Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 29 (17.12.1897)
- Article
- Das Fest der Selbsthilfe
- Date
- 1897-12-17
- Page
- 3 (sequence 1)
- Language
- German
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Rr. N. Seite 8. Das Fest der Selbsthilfe. Von Leo Rafaels. Wie ist dieses Fest doch verschieden von allen /anderen Festen! — So müsste die Hagada für Chanukah beginnen, wenn wir eine besäßen. Aber das Makkabäcrfeft hat seltsamer Weise keine Hagada geschaffen,, es ist das, stillste und nüchternste aller unserer Feste. Andacht und Poesie, die sonst jeden irgendwie denkwürdigen Tag unserer Geschichte so nachdrücklich dem Gemüthe einprägen durch eine Fülle' von Gebeten und Hymnen, haben Chanuka nur mit einigen mageren Produkten bedacht, und selbst die wenigen Stücke synagogaler Poesie, die für das Chanukasest gedichtet wurden, haben cs zu keiner Anerkennung in Synagoge und Teinpel gebracht: die paar Pijutim werden einfach unterdrückt. Wohl werden die uralten und ewig neuen Hallelpsalmen vollständig recitiert, aber diese frostige officielle Anerkennung hebt erst recht den Mangel an freiwilliger, aus der Tiefe des Volksgemüthes kommender Theilnahme hervor. Und wie wenig ist das Thatsächliche in das Volksbewusstscin gedrungen! Was hat die jüdische Literatur in den zweitausend Jahren, die seit den Heldenthaten der Makkabäer verflossen sind, gethan, um das größte und freudigste Ereignis der jüdischen Geschichte nach dem babylonischen Exil im Gedächtnisse der Nachwelt zu erhalten? Das einzige Werk, aus welchem wir, unsere Kenntnis der Makkabäerkämpfe schöpfen, ist in griechischer Sprache auf uns gekommen. Die hebräische Urschrift des ersten Makkabäerbuchcs — Sprache und Stil des Werkes weisen ganz entschieden auf ein solches Original — ist verloren gegangen, und das jüdische Volk begnügt sich alle die, Jahrhunderte über damit, die Geschichte jenes Heldenzeitalters aus einem kleinen Auszuge, der höchstwahrscheinlich erst nach der griechischen Uebersetzung des Makkabäerbuches und nach Josephns angeferigt wurde, zu erfahren. Und wenn wenigstens dieser kurze Bericht, die Antiochns-Nolle, ins Volk gedrungen wäre! Aber nicht einmal das ist geschehen. Man muss die theueren, und daher seltenen Ausgaben unserer Gebetbücher aufschlagen, um diese Erzählung zu finden; in den gewöhnlichen, den volksthümlichen, Gebetbüchern hat sie keinen Platz erhalten. Dem entspricht die Thatsache, dass die eigentliche Geschichte jener Zeit, die thatsächliche Grundlage für das Chanukafcst, der großen Masse des Volkes unbekannt geblieben ist. Titus und Haman sind dem unwissendsten Juden, der nicht einmal sein Gebetbuch lesen kann, geläufige Worte, mit mit denen er mehr oder weniger deutliche Vorstellungen verknüpft; die beiden Eigennamen sind ja geradezu Gattungsbegriffe geworden. Der Name Antiochus hat für den Durchschnittsjuden einen fremden, nichtssagenden Klang. Die Sitte, welche sonst besser als Schriftwerke und Denkmäler die Geschichte lebendig erhält, hat das Ihrige gcthan, um ein großes, das ganze Volk und die ganze Zukunft bcstimmendcs Ereignis, die Erhebung gegen den Hellenismus, die Selbstbestimmung der Nation, auf einen sehr verjüngten Maßstab zu reduciercn. Die. Erzählung vom Oelfläschchcn, welches durch ein Wunder acht Tage lang das ewige Licht im neuekugeweihten Tempel nährte, während es nach menschlicher Erwartung nur für einen Tag hätte reichen können — das ist alles, was die Chanukalichtlein in der Phantasie des Volkes an geschichtlicher Erinnerung wecken. Das ist ein ganz curioscs Missverhältnis zwischen der geschichtlichen Wahrheit und der volksthümlichenTradition. Sonst wird eine geschichtliche Begebenheit im Laufe der Jahrhunderte in jeder Weise vergrößert, geschichtliche Persönlichkeiten werden zu Heroen, je größer bet zeitliche Abstand zwischen dem Urbilde und dem Reflexe in der Phantasie, desto riesiger werden, die Dimensionen der Ereignisse und der Persönlichkeiten im '■ Mittelpunkte derselben. An dem Zeitalter der Makkabäer hat sich das Umgekehrte vollzogen. Die Bolksphantasie hat zu einem kleinen Wunder zusammenschrnmpfen lassen, was in Wahrheit eines der größten Ereignisse war in der jüdischen Geschichte. Meinem Geiste hat sich von jeher die Geschichte Israels seit dem Wiederaufbau des Tempels '(516) unter dem Bilde einer weiten,- pfadlosen Haide in dunkler Nacht dargestellt: ein einzigesmal noch hören wir von den Zuständen im cheuen jüdischen . Gemeinwesen^ noch einmal tauchen zwei große Persönlichkeiten, auf —: Dva und Nehemiä — dann dunkle, undurchdringliche Nacht:.'Fast dreihundert Jahre lang, von 444 bis'173;-schweigt die'jüdische Geschichte. War der liederreiche Mund-Israels auf einmal verstummt? Gieng so wenig vor) gab'cs-so wenig an äußeren und inneren Ereignissen zu berichten, dass man es nicht einmal der Mühe wort hielt, nach altem Brauch die wichtigsten Momente in annälistischer Form aufzuzeichnen? Von unmittelbaren Berichten besitzen wir über diese ganze Zeit nichts, rein gar nichts; wie gesagt eine pfadlose Stätte in sternenloser Nacht. Da blitzt es auf, ein mächtiges, blendendes Licht: Mattathias und -seine Söhne, das Heldenzeitalter der Makkabäer. Das bedeuten mir die Lichter des Weihefestes: nach mehreren Jahrhunderten der' Finsternis die erste Helle in der nachcxilischen Geschichte. : Schon dieser Umstand allein macht das Auftreten der Maksabäer zum Ausgangspunkte einer neuen Epoche. Für uns begiyttt thatsächlich mit diesem Zeitpunkte die jüdische Geschichte nach, langer Unterbrechung. Und bedarf cs für uns noch einer besonderen Auseinandersetzung dessen, was die Thaten des Mattathias und seiner Söhne bedeuten? An den Schwertern der Makkabäer brach sich die- Macht des asiatischen Hellenismus,' jener Scheincultur einer entarteten Welt, welche von der einstigen Größe nichts überkommen hatte als den Hochmuth gegenüber jeder Menschheit, die sie nicht verstand. Dieser Sieg des jüdischen Ernstes über die spätgriechische Frivolität wieg) so schwer, dass die anderen Errungenschaften, welche die Siege der Makkabäer im Gefolge hatten, die politische Selbststänmgkeit, das Uebergcwicht über die nichtjüdischen Völkerschaften im Süden und Osten als nebensächliche Dinge erscheinen. jDas ist die Bedeutung des Chanukasestes. Wie aber war ,es möglich das ein solches Ereignis, «ine solche Glanzzeit die jüdische Nachwelt so kalt ließ, di« Phantasie der Juden in der Zerstreuung so gar nicht erfüllte? Ich habe mich.lange dagegen gesträubt, die Antwort zu hören, welche der Zusammenhang der Dinge.auf die Frage gibt, aber die Thatsachen lassen nur eine Deutung zu. Die Erhebung der Makkabäer ist der erste ulld vielleicht einzige Aet der Selbsthilfe in der jüdischen Geschichte. Alle die großen Führer und Befreier der alte» Zeit sind Werkzeuge der göttlicher! Vorsehung, ohne eigene Eingebung, fast ohne jeden selbständigen Willen; oft unternehmen sie ihre. Mission gegen ihren Willen. Vom ersten bis zum letzten Propheten der voreKlischen Zeit, von Moses bis Jeremias, sind alle vom göttlichen Geiste unmittelbar inspiriert; sogar Simsou, der naive Held, wird vom göttlichen Geiste getrieben. Alles Große in der jüdischen Geschichte geschieht durch Gott; der Mensch hat nicht die geringste Bedeutung. Die Inden haben nie einen Helden, nie ein Epos besessen. Im Gottesstaate, im t^ottesvolke war für den Heros kein Platz. Wie lautete doch der Trost des Propheten als die Kinder Israels am Ufer! des Rothen Meeres standen, die verfolgenden Egypter im Rücken? .„Der Ewige wird für euch streiten, ihr aber haltet still!" ^Dieser Gedanke beherrscht die ganze Ueberlicferung. dieser Gedqnke beherrscht auch den Charakter Israels und sein Geschick. Die Erhebung der Makkabäer ist das erste Beispiel einer! großen That ohne die prophetische Verkündigung eines göttlichen Befehls. Das erste Makkabäerbuch, die vornehmste, man ^möchte beinahe sagen, die einzige Quelle .für die Geschichte jener Zeit, ist vom ersten bis zum letzten Worte voll vom echten Geiste jüdischen Gottcsglaubens und Gottvertrauens, wie die Helden es waren, denen es gewidinct ist; aber das eine Moment, welches jedes Kapitel des alten Testamentes charakterisiert, fehlt. Die Makkabäer kämpften für Jehovah und kein Volk, wie einst Josua und David, ab« sie folgen nichts einem Propheten, sondern dem Gvtte iw der eigenen Brust. „Und da er (Mattathias) sah: die Lästerungen, welche m Jrkda Und Jerusalem geschahen, sprach er: ,Wehe mir! Warum bin ich dazu geboren, zu sehen die Vernichtung