Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-12-24 · 30 (24.12.1897) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
30 (24.12.1897)
Article
Die Makkabäer
Date
1897-12-24
Page
5 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315740-3383192--03303-3383292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. SO. Seit« 8. Helden zu schaffen, die den Beweis liefern solltendass durch nationale Selbsthilfe auch ein minimaler Stamm imstande ist, einer Welt in Waffen zu trotzen. „Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Unendlichkeit, der Wunder gethan hat an unseren Vätern in jenen Tagen zu selbiger Zeit!" Als die Stunde der tiefsten Schmach gekommen zu sein schien, war der Retter längst erstanden. Schon war die hebräische Sprache neubelebt, und schon der Blick der Nation zugleich auf die ruhmvolle Vergangenheit und eine herrliche Zukunft gerichtet. Was aber Mattirhjahu und die Makkabäer vor allem befähigte, den Kamps für das Judenthum auszufechten, das ist, dass sie von vornherein überzeugt waren, dass ihnen endlich doch der Sieg zufallen müsste. Sie haben wohl kaum je die Absicht ausgesprochen, ein neues jüdisches Staatswescn im Lande Israel zu gründen. Wenn cs dennoch ein Ergebnis ihres Freiheitskampfes war, so verdankt man dies dem Hasse der Syrer, welche sich die Assimilation des jüdischen Stammes zum Ziele gesetzt und diesem daher nur die Wahl zwischen völligem Untergange und nationaler Wiedergeburt gelassen halten. Wenn wir die historischen Ereignisse, von denen unser Chanukah-Fest erzählt, durchgehen, so werden wir zwar nie eine genügende Beantwortung finden, wie die Worte Chanukah und Makkabbi entstanden sind, aber wir begreifen, dass der größte der Makkabäer der alte Mattithjahu war. Die makkabäische Begeisterung ist auch nicht etwa mit einem einzigenmale plötzlich vom Himmel gefallen, sondern sie hat sich im Kampfe mit den das Judenthum in seinem Innern langsam zerstörenden Gewalten wie ein Feuerzunder still und stetig gehäuft, bis der große weltgeschichtliche Augenblick in Modin blitzartig den Ausbruch jener großen Flamme entfachte, welcher die Herzen des jungen Israel in Begeisterung versetzte und zugleich den gewaltigen Feuerbrand entzündete, der das Syrerreich vernichten sollte. Auch zur Stunde häuft sich in den Herzen Jung-Jsraels ein Feuerzunder, welcher dereinst in lichten Flammen entbrennen wird. Denn die Macht makkabäischer Begeisterung war groß genug, um selbst die spätesten Geschlechter von neuem in alter Gluth zu entzünden. Nicht mit Heeresmacht und nicht mit irdischer Kraft kämpfen wir, sondern wie in den großen Tagen unserer Altvorderen durch die Macht der Idee. Diese Idee ist noch heute, und heute mehr denn je die alte, für die unsere Väter gekämpft und gestritten, litten und starben. Wir aber bringen uns diese Idee zum Bewusstsein, indem wir stolz hinausrufen: Für Freiheit und Judenthum! Zur Geschichte der Iudenstaakisdeen. Bon Theodor Zlocisti. Seitdem unter dem übergewaltigen Anstürmen der Römer das jüdische Volk vernichtet, sein Palladium zerstört wurde und nach letzten Verzweiflungsthaten die heimische Erde verlassen war, seitdem gibt es eine Judenfrage, eine Judennot. Und als ob die moderne bakteriologische Lehre, dass zugleich mit dem Einwirken von Giften in den Organismus sich schon die Antitoxine bildeten, auch auf nationale Gruppen ihre Anwendung fände: mit dem Aufkeimen der Judennot ist der zionistische Gedanke als Gegengift gewissermaßen volksorganisch entstanden. Wer freilich die jüdische Geschichte so ängstlich studiert wie Jost, allein in dem Bestreben, alles Heldenhafte unserer Vergangenheit zu kastrieren und nur zu zeigen, was für brave, ordnungsliebende und ergebene Staatsbürger unsere Ahnen gewesen, der wird in den sehnenden Zionsklängen unserer Sänger nur fromme Gebete, in den phantastischen Messiasbewegungen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts nur den Fanatismus von Betrügern und Wahnsinnigen sehen. Ganz gleich, ob der ungeheure Sturmjubel der gequälten Massen — und die schlechtesten waren es nicht, die Sabbathai und Frank einst folgten — darauf ocutcn ließ, dass hier Empfindungen erregt wurden, die heiß und lebendig die Brust unserer Brüder schon immer durchbebten. Jnxftf weltfremde Askese — sondern warm pulsierendes Leben; mcht die Zerstreuung mit ihren Qualen — sondern eigene Arbeit und eigener Wert im heimatlichen Lande, das waren ihre Ideale. Schade, dass gerade unserem nationalsten Historiker, G r a e tz, die Organe für das tiefere Verständnis dieser Volksbewegungen fehlten, dass er unter den bramarbasierenden und verzückten Reden der Führer die volkspsychologischen Motive ihres Beifalls nicht recht erkannte! Eine seltsame Erscheinung, die uns umso befremdender, erscheint als doch sein ganzes Geschichtswerk der thränende Weherufseiner nach eigenem Leben, eignen Werten sich sehnenden Nation ist, für die er als den Zielpunkt ihrer gesammten Geschichtsenrwicklüng — er hat es in einer kleinen unbekannten Arbeit mit nüchternen Worten gesagt — den eigenen Staat auf heimatlicher Scholle festlegt. Wer die Geschichtsquellen unseres Volkes studiert, den wird es Wunder nehmen, dass 1>as latente Heimatsehnen nur in Gebet und Sang, nur in den romantischen Palästinafahrten einiger begeisterter Männer zum Durchbruch kam. Hier müssen Lücken sein. Sabbathai Z'wi und Frank müssen Vorgänger gehabt haben, wie Hess' und Herzl's Strebungen innerlich verknüpft sind mit Plänen, die zur Restaurierung des jüdischen Volkes — charakteristisch genug! — mit der anhebenden Emancipationsbewegung vom Ausgange des vorigen Jahrhunderts auftauchten. Von einem seltsamen Project, einen Judenstaat zu begründen — mit Waffengewalt! — erzählen uns zwei Briefe, der eine in lateinischer, der andere in deutscher Sprache, die sich im Besitze des germanischen Nationalmuseums in Nürnberg befinden. Sie stammen aus dem Jahre 1540, aus jener Zeit, in der eine großangelegte Bewegung alte stabile Verhältnisse erschütterte und eine neue Schichtung der Massen schuf. Wie immer in der Weltgeschichte zeugen derart unruhige Zeitläufte, die die niedersten Bevölkerungskreise in die Höhe stülpen, Abenteurer, die zu Macht und Ansehen kommen, und Phantasten von unheimlich lockendem Zauber. Als typisch für jene Zeit mag der tolle Plan gelten, einen unterirdischen Gang nach Constantinopel zu bohren, um des Islams Macht zu brechen. Das osmanische Reich war eben ein beliebter Stützpunkt für die kühnlich rankenden Ideen. Warum nicht auch einen Judenstaat gründen?! Wie toll und grotesk auch die damalige Strebung, war sie scheint nicht ganz an den Juden abgeprallt zu sein. Sie packte sie an alter Sehnsucht. Der lateinische Briefl) stammt von Sebastianus Theodorcius Windsheim — so benannt nach seiner fränkischen Heimatstadt — einem Doctor der Philosophie und Medicin, der öffentlicher Professor in Wittenberg war. Gerichtet ist er an Dr. Vogler, der sich durch historische Arbeiten bekannt gemacht hat. Die vierte Seite dieses Briefes, die letzte Seite des „Respectbogens" enthält von späterer Hand als Inhaltsangabe: Zeitung des gefangen zu Berlin, der sich der Gotten und Juden-König nennt, u n d von der Jud en rustung, das gelobt land einzunemen. In diesem Briefe, der auf das von uns unten wiederzugebende deutsche Schreiben Bezug nimmt, theilt er dem Dr. Vogler die Ansicht seines Lehrers Ketzmann über diesen „Judenkönig" mit. Er hält ihn für einen Hochstapler, der unter dem Vorwände einen Judenstaat zu gründen, die sehr reichen Juden ihrer Habe berauben will. Er fasse seine Stammesgenossen am rechten Ende, denn sie hätten durch Wucher die ganze Reihe der Jahre hindurch Reichthümer aufgestapelt allein in der Absicht, die Idee eines eigenen Staates zu verwirklichen. Ausführlichere Mittheilungen bringt der deutsche Brief, den Sabinus (eigentlich Georg Schüler) Professorin Frankfurt a. O. an den Famulus von Philipp Melanchthon schrieb: „Liber Johann, ich halt itzündt nicht die Zeit, sonst wolt ich euch wunderbarliche ding geschrieben haben. Es hat mein gnediger Her einen gefangen, welcher sich rumbt einen König der Gotten und Juden; ist ein kurzer von Augspurg sonst zu Maigdenburg geboren, und sagt, das er ein Amelechiter sei, habe vaticinia von seinen majoribus, dass er das gottland sol erobern und terrarn sanctam, und wie das ihm zwen geister erschinen und so.lchs geheißen, das er soll ein expedicion (zug) in orientem furnehmen. Man hat vil gelt beiihm gefunden und brif, daraus man sich erkundigt hat, wie das die beste und gewaltigste Hauptleude in Jtalia, Helvecia, Gallia, Germania, Ungarin und Hispania und alle juden per toturn ordern sich zu Häuf verbunden, Sueciam und Gottiam einzunemen und darnach ein zehenjeriche expeditionem in orientem vorzunemen und feind in der bestallung über die zweimalhundert tausend terram sanetarn den juden zu gut zu erobern. Den die juden wollen per totum ordern ihre guter dazu consteriren, das sie ihre regnum widerumb mögen recuperiren, und das solchs war sei, das sich die juden trefflich *) Abgedruckt im Anzeiger des german. Nationalmuseums. 1894. Pag. 103.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.