Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 27 (3.12.1897)
- Article
- Ihnen allen in's Gesicht
- Date
- 1897-12-03
- Page
- 16 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 14 Nr 87. jetzt Redewertdungen und Beschimpfungen geläufig geworden, dik nirgends, außer im Parlament, cmgewcndet werden dürften. Die Immunität der Abgeordneten ist eine schöne Sache; — aber nur vor dem Eingreifen des Staatsanwaltes sollten Aussührungey des Volksvertreters geborgen sein, nicht vor dem ungeschriebenen Gesetz der Gesittung. Was man hier seit neuester Zeit sich allmählich einschleichen ließ, das ist ja die Immunität der Gemeinheit. (Murren. Rufe. „Sie beleidigen das Haus", „Zurücknehmen!") Wie?. Ein Centner Schmähungen gegen eine ganze Classe von Mitbürgern — ohne sachliche Begründung, nur als Ausdruck der Gehässigkeit vorgebrachte Schmähungen, sotten ungerügt bleiben — die ungeschminkte Bezeichnung thatsächlich im Häufe geübter Art hingegen soll strafbar sein, soll zurückgenommen werden? In meinen Notizen sehe ich unter anderen gleichwertigen Aussprüchen den Satz: „Die Juden leben ein halbmal länger, als die Menschen, und vermehren sich kaninchenartig". Ist diese Sprache etwa staatsmännisch, oder wissenschaftlich, oder vornehm in Ton und Gesinnung, oder nicht einfach -7ja sogar absichtlich — gemein? Solche Dinge widerlegen - oder mit gleicher Münze zurückzahlen? Nein, das kann man nicht. Widerlegt zu werden verdienen nur solche irrige Ansichten,; die der andere im guten Glauben vorbringt, dass sie WahrÄ! sagen; hier aber — immer als Parteitaktik — werden Sachen gesagt, von denen die Redner selber ganz gut wissen, dass sie der Wirklichkeit nicht entsprechen; ihr Motiv ist Zorn und Bos-; heit, ihr Zweck Verhetzung und Verletzung. Wieder ist es jener verhängnisvolle Denk- und Gefühlsfchler, „dass der Zweck die ' Mittel heilige", welcher die Leute, die glauben, dass die Judenschaft irgend welchen wirtschaftlichen oder religiösen Schaden! bringen könne — veranlasst, sich jedes Mittels zu be-! dienen, um den vermeintlichen Feind zu vernichten — das ist! Kriegsmoräl. Und die anderen, die nicht selber Antisemiten sind,! hören ruhig zu, und lassen die schlechten Mittel — nämlich die; wahrheitslosen Argumente und die Hassaufreizung — ruhig ge-! währen, weil auch sie einen Zweck haben, sei dies Stärkung der eigenen Partei, Vermeidung grober Angriffe, Bestrebung, es sich mit der populären Strömung, oder mit der Geistlichkeit, oder! mit den hohen Kreisen nicht zu verderben, kurz, irgend einen Zweck, dem zuliebe auch sie sich über die Schlechtigkeit ihres Mittels — nämlich das Mittel, bei solchen Anlässen zu schweigen — hinwegsetzen. Wenn ein Gregorig oder ein Schneider wirklich des mittelalterlich finsteren Glaubens lebt, dass der Jude kein Mensch, sondern ein verächtliches, aller Verbrechen fähiges, die christliche Gesellschaft „peinigendes", untermenschliches Geschöpf ist — nun, dann ist er durch die Aussprache dieses Glaubens wahrlich weniger tadelnswert, als derjenige, der ohne Vorurtheil ist, der selber viele Juden kennt, die er schätzt und achtet, der ihnen in deren eigenen Häusern die Hand schüttelt und hier in diesem „hohen Hause" sie ruhig verunglimpfen lässt. Würden Sie denn, meine Herren, ebenso ruhig Zusehen, wenn einer einem jüdischen Gelehrten, den Sie Hochhalten, das Haus anzündete, oder einer jüdischen Dame, die Sie verehren, einen Schlag ins Gesicht gäbe? Und sind das hier nicht gesprochene, stenographierte und in hundert Blättern gedruckte Brandfackeln und Ohrfeigen? Wie leicht könnte man hier jedes solche Wort durch kräftige Gegenworte, durch energische Ordnungsrufe paralysieren, während man es durch die Widerspruchslosigkeit gleichsam bestätigt. Was ist verdammenswerter — der unwissende Fanatismus der Brandstifter, oder das feige und thörichte Verhalten der Nichtlöscher? T hör ich t — ja; denn ungestraft kann man nicht in eine Institution die Giftstoffe der Bosheit und der Gemeinheit einsickern lassen. Der hier angeschlagene und geduldete Ton wird sich, wenn möglich, noch verschärfen, auf alle Verhandlungsgebiete übergehen und wird — wenn nicht rechtzeitig, sei es auf dem Wege der Geschäftsordnung oder durch die endlich erwachende allgemeine Empörung, ausgernerzt — der Tod des Parlamentarismus sein. Das Volk selber wird es nicht mehr dulden, dass die Ausschreitungen, die auf der Straße oder im Privathause unstatthaft sind, im Volksvertretungshause zur täglichen Uebung werden. Hemdärmel-Allüren mögen auf der Dorfkegelbahn noch hingehen — dort handelt sich's doch nur um gut ausgeholte Schübe — hier aber, wo es sich darum handelt, Gesetze und Einrichtungen zu schaffen, welche das Wohl und Wehe der Gesellschaft bestimmen, hier könnte man doch zum mindesten verlangen. dass wir unter Gentlemen seien. (Rufe: Oho!) Also nur das „Mensch-sein" darf man einigen hier ungerügt absprechen? Glauben Sie mir, ein untrügliches Kriterium über die Berechtigung einer These, über die Ersprießlichkeit einer vorgeschlagenen Maßregel bildet die Methode, mit welcher These und Maßregel vertheidigt werden, bildet der Hoch- oder Tiefstand Herausgeber: Ps«l Nafchsaer. Verantwortlicher Redacteur: Dr. Sr« der Geistes- und Herzensbildung ihrer Vertheidiger.. Nur das Edle fromm t,, mag auch das Unedle siegen. Sei die Gemeinheit nun wirklich in der Gesinnung des Anwalts enthalten, oder nur als derbe Waffe gebraucht — um die Sache ist es da jedenfalls schlecht bestellt. Die Natur hat uns Sinne gegeben, die durch das Schädliche beleidigt werden und auf diese Art uns warnen und schützen. Was hässlich, was rauh, was schneidend ist, was die ^)hren zerreißt, was übel siecht — das birgt irgend welche Gebrechen, Gefahren, Fäulnis und Schmutz ... Unsere Seelen sind auch mit solchen warnenden Sinnen ausgestattet: Was unästhetisch und unethisch ist, was moralisch verletzt und ekelt, was weh thut und weh thun wi ll, das ist sicher verwerflich und verderbendrohend. Der hat nicht die Wahrheit und das Heil für sich — mag er auch immerhm den Erfolg haben —, der für seine Zwecke, statt an die hohen, an die niederen Instinkte des Menschen appellieren muss, der, statt klare Erkenntnisse, gerades Rechtsgefühl, Helle Begeisterung, milde Liebe zu erwecken, sich bemüht, dem Aberglauben, der Lust an Vergewaltigung nnd Verfolgung zu fröhnen, den Neid aufzustacheln und den Hass. Vom Wehethun sprach ich vorhin — vom absichtlichen Wehethun. Das ist hier geschehen. Es wird in dieser Körperschaft, deren einzig vorschwebendes Ziel das Allgemein w ohl sün sollte, einem Theile der Bevölkerung, darunter auch hier Anwesenden, geflissentlich Schmerz zugefügt. Regt sich denn kein Mitgefühl? Meine Herren, in mir sehen Sie einen Mann, dessen Wahlspruch lautet: „Schach der Qual". Das Traurigste, das Hassenswerteste, was die Welt enthält, ist zugefügtes Leid, und davon sie zu befreien, erscheint mir als der Weg zum Heil. Nichts Gutes, nichts Nützliches kann aus absichtlich verhängtem Schmerz, aus angethaner Kränkung sprießen. Doch wenn die Vollbringer jener Kränkungen sich auch für Richter und Rächer und Retter ansgeben, oder sich dafür halten — was also noch eine Entschuldigung sein kann —, welche Entschuldigung haben die still Zusehenden, die doch wissen, dass die Gekränkten nichts verbrochen haben und nichts zu verbrechen drohen? Keine! Nicht einmal eine Erklärung finde ich dafür. Unverständlich bleibt es mir, dass hier, wo mit dem Gewicht von Worten Geschicke entschieden werden, man in eine Wagschale Worte sinken lässt, die das Gefühl so tief verleben müssen, ohne in die andere Wagschale das Gegengewicht entrüsteten Widerspruchs zu schleudern. Nun denn, so habe ich es jetzt ausgesprochen, dieses leidenschaftliche Gegenwert und will zunächst-" Präsident: „Herr Abgeordneter, Sie sprechen schon lange nicht mehr zur Sache; auch müssen Sie selber bemerken, dass Sie die Aufmerksamkeit des Hauses nicht mehr besitzen — ich sehe mich daher veranlasst — zu meinem Bedauern — Ihnen das Wort zn entziehen. Büchrrwrlk. Mutter Evitz. Drei Novellen von H. Jork-Steiner. Eine kleine Vorrede. In Prosa geschrieben, aber himmelweit von aller Prosa des Alltäglichen fern. Und am Schluffe dieser Vorrede der ganze Inhalt in einem Satze znsariimengesasst, der uns auch zugleich das Dichten und Trachten Jork-Steiners selbst zum Ausdruck bringt. Warum, schreibt er, warum schasst er, warum lebt er? „Du frägst warum? Auf dass die Liebe in die Welt komme. Diese Liebe, die alles heiligt."- Und darum erzählt er in den drei Novellen von Vater und Mutter. — Ein Hauch wehmüthiger Resignation liegt über diesen drei Erzählungen voll Innigkeit und Wahrheit. „Der Dorfpoet" heißt die erste Novelle. Ein Manu, der das bis zum Wahnsinn vergötterte Weib und sein Kind an ein skrupelloses Individuum verliert, weil er sein armes, bedrücktes nnd verachtetes Volk nicht verrathen will. In ihrer knappen, etwas abrupten Form ist diese Erzählung eine der tiefstgefühlten unter denen, die wir Steiner zu verdanken haben. Die zweite Novelle „D i e Aerztin" entbehrt nicht eines gewissen herben Zuges. Ein Stück Frauensrage spielt sich in dem tragischen Schicksal der Heldin ab. „Schlichtes Heldenlhum" nennt Uhland in einem seiner Gedichte ein solches Schicksal. Und die letzte Erzählung: „Nater äolorosa!" Eine jüdische Mutter, die ihr Kind elend sterben sieht, dem sie „ohne Klagen, ohne überflüssige Redensarten, mit selbstverständlicher Sicherheit ihre ganze Existenz geopfert hat". Ihr einziges Kind, das sich ihr und < seinem Volke entfremdet hat. Und die Mutter schützt noch ihr todtes Kind, beweist ihm tausendfache Liebe über das Grab hinaus — „d iese Liebe, die alles heiligt".-Was Jork-Steiner uns diesmal bittet, sg unmittelbar aus seinem Herzen bietet, das ist mehr als die würdige Fortsetzung seiner früheren Erzählungen. Hermann Bahr hat jüngst in seiner „Conförence" behauptet, dass heute bei uns jeder Autor für das Theater schreiben müsse, sonst komme er nicht auf. Kein Wunder, wenn keiner mehr Gedichte oder Novellen schreiben wolle. Für Jork- Steine,, gilt dies nicht. Er hat sich nicht beirren lasten — und er hat bewiesen, dass er damit Recht gethan hat. vr. 'iss. jmnn- V-ruer. Druck von Jacob Dur Wien. VIII., Laudongasse Nr. 57.