Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 30 (24.12.1897)
- Article
- Der erste Chanuka-Abend
- Date
- 1897-12-24
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 90. Seite 15. Auf die Frage der Mutter, was sie mit den Kindern anzufangen habe, habe er seufzend geantwortet : „Ihr werdet sein, wie alle Juden. Finster, verbittert, einsam und verlassen, — eine Wiiwe mit unversorgten Waisen. Leiden, Leiden ohne Ende, ist das Geschick des Juden. Wer zu leiden aufhört, hört auf Jude zu sein. . Das seien seine letzten Worte gewesen. IV. Bekanntlich pflegen Kinder über alles, was sie in ihrer Umgebung sehen und hören, mehr nachzugrübeln als Erwachsene. Es ist ja ganz natürlich. Das Kind fühlt sich in der Welt wie ein Fremder, der zum erstenmal die Großstadt besucht. Alles ist ihm neu, alles ist ihm der Beobachtung wert. Er bewundert alles und möchte bei jeder Erscheinung wissen: wie? und warum? Später, mit zunehmendem Alter, gewöhnt er sich an alles, wundert sich über nichts mehr, wenn er auch das „wie" und „warum" ebenso wenig versteht, wie früher. Das liegt einmal so im Menschen: Das unbedeutendste Spielzeug, das er zum erstenmal sieht, wird seine Aufmerksamkeit mehr in Anspruch nehmen, wird ihn mehr in Staunen setzen, als die größten Wunder der Welt, als der regelmäßige Wechsel von Sonne und Mond. Das Spielzeug ist ja etwas Neues, und die Wunder der Welt sieht er stündlich. So dachte und grübelte auch ich in meiner Kindheit über alles nach, was ich sah oder hörte, und gar oft verfiel mein kindischer Sinn auf Gedanken, die ich später in manchem guten Buche gefunden. Aber mehr als über alles andere pflegte ich über die Worte meines Vaters nachzudenken, dass wir da wären, um zu leiden. Dieser Gedanke gab mir keine Ruhe. Dass wir leiden — das wusste ich wohl und war nie darüber im Zweifel. Allein dass wir leiden müssen, dass wir keinen Finger rühren dürfen, um das Leiden abzuwehren — das wollte mir nicht einleuchten, das hielt ich einfach für unmöglich. Besonders pflegte ich über diesen Punkt nachzudenken, wenn mich Wanjko, der Sohn des Müllers Wakola, überfallen und geschlagen hatte. Dann kehrte ich laut schluchzend nach Hause zurück und beklagte mich über den hässlichen Wanjko mit dem blatternarbigen Gesicht. Zu Hause wurde mir jedesmal geantwortet: „Wir sind im Golus bei ihnen — so müssen wir uns alles gefallen lassen". „Erstens, was heißt das: Wir sind im Golus?" — gieng es dem Kinde durch den Kopf. — „Wie? Müssen wir es denn sein? Kann man uns dazu zwingen? — Zweitens was soll das heißen: Wir müssen alles ertragen? Warum denn? Warum sollten nicht wir ihm, dem blatternarbigen Wanjko, einmal gehörig das Fell gerben können? Warum eigentlich fliehen wir auch', wenn wir unser sechs sind, vor einem einzigen, kleinen Christenknaben, wie die Mäuse, wenn sie eine Katze in ihrer Nähe wittern? Weshalb lacht und spottet denn Wanjko stets über mich, wenn ich an der Hütte seines Vaters vorbei in die Schule gehe? weshalb überfällt er mich wie ein böser Hund? Warum überfalle und schlage ich ihn nicht, verspotte und lache ich ihn nicht aus? ... Ich hatte doch mehr Grund zu spotten. Sein Vater ist es ja, der betrunken in den Gassen sich herumwälzt und seine Frau öffentlich schimpft und schlägt, wenn sie ihn auffordert, nach Hause zu gehen. Mein Vater hingegen war ein frommer, ehrenhafter Mann, den das ganze Städtchen liebte und hochschätzte, und um den sie noch heute alle weinen. Und erst Wanjko selbst. Läuft er doch ganze Tage wie ein Besessener herum und weiß keine andere Beschäftigung, als die Hunde in den Straßen vor sich her zu hetzen, während ich den ganzen Tag in der Schule zubringe — bei der Thora, für die ich geschlagen und geprügelt wurde. Ich weiß ja trefflich Bescheid in allem: dass am Montag und Donnerstag „Tachnun", am Neumond „Ja'ale we'jowoh", am Chanuka und Purim „Al-Hanissim", an Fasttagen „Anenu" gebetet wird. — Weiß Wanjko etwas davon? — So soll er leben! ..." Das waren so immer meine Gedanken und öfters verflieg ich mich in meinen Folgerungen so weit, dass man ja Wanjko ebenfalls prügeln könnte, ganz tüchtig durchprügeln! Und wie hatte ich Lust dazu! Denn Gott allein weiß es, wie mir Wanjko das Leben sauer machte, wie mein Herz vor Schreck erstarrte, wenn ich auf meinem Wege in die Schule bei seiner Hütte vorbeikam. In der größten Kälte des Winters stand Wanjko mit dem schmutzigen, ekelerregendem Gesichte draußen und erwartete mich. Nur mit einem dickleinenen Hemde war er bekleidet, barhaupt und barfüßig stand er da. Kaum dass er mich in der Ferne erblickte, begann er mich mit Steinen zu bombardieren und schrie aus vollem Halse; „2ydparch!w „Zydparch!“ Dann packte er mich, zerrte mich an den Stirnlöckchen, schlug mich auf den Kopf, ins Gesicht, in die Rippen, was Zeug hielt, und dabei sang er mit seiner süßen Stimme: „2yd pareb!u ... Mein Gott! Wie viel musste ich jeden Freitag erdulden, wenn mich meine Mutter mit dem zahnlosen Kamm in bte Arbeit nahm und mir beim Kämmen den Kopf wund rieb und nun musste ich in einemfort: „zyd parcb!“ hören; und von wem? Von Wanjko mit seinem zerzausten, verwahrlosten, schmierigen Haare, das schon aus der Ferne jeden anwiderte! Ihn darüber zur Rede zu stellen, fiel mir niemals ein. Wusste ich ja schon als Kind, dass auf solche Fragen von Wanjko nur eine Antwort zu erwarten sei: ein Faustschlag und ein Stein! Und wenn ich ihn doch einmal anzureden versuchte, dann bekam ich einige Steine an den Kopf und weinend stammelte ich nur die Frage: „Chiba ja tebe zaczepaju? (Habe ich etwa mit dir angefangen?„) Mehr konnte ich nicht hervorbringen, schon deshalb nicht, weil ich in seiner Sprache nicht mehr zu sagen wusste. Wanjko ließ mich aber nicht lange auf Antwort warten. Es folgten die herkömmlichen drei Antworten: Ein Stein, ein Faustschlag und „2yd parch!“ Von den anderen Schimpfereien, die er hinzufügte verstand ich kein Wort. Man wird es nun begreifen, dass ich Wanjko nicht besonders liebte, und dass ich stets auf Rache sann. Der Gedanke beschäftigte mich unablässig, und raubte mir sogar den Schlaf. Und *8 kam der Tag der Rache. Eine Tages — es war, wie ich mich noch sehr wohl erinnere, an einem Frertage, an einem Sommernachmittage — saßen ich und meine jüngere Schwester vor der Schwelle unseres Hauses und 'putzten die Leuchter für den Abend. Da bemerkte ich plötzlich Wanjko in meiner Nähe. Er stand ganz allein da mit spöttisch-verzogenem Gesichte und höhnte mich. In mir begann es zu kochen. Voll Entrüstung stürzte ich mich auf Wanjko und packte ihn mit aller Kraft an dem oberen Saume seines groben Hemdes. Ich fühlte mich in jenem Augenblick wie ein Simson, ich spürte in mir die Kraft, zwanzig solche Wanjko's in Stücke zu reißen . . . Wanjko musste es wohl gemerkt haben, denn er wurde bleich wie Kreide, und sieng zu zittern und zu weinen an — und ich ließ ihn los . . Seit jener Zeit begann ich einzusehen, dass mein Vater Recht hatte . . . Leiden ist, wie es scheint, das Los unseres Volkes. Wer zu leiden aufhört, hört auf, Jude zu sein. So sagte ja auch einst Rabbi Jehuda Halevi: Die Juden sind das Herz aller Völker und das Herz leidet immer „mehr als die übrigen Theile des Körpers". Ja, Vater, du hattest Recht! . . . V. Das Abendessen war längst vorüber, und wir saßen noch immer bei Tische und lauschten aufmerksam den Worten unserer Mutter, die uns vieles über das Leben des Vaters erzählte. Und auf einmal erinnerte sich mein Bruder, an die Melodien, die unser Vater, der auch ein gesuchter Vorbeter war, an den hohen Feiertagen gesungen. Und langsam, von selbst, beginnt er das Gebet vom Vorabend des Versöhnungstages zu singen in einerklagenden, rührenden Weise. Leise rücken wir zusammen, und lauschen in aller Stille. In seinen Gesang mischt sich nur das Pfeifen des Windes, der durch den Rauchfang bläst und so kläglich wimmert, als wollte er um Einlass bitten in die schützende, wärmende Stube. Er pfeift und rüttelt an dem eisernen Kammdeckel. Und mir bricht das Herz — ich weiß nicht warum — bei diesen schmerzlichen, flehenden Tönen, die der Wind ausstößt, wenn er klagend an das Metall pocht. Auch mein Bruder ist gerührt, er singt immer inniger, immer gefühlvoller, und von seinem Gesänge wird es im Zimmer feierlicher, wärmer, trotzdem darin bereits drei Tage nicht geheizt wurde. Plötzlich vernehmen wir ein Knarren der Küchenthüre, und es erscheint unsere Nachbarin Zine-Leie, auf der Schwelle. Zine-Leie's Wohnung stieß an die unsrige, so dass, wenn jemand von uns bei Zine-Leie oder jemand von ihrer Familie bei uns Abends länger sitzen blieb, das Klopfen mit einem Walkholze an die gemeinsame Wand genügte, um die Zeit der Heimkehr anzukündigen. Und wie die Wohnungen aneinander sozusagen klebten, so hiengen auch die Seelen den Einwohner aneinander. Wie selten es auch Vorkommen mag, dass so nahe Nachbarn jahrelang in Frieden leben, ohne einander hinterrücks zu betratschen und wenigstens einmal im Jahre einige Tage einander zu grollen und den Verkehr zu unterbrechen — zwischen uns und Zine-Leie ist es nie zu so etwas gekommen. Wer hätte das überhaupt Zine-Leie zumuthen können? Es gehörte ja eine Virtuosität dazu, sie, die im ganzen Städtchen wegen ihrer Herzensgüle bekannte Zine-Leie, zum Zanken zu bringen. Und es war eine stadtbekannte Thatsache, dass nicht einmal eine so