Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 29 (17.12.1897)
- Article
- Gedenke unser zum Leben
- Date
- 1897-12-17
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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mtme Geste D Rp. LS. fischen. Großkönige. offen bekennen: Mie,,soll ich nicht verarämt. auSschciuen, wenn die. Stadt, wo meine Väter begrüben liegenzerstört ist und ihre Thore im'Feuer verbrannt." Noch war die Eigenart des Volkes zu scharf ausgeprägt, als dass es dieselbe füt Geld und Auszeichnung hätte preisgeben kömten. Und gerade die jüngere Generation war es, welche das Leben in der Fremde nicht ertragen konnte, welche die eingebttßte Selbständigkeit am-' wenigsten verwinden konnte, umso weniger, als der Eroberer ihrer' Heimat'und Zerstörer .ihrer Freiheit sich mild und leutselig gegen sie zeigte. Denn nichts Demülhigenderes gibt es für die stolze Seele, als des Feinde- Großmuth. So ward denn die junge Generation der Träger des nationalen Gedankens. ' Zwei Jünglinge, beide schon in Babylonien geboren, der eine fürstlicher, der andere hohepviestlicher Herkunft, setzten sich an die^ Spitze der Jüdäer, welche über Babylonien noch nicht des heimatlichen Herdes hatten vergessen können, erwirkten die Erlaubnis des Großkönigs Und kehrten nach Judäa zurück. Leicht war ihnen der Rückzug freilich nicht geworden, sie hatten mit sachlichen und. sittlichen Schwierigkeiten sehr zu ringen. Es fehlten ihnen zunächst die zur Schöpfung eines neuen Staates unumgängliche Mittel — die Reichen waren natürlich alle in Babylonien zurückgeblieben — überdies hatten sie — und dies war keineswegs der leichtere Theil ihrer Arbeit — den Spott und die bösen Prophezeiungen derer zu bekämpfen, welche den Tagesgötzen dienten und zu befangen, zu kurzsichtig waren, um dieser Bewegung eine ernste Bedeutung beizumessen. Auch waren es im ganzen Nur 70.000 Seelen, welche sich zum Rückzuge entschlossen, also ein verschwindend kleiner Bruchtheil von den Massen, welche die Freiherr selbst verscherzt und sich zu Gefangenen batten machen lassen. Allein der Geist der Wahrheit und der Natur spottet jegl cher Hindernisse. Hat er einmal begonnen, sich in Bewegung zu setzen, sohält ihn nichts in der Welt mehr davon zurück, so schreitet cp hochaufgerichtet einher und zertritt alles, was sich hemmend an seine Fußsohle bindet. Jene babylonisierten Judäer, die ihre Vergangenheit und Eigenheit Preisgaben um schnöden Mammons willen, jene feilen Glücksjäger, für welche das gnädige Lächeln eines vornehmen Babyloniers mehr bedeutete, als der Ernst der Lage ihrer Brüder, sie sind alle, summt' ihren Patronen, untergegangen und nichts erinnert , mehr an ihr ehemaliges Dasein. Doch die beherzte Schaag, welche das bleiben wollte, was sie war, hat in jenem bedeutM samen Monat Tischri -den Grund zn eirurn Staate gelegt, auD dessen Schoße Helden, wie die Makkabäer, .hervorgiutgcn, GeisteM Heroen, wie Hillel und Äkiba, welche die Lehrer und Meister de L Moral und der Sittlichkeit, geworden für alle Zeiten, denen am 1 die Religionsrichlimg ihr Entstehen rerbaust, welche die herrschend 8 ist — zu einem Staate, an dem sich die Prophezeiung Chagail ß voll bestätigte. „Größer wird die Herrlichkeit des zweiten Hauses I sein, als die des ersten."? f| Ist es Zufall oder geschichtliche Nothwendigkeit? In dir Nähe unseres heutigen Monates Tischn fällt eine Kundgebung unserer Brüder, welche in manchen Stücken an die ebcngeschilderte alte Zeit deutlich mahnt. Doch wofür wir es auch immer halten, die Kundgebung, welche Jung-Jsrael vor einigen Wochen von einem freien Lande aus in die Culturwelt gesandt, welche Hoffnungen wir daran auch knüpfen können, wie wir auch über die Ausführbarkeit der dort besprochenen Pläne denken mögen — das fühlt ein jeder von uns, welcher jüdisch zu fühlen noch nicht verlernt hat und die letzten Vorgänge mit sinnendem Ernst betrachtet. Der Genius des jüdischen Volkes regt sich anfs Neue. Schon hat man ihn für todt erklärt. Schon haben Berufene und-- Unberufene Leichenreden für ihn in Bereitschaft gehalten. Doch siehe da! es war nur ein Schlaf, ein zweitausendjähriger Schlag "icttn er reibt sich aufs.neue die Augen und beginnt wieder zu erwachen. Wir haben getragen und geduldet, mehr als nach menschf licher Berechnung ein Lebewesen tragen und dulden kann. Jedes^ Ungemach,, jede Plage, die uns nie ist angedroht worden, Habens wir gekannt und durchkostet.- Druck und Mangel, Rechtlosigkeit und Knechtschaft, körperlichen und sittlichen Spott. Gewiss habest ' wir das verschuldet, denn es gibt keinen Zufall. Doch auch die Schuld ist menschlich und hat ihr Maß) Vielleicht ist die Zeit schon gekommen, vön der der Prophet sagt/' „Es hat dies Volk bereits doppelt gebüßt für seine Miffethalen." Lange genug haben wir nach besseren Zeiten ausgeschaut, of^ genug haben wir mitEdom und Moab geliebäugelt, um ihn für uns günstig zu stimmen, oft genug haben wir uns verläugne^ uns in fremde Gewänder gehüllt, um nicht erkannt zu werden, oft genug haben wir uns versteckt und verkrochen, da, wo tvii^ nichts verbrochen, um Erbarmen gefleht, da, wowir ein Recht zw fordern hatten. Doch die Zeiten haben sich nicht geändert Edom und Moab habM wir nicht m^esnde nryHemandpl^ und wir werden an jedem Orte und ln jeder Tracht sogleich als w ir erkannt und darnach behandelt. ES ist also offenbar nicht der Wunsch der Geschichte, dass wir uns verstecken, dass wir uns aufgeben, und wer darf sich vermessen, ihr. der Weisen, der Göttlichen zuwiderzuhandeln? Wohlan, Juda! erwache ganz, besinne dich auf dich selbst. Möge dir die feierliche Kundgebung, welche unsere Brüder vor aller Welt, erhoben, ein Fingerzeig Gottes, eine geschichtliche Lehre sein, dass dein Volksthum noch nicht erstorben, deine Würde noch nicht zertreten, dein- Selbstbewusstsein stoch nicht geschwunden ist. Wir aber wollen heute nicht nur ein jeder für sich, sondern alle für alle beten, „Gedenke unser zum Leben." Die Geschichte hat gezeigt, dass wir leben können, so wollen wir auch weiterleben, aber ein würdiges, ein eigenes, ein freies, ein Volksleben. Und für die, welche ihren Geist und ihrem Willen dem Schicksale ihres Volkes weihen, beten wir mit dem Psalmisteen : „Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass diese sie leiten." Die jüdische ColonialbanK. Das allgemeine Interesse für die jüdische Eolonialbank erfasst nach den zahlreichen Kundgebungen, die uns zukommen, immer weitere Kreise. An die zionistischen Ortsgruppen, an die Vertrauensmänner, an die leitenden Persönlichkeiten und auch an die Redaction der „Welt" ist bereits eine stattliche Anzahl von Anmeldungen gelangt. Die weniger Wohlhabenden bilden (Gruppen, deren Mitglieder wöchentlich einen bc- . stimmten Beitrag zu leisten haben, um zur Zeit , der beginnenden Subskription eine größere Anzahl von' Actien erwerben zu .können. Andere sind bereit, einen Theil ihrer Ersparnisse in Actien der jüdischen. Eolonialbank anzulcgcn. Geradezu charakteristisch dafür ist das Schreiben eines Herren. AS, dauns nebst vielen anderen ähnlichen vor einigen Tagen zugestellt wurde. Er schreibt: „Ich erkläre mich bereit, wenn Antheilicherne k 1 Pf. Sterling auSgegebett werden, 10 Stück zu übernehmen. Solln n auchAntheilschcme aufRaten zu beziehen sein, so. würde ich solche extra beziehen gegenciueu monatlichen Erlag von '/rPf.Stcrlnig" re. Selbst Angehörige jener Kreise, die sonst dem Zionismus etwas reservierter gegennberstchen, wollen an der G ründung der Bank theilnehmcn, welche sie „als denersten bedeutenden praktischen Schritt zur Anssührnng aller Pläne und als eine für die Jud nsckaft außerordentlich wichtige Angelegenheit betrachten." Diese sind es auch, die sich ganz enwei standen erklären, mit der Forderung,.dass bedeutende jüdische Financiers aller Länder au dem GrüttdungSsyndicat der Bank iheilnrhunn sollen und welche auf die besondere Aufmerksamkeit Hinweisen, welchespccntt englische Financiers dieser Gründung bereits widmen. Bei diesem Stande der Angelegenheit ist es begreiflich, dass von vielen Seiten der Wunsch ausgesprochen wird, das Gründuugscapital 311 erhöhen.. Ein bedeutender Financier aus Russland erklärte in seinen diesbezüglichen Auseinandersetznugeu. nach seinem -Dafürhalten wüsste das G-ündungseopital iiüudeftenS 5 Millionen Pfund Sterling betragen. ES sei 'zu vcrmuthendass auch diese Summe bedeulettd überzeichnet werden würde. Die competenten Persönlichkeiten werden sich mit. diesem, wie mit einer Anzahl anderer Vorschläge' bereits demnächst eingehendbefassen, da bis zur factischen Gründung der Bank nur mehc wenige Monate verfließen dürften. Eine Instruktion für Zionisten. Herr Dr. K. Kvkesrtz ha! sich über Wunsch dcr Leitung dcr schwierigen Aufgabe unterzogen, eine Instruction sür Zionisten anSzuarbeiten. Diese Instruction wurde einstimmig genehmigt und sofort in Druck gelegt. Die Instruction bespricht in. fünf Abtheilungen die Erziehung der Jugend und dcr Massen, die Organisation, die Agitation, die Colonifation und die Beschaffung der Geldmittel zur Ausführung der Pläne der Zionisten und der diesbezüglichen Beschlüsse deS Congreffes. DaS Elobarat fasst in knapper Form die wichtigsten Punkte zusammen und wird seine Aufgabe vollkommen erfüllen, ein planmäßiges gleichförmiges Vorgehen unserer Gesinnungsgenossen in den verschiedenen Ländern zu erzielen. Da eS sich in dieser Instruction nur um die Ausstellung der hauptsächlichsten Gesichtspunkte handelt, und innerhalb dieses Rahmens den fpeciellen Bedürfnissen und Vorkehrungen der Zionisten in den einzelnen Ländern freier Spielraum gelassen wurde, so ist eS dringend geboten, dass unsere Gesinnungsgenossen von dieser Instruction Kenntnis nehmen und die gegebenen. Anregungen möglichst genau befolgen. Einzelne Exemplare der Instruction sowie eine größere Anzahl derselben sind vom Bureau deS CongreffcS (II. Rembrandtstraße 11) zu beziehen. ES sind daber alle Anfragen, welche sich auf die Instruction für Zionisten beziehen, entweder an das Bureau des CongrefleS oder an Herrn Dr. O. Kokesch (Wien, 1., Singerstraße 25) zu richten.