Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 28 (10.12.1897)
- Article
- Unter jüdischen Proletariern
- Date
- 1897-12-10
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Gerte 6. .pksnw Nr. SS. Mittagszeit. Der Ofen war kalt und leer. Auf dem Bette lagen einige Röcke, die der Vollendung harrten. Im ganzen Raum gab es nur einen Stuhl, aus dem der Schneider saß. , Unser Gespräch bewegte sich anfangs in Form von Frage und Antwort. Er arbeitet nur Röcke, Saccos oder Jaquets, und bekommt per Stück 70 Kreuzer Macherlohn. Jeden Tag ein Stück fertigzustellen, ist ihm nicht möglich. Er muss das Tuch beim Kunden abholen, das Maß nehmen, anprobieren und dann noch hintragen. Das nimmt Zeit in Anspruch. Einst sah er bessere Tage. Er war Geselle und verdiente 6—8 Gulden wöchentlich. Aber als er älter wurde, da ward sein Auge schwächer und er konnte nicht so gut die Löcher ausnähen und auch sonst Schritt halten mit den jüngeren Genossen. Er wurde entlassen. „Ja, ich bin schon alt," sagte er mit bitterem Lächeln. „Sehen Sie, mein Bart ist schon grau, mein Kopf kahl, und ich bin ein V i e r z i g e r." Seine Sprache war hastig, athemlos, wie wenn er fürchtete, dass wir ihn nicht ganz zu Ende hörten. Denn er wollte uns alles erzählen, alles was ihn drückte und quälte. Es war die Geschichte eines Tages, der sich endlos wiederholt. Nur während der hohen Feiertage war es anders. Da zog er mit Weib und Kindern zu seinem Schwiegersohn nach Nadworna. Während die Weihe des Feiertages selbst diese Proletarier- Wohnungen verklärte, musste er an fremdem Tische sitzen, um bessere Tage verleben zu können. „Mein Schwiegersohn ist ein Gassenjing'*) nnd doch geht es ihm besser als mir, dem gelernten Handwerker. Bald verkauft er Fische, bald Obst, bald schrotet er ein Kalb aus, und so schlägt er sich durch." Nach jedem Worte spuckte er aus und entschuldigte es: „Sehen Sie, es nagt mich beim Herzen." Und sein Blick fiel auf den kalten, leeren Ofen. Ich' vermag diesen Blick nicht zu schildern, aber ich werde ihn nie vergessen. Nicht die wilde Gier des Hungers, sondern die unsägliche Bitterkeit der bewussten Ohnmacht und Hilflosigkeit lag darin. Dieser Blick sagte mehr als alle Worte. Er sah, dass wir ihn verstanden. Da schritt er an den Tisch, hob den Deckel von einem Teller und sagte: „Hier ist der Rest von einem Fisch. Das ist für meinen Burschen zu Mittag. Er geht ins Geschäft und bringt mir 3 Gulden monatlich nachhause; er muss ja was essen. Dazu kaufe ich ihm eine Semmel um einen Kreuzer und er hat wenigstens etwas. So lebt man. Der Hund lebt ja auch." Er war zu Ende. Da bemerkte er erst, dass er uns nicht einmal einen Sessel angeboten hatte, und er entschuldigte sich. „Verzeihen Sie, dass ich sie so lange aufgehalten habe. Ich kenne Sie ja nicht einmal; ich weiß nur, Sie sind Juden. Aber man ist doch nur ein Mensch, und man will sich doch einmal sein Herz erleichtern. Wem soll ich denn sonst mein Leid klagen? Ich muss ja noch gute Miene dazu machen, eine Cigarre rauchen und ein Gläschen Schnaps in Gesellschaft trinken, sonst finde ich auch diesen Verdienst nicht." Wer kann und will diesem Manne helfen? Draußen auf dem großen Ringplatz finden wir in jedem Winkel eine jüdische Credit- oder Escompte- oder Handelsbank, aber die geben dem kleinen Kaufmann nur theueren Credit, während sie den billigen Credit der Oesterreichisch-ungarischen Bank, Landes-Hypothekenbank u. dgl. an sich ziehen. Die ganze galizische Kaufmannschaft geht einer schweren Katastrophe entgegen, weil der für sie bestimmte billige Credit von einigen Großcapitalisten aufgesaugt wird, die dann das Geld maßlos vertheuern, so dass die Zinsenlast den Kaufmann niederdrückt. Sache der maßgebenden Factoren wäre es schon längst gewesen, diesem Missbrauch von Staats- oder Landesinstituttonen ein Ende zu setzen. In der Nähe des Ringplatzes und der zahlreichen Geldbanken stehen vier hohe Mauern mit vier großen Kuppeln. Es ist Wochentag und doch rührt sich hier keine Hand, um den unfertigen Bau zu vollenden. Niemand wundert sich darüber, es sei denn der Fremde, der hier zum erstenmal einkehrt. Das ist der „T e m p e l". Mit 20.000 Gulden, die eine Losanleihe ergab, begann man vor Jahren den Bau; sein Umfang beweist, wo das Geld zu Ende gieng. Der Tempelbau trägt keine Zinsen und darum fanden sich dafür keine neuen Capitalien. Aber die reichen „Fortschrittler", die eine» eigenen Tempel brauchen, haben sich ohne Auslagen ein dauerndes Denkmal gesetzt. Wer die besitzlosen und besitzenden Classen Stanislan's genau studieren will, der besuche zwei Orte: die Stein'schen Häuser in der Bclvederegasse und die nackten vier Tempelmauern auf dem Ringplatz. In den nahen Geldtempeln mag er sich den Commentar holen. Dir Arbeiter im Iudenstaatr. Bon Oberingenieur Josef La». ES sei mir gestattet, die unter dem Schlagworte „TradeS Union" begonnene DiScussion über die Organisierung unserer industriellen Arbeiter behufs Gewinnung derselben für die ColonisaüonSidce unter diesem verständlicheren Titel fortzusetzen; vielleicht schreckt dieselben der fremde Name oder die ablehnend« Haltung der englischen TradeS Uniongegen socialistische Ideen von der directen Betheiligung an der DiScussion ab. Versuchen wir eS also mit der Auspflanzung der eigenen Fahne, wie wir eS bereits gethan haben, indem wir für die Society of Jews, wie sie im grundlegenden Werke Dr. Herzl'S in Aussicht ge- - nommen war, den „CongrefS" und für die Jewish Company die ' „jüdische Bank" substituiert haben. Vielleicht wird eS sich im Laufe der -Zeit alr Praktisch Herausstellen, auch für „CongresS" einen fasslicheren - Namen etwa „jüdischer BolkSrath" zu wählen, da thatsächlich der Begriff eines in Permanenz bestehenden CongreffeS Vielen unverständlich Man versuche eS, den Schekel für einen „jüdischen BolkSrath" zu ßfordern, vielleicht findet man mehr Verständnis dafür. § Zum Gegenstände selbst übergehend, muss ich mit Vergnügen bermerken, dass wir über die ferneren Absichten der Führung — wie gerne ^schriebe ich „unseres BolkSratheS" — durch die Veröffentlichung in Nr. 25 der „Welt" über die zu gründende „jüdische Bank" einige wichtige Aufkläm.ugcn erhielten. Wir wissen nun, dass der Colonist Anspruch auf Credit hat von dem Momente an, wo er mit dem Entlassungsschein seiner alten Heimat versehe», di« Reise nach Palästina antritt. Die Bank wird im eigenen ^Interesse, zur Schonung ihrer Mittel, trachten, die Reisespesen auf ein Minimum zu reducieren; sie wird also Separatzüge mieten, welche etwa 400 Auswanderer zum Militärtarife befördern werden, so dass z. B. di« 1300 lau. lange Streck« vom Centrum des Judenlander, Warschau, bis Triest kaum 8 st. per Person kosten würde. Dabei könnte mit Leichtigkeit für eine billig« und doch kräftige, natürlich koschere Verpflegung der Auswanderer gesorgt werden. Für die 2300 lau. lange -Seereise uach Jaffa reklamieren wir das im „Judenstaate" erwähnte Staatsschiff, das die Auswanderer in vier Tagen an's Ziel bringen kann. An gastlicher Aufnahme und Erholung wird es in Jaffa nicht fehlen. Soweit kann der Arbeiterfreund nach der jetzigen Sachlage beruhigt sein. Nun beginnt aber der Ernst der Sache: der Arbeit-Vertrag, welcher mit der Bank geschloffen werden soll. Gerade über diesen Punkt habe, ich im „Judenstaat", den ich thatsächlich — wie mir gerathen ward; —nochmals aufmerksam durchgesehen habe, keine befriedigende Aufklärungen gefunden. Die Bank soll die Arbeiter nicht bezahlen, sondern für ihre Bedürfniffe sorgen (S. 37). Dagegen muss ich leider bemerken, dass feine 10 geschulten Arbeiter auf eine solche Bedingung eingehen werden, auch wenn sie nur 7 Stunden arbeiten sollen. Bekanntlich kostet die Ernährung eines Soldaten in Deutschland 50 Pfg., das Kleidungs- und WohnuirgSbedürfniS im warmen Lande kann verschieden aufgefasSt werden, so dass unter Umständen ein Taglohn von etwa 1 Mark resultieren würde. DaS in Aussicht genommene Trucksystem wird sicherlich allgemeine Ablehnung finden, denn der Arbeiter ist misSttauisch und bei der Verausgabung seiner Arbeitsverdienstes will er ein Herr sein, wie jeder Käufer. Man wird also nicht umhin können, dem Arbeiter einen angemessenen Lohn zuzuführen, andererseits jedoch für ausreichende Approvisionicrung der Colonien zu sorgen, wobei die Verkaufspreise in ein richtiges Verhältnis zu den Gestehungskosten gebracht werden müssten. Diese gewiss abnormalen Zustände werden verschwinden, wenn die Bank Kr Gunsten der Einzel- oder Staatswirtschaft zurückgetreten sein wird, denn die Bank ist ein UebergangS-Jnstitut (E. 33) und wird hoffentlich «ine allzu lange Lebensdauer haben. Ein in Entwicklung begriffene- Dtäatswefeu, das nur die productive, nicht jedoch die speculaüve Arbeit fwotegieren soll, darf vor dem LandwirtschaftS- und Industriebetrieb in eigener Regie nicht zurückschrecken. In einer Zeit, wo daS mächtige Deutschland die Einführung der staatlichen Tabakfabrikatton mit allen Mitteln anstrebt und andere Staaten Monopole mit bestem Erfolge auSüben, kann auch ein junger Staat die Schaffung von Industrien in die Hand nehmen. Die frühere Ansicht, das» die Arbeit in StaatSregie theuerer ist, gilt heute nicht mehr. Alles, was ohne kostspielige Geräthe hergestillt werden kann, wird in Gemeinde- und Staatsverwaltungen in eigenem Bettiebe durchgeführt. So wie die befferen österreichischen Cigarren im Auslande guten Absatz finden, wird auch für palästinensische Staatsweine ein williger Markt gefunden werden. UeberdieS hat ein solider Staat den höchsten Credit auf dem Geldmärkte, er kann also seine Industrie am ehesten mit den nöthigen Betriebsmitteln ausstatten. Für den Arbeiter hat eS «inen großen Reiz, Bediensteter deS Staates werden zu können, und dieser bietet ihm auch mehr Garantie *) Gleichbedeutend mit „Luftmensch",