Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 27 (3.12.1897)
- Article
- Ihnen allen in's Gesicht
- Date
- 1897-12-03
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. »7. Seite 15. Juden angestellt werden, die solchen Umtrieben leichter als christliche Aerzte zugänglich sind. Die jüdischen Aerzte sollten womöglich verdrängt, und das christliche Volk vor den Praktiken der Juden und der Talmudmoral geschützt werden." Dr. Karl Lueger: „Man mag Antisemit sein oder nicht, so muss man zugebcn, dass der Jude als Arzt in einem Irren- Hause nicht verwendet werden kann. Daran kann kein gebildeter Mensch zweifeln. Dr. Weitlof ist auch Antisemit in seinem Innern, aber die alten Herren wollen sich mit den Juden halt nicht verfeinden." Pacher leugnete nicht, dass die Antisemiten auf Abänderung der Staatsgrundgesetze lossteuern und überzeugt sind, dass diese Aenderung eintreten werde. „Unsere Armee wird nicht schlechter werden, wenn wir alle Juden daraus verlieren. Jeder gebildete, denkende, praktische Mensch weiß, was der Jude ist. Seneka hat sie das verbrecherischeste Volk auf dem Erdboden genannt, das verächtlichste Volk. Ich bitte Sie, Voltaire zu Lesen . . ." Präsident fordert den Redner auf, bei der Sache zu bleiben. Pacher: „Das gehört ja zur Sache, und ist der Grund, warum man keine Juden anstellen kann. Voltaire hat gesagt, dass die Juden das verächtlichste Volk seien, das jemals die Erde besudelt hat." Schneider: „Professor Hyrtl hat gesagt, man müsste sür die Juden eine eigene Species schaffen, schon wegen ihrer eigenartigen Construction der Wirbelsäule. Schauen Sie sich nur einen Juden an. Er ist tatsächlich total verschieden von uns. Seine langen Arme, seine geschwungenen Beine und Plattfüße — wie der Kopf, wie die Augen sitzen ... cs ist ein totaler Unterschied ... ich gehe sogar so weit, dass bei chemischer Analyse zwischen Jud und Nichtjud ein anderes Spectrum herauskommen muss." (Schallendes Gelächter bei den Antisemiten). Präsident: „Sie entfernen sich vom Gegenstand der Debatte." Gregorig: „Es handelt sich um eine Rasse, die mit den übrigen menschlichen Rassen nichts gemein hat. Schon im Deuteronomium ist eine Stelle, worin es heißt: „Ich gebe dir ein furchtsames Herz und unstetes Auge. Wo du hingehst, wirst du vertrieben werden und nirgends wirst du Ruhe finden." Das ist doch der ewige Jude, wie er nicht besser geschildert werden kann." Pater Schnabel: „Bravo! Sehr gut." Schneider: „Man hat dem Juden die Freiheit gegeben — man kann sie ihm wieder nehmen, und man muss auch den Christen die Freiheit geben, sich ihre Peiniger vom Halse zu schaffen. Die Juden werden uns zu viel, wir können sie nicht mehr aushalten. Die Juden leben ein halbmal länger als die Menschen, und vermehren sich kaninchenartig." Schneider: „Wenn ein Jude einen Juden als Arzt haben will, so kann er sich meinetwegen von ihm vergiften lassen; je schneller, desto besser; aber Christen sollen sich von christlichen Äerzten behandeln lassen." Greg orig: „Schrecklich, wenn ein Christseine tote Frau von einem Juden muss beschauen lassen. Möge endlich auf die christliche Bevölkerung Rücksicht genommen werden, damit sie die Geduld nicht verliere und die Juden austreibe.-Ja, die Juden austreiben und alle Judengüter einziehen. Das möge recht bald geschehen. Das walte Gott!" Ich klappte mein Notizbuch zu und bat ums Wort. Würde ich denn reden können? Entrüstung ist ein Gemütszustand, der den Athen: verschlägt, die Gedanken untereinander- -agt, der die Stimme rauh macht und die Sätze zerhackt. „Abg. Prinz Roland hat das Wort", sagte der Vorsitzende. Ich stand auf — blieb aber noch einige Augenblicke stumm. Cs galt, heftige Ausrufungen zurückzudrängen, die ich gern ausgestoßen hätte, und ein paarmal schloß ich, mich in die Lippen eißend, den schon geöffneten Mund. Endlich, mit erzwungener baßerer Ruhe, aber innerlich bebend, fing ich zu sprechen an: „Nicht an jene, die wir eben gehört, will ich meine Gegenrede richten . . . Mein grollgefülltes, vorwurfsvolles Staunen sendet sich an die, die all das hier Gesagte angehört und dazu schweigen. Sie alle, die nicht so denken, wie die Vorredner vor allem die Betroffenen, es sind — neben „den Menschen" auch einige Juden in diesem Hause, und die anderen, deren Listiger Horizont über Rassenvorurtheile hinausreicht — Sie alle lassen solche Hassaufreizungen, solche Bedrohungen, solche Ungeheuerlichkeiten unwidersprochen in das Protokoll Ihrer Verhandlungen eintragen, unwiderlegt soll es in den morgigen Blättern in die Welt hinausdringen. Wenigstens soll dieses Schweigen nicht ungerügt bleiben, wenigstens soll es heißen, dass einer aufstand, der den Schweigern sagte: Was wir eben hören mussten, ist mitunter empörend — empörender aber ist d erreicht erhobene Pro lest. Auf der offenen Straße, meine Herren, in gesittetem Lande hat man Sicherheit. Geh* man da seines Weges, und irgend ein Grobian oder persönlicher Feind würde sich vor einen hinstellen und Injurien sagen und ausspucken, oder einen gar am Leben bedrohen, gleich wären, noch ehe man um Hilfe gerufen, die Passanten zur Stelle und würden den Bedrängten befreien, den Attentäter aber festnehmen . . . Hier jedoch in diesem Hause — in diesem „hohen" Hause — herrscht solche Sicherheit nicht. Hierher ist, wie es scheint, die Gesittung nicht gedrungen, welche einen Menschen unter Menschen gegen rohe Misshandlungen feit. Die Vorübergehenden — vielmehr die Nebensitzenden — schauen ruhig zu, wie ein paar Leute eine ganze Gruppe von gesetzlich gleichberechtigten Mitbürgern in ihrer Ehre kränken, in ihrem Besitz gefährden und an ihrem Leben bedrohen . . . niemand rührt sich. Denn die paar Leute nennen sich eine Partei, und ihr Parteiprogramm besteht ja eben aus diesem Jnjuriensport — und die hier herrschende Redefreiheit verbürgt ja jeder Partei das Recht, ihre Ziele zu verfechten. Die Frage wäre wohl statthaft, ob denn ein Programm, das nur aus dem Kriege gegen eine Bevölkerungsfraction besteht, überhaupt als ein politisches, als ein mögliches Programm hätte anerkannt werden sollen; — ob denn nicht das bürgerliche Gesetzbuch und der moralische Anstand die Schranken aufstellen müssten, wo eine Bestrebung aufhört, sich „Partei" nennen zu dürfen —, weil sie an Tollheit und an Verbrechen streift? Beschimpfung, Verhöhnung, Gewerbsentziehuug . . . Sie haben ja gehört, wie diese gewaltthätigen Dinge hier rheils geübt, theils empfohlen wurden — das soll ein politisches System sein? Das zu betreiben, soll als ein constitutionelles Recht gelten? Nun, denn, wenn das Anti-Gefühl — nämlich eine auf persönlicher Abneigung beruhende, jede Billigkeit von vornherein ablehnende Gesinnung zu Berfolgungs- und Ausrottungsmaßregeln berechtigen soll; wenn es als parlamentarisch und legislativ statthaft erscheint, ein solches Gefühl und eine solche Gesinnung zur Parteilosung und zur Dircctive der polnischen Action zu machen, dann könnte sich ja gleich die ganze Volksvertretung in lauter Antiparteien spalten — Antigutsbesitzer, Antikatholiken, Antislaven, Antideutsche, Anti-, warum nicht? Antirolhaarige — auch gegen diese Gattung hat man mitunter eine Art Idiosynkrasie—; und wenn sich nun alle diese Fractionen als Parteiverbände organisierten und jede von ihnen die von den Antisemiten gebrauchte Methode anwendeten, d. h. in allen Tonarten die Objecte ihres speciellen Antieifers der Aechtung und Ausrottung zu überliefern — das ergäbe dann einen gegenseitigen Vernichtungskrieg — eine Entvölkerung des Landes mittels allgemeiner Ausweisung — kurz, einen allerliebsten Erfolg des parlamcntarisch-constitutionellen Regimes. Doch da hat's keine Gefahr. Es wage hier einer zu sagen: „Alle Aristokraten sind Schufte", oder „Ziehen wir sämmtliche Kirchengüter ein" — sofort würde ihm das Wort entzogen, sofort würde die allgemeine Entrüstung gegen die Wiederholung ähnlicher Aufreizungen sich erheben. Denn die genannten Gruppen — Adel und Kirche — besitzen Macht und Ansehen, und nur gegen schwache Minderheiten kann in unserem Rechtsstaate Unrecht geübt werden. Die Betroffenen haben nicht die Kraft, sich selber zu wehren, und die anderen wollen nicht — durch Parteinahme für die Bedrängten — sich der Gefahr aussetzen, mit beschimpft zu werden. Uebrigens, dass sie Bedränger seien, das verhüllen die Antisemiten, indem sie sich als die Befreier des bedrängten christlichen Volkes ausgeben. Die „Peiniger", so drückte sich Abgeordneter Schneider aus, seien die Juden. Nicht nur Peiniger — Mörder sind sie. „Wenn ein Jude einen Juden als Arzt haben will, so mag er sich vergiften lassen" bemerkte der Herr Abgeordnete, „und je früher je lieber", fügte er humorvoll hinzu. — Kein Ordnungsruf strafte diese Worte, und wenn die Presse sie berichtet, so geschieht es in den „christlichen" Blättern mit Beifall und in den „judenliberalen" ohne Aufschrei der Entrüstung! Im bürgerlichen Leben kann es einem Menschen nicht geschehen, gleichviel, welchem Bekenntnisse oder welcher Nation er angehört, dass man ihn, ohne Beweise seiner Schuld, als Mörder anspreche; auch nicht, dass man ihm sage, er sei überhaupt kein Mensch. Aus jedem öffentlichen Locale, aus jedem Privathause würde einer, der sich so tödtlich beleidigender Sprache, so rohen Tones bediente, einfach hinausgeworfeu — nur hier in diesem Hause, wo das Gemeinwohl der Bevölkerung gefördert, wo neue, die Hebung der Cultur bezweckende Gesetze' geschaffen werden sollen, wo einst ein edlerer Ton herrschen musste, als überall anders — wie aus den Redensarten «unparlamentarischer Ausdruck", „parlamentarischer Anstand" hervorgeht —, nur hier sind