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Die Welt · 1897-12-17 · 29 (17.12.1897) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
29 (17.12.1897)
Article
Gedenke unser zum Leben
Date
1897-12-17
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Sette 7. Nr. M. und Stöcken in seine Hütte drang — dies alles nahm sich zu Possierlich aus, und die Völker hatten ihren Spass daran. Ist aber jetzt noch Zeit zu spassen? Haben die Völker sonst keine Sorgen mehr? Haben sie die Ruhe und . den Frieden schon sicher in ihren Mauern? Wissen sie schon, wie man den größten Theil des Menschengeschlechtes mit Brot versorgt, wonach er vergebens schmachtet? Sind sie sich schon darüber klar, wie man der Wahrheit zum Recht und dem Rechte zur Wahrheit verhilft? Und Juda, wenn er auch kein Spassverderber ist, muss ihm ein zweitausendjähriger Spass nicht nachgerade ein wenig zu lang Vorkommen? Gewiss! der Spass dauert zu lang, die Tragikomödie ist schon seit Jahrtausenden ermüdend, und es wäre vielleicht schont an der Zeit, dass der Schauspieler Juda die Bretter verlässt- und sich einen Sitz unter dem Völkerpublikum ausfucht, um auchl einmal seinerseits dem Spiele anderer zuzusehen. Warum ich Euch^ heute gerade das alles vorbringe. Nun, wir feiern heute ein neues! Jahr, ein neues Jahr als Juden, und wann wäre wohl eine ernste! Betrachtung des Juden und seines Lebens angebrachter, als an) dem Tage, da er um Leben betet! Da draußen werden solche Feste mit jubelnder Freude, in Saus und Braus gefeiert. Doch nicht also der Jude, der Heimatlose. Losgelöst von allere Welt, trägt er neben der allgemeinen Noch noch seine besondere Fudennoth herum und neben den allgemeinen Lebensfragen, derersi Lösung man von der Zukunft erwartet, übergibt er mit Zagen und Zittern dem kommenden Jahre noch seine eigene schwere tausendjährige Frage, die Judenfrage. Erfolgt endlich auf diese! Frage eine Antwort? Vielleicht gar noch eine Judenantwort? Man liebt uns nicht, dass ist einmal eine Thatsache, die sichr nicht aus der Welt schaffen lässt. Ja, man liebt uns nicht nur nicht, man hasst uns sogar. Man hat unsere Väter gehasst, marsi hasst uns, man wird unsere Nachkommen hassen. Doch warum hasst man uns? Immer? Ueberall? Mit solcher Inbrunst? Wollt ihr vom Hasse Logik verlangen? Man hasst uns nicht, weL wir! schlecht sind, weil wir abstoßend sind, weil wir verderblich sindu Wir können doch unmöglich alle durch zwei Jahrtausende schlecht und abstoßend und verderblich sein, wir sind ganz gewiss so schecht! und so gut, so abstoßend so anziehend, so verderblich und sor förderlich, wie alle anderen Menschen in gleichen Verhältnissen Nein, man hasst uns, weil man dort nicht'anders kann, als uns Haffen, und weil man uns hasst, sind wir schlecht, sind wir abstoßend, sind wir verderblich. Man hasst uns und man macht) daraus kein Hehl, denn Kinder und Völker können ihre Gefühls, nicht verbergen. Ein Volk fürchtet niemand, ein Volk kennt keinen guren und keinen schlechten Ton, es folgt blind dem Zuge seines Herzens, und wenn dieses Herz hasst, dann schlägt das Volk aus,' mit Händen und Füßen, wie ein kleines Kind. Freilich, es war eine Zeit und diese liegt noch nicht allzuweit hinter uns — da ein ganzes Volk wie ein Mann austrat, für die Idee der Wahrheit und des Menschenrechtes. Es schien, als ob das Kind Plötzlich zum Manne herangereift wäre. Es verließ die Kinderstube und stürzte mit heißem Verlangen ins Freie. Es war damals, als ein Volk sich vor aller Welt von seiner veralteten Tradition lossagte und die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen mit Blut und Feuer auf seine Wege schrieb. Nach und nach, nachdem der Sturm der Begeisterung sich gelegt die Wunden vernarbt und die Opfer an Leben und Gut vevrr wunden waren, kam man auch hier zur Besinnung. MaM erinnerte sich hier und da, dass auch Juda zu dem Menschengeschlecht gehöre, , und dass also auch ihm vernünftigerweise Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gewährt werden müsste. Dies geschah nun auch. Es wurden in manchem Lande, vow manchem Volke, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auch JudAschriftlich zugesichert. Und Juda, dessen ganzes Leben auf eine Schrift sich stützt, der aus einer Schrift Lehre und Trost unL Hoffnung so oft geschöpft, vertraute auch dieser Schrift, der ZuA sicherungsschrift der Völker und hielt seine Leidenszeit für beendete In seinem freudigen Rausche übersah Juda den Unterschied^ zwischen diesen beiden Schriften. Jene Schrift schrieb ein Gott? und was er schreibt, kann man getrost glauben, denn er crfüCttf auch was er spricht, Er hält Wort und so hält er auch Schrift.- Der Mensch dagegen hält nicht immer Wort, und so kann maM auch auf seine Schrift nicht immer bauen. Davon sollte Judo^ nur zu bald sich überzeugen. Das Kind Volk hielt die Rolle des Erwachsenen nicht lange aus. Es war ein köstliches Schauspiel, abM ach, ein Schauspiel nur. Bald war es beendet, und das Kindl ward wieder Kind, und seine Kindlichkeit trat ihr altes Rech) wieder an. Die Vernunft ward in Sätze und Paragraphem geschnürt .und als schriftliches Document im Staatsarchiv nieder-s Selegt unter dem Titel Verfassung. Die Herzensverfaffung abslf lieb die alte. Das Herz, das Juda ehemals gehasst, es hasste ihn fort mit der alten Glut und der alten Blindheit. — UntÄ allem Schmerzlichen, das dem Erdensohne zu durchkosten auferlegt ist, ist der Hass das Schmerzlichste, ich meine für den. welcher ihn hegt, für den, welcher, hasst. Der Hass raubt dem Mm/cken die Ruhe, wie ein verheerendes Fiebir schleudert er ihn bald in Glut, bald in Frost, er macht seinen Schritt schwankend, macht seine Gedanken trübe, seinen Willen krank und gießt bittere Wermurhstropfen in den Kelch seiner Lebensfreuden. Wer einmal im Leben so unglücklich war, mit dem ganzen Herzen zu hassen, der rverß wie es thut. Leidet nun, wer da hasst, unter der grässlichen Seelenpein, so unterliegt der Gehasste noch außerdem der Gefahr, von dem Feinde an Hab und Gut, Leib und Leben geschädigt zu werden. Doch dem Gehassten steht dafür ein Mittel zu Gebote, dass dem Hasser versagt ist. Wer gehasst wird, der kann fliehen, er kann den Nachstellungen des Feindes durch Geschicklichkeit und Schnelle entgehen. Und das ist das Mittel, zu welchem Jakob immer gegriffen, um dem nimmer rastenden Hasse zu entgehen. „Jakob wandert, Jakob flieht, Jakob rennt kopfüber." Wo. hin? Zu wem? Ja, diese Frage sich vorzulegm, dazu hatte Jakob keine Zeit! Traten aber Ruhepunkte, Pausen, in seinem Wandern ein, wo Jakob sich überlegen hätte und vielleicht auch antworten können, da überschätzte er leider jedesmal die Zeit, welche ihm die Geschichte als Pause gegönnt, er glaubte, sie werde niemals aufhören und schwelgte schon im Vorgeschmack der ununterbrochenen Ruhe. Aber es war nur ein Traum, ein Wahn! Ein Jahrhundert geht seinem Ende entgegen, wie es selbst Jakob der schon fast vierzig Jahrhunderte kennt, seines gleichen noch nicht gesehen! Ein Jahrhundert des Wissens und der Erkenntnis. ein Jahrhundert der Erfindungen, der Entdeckung, ein Jahrhundert, das nichts beginnt, nichts unternimmt, ohne nach Ziel und Zweck zu fragen, dass selbst dem zuckenden Blitze gebieterisch vorschreibt, wohin er seinen Lauf zu nehmen habe. Sollte nuu'Jakob, der gelehrig und geprüft ist, dieses Jahrhundert vorübergeben lassen, ohne ihm für seine Zukunft eine Lehre zu entnehmen? Höre Israel! Höre Jakob und Juda! Das Jahrhundert hat deshalb so Großes geleistet, weil es bei allem und jedem gefragt und ergründet htt, wozu? wohin? Es ist Zeit dazu, duss auch du deine Augen öffnest und deinen Smn, es ist Zeit, dass auch du in das Herz und den Geist deines Volkes hmemrusst bte Frage: wohin? Es war am ersten des Monates Tischri vor langer, langer Zeit, als nach einer siebzigjährigen Unterbrechung zum erstenmale sich in Jerusalem wieder Juden versammelten, um an einem gemeinsamen Altäre den Gott der Väter nach altem Brauche anzubeten. Es war dies ein Tbeil der nach Babylonien Verbannten, die mit Erlaubnis des Perserkönigs Cyrus in die Heimat zurückkehrten. Siebzig Jahre waren kaum verstrichen, seitdem der Staat Judäa in Trümmer gegangen, der Tempel eingeäschert und der Rest des jüdischen Volkes nach'Babylonien in die Gefangenschaft geführt worden. Siebzig Jahre — ein flüchtiger Moment im Leben eines Volkes, doch reichte er hin, um dem begabten jüdischen Volke die Möglichkeit zu geben, sich in Babylonien ganz einzuleben. Allerdings lag es auch zum Theil an der babylonischen Regierung. Nabukadnezar war ein milder und menschenfreundlicher Fürst. Es kam ihm weniger darauf an, den Schwachen seine Macht fühlen zu lassen, als sie emporzuheben und seinem großen Volke einzuverleiben. Und es ist ihm dies vortrefflich gelungen. Die Juden wurden Babylonier in allen Stücken, sprachen chaldaisch, eigneten sich die Sitten und Unsitten der Babylonier an und waren scheinbar auf dem besten Wege mit diesem Volke zu verschmelzen. Vielengelanges, in der großen Industrie- und Handelsstadt Babel, sich große Reichthümer und damit Einfluss und Ansehen zu erwerben. Diese nun, lebten und geberdeten sich chaldäischer noch, als die Urchaldäer. Die älteren von diesen verstanden das Chatdäische nicht einmal recht, sprachen es gebrochen und fehlerhaft, doch dies that nichts zur Sache. Ihr Geld war chaldäisches, und so waren auch sie waschechte Chaldäer. Wenn es einer von ihnen fertig brachte, einen Nimrodorden irgend welcher Classe zu erhaschen, so gieng er mit Eifer darauf loS, den alten Juden von sich abzustreifen und ans seinem Herzen zu verbannen. Er kniete mit Inbrunst vor dem Bel, er wallfahrte nach dem Tempel der Melitta, er spendete Unsummen für babylonische Ober- und Untergötter und gab der babylonischen Aristokratie Feste. So war das Geld schon damals heimatlos — ich. meine, es fragte schon damals nicht nach Heimat und Ursprung — so war es schon damals ein wundersam wirkendes Mittel der Vergesslichkeit; es machte vergessen die Wiege, vergessen der Väter Gräber, vergessen sein eigenes Grab. Doch der Genius eines Volkes lässt sich durch Geld nicht bestechen, noch um Geld erkaufen. Ein großer Theil des Volkes hieng noch immer mit Sehnsucht und Verlangen an seiner Heimat, noch konnte ein vornehmer Judäer dem per-

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