. Aehnlich verhält es sich in der Hafenstadt Philadelphia. Da wanderten im Jahre 1897 (bis 31. Octbober) 12.102 Personen ein. Davon. 1752 Juden, also. 14 5 Percent. Hingegen sind im Jahre 1896 eingewandert 23.363 Personen. Davon. 2499 Juden, also., . . 10'7 Percent. Von den 1752 in Philadelphia eingelvanderten Juden stammen 132 aus Deutschland, 42 aus England (sind aber wahrscheinlich nach Russland zugehörig), 102 aus verschiedenen Ländern des Continents, die übrigen (1476) sind aus den polnischrussischen Provinzen. 958 Personen davon waren unter 20 Jahre alt und von diesen wieder zählten 457 noch keine 10 Jahre. 1049 zerstreuten sich nach 114 verschiedenen Ortschaften und nur 850 blieben in Philadelphia zurück. Inden und Chinesen. In einer Betrachtung über das Vorgehen Deutschlands gegen China und die Besetzung des Hafens vonZ Kio-tschau, nimmt das russische Blatt „Myrowje Otgolski", zu einer eventuellen Auftheilung Chinas unter die Mächte Stellung. Russland, sagt das Blatt, sei kein Colonialreich, sondern ein Nationalreich und dürfe an der Theilung nicht participieren. Die Einverleibung eines Stückes von China würde für Russland ein Unglück bedeuten. In dem rein russischen Reiche haben Hunderte Millionen von Menschen von der Newa bis zum Amur den rein russischen Nationalcharakter. „Mit der Erwerbung eines Theiles von China würden wir in den 100 bis 200 Millionen höchst fruchtbarer Chinesen äußerst unerwünschte Mitbürger des russischen Reiches erwerben, die man innerhalb des russischen Reiches in einem Ansässigkeitsrayon zurückhalten müsste, da wir im entgegengesetzten Falle eine gelbe Invasion zu fürchten hätten. Das wäre für unsere Enkel eine neue, quasi jüdische Frage, aber von gigantischen Dimensionen." Das Gold des Königs Salomo. In Suve, Fidschi- Inseln, ist dieser Tage, wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, auf dem Wege über Samoa eine aus San-Francisco kommende amerikanische Goldsucher-Gesellschaft von 18 Personen in der Absicht eingetroffen, um von dem englischen Obercomissär eine Schürfconcession für die Salomonsinseln zu erlangen. Als Motiv ihrer curiosen Reise gaben die Leute an, sie hätten in einer Zeitung gelesen, dass das von König Salomo zum Baue des Tempels verwendete Gold den Salomonsinseln entnommen worden sei. Nun ist es ja Thatsache, dass die Salomonsinseln ihren Namen enthalten haben, weil die spanischen Entdecker durch obige Deutung des Namens den Inseln eine ganz besondere Zugkraft für gewinnsüchtige Einwanderer verleihen wollten. Das „freie" Amerika? Man scheint auch im „freiheitlichen" Amerika für die Juden nicht viel Sympathie zu Haben. Folgenden Brief erhielt ein Vater von der Directorin eines New-Aorker „Fashionable Ladies Seminary“ (Vornehme höhere Töchterschule — wie sich der „Jewish Chronicle", dem wir diese Notiz entnehmen — ausdrückte): „Es thut mir sehr leid, dass ich Ihre Tochter wegen ihres Glaubens nicht aufnehmen kann. Ich glaube gern, dass sie ein gut erzogenes, nettes Mädchen ist, das unserem Institut Ehre machen würde. Ich läugne auch nicht, dass sie meinen Schülerinnen social gleichgestellt ist. Persönlich hätte ich nichts dagegen, sie aufzunehmen, aber aus reinen Geschäftsrücksichten kann ich dies nicht thun." Höflich aber deutlich. Judeneolornsation auf Cypern. Der Entschluss der „Jewish Colonisation Association," Juden auf Cypern zu colonisieren, ist bereits gefasst, und ist die endgiltige Entscheidung nur noch vom Berichte des Mr. Cohen abhängig, den die Gesellschaft nach Cypern abgesandt hat. Es dürfte von Interesse sein, darauf aufmerksam zu machen, dass bereits in London eine Gesellschaft „Eastern and Colonial-Affociation" besteht, mit dem Zwecke, das Land zu durchforschen und Boden anzukaufen. An ihrer Spitze stehen Professor Ged des von der Edinburghs Universität, Professor Ramsay von der Aberdeener Universität, Mr. Bunting der Herausgeber des „Contemporary Review" u. s. w. Ersterer bereiste Cypern und veröffentlichte soeben einen Bericht, in dem er die Eignung des Landes zur Colonisation empfiehlt. Bekanntlich gehört jetzt Cypern nur als Pfandobject England, doch hat dasselbe davon factisch Besitz ergriffen und erst in diesem Herbste den Bau von Bewässerungsanlagen bis zur Höhe von 700.000 Gulden begonnen. Der neue Gouverneur von Jerusalem Tewfik Bey hat zu Ende vorigen Monates sein Amt angetreten. Er ist ein Mann von 35 Fahren, hat in Constantinopel die Schulen besucht und ist ein specieller Kenner der Nationalökonomie. Bisher bekleidete er das Amt eines Privatsecretärs beim Sultan. Tewfik Bey hat bereits den beiden Rabbinern Chacham Baschi Eljashar und Salant den Besuch erwidert, welch' letzterer ihn auch in der Synagoge feierlich empfing. Der neue Gouverneur versprach bei der Ankunft dem Director der Ackerbauschule in Mikwe-Jsrael einen Besuch. Der verstorbene Diamantenkönig Barneh-Barnato hatte seine vielberühmte Wohlthätigkeit auch des Oefteren auf Journalisten erstreckt, die sich in Noth befanden und ihn um Hilfe ansprachen. So kam eines Tages — wie der Biograph Barnatos in der soeben erschienenen Lebensgeschichte des Millionärs erzählt — ein insehr misslichen Verhältnissen lebendes Mitglied der Presse znm Diamantenkönig, bat ihn um Beschäftigung und erbot sich, ihm für ein bescheidenes Gehalt alles das aus den Blättern herauszuschneiden, was dort Gutes und Lobendes über Barnato geschrieben wurde. Barnato gewährte ihm ein Monatsgehalt von 300 Mark und ließ ihn nach Gutdünken die Sammlung von Zeitungsausschnitten besorgen. So vergiengen etwa sechs Monate, während deren sich Barnato um seinen Schützling nicht weiter bekümmerte, als dass er ihm pünktlich sein Salair auszahlen ließ. Da kam der Journalist eines Tages zu Barnato und brachte ihm ein mächtiges Bündel Papiere, lauter Ausschnitte aus Zeitungen mit Lobeserhebungen Barnatos. Zugleich fragte ihn der Journalist, ob er in seiner Arbeit fortfahren solle. „Nein", sagte Barnato, „ich behalte Sie zwar für weitere sechs Monate, Sie sollen mir aber jetzt aus den Blättern alles Gemeine und Niederträchtige herausschneiden, was über mich gesagt wird. Der Journalist machte sich wieder an die Arbeit und nach weiteren sechs Monaten erschien er wieder vor Barnato aber — mit leeren Händen. „Nun", rief der Diamantenkönig, „wo sind die Zeitungsausschnitte die Sie für mich sammeln wollten, haben Sie keine gefunden?" „O doch", erwiderte der Sammler, „sie sind unten vor der Thür — zwei ganze Wagenladungen voll." Ein Friedensverein besteht in London seit mehr als 80 Jahren, nämlich seit der Schlacht bei Waterloo. Der Verein führt den Namen „Society for the promotion of permanent and universal peaee“ (Gesellschaft zur Förderung des allgemeinen und dauernden Friedens). Aber erst seit letzter Zeit ist den englischen Juden etwas ausgefallen. Der Verein nimmt keinen Juden auf. Und der Subtitel, den er führt, lautet: „auf christlicher Grundlage." In England! Die Affaire Dreyfus. Der „Petit Parisien" vom 24. December verzeichnet das Gerücht, Eßterhazy sei nach Brüssel ab» gereist, um persönlich Forschungen nach dem Urheber der verschiedenen Fälschungen anzustellen. Wenn die Reise erfolgt wäre.