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Die Welt · 1897-12-17 · 29 (17.12.1897) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
29 (17.12.1897)
Article
Judenexcesse in Rumänien
Date
1897-12-17
Page
11 (sequence 1)
Language
German
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Nr M. J)k$lWe Seite 11. Iudenrxrrffr in Rumänien. Drr Msktzentwurf des Kriegsministers Deren der, welcher unter dem Borwmrde, den »Fremdenden Eintritt in die rumänische Armee zu verwehren, hauptsächlich darauf abzielt, dass, den zahlreichen eingeborenen Juden die Erlangung derumänischen StaatsbnrgerlhumS unmöglich gemacht werde, hat Anlass zu steigender Aufregung innerhalb der christlichen und jüdischen Bevölkerung gegeben, die schließlich am Sonntag, dem 5. L. M. zu weitgehenden Straßenexcessen fii rte. Der HerWwg ist folgender: Für den 26. November hatte die „Allgemeine Association der eingeborenen Juden" eine zweite Versammlung in Bukarest im Daciasaale ausgeschrieben. Kaum war die Aufforderung zur Theilnahme durch öffentliche Placate erfolgt, so wurden anonyme Flugblätter in den Straßen vertheilt, in denen zur gewaltsamen Verhinderung jener „unrechtmäßigen" Versammlung aufgefordert ward. Namentlich unter den Universuätsstudettten fanden diese Aufrufe Anklang und eS stellten stch noch vor der angesetzten Stunde deren etwa 100 rm Daciasaale ein, welche die vordersten Reihen vor der Bühne besetzten. Angesichts dessen begnügte sich ein Theil der Juden damit, hauptsächlich die Logen einzunehmen, ein anderer Theil verzichtete, um den voraussichtlichen Conflicten auszuweichen, rn?s die Theilnahme an der Versammlung. Kaum war der Einberufer derselben, Dr. Westfried, in Begleitung der Delegierten aus der Provinz erschienen, so brach, während er sich anschickte, die Berathung zu eröffnen, ein Tumult aus, der in eine regelrechte Schlägerei zwischen Juden und Antisemiten ausartete und damit endigte, dass die Juden sich entfernten. Während der Balgerei erschienen zwar einige Polizeiagenten, zogen sich aber bald wieder zurüL Aus der Straße, wo neben der Polizeiwache auch Gendarmerie Vorhand« war, erfolgten 40 bis 60 Verhaftungen; von den Juden ttmrfcör etwM M, von den Studenten 4 bis 5 mehr oder weniger schwer verwundet. Die Studenten blieben, nachdem sämmtliche Juden sich entfernt hatten, dann allein im Saale zurück und beschlossen nun ihrerseits, für den nächsten Sonntag (5. December) eine Volksversammlung auszuschreiben, wo sie gegen die jüdische Bewegung überhaupt Protest erheben wollten. Zweck dieses vom sogenannten Nationalcomit6 unberufenen Antisemitenmeetings sollte die Gründung einer Antisemitenliga sein, und zur Förderung dieses Planes war bereits am 4. December ein Flugblatt mit dem aufreizenden Titel „Nieder mit den Juden!" in allen Straßen der Stadt zum Verkaufe ausgeboten worden. Die Polizei ließ den öffentlichen Verkauf dieses Pamphlets zu, obgleich auf demselben weder der Name eines Verlegers, noch eines verantwortlichen Geranten ersichtlich gemacht war. Sie ergriff auch keine Vorsichtsmaßregeln, als am 6. December schon lange vor dem auf 3 Uhr Nachmittag anberaumten Beginn deS Antisemitenmeetings der Platz vor dem Versammlungslokal von einer nach Tausenden zählenden Menge besetzt war, die nur auf ein Losungswort zu warten schien, um den drinnen im Saal von unreifen Studenten gepredigten Kampf zur Vernichtung des Judenthums sofort zur That werden zu lassen. Unter der Menge wurde ein Pamphlet folgenden Inhalts colportiert: „Rumänen! Die Juden wollen heute Herren unsere- Landes werden. Alle-, waS uns theuer und heilig ist, haben sie iu den Koth gezerrt und unsere legendäre Gastfreundschaft mit Undank gelohnt; jetzt wollen fie die Herrschaft des Talmud in Rumänien einführen. Um ihr verbrecherisches Ziel zu erreichen, haben sie sich nicht za erklären gescheut, dass sie an das Ausland zu appellieren, sowie erlaubte und unerlaubte Mittel anzuwenden gedächten. . . Kommt und lasst unS Alle schwören, dass wir die Waffe nur dann ablegen werden, wenn Rumänien den Rumänen gehören wird!" Von den versammelten Studenten und Bürgern wurde beschlossen, 1. dasfie nicht einen Moment die Waffen niederlegen werden, bis sie nicht thatsächlich Herren in ihrem Hause sind; 2. an Se. Majestät den König und die gesetzgebende Kammer ein Memorandum zu richten, um die Gesetzmäßigkeit ihrer Action zu erhärten; 3. dahin zu streben, dass sich sämmtliche Rumänen zu einer machtvollen antisemitischen Liga vereinigen; 4. dass alle Studenten verpflichtet sein sollen, die Ausführung dieser in der Versammlung gefassten Beschlüsse in'S Werk zu setzen. Die Versammlung war ungeheuer zahlreich besucht, die aufgestachelte Menge wartete nur auf ein Losungswort, um ihrer Wuth gegen die Juden die Zügel schießen zu lassen. Dieses Losungswort fiel aber, als urplötzlich unter dem Mob daS unwahre Gerücht verbreitet wurde, die Judenschaft der meist von armen Israeliten bewohnten Calea Vacarcsci und ihrer Umgebung habe sich bewaffnet und einen Rumänen ermordet. Nun strömte ein Theil des Pöbels in die Calea Vacaresci, während die übrige Menge, von der aus dem Meeting zurückkehrenden tausendköpfigen Masse "verstärkt, johlend und unter Pereatrufen auf die Juden durch die Strada Carol, Strada Lipscanie, Strada Schelari, Celea Bictoriei und andere benachbarte Straßen zog, um hier im Mittelpunkte des Bukarester Geschäfts-. Verkehres ein aller Beschreibung spottendes BernichtungSwerk zu beginnen. Da auf Grund des Gesetzes über die Sonntagsruhe die dicht aneinander gereihten Verkaufslocale dieser Straßen geschlossen waren, so brach die von blinder Zerstörungswut h erfasste Menge die Verschlüffe der Schaufenster auf, zertrümmerte die kostbaren Spiegelscheiben und riss, wo es immer nur angieng, den Inhalt der Auslagekästen in den Straßenkoth. Kein israelitischer Geschäftsmann wurde geschont. Neben der „fremden Nation" der Juden hatten auch andere Fremde die Wuth des Pöbels zu spüren. Auch ihre Niederlagen und Läden wurden demoliert. Die Verwüstungscenen stellten noch die Prager Muster in Schatten. Die ersten Demolierungen fanden auf dem Platze St. Anton statt, wo die Tumultuanten eine Anzahl hölzerner Verkaufsbuden in kürzester Zeit demolierten und sich mit den Holzscheiten und Eisenstücken der demolierten Objecte bewaffneten. Unter fürchterlichem Gejohle vertheitte sich dann die Menge nach verschiedenen Richtungen. Der weitaus größere Theil schlug sich gegen die Strada Patria und , begann mit der Verwüstung und Plünderung deS Ladens von Rosenthal. Kein Stück wurde ganz gelaffen, alles, was nicht gergubt wurde, würde zerschlagen, zerbrochen und zerfetzt. Dasselbe Loos hatten die BerkaufSläden von ' Potereanu und Scheianu, während bei anderen Geschäften nur die Scheiben zerschlagen und die Thüren zerhackt wurden. Die Calea BacareSci bildete nun das Losungswort der wüthenden Horde, und man überbot sich in vandalischen Leistungen der schlimmsten Sorte. Von dem Trümmerhaufen des gänzlich demolierten SchuhwaarengeschäfreS „La Steana Rofchie" wurden neue Waffen, unförmliche Holzscheite, Eisenstangen und Brechwerkzeuge hervorgehölt, die Scheiben der „Hala Vechiturilor" zertrümmert und auf der Strecke zum „Cafs Meseriaschilor" besonders die Läden von Goldmann, Herschcovici, und das Kaffeehaus Grinberg furchtbar mitgenommen. Die Fetzen der geraubten Maaren und ganze Berge von Glas- und Möbelsplittern be- . deckten die Straße. In der Nähe des Hauses Nr. 64 in der Calea Pacacesci stellten sich dem Pöbel etwa 200 mit Knütteln bewaffnete Juden entgegen, und ein furchtbarer Kampf entspann sich, bei dem eS beiderseits zu schweren Verwundungen kam. Ein Jude wurde in hoffnungslosem Zustande in das Caritashospital gebracht. In der Strada Mamular, wo die Synagoge vom Pöbel in ärgster Weise geschändet wurde und man sogar den Versuch machte, Feuer anzülegen, erneuerte sich der Kampf in blutiger Weise, und erst beim Herankrahen einer! Abtheilung berittener Gendarmerie stoben die Kämpfenden auseinander, i Zur größten Wuth wurde der Pöbel gereizt, als er beim Eindringen in die Kaffeehäuser mit heißem Wasser Überschüttet wurde. Die Batauschen schlugen wie wahnsinnig drein, aber auch die Juden sctzten Pch zur Wehre, und es setzte von beiden Seiten heftige Hiebe und schwere Verwundungen Dem Eingreifen' der berittenen Gendarmerie gelang es, der Rauferei ein Ende zu machen und im Verlaufe von etwa einer halben Stunde den Pöbel aus der Calea BacareSci zu vertreiben. Die Straße bot jedoch ein herzbrechendes Bild des vandalischen Treibens. Wehgeschrei von Weibern und Kindern tönte aus den armseligen, demolierten Häusern, und entsetzt musste jeder fühlende Mensch zurückschaudern, der einen Blick in das darin zusammengekauerte Elend wagte. Die persönlichen Misshandlungen einzelner Juden, welche aus den angehaltenen Magen und Tramways gewaltsam hervorgezerrt wurden, erschienen kleinlich angesichts des Jammers dieser Leute, die in ihren armseligen Wohnlöchern zusammengepfercht den uüeinbringlichen Verlust ihrer durstigen Möbelstücke und der kleinen Fensterscheiben beweinten, für Heren Reparatur ihnen die paar Bani nicht zur Verfügung stehen, i Nicht minder wüthend als die Bande in der .Calea BacareSci i hausten die Pöbelhaufen in den Straßen, welche das Centrum des .^Geschäflsviertels bilden. Einige Minuten, bis die berittene Gendarmerie ^erschrm, genügten der Horde, daS Gitter und die Thür Hes israelitischen ^ChoraltempelS zu erbrechen und die Schechen desselben sowie diejenigen /sämmtlicher Privathäuser in der Umgebung zu zertrümmern. Die Buch- 'druckerei Klein wurde grässlich devastiert, die Lettern verstreut, die Maschinen ruiniert, die Setzkasten theilweise zerbrochen. Im „Cafs Natio. nala" wurden sämmtliche Spiegelscheiben, die einen Werth von mehreren taufend Francs repräsentieren, zertrümmert, die ganze Strada LipScani jentl-MH durch Unterstemmung der Rollbalken die Spiegelscheiben zertrümmert. Viele Geschäfte, wo ein leichterer Verschluss da- Eindringen :i in die Läden ermöglichte, wurden devastiert und geplündert und ein Theil Her Waaren zerfetzt und auf die Straße geworfen. In furchtbarster Weise wurden die dem Hotel de France gegenüberliegenden Läden von Kamerling, Bufti und Levy devastiert, Uhren, * Pretiosen, Waaren wurden vor Aller Augen zusammengerafft und forttzeschleppt, und das alles in der nächsten Nähe der Polizeidirection, bis eine Abtheilung berittener Gendarmerie erschien, die den Platz säuberte, aber in einem so zögernden Tempo, dass aus den zusammengeströmten Zuschauergruppen Rufe der Entrüstung über diese Gelassenheit gegenüber , dem revoltierenden Pöbel laut wurden. Einen ebenso verdächtigen Eindruck ^machten die in den Abendstunden durch die Straßen geführten Arretierten, 'scheußlich verlotterte Bassermann'sche Gestalten, deren jeder unter der /Hand deS Sergeanten, der ihn beim Rockkragen hielt, durchaus nicht - trübselig dreinblickte. - Ueber die Unterlassungssünden der rumänischen Negierung äußert :stch der „Rumänische Lloyd": „Gestern gab eS nur einen Schuldigen .Wrd das war die Regierung, welche es in sträflichster Weise unterlassen hat, ihre Pflicht zu thun. Wir haben es mit eigenen Augen gesehen,; Me Ecke der Calea Victoria und Strada Lipscani, also in unmittelbarster Nähe der Polizeipräfectur, fünfzig oder sechzig zerlumpte Burschen von dreizehn bis achtzehn Jahren einen Laben erbrachen und plünderten, 'ohne von Jemandem behelligt zu werden. Zwei oder drei Wachleute und ein Polizeicommissär hielten stch in respektvoller Entfernung von Diesen Lausbuben, die von ein paar entschlossenen Männern ohne Mühe hatten zu Paaren getrieben werden können. „Hast Du bei der Polizei- Direction keine Meldung von den Dingen erstattet, die hier Vorgehen?" fragte ich einen der Wachleute. „Jawohl, Herr," erwiderte der Mann, ^,aber eS wurde mir keinerlei Befehl ertheilt." . Geradezu komisch wirkte es, zu sehen, wie die Cavallerie verwundet wurde. Ich gieng durch die Strada Carol inmitten eines johlenden taufens, der mit Knitteln, Eisenstangen und Steinen bewaffnet, die cheiben in allen jüdischen Geschäften einschlug und die Läden erbrach nind demolierte. Plötzlich hörte man Pferdegetrappel. Schon wandte sich die Menge zur Flucht. Als aber die Kerle sahen, dass berittene Gendarmerie mit einem Osfieier an der Spitze in geschloffenem Zuge, Mit versorgtem Säbel und in langsamem Schritte herankamen, da fassten

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