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Die Welt · 1897-12-24 · 30 (24.12.1897) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
30 (24.12.1897)
Article
Aus Rumänien
Date
1897-12-24
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 80. Seit« T. Aus Rumänien. Mitte December 1897. Der Traum unserer „einheimischen Juden" hat ein Ende mit Schrecken genommen — sie haben an einem Tage alle ihre Hoffnungen, deren Verwirklichung sie in ihrem geradezu unbegreiflichen Wahne schon in den nächsten Tagen erwarten zu dürfen glaubten, zu Grabe getragen. Der Leichenzug war imposant, tausende und abertausende mit Knütteln und Eisenstangen bewaffneter Leidtragender durchfluteten die Straßen der Hauptstadt und die Lrauermusik — das Wuthgeheul der entfesselten Menge, klirrende Fensterscheiben, Hilferufe misshandelter Menschen, und alles in gewaltigem Accorde übertönend der jahrtausende alte und doch immer neue und zugkräftige Ruf: „Nieder mit den Juden!" „Schlagt die Juden todt!" * 3§t * Wenn wir Juden ein theures Glied unserer Familie zu Grabe getragen haben, so setzen wir uns für sieben Tage auf die Erde. Wir gedenken während dieser sieben Tage der Tugenden und Verdienste des To dien, wir fühlen es noch einmal durch, was der Dahingegangene uns gewesen und ermessen daran die Größe des Verlustes. Aber diese Tage intensiver, innerer und äußerer Trauer sind nicht nur das allein für uns, sie sind uns auch Tage der Sammlung und Einkehr in uns selbst. Wir leben die Vergangenheit noch einmal durch und fassen gute und weise Vorsätze für die Zukunft. — In der Woche, die seit dem Schreckenstage von Bukarest verstrichen ist — eine Woche banger Furcht für alle Juden Rumäniens — werden die Herren, die die Angelegenheiten der „Generalassociation der einheimischen Juden" so „trefflich" geleitet und zu so „gutem" Ende geführt, hinreichende Zeit gehabt haben, sich auf die Erde zu setzen und über die Art und Weise nachzudenken, wie sie diese Bewegung in's Leben gerufen haben, wie „vorsichtig" sie bei der Wahl der Mittel waren und, vor Allem, wie „gut" sie es verstanden haben, die Zeichen der Zeit zu deuten. Und wenn sie nach gut jüdischer Art sich dazu aufraffen, ernste und aufrichtige Einkehr zu hallen und jede Selbsttäuschung zu vermeiden, so müssen sie es sich in den tiefsten Tiefen ihre- Herzens eingestehen, dass sie ein verwegenes Spiel leichtsinnig gespielt und dassie Wmd gesät und Sturm geerntet haben. Vermessenheit und Leichtsinn, das ist alles und sonst nichts! * * * Ich bin Zionist und nenne die Dinge beim rechten Namen; man komme mir daher nicht mit jenen verknöcherten und abgelebten Redensarten, mit denen wir Juden gewöhnt sind, einen erhaltenen Schlag auf das große Conto unserer Mission zu schreiben, jene Redensarten, die, gepaart mit einer recht weihevollen, recht hypokratischen Miene uns den weisen, väterlichen Rath ertheilen, die Todten ruhen zu lassen, cardinale Fehler deshalb zu vertuschen, weil sie von Juden begangen wurden und bei Leibe nicht etwas zu sagen oder zu schreiben, woraus der Andere, der Gegner eine Waffe gegen uns schmieden könnte. Der Hund leckt die Wunde die man ihm geschlagen und findet seinen Trost darin; wir aber — und seien wir auch rumänische Juden — sind keine Hunde. Wir sind Menschen, und gerade weil es Juden waren, die namenloses Unglück über uns heraufbeschworen haben — ich denke dabei nicht an die eingeschlagenen Scheiben und die paar blutigen Köpfe, sondern an etwas ganz Anderes — ist es unsere Pflicht, es offen auszusprechen, wie wir über diejenigen denken, die da glauben, Führer zu sein und doch nichts anderesind als eitle, plan- und ziellose Stümper. Vielleicht lernen unsere Afsimilanten doch etwas aus dem. was ihnen an diesem Schreckenssonntag mit so „schlagenden" Beweisen aä oculos demonstriert wurde, und fassen bessere und gesündere Vorsätze für die Zukunft. * * * Vor allem wäre ich den Herren Doctoren Westfried und Forrester, den Führern der „General-Association der einheimischen Juden" sehr dankbar, wenn sie mir das Land zeigen wollten, wo die Juden die Gleichberechtigung erzwungen haben. Wo, in welcher Hauptstadt irgend eines Landes haben die Juden, solange sie nicht politisch gleichgestellt, also nur geduldet waren, ein Protestmeeting gegen eine in der Thronrede angekündigte Regierungsvorlage — und sei sie auch noch so regressiver Natur gewesen — öffentlich angekündigt und abgehalten? Wenn man eine Protestversammlung in dieser Weise und mittelst eines solchen Manifestes ankündigt, wie eS die zwei Herren gelhan haben, so müssen sie sich als Führer doch in erster Reihe darüber klar sein, ob das, was sie unternehmen — von Opportunität und allem Anderen abgesehen — statthaft, legal ist. Kann man, darf man es zugeben, dass sie von jenem Artikel der rumänischen Constitution nichts gewusst haben, der nur Rumänen das Recht gibt, Versammlungen abzuhalten? Haben sie es gewusst, wie durften sie dann bei jeder Gelegenheit so ostentativ verkünden, dass sie nur auf loyalem Wege und mit rechtmäßigen Mitteln, die vollständige Gleichstellung der Juden herbeizuführen bestrebt sind? Wenn ihnen der „einheimische Jude" auf dem von ihnen gewiesenen Wege gefolgt ist, so hat er es im guten Glauben gethan, damit nicht gegen die Gesetze des Landes, das ihn duldet, zu verstoßen. Wenn nun der Minister Pherykide von der Ministerbank herab verkündet, dass der Bukarester Pöbel mit Knütteln und Eisenstangen in gerechter Entrüstung eine von den Juden in provocierender Weise begangene Ungesetzlichkeit gerächt hat, auf welcher Seite — alle leeren Phrasen von Humanität und Cultur bei Seite geschoben, es geht wo anders auch nicht besser zu — liegt das Recht? Ein grausames, brutales Recht, das Recht des Pöbels, deS im Bewusstsein vollster Immunität handelnden Pöbels — zugegeben! Aber doch das Recht! Es ist im Grunde genommen derselbe Pöbel, der in Paris »OousxutzL Lebeurer-Lestner« ruft, in Prag jüdisches Hab und Gut raubt und zerstört und in Schodniea wehrlose Juden todtschlägt- Man komme nur denjenigen, die uns dulden, mit den Schlagworten .der in den Bücherschränken modernden Encyclopädisten. Sie haben jetzt andere Lehrer, andere Apostel und auch ein anderes Evangelium. Man kann heutzutage gar nicht mehr Christ sein! Diese Lection haben sie gut gelernt, und die Sohne der Bukarester Alma mater, die zum mindesten ' die auttzur3 rnorarn des ärgsten Vandalenthums waren, wussten sehr wohl, was sie thaten, als sie telegraphisch die Heldenthat des Daciasaales Drumont und Lueger meldeten. Das ist mehr als die Bekundung mäßiger Prahlerei, es ist die Bekundung der universellen Allianz und Solidarirät in puncto Jude. Und wo liegt die Schuld, die schwere tragische Schuld? Haben die Herren, die Führer, aber den betreffenden Artrkel der Constitution nicht gekannt, dann — das will ich weiter gar nicht ausführen. Ein kleines Detail — and that is the humour of it — diese Herren wollten dreißigtausend jüdische Reservisten zu einer Demonstration vor die gesetzgebende Körperschaft des Landes führen! Eine Association! Aber was für eine Association! Man denke nur : dreißigtausend Menschen, die entschlossen sind, ein großes, heiliges Recht zu erzwingen, die in öffentlichen Versammlungen, zuhause, auf der Gasse, in den Cafshäusern, kurz wo immer sie sich zusammenfinden nur davon sprechen, was sie thun und wie sie es anfangen werden, die Zweigvereine in beinahe allen Städten des Landes haben, und die in dem Momente, wo die Wogen der Bewegung am höchsten gehen und eine große, imposante Manifestation geplant ist, nicht den geringsten Fond in der Centralcasse haben, um die mit einer solchen Bewegung verbundenen Auslagen bestreiten zu können. Ein Zweigverein einer größeren Stadt hat den genialen Einfall gehabt, eine rumänische Schauspielertruppe aufzufordern, eine Vorstellung mit militärischem Sujet zu Gunsten der Association zu geben. Der Director des Theaters willigte ein, nicht ohne die Hälfte deS Nettoergebnisses für sich auszubedingen. In der letzten Stunde, die Vorstellung war bereits angekündigt und die Eintrittskarten theilweise verkauft, regte sich im Herrn Director ein patriotisches Gefühl und die Vorstellung musste abgesagt werden. Dafür aber berichtete der -Herr Theaterdirector im Zwischenacte einer nächsten Vorstellung einem hochlöblichen Publicum, wie die Juden ihn beinahe zu einem Landesverrath verlockt und wie heroisch er das Vaterland vertheidigt habe, darauf fanatischer, demonstrativer Jubel über die Niederlage der abgetrumpften Semiten. Haben diejenigen, die zu solchen Manövern Anlass gaben, wohl eine Vorstellung davon, welche seelischen Schmerzen sie damit jenen Juden zufügen, die mit ihren Bestrebungen nichts gemein haben wollen oder können? Ich für meinen Theil würde mir alle Scheiben meines Hauses einschlagen lassen und mehr als das, um so etwas nicht zu erleben. * 4- * In ihrem Organe — wenn man die von einigen Nullitäten redigierte „Emanciparea" so nennen darf — haben es die Herren Führer natürlich nicht an Antizionismus fehlen lassen. Daran durfte beileibe -nicht vergessen werden. Das ist der obligate, tiefe Bückling, das fromme Augenverdrehen vor dem lieben, rumänischen Mitbürger, der Beweis unverfälschter, rumänischer Gesinnung. Will man ein gleichgestellter, rumänischer Bürger werden, so muss man „in diesen Zeiten" zu allererst den Zionismus todtschlagen. In den denkwürdigen Augusttagen deS Baseler Congresses, als die große Majorität der rumänischen Juden, jener Juden, denen die hohlen Phrasen der famosen „Protestrabbiner" nicht ein Fünkchen ihrer physischen und moralischen Leiden lindern konnten, gespannt auf jedes Wort, das aus Basel herüberdrang, lauschten, in jenen Tagen registrierte die rumänische Tagespresse das pro und contra des Zionismus in lobenswerther, gewissenhafter Weise und ein Jeder, der damals die Commentare aufmerksam verfolgte, wird zugeben müssen, dass sie im Allgemeinen günstig und sympathisch waren. Nur die „Emanciparea", daS jüdische Blatt, das mit jüdischem Gelde bezahlt wird, entwickelte eine wahre Meisterschaft darin, nur daS der ausländischen Dresse zu entnehmen, waS über den Congress das Gehässigste und Abfälligste war. Jetzt, nach der Logik der Knüttel, erinnert sich die „Emanciparea" an ihr Judenthum, verdreht die Augen fromm und beginnt die Schilderung der Excesse mit den Worten: „Garn seh betauwuh." Jawohl, auch daS kann zum Guten führen, in einem anderen Sinne freilich, als es die fromme Sünderin sich ausmalt. War die Stellungnahme der „Emanciparea" nur das Präludium, so übernahm es Herr Dr. Forrester, das förmliche Anathema über den bösen Zionismus auszusprechen. Der treffliche Führer hielt nämlich in Bukarest, dem Sitze des tollsten, hirnverbranntesten Asstmilantenthums einen öffentlichen Vortrag, um nachzuweisen — höchst originell für Rumänien! — dass der Zionismus in Rumänien keine rarnon ä'ßtrs habe, dass der rumänische Jude von Zion überhaupt nichts wisse. Der Rest, vid6 Bogelstein, Maybaum und Consorten. Natürlich war der Vortrag nicht für die Anwesenden, sondern für die Abwesenden berechnet, er sollte ein Stein im stolzen Bau der erträumten Gleichstellung werden und ist doch nichts gewesen, als ein Glied in der langen Kette jener Lächerlichkeiten, die das Gepräge unseres Asstmilantenthums sind, ein würdiges Pendant zum Beschlüsse der Jassyer Juden, eine Subscription zu eröffnen, zur Errichtung eines Denkmäler für — Michail Cogalwiceanu. Die jüdischen Knabenschulen, die einzigen Lehrstätten für die Kinder der Parias, sind ohne die geringsten Fonds und gehen dem Untergange entgegen. Jüdische Mädchenschulen gibt eS beinahe gar keine im Lande, tausende jüdischer Knaben und Mädchen wachsen gänzlich ohne Unterricht auf, daS jüdische Proletariat lebt in einem Zustande, um den kein Hund es beneiden würde, der jüdische Kranke hat kein Asyl und kein Spital — daS Vorhandene ist kaum nennenswert — wo er sich, und sei es

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