Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 27 (3.12.1897)
- Article
- Die Synagogenstraße in der Colonie Rischon-Lexion
- Date
- 1897-12-03
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 27. eine Schule, eine Apotheke, ein öffentliches Bad, eine Baumschule, eine Seidenspinnerei. Die Weinstöcke sind zumeist amerikanische Arten, die den Verheerungen der Philloxera nicht ausgesetzt sind und mit französischen Arten oculiert wurden. Die Weine Bordeaux, Malaga, Muscat Merlot, Verdat, Bourdales Souvignon, rc. finden ein reichliches Absatzgebiet in Egypten, Constantinopel, in den Städten Russlands. Alljährlich wird über 15.000 Hektoliter Wein gewonnen. Auch der Cognac von Rischon-Lezion erfreut sich eines guten Rufes. Die inneren Angelegenheiten der Colonie werden besorgt durch ein Comite von Ansiedlern, das durch einfache Majorität gewählt wird. Die Colonie wurde von Baron E. v. Rothschild in Paris reichlich unterstützt. Weltchronik. Rabbiner Dr. Rülf in Memel, unser verdienstvoller Gesinnungsgenosse, zieht sich nach 33jähriger Amtsthätigkeit in den wohlverdienten Ruhestand zurück. Er wird am 1. April 1898 seinen Posten verlassen und nach Bonn übersiedeln, wo er hoffentlich noch recht lange für die Sache unseres Volkes wirken wird. Die Baronin Hirsch spendete, wie aus Salonichi gemeldet wird, sämmtlichen bei den orientalischen Bahnen angestellten Arbeitern, welche länger als sieben Jahre dienen, einen vollen Jahresgehalt. Die Spende macht eine Million Francs aus. „Der wahre und falsche Messias". Ueber dieses Thema wird Rev. Dr. Gasterin London vier Vortrüge in der Synagoge der spanisch-portugiesischen Gemeinde halten. Der erste am 4'. December abzuhaltende, lautet: „Zur Entstehung des Messiasglanbens". Die „Jetvish Publication Society" von Amerika hat am 10. November 1895 einen Preis von 1000 Dollars für die beste Jugenderzählung ausgeschrieben. Am 1. März 1897 lief der Termin für die Bewerbung ab, die 27 Arbeiten ergab. Von denselben wurde jedoch keine preisgekrönt. Zwei jüdische Expeditionen haben sich, wie die „Chicago News" berichten, in P'eoria, Illinois, gebildet. Die eine begibt sich nach Palästina, die andere nach Klondyke. Der grosse Brand, der jüngst in der City von London wüthete, betraf hauptsächlich die Gegenden Jewin Crescent und Jewin Street. Die beiden Districte gehörten ehemals Jahrhunderte lang zum Londoner Ghetto wie auch die unfern gelegenen Old Jewry. Unter Hemrich dem II. erlangten die; Juden nach ungeheueren Bemühungen die Erlaubnis, dort eine Begräbnisstätte anzulegen. Dann kamen Judenhetzen und Judenplünderungen, und schließlich wurden die Juden ganz aus dem Lande vertrieben, bis Cromwell ihnen wieder die Erlaubnis zur Rückkehr gab. Lange gieng in der Stadt die Sage, sie hätten vorder Vertreibung auf dem Friedhofe in der Hoffnung auf die baldige Rückkehrihre kostbaren Schätze vergraben. Allein obwohl man dort im Lauf der Zeit viel gebaut und gegraben, war doch nie etwas gefunden worden. Die jüdische Fleischtaxe in Russland wird zu verschiedenen Verwaltungszwecken benützt. So dient sie in Kiew zur Erhaltung der Polizei (nach dem kaiserl. Erlass vom 10. April 1890); in Polonje wurden hievon 14.500 Rs. zur Reparierung einer Straße; in Beristar 13.900 Rs. zur Herstellung eines Gymnasialgebäudes, in Alezandrien werden 5.400 Rs.; in Elisabethgrad in Noromygrod in Dubussar in Ananjew in Novogeorgiewsk in Voßnessensk in Ostschakow 25.000 Rs.; 1.900 Rs.; 1.800 Rs.; 2.500 Rs.; 2.400 Rs.; 2.100 Rs.; 1.600 Rs.; zur Erhaltung der Gymnasien verwendet. Berdytschew musste von seiner Fleischtaxr 10.000 Rs. zur Herstellung eines neuen Stadtplanes hergeben Zür jüdischen Berufsstatiftik. Nach den amtlichen Berichten des Warschauer statistischen Amtes geht die Zahl der im Handel beschäftigten Juden zu Gunsten der christlichen Bevölkerung immer mehr zurück. So gab es im Jahre 1880 unter 1860 Kaufleuten erster Gilde 1200 Juden und 660 Christen, hingegen im Jahre 1897 finden wir unter 2908 Kaufleuten derselben Categorie 1529 Christen und 1379 Juden. Unter den Directoren, Gründern und Mitgliedern von Actiengesellschaften sind 80 Percent Christen. Die Juden stellen jedoch das Hauptcontigent der kleinen Krämer, von 26.000 entfallen auf sie 18.000 Die Raffeufrage. Der bekannte italienische Anthropologe, G. Sergi, sucht in einem jetzt erschienenen Buche „Ursprung und Verbreitung des mittelländrschen Stammes" auf Grund zahlreicher eingehender Schädeluntersuchungen nachzuweisen, dass die Hellenen und Jtaliker keine Arier, sondern Hamiten sind. Von Abessynien aus habe dieser mittelländische Stamm das alte Egypten, Lybien u. s. w. bevölkert; der östliche Zweig, die Hethäer, hätte sich über Kleinasien und Südrussland ausgedehnt, während die übrigen auf drei Wegen nach Europa geschifft wären, als Pelasger nach Griechenland, als Jtaliker und Ligurer nach Italien und der Schweiz, als Iberer nach Spanien, Westfrankreich und Brittanien. Die Arier als Kelten, Germanen und Slaven seien von Norden her in Griechenland und Italien eingedrungen und hätten von dort aus die mittelländische Sprache umgeformt. Die Teufelsinsel ist in letzter Zeit interessant geworden, denn diese paar Quadratmeilm steinigen Landes sind es, auf welchen der Capitän Dreyfus interniert ist. Die Teufelsinsel ist eine der drei kleinen Salutinseln, die an der Küste von Französisch- Guyana im Nordosten von Südamerika gegenüber von Cayenne liegen. Alle drei Inseln dienen zum Zwangsaufenthalte von Verbrechern, Aussätzigen und Verrückten. Die Ile äu äiadle war bisher für Aussätzige bestimmt. Dieselben wurden auf das Festland transportiert, als Dreyfus auf die Insel gebracht wurde. Die Inseln ragen mit steilen Wänden aus dem Meere und sind mit Ausnahme einer kleinen Stelle am Südrande der größten Insel, der Königsinsel, für Dampfer unzugänglich. Alle Schrecken der Gefangenhäuser und Galeeren sind ein wahres Kinderspiel gegen die Schrecknisse der Teufelsinsel. Ein felsiges, nur von Gerölle und Steinen bedecktes Eiland, auf welchem keine Pflanze, kein Baum gedeiht. Die Sonne brennt heiß auf den Boden, kein Schatten bietet sich den Menschen, der hier zu weilen gezwungen ist. Eine verfallene Hütte dient dem Deportierten zur Wohnung. Er sieht kein fremdes Gesicht, als das der Wächter, die ihm beigegeben sind. In dieser Einsamkeit ist Dreyfus, wie eine amtliche Note mittheilt, gealtert und verfallen. Die Haare sind beinahe weiß, er zeigt bei jeder Gelegenheit eine furchtsame und resignierte Folgsamkeit. Kaum öffnet er von Zeit zu Zeit ein Buch, alle seine Tage verbringt er im Winkel seiner Hütte, er geht selten aus, er raucht und scheint zu träumen, den Blick in Thränen gebadet, in einer stumpfsinnigen Haltung. Einmal im Monat darf der Excapitän an seine Familie schreiben und einmal im Monat darf er Nachricht von ihr erhalten. Es ist dem Verurtheilten verboten, über etwas anderes, als über seine persönlichen Verhältnisse Hu schreiben, auch dürfen Mittheilungen anderer Art in den an ihn gerichteten Briefen nicht enthalten sein. Nichts ist unterlassen, um den Verurtheilten von der Außenwelt abzuschließen. Heinrich Heine. Wie Obersthofmeister Graf Bellegarde in einer Zuschrift an den Privatdocenten der Universität Zürich Dr. Louis Betz mittheilt, hat die Kaiserin Elisabeth dessen Buch „Heinrich Heine in Frankreich" unter dem Ausdrucke ihres besonderen Dankes zur Einreihung in ihrePrivatbibliothek bestimmt.— „Das Heinegrab auf dem Montmartre" betitelt sich ein soeben im Verlage von H. Barsdorf m Leipzig erschienenes Schrfftchen. A. v. d. Lind stellt darin die Artikel zusammen, die zur Bildung des Heinegraifonds geführt haben. Der bekannte deutsche Geologe Oskar Fraas ist gestorben. Er hat sich besonders um die geologische Kenntnis von Palästina, Aegypten und Syrien verdient gemacht. Als Resultat einer längeren Orientreise, die der Gelehrte zur Erforschung der biblischen Gefilde unternahm, erschienen die Werke „Geologische Beobachtungen am Nil, auf der Sinaihalbinsel und in Syrien" (1865), „Geologische Beobachtungen am Libanon" (1878), „Das rothe Meer" (1867), „Drei Monate am Libanon" (1876). Durch seine Studien brachte Fraas in viele geschichtliche, zweifelhafte Einzelfragen Licht. Aus dem „gemiethlichen" Sachsenlande. Am 23. November hielt die antisemitische, deutsch-sociale Reformpartei in Leipzig eine Versammlung ab, in der constatiert wurde, dass sich das nationale Bewusstsein und dsuüt auch der Antisemitismus beträchtlich gesteigert habe, wie das Entstehen vieler neuer Bereinigungen, des „deutsch-nationalen Handlungsgehilfenvereines", des „deutschen Bundes", des „alldeutschen Verbandes" rc. beweise. Ein Herr Götz kritisierte scharf den zu Gunsten der schlesischen Ueberschwemmten unter dem Protectorate der deutschen Kaiserin veranstalteten Bazar, weil jüdische Damen daran betheiligt gewesen seien. Nach Ansicht des Redners wird der idealste Zweck „geschändet", wenn er iu die Hand von Juden fällt.