Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 30 (24.12.1897)
- Article
- Der erste Chanuka-Abend
- Date
- 1897-12-24
- Page
- 16 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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«d» U. Nr. 80 mristerhaste Aänkerin, wie die „blinde Perele", Ehaim-Hersch Melamed's Frau, war die niemanden iry Städtchen verschonte, es nicht vermocht hatte, Zine-Leie in Harmsch zu bringen. Zine- Leie war einL schlanke Frau von vierzig Jahren, auf deren hübschem GeDte ein Ausdruck von außergewöhnlicher Güte und Freundlichkeit ruhte. Ihre Herzensgüte leuchtete aus ihrem ganzen Wesen, aus ihrer ganzen Gestalt und allen ihren Bewegungen hervor, aus den kleinen, tiefdunklen Augen, aus jedem Fältchen ihres anmuthigen Gesichtes, bei dessen Lächeln dem Gegenüberstehenden so wohl zu Müthe wurde. Und wem könnte es einfallen, mit einer solchen Frau zu zanken? 1 „Guten Abend, Malka, guten Abeqd, Kinder!" sagte sie eintretend, „gebe Gott, dass wir übers Jahr mit allen jüdischen Kindern erleben, Chanukalichter im heiligen Tempel anzünden zu sehen!" .. . Mit diesen Worten holte sie unter ihrem roth, schwarz und gelb gestreiften Wollshawl eine grüne irdene Schüssel hervor, die mit einem weißen Teller zugedeckt war. Aus der Schüssel stieg ein sonderbar angenehmer Geruch zu mir empor, so dass ich mir Mühe geben musste, um nur ruhig sitzen zu bleiben. * „Ich bringe euch, Malka, einige Warenikes*) mit Kasza zum kosten," sagte Zine-Leie mit freundlich lächelnder Miene. „Da habt ihr, Kinder," fuhr sie dann fort, indem sie die Hand in die Tasche ihres Kleides steckte, „euch gebürt, ja heute Chanukageld." Sie gab mir ein großes, glattes Fünf-Kopeken-Stück und meiner jüngeren Schwester Golde, einen Vierer und zwei Denischekl (eine halbe Kopeke) und entfernte sich mit dem Versprechen, bald in Gesellschaft ihrer Kinder wiederzükehren. Nun ließ ich in meinem Kopfe all' die großen und glücklichen Menschen, die jemals auf Erden gelebt haben, Revue passieren und gab mir Mühe, unter ihnen auch nur einen einzigen zu entdecken, der jemals das Glück gehabt hätte, so wie ich, auf dem Tische vor sich eine Schüssel Warenikes und in der Hand einen Fünfer zu sehen — vergebens — ich fand keinen. Alexander Mokdon **), Karl der Große, Napoleon her erste rc., rc., Könige und Herrscher, was sind sie im Vergleiche zu mir, zu mir! Allerdings es ist richtig, dass jeder von ihnen Tausende Städte zerstört und von der Erde weggeblasen, Hunderte Länder und Nationen in ein Nichts verwandelt, Millionen Seelen von den Miseren dieses Jammerthals befreit -und in ein besseres Jenseits befördert hat. Wahr! Sehr jwahr! Aber ich schaue auf alle verachtend hinab, ich, der Besitzer und Beherrscher der Warenikes und eines Fünfers — wohlgemerkt — eines Fünfers.... Ich stelle mir vor, wie ich morgen Früh im Cheder meinen Collegen diesen Fünfer vorzeigen werde, was sie alle für Augen machen werden. Nicht einmal Selig DowidS, dessen Vater der reichste Mann des Städtchens ist und dessen Vermögen auf volle dreihundert Rubel geschätzt wird, nicht eiPnal Selig wird ein solches Chanukageld aufzuweifen haben, dachte ich und betrachtete den Fünfer liebevoll von allen Seiten, während mir die Mutter auf einem hölzerüen Löffel anderthalb Warenikes reichte. Ich versteckte nun 'Egst meinen Fünfer und machte mich über die Warenikes her. Zuerst drehte und wendete ich sie nach allen Seiten, um mich an ihrem Anblick zu weiden und sattzuschauen, und nach langem, unentschlossenen Zaudern begann ich endlich kleine Stücke abzubeißen, jedoch mit großen, andächtigen Unterbrechungen, um länger den Geschmack im Munde zu behalten. Denn, ach, wann werde ich wieder so glücklich sein, Warenikes essen zu können. Und als ich sie schließlich trotz aller Kunstpausen ganz verzehrt hatte, holte ich meinen Fünfer hervor und begann ihn mit aller Anstrengung zu reiben, bis er funkelte wre Gold. Meine Schwester Golde vollführte dasselbe Experiment mit ihren vier Denischkes und versuchte mir dabei einzureden, dass ihr Chanukageld größer als das meinige sei. Und ich war schon nahe daran, mit ihr zu tauschen. Die vier kleinen Denischkes hatten es mir augethan und schienen mir bei weitem wertvoller als mein Fünfer; aber meine ältere Schwester Beile ließ es nicht zu, dass ich genarrt wurde. Mein Bruder Süsie gieng indessen hastig im Zimmer auf und ab, ohne die Warenikes anzurühren; so etwas war mir unbegreiflich. Die Mutter hatte ihn mehrmals zum Essen aufgefordert, allein er verweigerte es zornig. „Was heißt: du willst nicht? Warum? bat sie ihn dringend. Da hielt sich Süsie nicht mehr und schrie, während er vor Aufregung am ganzen Körper zitterte: „Wenn du es hören willst, so sage ich es heraus. Ich will kein Almosen!" *) Piroggen mit Haidegrütze gefüllt. **) Der Makedonier. Herarr-grberr Pa»! A»jch<»«r. Verantwortlicher Redaeteurr Vr. Die Mutter sprang bei diesen Worten auf, als hätte man sie tief ins Herz gestochen. „Süsie, Süsie, Gott ist mit dir", versuchte sie ihn zu beruhigen, „wie kannst du mur so reden? Habe ich es nicht in früheren Zeiten ebenso gethan und meinen Nachbarinnen zum kosten geschickt, wenn ich etwas Außergewöhnliches gekocht habe? Und jetzt, nachdem mich Gott so hart gestraft, meinen Mann mir entrissen hat, wenn ich mitkleinen Waisen arm und verlassen dastehe, soll ich es nicht annehmen, wenn mir eine Nachbarin etwas anbietet? Und würde sich denn die reichste Wirtin schämen etwas anzunehmen. Was willst du von wir? Habe ich nicht schon genug Leid und Kummer? Ist rneinMuth noch nicht genug gebrochen, mein Leben noch nicht genug verbittert? Was machst du mir Vorwürfe und quälst mich so? Herr der Welt! Warum fällt alles Nebel auf mein Haupt? Hube ich jemals eine ruhige Stunde gehabt? Sieh' was aus mir in den drei Jahren, fett dem Tode des Vaters, geworden ist. Ich bin heute kaum 35 Jahre alt und sehe aus wie ein altes Weib. Schlaflos bringe ich die Nächte zu, und sinne und sorge, was ich mit euch anfangm soll. Des Morgens quält mich die Sorge, was ich euch zum Frühstück geben, was ich euch in die Schule mitgeben könnte; kaum dass ihr fortgegangen, beginnt die Sorge von neuem, was ich euch geben soll, wenn ihr nach Hause kommt? Und erst der Donnerstag! Wohersoll ich Mehl, Holz und alles andere, was man für Sabbath braucht, nehmen? Wie soll ich eine solche Last mit meinen schwachen Kräften tragen? Ich kann ja schon kaum auf meinen Füßen stehen — da kommst du mit deinen Vorwürfen! Gott! Gott ..." Schluchzend brach sie ab. Ich sah alles zu, ohne es recht zu verstehen Das allein verstand ich, dass Süsie an den Thränen der Mutter schuld war. Ihr Weinen schnitt mir ins Herz. „O, du Besessener" — schrie ich meinen Bruder weinend an — „Weshalb schiltst du die Mutter? Darf man das? Warte nur, Gott wird dich dafür im Jenseits strafen!" Nach dieser Strafpredigt lief ich zur Mutter, schmiegte mich an sie und suchte mich vor dem Zorne meines Bruders zu verbergen. Die Mutter Hub mich in die Höhe, bedeckte mein Gesicht mit Küssen, drückte mich fest an ihre Brust, während sie mir die Thränen mit ihrer Schürze von den Wangen wischte. Aber mein Bruder zürnte mir gar nicht. Er rief mich vielmehr freundlich zu sich und versprach mir ein hölzernes Drehdel zu machen. Aber ich wies ihm die Zunge, schalt ihn nochmals „Besessener" und drohte ihm, dass ich mit ihm nicht mehr schlafen würde. (Schluss folgt.) Büitzrrwrlk. Jakob, biblisches Charakterdrama in fünf Acten von L u dwig Klausner - Dawoc, Berlin 1897, Verlag Siegfried Cronbach. Lauter bekannte, vertraute Gesichter, Bilder aus dem Büche der Bücher. Was dort lose skizzirt ist, wird hier mit fleißigem Pinsel detailliert ausgeführt. Die leeren Zwischenräume auf der Leinwand beleben sich mit Gestalten, an dkr Seite der Thal taucht ihr Motiv auf und neben dem Ereignisse erblicken wir die Umrisie der weitreichenden Folgen. Da ist der brodelnde Kessel, dem die riesenhaften Gedanken wie qualmende Opferdämpfe entsteigen, um sich eine Welt zu erobern. Und wir sehen die Kräuter und Elixiere, die in den. Kessel geschüttet werden. Hoch über alle Gestalten ragt die Monumentalfignr des Titelhelden. Die kleinlichen Mängel, die eine traditionelle Darstellung erblicken lässt, sind weggewischt. Er ist das Werkzeug eines allgewaltigen Willens, und die Mängel sind Ehrennarben aus dem Kampfe für die große Idee. Ueber dem Gemälde ein Hauch Patriarchalischer Naivität, Herdenglocken tönen an unser Ohr. R« „Chanitkattchier", ein Capitel aus der jüdischen Geschichte, von Hazionr Vertag von A. Mermelstein, Przemysl. Preis 10 kr. Eine kleine Broschüre über die Bedeutung des Chanukafestes, seine geschichtliche Entstehung und die Lehren, die für die Juden daraus resultieren. Das will der Verfasser bringen, und diese Aufgabe hat er mit großer Geschicklichkeit gelöst. Die Broschüre ist in einem guten Deutsch, allerdings mit hebräischen Lettern, geschrieben. Knappheit und dabei doch vollkommene Klarheit der Diction, eine überaus populäre Darstellung, die sich aber von jeder Banalität fernhalt, und die überall hindurch zu fühlende Liebe zum jüdischen Volke bilden die Vorzüge der vorliegenden Abhandlung. Der Anhang, resp. das letzte Capitel, erklärt den Gedanken des Zionismus, bringt eine wortgetreue Reproduclion des Baseler Programms und plaidiert in überaus warmer Weise für den Schekel, dessen Zweck und Institution den Lesern erklärt wird. Die Broschüre ist nicht das Gelcgenheitsopus, das sie zu sein scheint, sondern auch zu anderen Zeiten als zu Chanuka für jeden Juden lesenswerth. . — w —;«mn& Veimer. Druck von Jacob Dur Wien. VIII., Laudou-ysse Nr. 67.