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Die Welt · 1897-12-31 · 31 (31.12.1897) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
31 (31.12.1897)
Article
Jerusalem
Date
1897-12-31
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 81. Gerte 7 Jerusalem Es ist eine merkwürdige Stadt. Vielleicht die merwürdigste auf diesem Erdball. Lange Jahrtausende ist es her, seit die Zionsburg zum ersten Male den Königsschmuck anlegte, und das umliegende Land der Herrscherin huldigte. Damals gab cs viele Herrschinnen, hundertthorige, volkreiche, hundertthürmige — heute liegen sie in Trümmern, und die Wellen des Nil und des Euphrat singen ihr Todteulied. Und Zion lebt. Es wohnt eine grandiose Lebensgier in diesem Boden um den Berg Moria, in den Stcinmassen, die ihn bedecken. Es erinnert an das elementare Schaffen der Naturkräfte, an die treibenden Mächte des Frühlings. In den Erdmaffen westlich vom Bache Kidron sind Kräfte thätig, die sich gegen die Ruhe des Todes, getrotzt und wartet. Und das Volk wartet und hofft, weil es die Stadt noch unzerstört sieht. All sein tausendjähriges Leid hat es stets in einen Seufzer gepresst, und der Seufzer hieß Jerusalem." Es ist, wie wenn den wcltmüden Mann, den Greis in fremder Ferne die Erinnerung an die Stätte seiner Kindheit überkommt. Er greift dann wohl urplötzlich zum Wanderstabe und reist meilenweit, um in schmerzlich-süßen Jugenderinnerungen sein Leid zu lindern. Auch Völker haben ihr Heimweh. Besonders die schmerzbeladenen. Und glücklich die Völker, deren Elternhaus noch nach Jahrtausenden unzertrümmcrt dasteht, wie Jerusalem! Dann findet die Sehnsucht i'Bt-;7:> " - *7 Xiiimr r. '.V'1 V ..^vi .KiS ME MM Jerusalem vom Stephansthore gesehen. gegen leblose Wildnis und Oedc hartnäckig sträuben, und der Boden dort hat einen Widerwillen gegen stumme Trümmer. Bald zermalmt der Völkersturm die Paläste und zerstreut die Steine über den Plan, bald weht er die Trümmer zusammen und schichtet sie wieder zu schimmernden Prachtbauten. So ist die Geschichte Jerusalems wie der Wechsel der Jahreszeiten: Frühling und Herbst, Blumengelände und Stoppelfelder. — Die Stadt hat ganz den Charakter des Volkes, das vom Nil herkam und in Jerusalem sein Heiligthum aus Gold und Cedernholz erbaute. Der Boden mit dem grandiosen Frühlingsdurst hat sich einem Volke zu eigen gegeben, das gegen Vergänglichkeit gefeit scheint. Beide wollen nicht sterben. In wahlverwandtem Streben haben sie sich vor Jahrtausenden gefunden und ihr Schicksal aneinander gekettet, als wollten Menschen und Steine einander Bürgen einer unendlichen Fortdauer sein. Und beide, Volk und Stadt, haben sich in ihrem Vertrauen nicht getäuscht. Die^ Stadt hat dem Untergange ein klares Bild, an das sie sich klammern kann und das Heimweh braucht nicht zur trostlosen Verzweiflung zu werden. Aus den Kämpfen und Schmerzen des Tages schweift der Blick wehmuthsvoll zu den Jahren der Jugend zurück. Die Erinnerungen an Juda's Kindeslage flattern wie sorglose Falter um das Wort Jerusalem, und Juda sehnt sich nach Jerusalem und will glücklich sein wie ein Kind. Es ist eine merkwürdige Stadt. Mit magischer Gewalt zieht sie die Menschenmassen an sich. Das ist ein ewiges Wogen und Fluten von Menschenströmen nach jenem kleinen Fleck Erde, soweit unser schwacher Blick die rückwärts liegenden Jahi tausende überschaut. Es mag ein Riesenmagnet dort in der Erde vergraben sein, der die Menschenleiber an sich zieht. Immer andere Motive und immer das gleiche Hinwogen von Menschenmengen. Es geht die Sage, dass man in einer bestimmten Nacht des Jahres, mit einem bestimmten Kräutlein in der Hand,

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