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Die Welt · 1897-12-10 · 28 (10.12.1897) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
28 (10.12.1897)
Article
Unter jüdischen Proletariern
Date
1897-12-10
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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91«: 28 Seite 5. Alle Tischlerja selbst Zimmermannsarbeiten hat er mit eigenen Händen verrichtet. Nur die Fußböden fehlen noch, denn seine Geldmittel sind zu Ende. Um sie aufzubringen, hat er während der hohen Feiertage in diesen engen Räumen ein kleines Bethaus arrangiert, bei dem er selbst der Vorbeter war. Diesem neuen Haus, in dem er ein ruhiges Alter zu verleben hofft, gehört all sein Sinnen und Denken. Mit gehobener Stimmung betrachtet er dieses Stück Erde und diese Wände, denn sie sind sein, sein. Und er erzählt von den schlaflosen Nächten, harten Entbehrungen und dem trockenen Stück Brot, das er aß, bis er etwas ersparte. Das Haus, das er sich jetzt errichtete, ist für ihn die ganze Welt. Nur wenn er sich im Gebete mit Gott zusammenfindet, reichen seine Gedanken weiter, höher. Bevor man der Fahrstraße entlang das Cottageviertel zu Ende Passiert, geht man an einem Häuschen vorüber, in dessen Fenstern ein bescheidener Luxusgegenstand ausfällt. Man sieht hier Spitzenvorhänge. Das Haus gehört dem jüdischen Briefträger Sp., der vor mehreren Wochen in der ganzen Stadt der Held des Tages war. Er hatte einem Bankhaus 16.000 Gulden auszuzahlen. Er übergab das Geld dem Cassier, der es zweimal abzählte und richtig fand. Nach Hause zurückgekehrt, fand Sp. jedoch bei der Schlussrechnung einen Ueberschuss von 800 Gulden. Dieser konnte von den sonstigen kleinen Postanweisungen nicht herstammen; es musste bei jenem großen Betrage ein Jnthum unterlaufen sein. Sofort begab sich der Briefträger ins Bankhaus, um die 800 Gulden dem Cassier einzuhändigen. Dieser refusierte; Sp. drängte ihm das Geld auf. Erst beim Cassaschluss zeigte sich der Abgang, für den sonst der Cassier aufkommen musste. Die Einwohner der „Neuen Welt" find seitdem auf ihren Nachbar stolz; einige meinten sogar, dass sich mancher reiche Jude diesen armen Briefträger zum Muster nehmen könnte. Die Proletarier-Elite, die in diesem Viertel wohnt, weil sie 100 oder 150 Gulden ihr eigen nennt, beginnt sich von dem unheimlichen Drucke der dumpfen Ghettogassen loszulösen. Hier empfängt sie in reichem Maße die freien Gaben der Natur, Luft und Licht, die in ihr das Gefühl der Menschenwürde aus dem Schlummer wecken. Und neben dem Greis, der sich wie eine Schnecke in sein Haus zurückzieht, weil althergebrachte Rechtsformen seinen Lebensinhalt bilden, sehen wir hier eine Generation, die in die neue Judengasse den Strom von Wellideen hinüberleitet. In der Nähe befindet sich eine große, nach allen modernen Erfordernissen eingerichtete Gerberei, wie deren Stanislau mehrere zählt. Die Arbeiter sind zumeist Juden. Nur die unskilleä ladoursrs, die bloß Handlanger- oder Trägerdienste leisten, und wenige von den qualificierten Arbeitern sind Christen. Es sind ihrer wohl an 30 Percent von den 250 in den Gerbereien Beschäftigten. Sie werden verwendet, da auch am Samstag das Laub in den Gruben gewechselt und die Häute gerührt werden müssen. Für die jüdischen Arbeiter dauert darum der Betrieb, da das Gesetz nur dort eine Außerachtlassung der Sonntagsruhe gestattet, wo bloß jüdische Arbeiter beschäftigt sind, fünf Tage. Aber sie ersetzen den fehlenden sechsten Tag durch zwei halbe Nachtschichten. Die Arbeit ist eine physisch schwere. In der Bleichgerberei, welche die Häute zuerst passieren müssen, machen die Kalk- und Pottasche-Ausdünstungen den Aufenthalt unerträglich. Hier verweileu die Arbeiter von 6 Uhr morgens bis 7 Uhr abends. Ihr Lohn beträgt Gulden 1 — 1.20 täglich, in der Zurichterei manchmal 8—9 Gulden, wenn sich der Arbeiter im Accordlohn gehörig anstrengt. Bis vor zwei Jahren dauerte die Arbeitszeit um eine Stunde länger und der Lohn war um 3 Percent niedriger. Damals haben sie im Wege des Strikes die gegenwärtigen Lohnbedingungcn durchgesetzt. Aus jener Zeit datieren auch die nahen Beziehungen der jüdischen Gerber zur Socialdcmokratie. Sie beruhen in erster Linie aus der Pflicht der Dankbarkeit. Die Gerber wurden von der socialistischen Partei unterstützt, indem deren Führer mit den Unternehmern unterhandelten und einen Ausgleich herbeiführten. Aber den meisten fehlt noch das Classenbewusstsein; den besten Beweis bildet der Mangel jeder Organisation. Ja selbst diejenigen, die sich Svcialdemokraten nennen, find sich über die Ziele dieser Partei nicht vollkommen klar. Für die meisten ist die Socialdemokratie nur eine Arbeiter-Wohlfahrtspartei. Ja, es gibt auch solche, die gleichzeitig Zionisten sind. In schlichter Art und mit kurzen Worten wusste ein Arbeiter, der bereits seit zwölf Jahren Zurichter ist, das Verhältnis zwischen Socialismus und Zionismus zu charakterisieren. Wahrscheinlich hat er sich seine Ueberzeugung so zurecht gelegt. Wir führten mit einander folgendes Gespräch: „Welcher Partei gehören Sie an?" — „Der socialdemokratischen. Ich möchte arbeiten, ich möchte sogar den ganzen Tag arbeiten, um nur für mich und meine Familie das Nothwendige zu erwerben." „Wie stellen Sie sich zum Zionismus?" — „Ob ich nach Palästina gehen würde? Sofort. Wir werden doch dort keinenAntisemitismus haben; dort werden wir ja untereinander sein." Sein Nachbar, auch ein Mann in mittleren Jahren, stimmte ihm bei. So denken viele „Erwachsene" — fügten sie hinzu. Und im Zusammenhänge damit erzählten sie, dass sie den jüdisch-socialistischen Bildungsverein „Brüderlichkeit" nicht besuchen, denn „dort kommen nur Bursche von 16 bis 17 Jahren hin, die am Samstag rauchen, und junge Mädchen". Sie aber seien doch verheiratete Männer. Auch die Kutscher lassen fick nicht organisieren. Es gibt in Stanislau 70 Einspänner und 40 Zweispänner, darunter kaum 12 Christen. Ihre Arbeits- und Lohnverhältnisse sind denen in Kolomea analog. Hie und da gibt es jüdische Handwerker, die ihr Gewerbe nährt, weil es nur wenige betreiben. Hicher gehören die Kesselschmiede und Messinggießer, die zumeist Juden sind. Bei den Kesselschmieden Alter K. und Ufcher M. war ich in den Werkstätten. Es sind große, breitschulterige Gestalten, und wenn auch durch das Alter gebeugt und mit Brillen vor den Augen — der eine zählt 62, der andere 69 Jahre — sind sie noch wacker bei der Arbeit. Jeder beschäftigt einen jüdischen Gesellen, und der Ertrag ihrer Arbeit schützt sie vor den schwersten Alltagssorgen. Wer kann das Gleiche von den Schustern, Schneidern, Tischlern u. dzl. behaupten, deren Entlohnung selbst die Theorie des eisernen Lohngesetzes zuschanden macht? Alles was ich bisher in Stanislau gesehen hatte, wurde noch überboten durch das schauerliche Jammerbild, das mir mein Begleiter in den Stein'schen Häusern enthüllte. Dieser Häusercomvlex in der Belvederegasse ist von den Aermsten der Proletarier bewohnt. Einzelne Häuser sind bereits ganz, andere zum Theile behördlich geschlossen; selbst dem nachsichtsvollen Magistrat schienen sie schon lebensgefährlich. Die Gefahr gegen die Gesundheit kommt hier gar nicht in Betracht. Hier befinden sich die Massenquartiere. Die einzelnen Zimmer, in die man aus schmalen, langen, in nasser Jahreszeit mit zollhohem Koth bedeckten Corridoren gelangt, sind von mehreren Familien bewohnt. Nur in den ganz kleinen Räumen wohnt je eine Familie, die aber auch oft aus acht oder zehn Köpfen besteht. Als wir hier erschienen, liefen die Leute, darunter viele erwachsene Mädchen und Bursche, aus ihren Wohnungen heraus, um uns anzugaffen und nach unserem Begehr zu fragen. Eigentlich wäre es an uns, die Frage zu stellen, warum sie mit ihren starken Armen hier hcrumlungcrn und keine Arbeit suchen. Beim ersten Anblick wäre man leicht geneigt, diese Leute für arbeitsscheu zu halten. Das thun auch unsere Feinde. Aber wer den industriearmen Charakter Galiziens kennt und die Nachlässigkeit, mit der das Curatorium der Baron Hirsch'schen Stiftung die landwirtschaftliche Erziehung der galizischen Juden behandelt, der wird nur an neue Arbeitsquellen denken, für die ein geeignetes Material bereit dasteht. Der Zufall lenkte unsere Schritte in das Stübchen eines Schneiders. Es stand darin ein Bett, eine Bank und ein Tisch und außerdem noch ein kleines Tischchen vor dem Fenster, an dem der Schneider gerade arbeitete. Es war die

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