Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 29 (17.12.1897)
- Article
- Bernard Lazare
- Date
- 1897-12-17
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr M. Unfehlbarkeit der französischen Officiere anzweifeln! Und dazu noch der der ganzen Affaire vorangehende Lärm der Chauvinisten, Hurrahpatrioten, Rcvancheschreier rc.! So kam es, dass man ein volles Jahr hindurch den Namen Lazares nicht in den Journalen fand, in denen man ihn früher mit der größten Regelmäßigkeit an bestimmten Tagen der Woche lesen konnte. Der erste Vorstoß hatte ihn aber keineswegs von seinem einmal eingenommenen Platze verdrängen können. Der Titel des Autipatrioten, des Vaterlandslosen, den man ihm taxfrei verliehen hatte, schien seinen Muth erst recht anzufeuern. So streitbare Charaktere, wie Bernard Lazare, fühlen sich geradezu erst recht gedrängt durch die Wuth ihrer Feinde ein einmal begonnenes Unternehmen zähe weiter zu verfolgen, wenn ihnen dieses edel scheint und ihrem Herzensdrange entspricht. Dann weihen sie ihm Leib und Seele. Was bedurfte es für ihn für rastloser, angestrengter Arbeit, um die Sache so weit zu führen, als sie jetzt ist. Nach dem Kammervotum, welches feierlich den Rejpect vor einer bereits gerichtlich entschiedenen Sache sanctionierte, hielt sich damals Lazare keineswegs für geschlagen. Er verlegte sich darauf, Briefe zu sammeln, die Dreyfus vor dem Processe, während desselben und nach seiner Beendigung geschrieben hatte. Da ja das berüchtigte Bordereau das einzige Beweisstück darstellte, so galt es für den, der an Dreyfus Unschuld glaubte, zu beweisen, dass es nicht von der Hand des Capitäns hrrruhre. Und dM htzt er in seinem letzten Buche in glanzender Weise gecharr. Aber es galt noch mehr zu thmr. Die Presse war von Vorneherein jedem Versuche der Rehabilitierung des Capitäns feindlich gesinnt. Man musste also die öffentliche Meinung zu gewinnen suchen. Er wendete sich auch an mehrere politische Persönlichkeiten von Bedeutung. Er wurde sehr kühl ausgenommen. Endlich fand sich eine Persönlichkeit, die von den vorgebrachten Beweisen Bernard Lazares tief betroffen war Sie versprach, eine Untersuchung einleilen zu wollen, Dies genügte, denn das war ja alles. In der That ergab eine minutiöse Untersuchung bei dieser Persönlichkeit, dass Dreyfus völlig unschuldig, und dass der wahre Schuldige zu finden sei. Da diese Persönlichkeit, bei der die Untersuchung stattfand, der Vicepräsident des Senats war, so trat die Angelegenheit in das Stadium, das die Leser ja kennen. So kämpft ein unerschrockener Mann für Wahrheit und Gerechtigkeit, so setzt sich ein wahrhaft edler Mensch den größten Verdächtigungen seiner Feinde und selbst schmerzvollem Verkennen seitens seiner Freunde aus, damit Recht Recht bleibe. Und dass gerade dieser Mann einer der glühendsten Bekenner des Zionismus ist, das wollen wir noch zum Schluffe bemerken. Er möge es wissen, mit welcher Liebe und welchem Stolze wir uns seiner rühmen. A. L. Zionismus in Paris. Von Mareel Weismann. Paris bedeutet Frankreich, und wenn man vom Zionismus in Paris spricht, so ist es gleich, als wenn man von den zionistischen Bestrebungen in ganz Frankreich reden möchte. In gar keinem Staate Europa's spielt die Hauptstadt eine so wichtige Rolle, wie da. Paris ist für Frankreich das, was Berlin und Wien zusammen für die deutschen Lande sind: Kopf und Herz zugleich. Es ist das wahre Centrum des Landes, wo sich Alles kreuzt und trifft und wohin man gehen muss, wenn man die Großen des Reiches sehen will. In den Provinzstädten, sie mögen selbst Marseille oder Lyon heißen, ist selten etwas, das über das gewöhnliche Niveau hinausragt. Nur der Zionismus hat in einer kleinen französischen Stadt eine feste Burg. Das ist Montpellier. * Die jüdischen Studenten von Montpellier waren die ersten Verbreiter unserer Ideen in Frankreich. Die offene Agitation für die zionistische Idee ruht in ihrer Hand, die .anderen, welche für den Zionismus begeistert sind, arbeiten zumeist im'Stillen; sie trauen sich nicht recht mit der Sprache heraus, es bangt ihnen um die sociale Stellung, welche sie einnehmen. Bei unseren wackeren jungen Leuten von Montpellier hat „Der Judenstaat", den sie sich erst in französischer, russischer oder gar Jargon-Uebersetzung verschaffen mussten, sofort vollen Anklang gefunden. Von Montpellier kam die Bewegung zuerst auf das linke Seine-Ufer von Paris. Ein geistreicher Journalist hat vvr einem Jahre etwa über Pariser Verhältnisse ein interessantes, lebenswahres Büch unter dem Titel „Le» deux rives“ („Die beiden Ufer") veröffentlicht. Er will in der Seine die natürliche Grenze zweier verschiedener Städte, die beide Paris heißen, sehen: auf der einen Seite ist die Sorbonne, das HeiHgthum, auf der anderen die Bourse; am rechten Ufer Geld, am lmken Wissen, am rechten crasser Materialismus, am linken hinnnelstürmender Idealismus, rechts Mercur mit Aphrodite venalis, links Apollo mit den neun Musen und Pegasus. Nicht alle, welche rechts wohnen, sind — Gott fei es gedankt — Sclaven des Geldsackes; es gibt' dort auch Männer, die sich eine freie Stellung bewahrt haben. Unter diesen ragt namentlich das geistliche Oberhaupt der Judenheit Frankreichs hervor. Außer ihm gibt es noch eine Anzahl wackerer, wenn auch weniger bekannter Leute, welche die Kluft zwischen Sorbonne und Bourse zu überbrücken suchen. Der Verein „Chowewe Zion" ist ihr Tummelplatz; er verbindet beide Flügel des Zionismus, den politischen und den philanthropischen, er ist der neutrale Boden. Hier werden Fragen discutiert, die allgemeine jüdische Angelegenheiten betreffen, und vor einigen Monaten hat daselbst Dr. Max Nordau eine glänzende Rede in französischer Sprache „über den jüdischen Soldaten"- gehalten, die eine wahre Fluth von Begeisterung rmd Entzücken hervorgerufen hat. Ein anderer Verein, der sich vor mehr als einem Jahre von „Chowewe Zion' losgelöst hatte, ist „Ole reget", dessen Präsident ein österreichischer Jude ist. Im großen und ganzen ist dieser Verein echt zionistisch, und so oft ich hier während meines Aufenthaltes in Paris über die Herzl'sche Idee zu reden kam, traf ich auf fast völlige Ueber einstimmung seitens der Mitglieder. Diese recrutieren sich aus der besseren Gesellschaft. Es sind zumeist gut situierte Kaufleute, die sich alle 14 Tage im Boulevard Voltaire 13 versammeln, um ihre Meinungen über die jüdiscbe Frage auszutauschen. „Dorsche zion"ist noch ein ganz junger Verein, zu dessen Zustande kommen ich auch etwas beigetragen zu haben mich rühmen darf. Eigentlich ist er ein jüdischer Arbeiterverein, auf dessen Programm vor allem der Zionismus steht. Er hat eine große Zukunft. Die Seele Dorsche zions ist ein Russe. Trotz dieser Vereine darf man nicht glauben, dass der Zionismus in Paris sehr festen Boden gefasst habe. Dem stehen zwei Hindernisse entgegen, auf die man aufmerksam machen muss. Bor allem haben es die Juden in Frankreich nicht so schlecht als sonst überall. Es gibt Juden, welche die höchsten Aemter, von denen der Jude in den andern Staaten nur träumen darf, innehaben. Wenn man über die Juden herfällt, so werden sie meist als Deutsche beschimpft, und es ist nicht so sehr das Jüdische am Juden, das man angreift, als das Deutsche (und auch Spanische), das er in sich ausgenommen hat. Das zweite Hindernis, das eine noch wichtigere Rolle spielt, ist das äußere Aussehen. Dem allgemeinen Typus nach unterscheidet man faü den Juden gar nicht vom Franzosen, und in der ersten Zeit meines Aufenthaltes in Paris hielt ich alle, die mir begegneten, für Juden. Ueberall diese Beweglichkeit und Geschäftigkeit, dieses süd ländische Gebaren, das alle semitische Spuren verwischt. Ein anderes nicht zu unterschätzendes Moment, dass der Assimilation Vorschub leistet, ist noch der Umstand, dass in Frankreich bei officiellen Angelegenheiten nicht nach der Religion gefragt wird. Es ist dies ein Gesetz, welches noch von Napoleon I. datiert. Weder auf den Schulzeugnissen noch in den Meldezetteln, nockr auf sonstigen Amtsstücken ist eine derartige Clausel vorhanden. Um daher die Juden zu stigmatisieren sind, wie mein Freund Paperin vor einiger Zeit eben von dieser Stelle aus richtig bemerkte, „Proscriptionslisten" nöthig. All dieses aber hindert keineswegs, dass man in Frankreich für den Zionismus wirkt, Es werden da in den Vereinen Gelder für zionistische Zwecke gesammelt. Vorderhand kann man über den Zionismus in Paris kein abschließendes Wort sagen: Er ist noch jetzt eine Luxuspflanze die einer großen Sorgfalt bedarf, wenn sie blühen und Früchte tragen soll. Noch einige Jahre, und Drumont und Konsorten werden rhn zu einer Nahrungspflanze umgewandelt haben, die unentbehrlich ist.