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Die Welt · 1897-12-24 · 30 (24.12.1897) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
30 (24.12.1897)
Article
Aus Rumänien
Date
1897-12-24
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8. Nr. 80. auch nur zum Sterben niederlegen könnte, und die Jassyer Juden haben den Muth, von Juden Geld zu einem Monumente zu verlangen. Das sind die Früchte der Assimilation! So weil haben wir Juden in Rumänien es gebracht! Und wofür die antizionistischen Vorträge, wofür die abscheuliche, kriecherische Liebedienerei, wofür die lärmenden, unheilvollen Demonstrationen, wofür diese selbstmörderischen, sündhaften Bestrebungen zur Entnationalisierung der Juden? Wofür? — Parturiunt montes, nascetur ridieülus mns! — Damit dreißigtausend jüdische Reservisten naturalisiert werden! Angenommen dieses Ziel, für das so vieles, ja alles geopfert werden soll, wäre bereits erreicht, angenommen, diese tapferen dreißigtausend wären bereits so glücklich wie die galizischen Juden, denen diese Gabe schon vor dreißig Jahren als wahres Danaergeschenk in den Schoß gefallen ist. was geschiel t dann mit den noch verbleibenden, nicht gleichgestellten 220.0 OOJuden Rumäniens? Ist die Judenfrage in Rumänien damit gelöst? Und wenn selbst olle Juden Rumäniens en bloc naturalisiert werden, ist damit die große, größere Judenfrage gelöst, jene Frage, die wie ein schleichendes, unheimliches Gespenst die ganze Welt durchzieht, überall Hass und Verfolgung hervorbringt und eine Katastrophe vorbereitet, die nur noch von jener übertroffen wird, die vor achtzehnhundert Jahren unserer Existenz als freies, unabhängiges Volk ein Ende gemacht und unsere Ahnen von Land und Heim vertrieben hat? Sind wir denn nicht Juden? Und seit wann haben denn Juden aufgehört, ein offenes Herz für ihre verfolgten Stammesbrüder aus der ganzen Welt zu haben? Das aber ist es, was die Herren Doctoren Westfried und Ferrester wollen, das ist es, was sie offen und vor aller Welt predigen und deshalb ist ihnen der Zionismus, dem alles heilig und theuer ist, was sie mit beispielloser Frivolität profanieren, ein Dorn im Auge. Die verfolgten Juden außerhalb Rumäniens, sagen sie, können uns nicht mehr Sympathie abringen — eher weniger, damit man uns nicht als Juden erkennt — als die Armenier in der Türkei oder die Chinesen in Amerika. Wie human? * * Nein, soweit wird ihnen der rumänische Jude nicht folgen, diese Schmach wird er nicht auf sich laden wollen! Hier treten die Zionisten in die Schranken! Und das können sich die Herren merken, von diesem Punkte angefangen, ist der rumänische Jude durch und durch Zionist, selbst diejenigen sind es, die sich noch nicht offen als solche bekennen, das sind die Zionisten von morgen und nicht die schlechtesten. Plan- und zielbewusst gehen die Zionisten in Rumänien ihren Weg, ohne Lärm, ohne Marktschreierei, voll Vertrauen, in ihre Führer. Sie haben nur eine Hoffnung, nur ein Bekenntnis — das Baseler Programm! Die Ereignisse der letzten Tage werden ihre Reihen verstärken! ' Ben Poroth. Zionismus in Deutschland. So oft von der Kölner jüdisch-nationalen Bereinigung Flugschriften erscheinen, sieht man, wie eine Agitation zweckmäßig und planvoll betrieben werden kann. Es wird da kein großer Apparat aufgeboten, mit den bescheidensten Mitteln werden die schönsten Erfolge erzielt. Kleine, fassliche Volksbroschüren, Aufrufe, Flugblätter und Referate flattern von Zeit zu Zeit ins Land hinaus, klären die Meinungen über den Zionismus, zerstreuen die Bedenken und befestigen gleichsam spielend, unbewusst die Einheit der deutschen Juden. Vor uns liegen wieder drei Referate, die die Kölner Vereinigung soeben versendet. Aus dem ersteren, das Herr F a b i u s Schach auf dem Frankfurter Delegiertentage hielt, citieren wir seine Vorschläge, die allgemeine Zustimmung fanden. „Unser Actionsprogramm für die Gegenwart soll lauten: Pflege des jüdischen Lebens in all' seinen Phasen, Entwicklung des jüdischen Charakters, Ausbildung und Stärkung jüdischer Sitten und Eigenthümlichkeiten, Förderung jüdischen Wissens und Hebung des jüdischen Bewusstseins." Demgemäß muss für. die Gründung 1. jüdischer Turnvereine, 2. jüdischer Geselligkeitsvereine; 3. hebräischer Sprach- und Lesezirkel, 4. für die Beeinflussung der Familie, 6. für die Aufklärung durch die Presse gesorgt werden. Jedem Punkte ist ein Motivenberichk beigegeben. Dem zweiten Bogen entnehmen wir den Agitationsplan des Rechtsanwaltes Dr. Schauer, der in folgenden Anträgen wurzelt. I. Ueberall, wo eine hinreichende Anzahl von Zionisten vorhanden ist, dieselben als zionistische Ortsgruppe zu konstituieren und in stetem Contacte mit der deutschen Centrale zu bleiben. II. Die Gründung eines zionistischen Pressbureaus in Berlin. III. Entsendung von Wanderrednern, wobei der Grundsatz zu gelten hat, dass die Agitation nicht uniform sei, sondern sich den Verhältnissen der einzelnen Länder anpassen müsse. Zum Schluffe verwahrt sich Dr. Schauer gegen die Ansicht, dass der jüdischnationale Gedanke die Negation des patriottschen Gedankens wäre. Den beiden Referaten ist ein Separatabdruck der Rede beigegeben, die der Oberrabbiner Dr. I. H. Dünner am 2. Neujahrstage in Amsterdam in der großen Synagoge gehalten hat. Es ist schwer, aus ihr einen Auszug zu geben. Sie athmet volle Begeisterung. Dr. Dünner vergleicht die jetzige Zeit mit dem babylonischen Exil. Auch damals hatte die Mehrheit keinen höheren Wunsch, als in dem umgebenden Volke aufzugehen, auch damals fand sich eine kleine Gruppe, die die Vorstellung einer kommenden Erlösung, nicht für die Ausgeburt einer überspannten Phantasie, sondern für Wahrheit und Wirklichkeit hielten. „Während in Babel einige Jahrzehnte genügt hatten, um Israel zum Abfall von seinem Glauben und Stamm zu bringen, hat Israel in seinem zweiten, 18 Jahrhunderte dauernden ^Exil keinen Augenblick seinen Glauben und seinen Stamm vergessen. Doch was 18 Jahrhunderte unmenschliche Unterdrückung nicht bewirken konnten, hat eine kurze Zeit d.es Athemholens zustande gebracht. Man heischte eine Reform der Religion unter dem Vorwände, dass sie veraltet und verbraucht wäre, in Wirklichkeit aber mit der Absicht, die weiten und hohen Mauern zu schleifen, die das Eindringen von Charakterlosigkeit und Schlaffheit verhinderten." Und so kam es, wie es kommen musste. Talent, Fleiss, Unternehmungsgeist und Wohlthätigkeit entwickelten sich in reichem Maße, aber bei all' diesen Eigenarten und Tugenden wurde die Sittlichkeit verlernt und verfiel auf einmal. Ehrgefühl in dem erhabenen Sinne des Wortes kannte man nicht mehr; man ließ sich durch deffen Schattenbild leiten und führen. Um Ansehen zu erwerben, um in der Gesellschaft eine aufsehenerregende Stellung einzunehmen, verleugnete man seine Eigenart, verleugnete man seine Tradition. Stolz, hoffärtig und übermüthig gegen den Stammesgenossen, beugte und bückte man sich, ja kroch man vor den Andersgläubigen, in der Hoffnung, dass man dadurch den Unterschied der Abstammung in Vergessenheit bringen würde. Und nun, wo die Folgen dieser Charakterlosigkeit nicht ausbleiben und alles, was Ehre im Leibe spürt, sich voll Verachtung wegwendet von diesen Selbstvergessenen, vollzieht sich das große Wunder. Jüdische Männer stehen auf und voll Trauer über das Vergangene, entflammt von heiliger Liebe für ihr Volk, bekennen sie laut,^ so^ laut, dass die ganze Welt es hört, dass sie Juden sind. Das ist das großartige Merkmal der Zusammenkunft, die die Verlorenen und Verstoßenen in diesen Tagen abgehalten haben. Das ist das Urtheil, welches das starke,seiner selbst bewusste Judenthum über diese Zusammenkunft fällt. Allerdings steht es nicht in ihr das Eintreten deL^messianifchen Reiches, ebensowenig, als die Verwirklichung desselben in den Absichten der Wortführer liegt. Was sie wünschen, wonach s i e streben, ist nichts anders, als den von tiefster Armuth niedergedrückten und verfolgten Stammesgenossen ein durch staatsrechtliche Grundlage gesichertes Heim zu schaffen auf dem Boden, auf den, nach göttlichem und menschlichem Recht diese Unglücklichen den meisten Anspruch haben. Dies Streben ist also nichts mehr, aber auch nichts weniger als Ausübung der Menschenliebe, vorzüglich gegen den Bruder. Nur die Schwachen, die, weil ihnen der Muth fehlt, sich zu dem Stamm zu bekennen, dem sie entsprossen sind, bei der Erwähnung der Namen Zion und Jerusalem in Verbindung mit Israel, zittern und beben, nur die Feigen suchen, in ihrer Angst und ihrem Schrecken, als Juden erkannt zu werden, hinter dem Auftreten der Zurückgekehrten messianische Absichten. Und wenn sich auch die Schwachen und Feigen mit gemachter Entrüstung verwahren gegen dieses Freiheitsstreben, so begrüßt das jüdische Volk doch das Auftreten der Zionskämpfer mit Freuden. Leb. Drr englische Zionisten-Congrrss. Bon I. de Haas. London, 17. December. Das Programm deS zionistischen Eongreffes in England ist bereits veröffentlicht und Ihren Lesern bekannt. Ich bin in der angenehmen Lage, Ihnen mitzutheilen, dass am Congress nichts discutiert werden w;rd, was dem Baseler Programm widersprechen oder den Zusammenhang zwischen London und Wien stören würde. Ich will noch weiter gehen, indem ich behaupte, die Resultate des Congresses werden zur materiellen Stärkung des Wiener Comites beitragen. Vom Standpunkte des Kenners der englischen Judenschaft dürfen wir diesen Congress als einen mächtigen Schritt der „Chowewi Zion" nach vorwärts begrüßen, denn es wird dies fast der erste jüdische Cpngress, gewiss aber der erste zionistische Congress in England fein. Ein ganzer Tag ist für die Discussion der zionistischen Fragen bestimmt utzd es beweist einen Glauben an den Erfolg der Versammlung und an das große Interesse für den Zionismus in England, wenn dem jüdischen Publicum durch alle drei Sitzungen freier Zutritt gewahrt norden wird. Die Majorität der Nichtzionisten, das find die Gleichgütigen, werden überrascht sein und die Anti-Zionisten — ich bin neugierig, was sie sagen werden. Man sagte mir, dass diese Gentlemen oder mehrere von ihnen ihre zionistische Gesinnung beweisen werden, und wir werden in der Verlegenheit sein — keine Gegner zu haben.? Die wichtigste Frage ist vorerst die Organisation durch ganz Großbritannien. Wir wollen aus den zionistischen Elementen einen lebenden Organismus schaffen und wer es weiß, wie unser Volk geneigt ist, sich von einander zu trennen, statt zusammenzuhalten, der wird den großen Nutzen der Veranstaltung erkennen. Die Tagesordnung lautet: I. V o r m i t t a g s s i tz u n g. . a) Eröffnung. > b) Berichte der Association und anderer Verbände. e) Die Reorganisation der „Chowewi Zion." II. Nachmittagssitzung. a) Die Colonisation Palästinas. b) Die Förderung von Pilgerfahrten und Forschungsreisen nach Palästina. III. Sitzung. a) Hebräische und nationale Literatur. b) Propaganda. c) Zusammenwirken mit anderen Körperschften. [d) Die Schekelsammlung und Colonialbank. Der Congress dürste in zwei Monaten stattfinden und die Vorarbeiten lassen auf einen des großen Zweckes würdigen Erfolg schließen.

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