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Die Welt · 1897-12-24 · 30 (24.12.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
30 (24.12.1897)
Article
Die Makkabäer
Date
1897-12-24
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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«eit. 4. IKHMV «r. »o. mehr zu beschleunigen. Die griechische Sittenlosigkcit, die besonders in den großen Städten ihre Orgien feierte, von der aber auch vielfach die Landbevölkerung inficiert war, vergiftete in erster Linie die Jugend der vornehmen Kreise in den großen Städten, die sich am ehesten und eifrigsten den neuen „Idealen" hingab. Unter dem Namen der griechischen Cultur wurde ausgereutet, was in diesen Schichten der Bevölkerung von jüdischer Familienreinheit existierte. Zwar schloss sich eine kleine Schaar zusammen, die mit Schaudern sah, wohin dieses Leben führen musste, und sie betonte umso eifriger jene nationalen Formen, welchen der Glaube eine religiöse Weihe verliehen hatte, aber die Zahl dieser Frommen war gering, und ihr Einfluss auf die Volksmasse ein minimaler, weil sie in einseitiger Abwehr nicht das ganze Volksthum, sondern nur die Religion mit ihrem ausgeprägtesten Formalismus betonten. Wenn freilich das jüdische Volk in seinem innersten Kerne noch gesund genug war, um diesem Processe der Auflösung zu widerstehen, so darf man nicht etwa glauben, dass es eine große Zahl war, die im Heiligen Lande an der altjüdischen Cultur und Sitte festhielt; im Gegentheil regte sich bei der Einführung des hellenischen Cultus in Jerusalem überhaupt kein Widerstand oder öffentlicher Unwille. In' den weiten Ländern des mesopotamischen Ostens freilich, wohin eben Europas Bildungsform sich Eingang zu verschaffen suchte, hingen die großen Massen der Juden mit alter Liebe am alten Stammesthume, dort pflegte man die hebräische Sprache und Literatur, und von dort waren die meisten und intelligentesten Mitglieder jener bekannten „Großen Versammlung" gekommen, welche umsomehr im Westen angefeindet und verdächtigt wurde, je mehr sich zeigte, dass von ihr die Neubelebung echten, unverfälschten Hebräerthums ausgieng. Nur auf dem Lande und bei jenem kleinem Mittelstände,, der zu allen Zeiten am zähesten und treuesten bei der Fahne „Alt- Israels" ausgehalten, war noch der Idealismus vorhanden, welcher, wie allen edlen Volksbewegungen im Judenthume, so der makkabäischcn Bewegung das Gepräge aufgedrückt. Von hier allein konnte ein „Jung-Jsrael" erstehen. Die große Masse des Volkes, die sich zwar scheute, das Judenthum gänzlich abzustreifen, jener große Mittelstand, der in allen Krisen der jüdischen Geschichte sich aus seiner Lethargie und Bequemlichkeit aufrütteln ließ, hatte kein Bewusstsein seiner Bestimmung, weil ihm kein festes nationales Ziel vorschwebte, weil er nicht ständig daran denken wollte, noch konnte, dass das Judenthum eine Zukunft haben müsste. Am meisten neigte dieser Mittelstand noch zu den Griechlingen, wenn er auch nur langsam den Verschmelzungsprocess mit seiner nichtjüdischen Umgebung begann. Schließlich gab es noch eine Gruppe, die eine äußere Anpassung an das Hellenenthum mit ihrer sonst conservativen Beobachtung des Gesetzes für möglich erachtete. Man darf dabei nicht vergessen, dass die große Mehrzahl damals die gleichzeitige Beobachtung jüdischer Gesetze und des Zeuscultus für keinen größeren inneren Widerspruch ansah, als die Mehrzahl unserer Brüder in Deutschland heute in den gleichen Feiern des Jäm-Kippür und der Aufputzung eines Christbaums sieht. So aber war die Zeit und ihre Verhältnisse, in denen Mattithjahu seine erziehliche Thätigkcit begann. Man würde sich täuschen, wenn man glauben wollte, dass Mattithjahu erst an jenem denkwürdigen Tage seinen nationalen Freiheitskampf begann, wo er in Modin offen die Fahne des Aufstandes entrollte. Vielmehr hat er in langjähriger, erziehlicher Thätigkeit theils in Jerusalem selbst, vor allem aber bei dem geringeren Mittelstände in den kleinen Landstädten sein langes Leben dazu ausgenutzt, immer und immer wieder auf die Ideale Israels hinzuweisen. Mit feinem Takte und großem historisch-politischen Verständnisse hat dieser einzigartige Mann erkannt, dass nur der Hinblick auf die große Vergangenheit seiner Nation, dieser auch das Verständnis für ihre Aufgabe in der Zukunft offenbaren könnte. Und wie er in seiner letzten Rede an seine Söhne, in seinem politischen Testamente sagt: „Gedenket der Thaten unserer Väter, die sie vollbracht in ihren Geschlechtern, so werdet ihr großen Ruhm und ewigen Namen erlangen", so hat er vom Anfang seiner Thätigkeit an den nationalen Aufschwung durch den Hinweis auf die jüdische Geschichte vorbereitet und angebahnt. Es war ein schweres, unendlich schwieriges Werk, diesem Volke, das erst erzogen werden musste, den Begriff wahrer Freiheit beizubringen. Was die Hellenisten „Freiheit" nannten, war nichts anderes, als was Assimilationslustige heutigentags so nennen, eitel Bequemlichkeit, nichts weiter. Ist es doch zu allen Zeiten kaum anders gewesen, als dass diejenigen am meiste« die Begeisterung und die Worte des Idealismus im Munde führten und am lautesten ausschrieen, die am weitesten davon entfernt waren. So war es Mattithjahu doppelt schwer, den Begriff wahrer Freiheit, die nur möglich ist mit voller Beibehaltung des angestammten Volksthums, einem Volke beizubringen, dem es in den allerkleinsten Dosen beigebracht werden musste. War doch ein Jahrhundert vorausgegangen, in dem sich der Gegensatz zur hellenistischen Assimilation einzig in dem einseitigen Betonen sogenannter religiöser Formen offenbarte. In dieser schweren Zeit, wo der Feind von außen weniger gefahrdrohend für den Bestand der jüdischen Nation war, als der schleichende Feind im Innern, wo die Priester, welche der Hort nationalen jüdischen Geistes hätten sein sollen, unter dem schönen Namen von Reformen des alten Judenthums den festen Halt desselben zu zerstören trachteten, war es ein einzigartiges Unternehmen, den stammesthümlichen Geist Juda's zu betonen, während es scheinen mochte, dass Mattithjahu ein Prediger in der Wüste war. Aber gerade Mattithjahu war nicht der Mann, sich von Schwierigkeiten zurückschrecken zu lassen, und er, der Mann der Freiheit und des Fortschritts, verwand es leicht, wenn man ihn als den Reactionären seitens der Hellenisten, als den Freigeist seitens einseitig ceremoniell gesinnter Juden hinstellte. In einer kleinen jüdischen Stadt, fernab vom Getriebe der Großstadt, die er während und wegen jener Vernichtung alles nationalen jüdischen Wesens verlassen hatte, in Modin, mitten im Gebirge Jehuda, ließ sich der Greis Mattithjahu mit seinen fünf Söhnen, den nachmals so berühmten makkabäischen Brüdern, nieder. In seiner Familie schuf er zuerst den festen Kern einer Nationalpartei. Der Familienverband ist ja bei der semilischen Rasse viel fester gefügt als bei den Jndocuropäern: nur kurze Zeit früher hatte erst die semitische Familie des Puniers Hamilkar Barkas bewiesen, was eine Sippe vermochte, wenn sie ihrem Stamme ein nationales Rückgrat geben wollte. Und wie ein Hannibal ohne seinen Vater Hamilkar undenkbar ist, so ist auch ein Jehuda Makabbi nur als Mattithjahu's Sohn verständlich und begreiflich. Mattithjahu hat es verstanden, die durch die Assimilationsversuche veränderte Denkweise seines Jahrhunderts dazu zu benützen, um in ihr den Keim zum nationalen Denken reifen zu lassen, umsomehr, als unbewusstes Nationalgefühl nie erstorben war. Ec wandelte dieses Gefühl in klares Nationalbewusstsein. Was von oben her zerstört war und noch zerstört wurde, baute er von unten her auf festen Grundlagen wieder auf und selbst die Zersplitterung seines Stammes in feindliche Parteien diente ihm dazu, das Volk politisch zu schulen. So gelang ihm der schwere Kampf, selbst in den Reihen derer, die bis dahin für den Fortschritt und die Cultur der Fremdbürtigen ihre Kraft in den Dienst stellten, Männer und Jünglinge zu finden, die bereit waren, ihren Idealismus und ihre Opferwilligkeit dem eigenen Stamme zu widmen. Nur auf diesem Wege und mit festem Ziele vor Augen war es möglich, eine kleine Gruppe nationaler Gesinnungsgenossen zu schaffen und den Blick der Juden auf sich selbst zu richten. So war es das Verdienst des greisen Priesters, dass die rechte Stunde die Makkabäer schuf und mehr als die Wunder der Tapferkeit, die unsere Väter verrichteten, war das Wunder, das an ihnen selbst geschehen Sie waren verwandelt worden. Als der Kamps in Modin zum Ausbruche kam, da war der Hauptkampf schon entschieden und das größte Wunder geschehen, aus einem feigen Stamme

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