Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 29 (17.12.1897)
- Article
- Das Fest der Selbsthilfe
- Date
- 1897-12-17
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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«eite 4. BltynME-T Rr. tztz. meines Volkes und die Vernichtung der heiligen Stadt und dort «nlhätig zu sitzen, dieweil sie dahiiigegebeu ist in det Feinde Hände und das Heiligthuin in die Hand, der Fremden — — — — Unser Hciligthum, all unser Schönes und Prächtiges ist verwüstet, und die Heiden haben es gemein gemacht. Wozu soll uns das Leben Das ist die Gemüthsv rfassung, aus welcher heraus Mattathias die sonst so friedliche Hand gegen die Griechen erhebt: ein rein menschliches, ohne jede übersinnliche Zuthas verständliches Motiv. Verständlich? ftür, die jüdische Jugend von jetzt, welche am Chanukafeste gut macht, was so viele Geschlechter an gesündigt haben und die Makkabäer als Helden der Selbsthilfe feiert, wie unsere Geschichte ihrer nur wenige verzeichnet^ verständlich für uns Zionisten, die wir wissen, was schon der talmudische Spruch zu sagen sich nicht scheute, dass man sich nicht auf Wunder verlässt. Der Mehrheit unseres ver^ schüchterten Volkes scheint das Verständnis für ein reist menschliches Motiv, für großes Handeln aus nationalen^ Eifer u fehlen. Diese Mehrheit hat das hebräische Original des ersten Makkabäcrbuches so wenig geschätzt, dass sich nichts einmal ein Blatt davon zu erhalten vermochte, und eben dicst Mehrheit erschrickt oder höhnt, wenn wir von der Erlösung sprechen durch eigene Jnitative. Wir wissen es so gut, wie die Frömmsten unter den Frpmmcn, dass wir schwache Menschen nur Werkzeuge sind eines unerforfchlichen Willens!; aber die Berufung geschieht heute anders, als sie in vorg^i schichtlichen Zeiten geschah. Wenn in einer so selbstsüchtiges so durch und durch nüchternen, kleinen, jäininerlich beschränkten Zeit sich Herz n finden, die alles hingeben für rin großes Ideal, die Zukunft unseres Volkes, so ist das ein Wundst und Zeichen, wie keines deutlicher in den Tagen der Propheten gesprochen.; Ja wohl, wir sind Werkzeuge Gottes; in diesem Glauben stimmen wir trotz unserer Selbsthilfe mit der Mehrheit überein. Und wir sind auch auf das Schicksal der Werkzeuge gefasst, der Worte John Wesleys gedenkend: Gott zerbricht die Werkzeuge, die er gebraucht. £ _‘ ' ,«; , e: „Moralischer" Zionismus. 4 Von D*. 9t. Ehrenpreis. ib Unter den Aeußerungen der he rätschen Presse über dÄl Baseler Congress, die mehr oder weniger den congrefsfreundlichÄ Kundgebungen der übrigen jüdischen Presse consorm sind, finden wir eine, dre wegen ihrer principiellen Grundlage besondere Beachtung verdient. Der Autor dieser Kundgebung ist der bekannte hebräische Publizist Achad-Haam (11. Ginzberg), der int letztest Hefte seiner Monatsschrift „Haschiloah" abfällig über den Coy^ gress urtheilt. Dieses Urtheil hat für uns nichts auffälliges. Achad-Haam ist seit Jahren der heftigste Gegner des politischen Zionismus, desselben Zionismus, welcher in Bafel gleichsam officiell sanctionirt wurde; und er wird auch jetzt nicht müde, seinen vielbekämpften „moralischen Z i o n i s m u ■ als den alleinseligmachenden zu propagieren. Was ist aber, ralischer Zionismus? Achad-Haam hat zur Erklärung dieses Begriffes ein Buch geschrieben,, das die geschichtsphilosophischrjn Grundlagen des Zionismus behandelt. Es betitelt sich: ,‘,A1 paraschath cPracHim" (Äm Scheideweges Dieses Buch —' das einzige, das er veröffentlicht ist eines der tiesinnigften und gedankenretchstm in der neueren hebräischen Literatur, aber auch eines der eknfeitigsten. Achad-Haam arbeitet vorwiegend mit Psyr chologie. Dies ist seine starft, aber auch seine schwache Seiten Würden alle Dinge dieser Welt, sich lediglich nach psychologischen Doctrmen abwickeln, so würde er immer/recht behalten. Aber weil die Wirklichkeit complicierter ist, bleibt senre, Philosophie um zulänglich; denn dieser weitblickende Denker hat kein VerständnÄ für die großen Jmpönderabikien des Lebens und indem er mit der Exactheit eines Handelsmannes'seine sociologischen Recheqr operätionen ausführt, ahnt er nicht/'dass die socialen Thalfach^ gerade von jenen unsichtbaren Kräften bestimmt werden, die. man nicht wägen und nicht messen kann. Auf dieser anfechtbaren Grundlage hat nun Achäd-Haist seinen moralischen Ziontsmus ausgebaüt. Man könnte auch sagen: den wichMckiven, denn er perhorreSciert die That, weil & ihre Zeit noch nicht für gekommen hält, Der Zionismus, den er wünscht, ist lediglich ein vorbereitender, ein innerer, ein potentieller. Nur ein solcher fei gegenwärtig möglich und berechtigt. Vorerst müssen wir uns von der geistigen und sittlichen Knechtschaft befreien, dann werden wir für die p o l i t i s ch e Befreiung reif sem. Ob sich das just in dieser Reihenfolge durchführen lässt? Als einst der französische Deputierte Deschanel den Collectivismus im Palais Bourbon totmachen wollte, rief er den Socialisten zu: „Beantragen Sie zuerst eine Aenderung der m.'nschlichen Natur!" Achad-Haam erhebt dieses Absurdum zu einem politischen Programm: er beantragt allen Ernstes, „zuerst" eine Aenderung der j üd isch enN a 1 u r. Indem er Versuche und Wirkung verwechselt, calculiert er folgendermaßen: Der Golusjude sei den Formen des Cöllectivlebens im Laufe der Jahrhunderte entwachsen. Das Golus habe seine socialen.Jnftincte getötet oder zumindest geschwächt. Das Einzelindtviduum habe die Fähigkeit verloren, sich den Interessen de- Volksgänzen unterzuordnen. Diese'Fähigkeit müsse ihm zuerst wiedergegcben werden. Der Golusjude müsse zum jüdischen Patriotismus erzogen werden. Dies sei die große und ernste Aufgabe des m oral i sch e n Zionismus; dann werde der Bolkswille zur Freiheit mit elementarer Macht von selbst erwachen. Und dann, aber nur dann, werde die Zeit des politischen Zionismus gekommen sein Dies sind die Grundgedanken seiner zionistischen Philosophie Dies war sein erstes Wort, das er seinen Landsleuten vor nahezu zehn Jahren zurief, als gerade die Colonisationsthätigkeit mit großem Eifer in Angriff genommen wurde. Von -diesen Gedanken beseelt, gieng er dann zweimal nach Palästina , (in den Jahren 1891 und 1893), um feine seither berühmt gewordenen Aufsätze „Die Wahrheit über Palästina" zu veröffentlichen. Und mit denselben Gedanken kam er nach Basel, wo er die große Einigung sich vollziehen sah. Das war eine moralis ch e That, und diese erfüllt ihn, wie uns alle, mit Stolz und Zutunflsfreudigkeit. Aber dann kamen die p o l i i i s ch e n Tendenzen, und gegen diese erhebt er nun seine Stimme. Und da wiederholt er, waS er uns schon so oft gesagt hat: „Bon allen großen Zielen, die der Zionismus anstrebt, ist vorläufig nur eine, es, dessen Verwirklichung in der That möglich ist — das moralische Ziel. Dieses besteht dann, dass wir uns von der inneren Knechtschaft befreien und von dem sittlichen Nieder- - gang, den die Assimilation zur Folge hat; sodann, dass .wir:, unser nationales Einheitsbewusslsein durch gemeinsame Arbeit in; . allen Zweigen des Volkslebens so. lange kräftigen und in uns fortentwickeln, bis wir reif und fähig sein lverden, ein menschenwürdiges und freies Leben zu führen." „Dir Gegner des ,Juden-' staates^ hegen Zweifel, ob es möglich sein werde, die Zustimmung , der Mächte, besonders der Türkei, zur Gründung dieses Staates zu erlangen; ich aber glaube, eS gibt noch eine viel ernstere und schwierigere Frage — ob, wenn selbst diese Zustimmung erlangt werden könnte — wir in unserer gegenwärtigen moralischen Verfassung fähig wären, sie zu acceprieren." Aber nicht um heute oder-morgen den Judenstaat zu gründen, sind wir nach Bafel gekommen, sondern um der ganzen Welt zuzurufen : Das jüdische Volk lebt noch und will weiter leben! Diesen Ruf müssen wir immer von neuem wiederholen, nicht'damit die Völker nnZ erhören und unseren Wunsch erfüllen, sondern vor allem, damit wir selbst den Wiederhall unserer Stimme in den Tiefen unserer Seele vernehmen, vielleicht erwacht sie und erhebt sich von ihrer Geftmkenheit." Diese Einwendungen beruhen, wie wir sehen werden, auf einem Gtundirrthum. Es wird das gerade als Hemmnis angeführt, was mit ein bestimmender Grund unserer Bewegung ist. Es soll ohne weiteres zugegeben werden, dass der Zionismus sich nicht lediglich auf das Dtplomatisierenund Geldsammeln beschränken darf; neben seinen Aufgaben nach außen harrt seiner im Inneren die große Arbeit der Volkserziehung. Gleichwie die öffentliche Meinung Europas für den zionistischen^ Gedanken vorbereitet werden soll; müssen selbstredend die jüdischen Massen für denselben erzogen werden. Nur in. dieser Do pp elfte i t i gke i t I ie g t b ic Gew äh r d e s E rf o l g e S. Sonst konnte eS uns wie den Franzosen bei Sedan ergehen, die wohl mit allen Karten der deutschen Krjegsgebirte, aber mit keiner ihrer, eigenen versehen waren. Darin sind alle Zionisten wohl einig. Nur dass es durchaus nicht angeht, die Reihenfolge zu . beobachten, die Achad Haam vorschlägt. Früher geistige, dann politische Befreiung ja, wenn das Geistigevon dem Politischen so ganz und gar unabhängig wäre! Achad-Haam befindet sich da'in einem oireulus vitio8us. Er verwechselt ' Ursache und Wirkung. Der heutige moralische Zustand der Juden,, mit allem, was an ihyen Gutes und Schlechtes ist, ist ja^nux ein Ergebnis ihrer politischen.- BerhiMisft; Je#** .kann> folglich nur. dann^,