Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 27 (3.12.1897)
- Article
- Der Justizirrthum Dreyfus
- Date
- 1897-12-03
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. ZltHM? Seit« 7. von unvergleichlicher tragischer Schönheit. Aber gerade diese mehr als gewöhnliche Seite war nach dem Geschmacke eines Volkes, das nach vulgären Trauerspielen gierig ist. Was ist Wahres an diesen Geschichten, in welchen verschleierte Damen Rollen spielen? Die Journalisten beginnen nämlich nicht blos eine, sondern mehrere verschleierte Damen zu entdecken. Es ist unleugbar, dass Damen im Leben von Walsin- Esterhazy eine bedeutende Rolle spielen. Es sind allerdings Frauen, die für gewöhnlich durchaus nicht die Gewohnheit haben, sich zu verschleiern. Wie dem auch sei, der General-Untersuchungsrichter ließ soeben eine Hausdurchsuchung beim Obersten Picquart vornehmen, und zwar in seiner Abwesenheit. Das ist vollkommen gegen das Gesetz und von einer Art, die der „Figaro" höflicherweise als unerklärlich bezeichnet. Uebrigens zeigt der Besuch, den der Oberst vom Generalstab, Paufin de St. Morel, Rochefort abstatten zu musscn glaubte, um ihn für die Vertheidigung des Majors Walsin- Esterhazy zu gewinnen, genügend, wie die Stimmung gewisser militärischer Kreise gegen den Obersten Picquart beschaffen ist. Wenn auch der Oberst de St. Morel 30 Tage Arrest dafür erhielt, so versichert man doch, dass dieser Schritt über Anstiften des Chefs des Generalstabes, des Generals de Boisdeffre, erfolgt sei. Man ist auch der Ueberzeugung, dass die illegale Hausdurchsuchung bei dem Obersten Picquart nur de» Zweck hatte, ihn einzuschüchtern, um ihn zum Schweigen zu veranlassen. Man erzählt aber auch, dass Oberst Picquart zu dem Commandanten des „Rhone", auf dem er sich nach Marseille einschiffte, die folgende Aeußerung gethan habe: „Wenn man mich zu sehr reizt, so wird man sich dann ordentlich unterhalten!" Oberst Picquart wird nach seiner Ankunft in Paris mit Walsin-Esterhazy confrontiert werden. Alle Journale, denen es um die Wahrheit und Gerechtigkeit zu thun ist, beschwören den Obersten, die ganze Wahrheit ohne Rückhalt zu sagen. Es scheint, dass seine Aussage ebenso niederschmetternd wie unwiderleglich sein wird. Wenn man von der Affaire Dreyfus spricht, wäre es ungerecht, nicht auch ein Lob für den Capitain F or z inetti zu finden, den Commandanten des Gefängnisses du Cherche-Midi. Sein wahrhaft chevaleresques Benehmen contrastiert aufs schärfste mit der Feigheit, welche selbst viele Juden in dieser Angelegenheit bewiesen. Gibt es doch Juden, die geradezu empört darüber sind, dass die Affaire Dreyfus wieder vor die Oeffentlichkeit gebracht wurde. Müssen wir da nicht umsomehr diesen Franzosen bewundern, der während dreier Jahre auf die Gefahr hin, seine Stellung einzubüßen, keine Gelegenheit vorübergehen ließ, seine Meinung von der Unschuld des Capitains Dreyfus laut zu erklären? Er ist soeben seines Amtes enthoben worden. Seine Person wird dadurch nur umso sympathischer. Er ist neben Scheurer- Kestner, Monod, Bernard Lazare einer „dieser herrlichen Menschen des ergreifenden Dramas", von denen Emile Zola in seinem Artikel über Scheurer-Kestner gesprochen hat. ä.. I,. Die Juden in Westphalen. Von Fübiits Schach. Den antizionistischen Kämpfern ist eine neue Hilfe erstanden: Das Land der rothen Erde, das heilige Westphalen. Die westphälischen Juden, das ist nämlich eine ganz besondere Species, fast ebenso berühmt wie der westphälische Schinken. Wer daran zweifelt, dass diese Leute Germanen jüdischen Glaubens sind, der ist ein Ketzer. Ja, „jüdischen Glaubens" ist eigentlich auch schon zuviel gesagt, es sollte richtig heißen: westphälischen Glaubens. Denn diese Herren haben sich ein ganz originelles Judenthum von Dr. Vogelstein aus Stettin construieren lassen. Die westphälischen Gemeinden haben nämlich den Zionismus gewissermaßen vor seiner Geburt bekämpft. Sie haben schon vor drei Jahren sich ein neues Gebetbuch fabricieren lasten, aus dem Zion, Jerusalem und die Hoffnung des jüdischen Volkes verbannt wurden. Herr Dr. Vogelstein brachte dieses Kunststück fertig und er schnitt mit der Scheere ein Gebetbuch zusammen, in dem man die ursprünglichen Gebete kaum noch erkennt. Es galt hauptsächlich zu bekunden, dass die westphälischen Juden nationaler und germanischer als die westphälischen Katholiken und Protestanten sind, denn die letzteren erwähnen in ihren Gebeten gar häufig Zion und Jerusalem. Ganz das nationale Moment auszumerzen gieng aber beim besten Willen nicht, und so musste die deutsche Uebersetzung sehr frei ausfallen. Wer wird sich von dem hebräschen Text in seinen hohen Ideen stören lasten in einem Lande, wo das Hebräische ungefähr so geläufig ist wie das Chinesische? Man kennt ja die geistreichen Interpretationen unserer Sophisten im Ornat. Natürlich kann Jesaias unter Zion nur die Freiheit, unter Jerusalem den Frieden und unter Bolkserlösung die Bekämpfung des Aberglaubens, die Culturwission gemeint haben. Dieser Jesaias wird doch kein Nationaljude gewesen sein! Und wir beten selbstredend auch nur um diese höchsten idealen Güter für uns und die ganze Menschheit. Die hebräischen Worte klingen allerdings oft sehr verdächtig, so, so .. . gar nicht westphäli'sch, so urjüdisch, aber der liebe Gott versteht uns schon, er weiß ja. dass es nicht so gemeint ist. Das westphälische Zion ist Dortmund, wo sich die Juden einer solchen Freiheit erfreuen, dass sie sogar — Schweinemetzger sein dürfen. Also, die westphälischen Juden sind keine Semiten, das bitte ich genau zu merken. Sie können ja nicht dafür, dass ihre Urahnen einst in Palästina gelebt haben. Sie sind unverfälschte, waschechte Deutsche. Freilich, dass sie es so oft betonen, das macht die Sache verdächtig. Sehe ich jemand auf der Straße gehen, und wenn sein Gang auch nicht so flott ist, so glaube ich, dass er gesunde Beine hat. Wenn mir aber einer entgegenschreit: „Ich habe kein krankes Bein, ich humple nur aus Vergnügen!" dann sehe ich mir dieses Bein etwas genauer an. Ich gestehe, wäre ich ein Arier, dieser Assimilationseifer würde mich stutzig machen. Ich würde mir sagen, diese Westphalen jüdischen Glaubens sind doch komische Geschöpfe. Gewiss, sie sind brave Leute, gute deutsche Bürger, wenn auch Haar und Nase nicht westphälisch geartet sind, aber — wozu das immer betonen? Das muss doch einen Grund haben! Allein, sie behaupten, dass sie außer der Religion nichts mit der alten Judenheit gemein haben, und sie müssen es doch wissen. Wie gesagt, sie bekämpften den Zionismus bevor sie ihn noch kannten. Nun ist der Zionismus trotz des Bogelstein'schen Gebetbuches und trotz aller Festessen des hohen westphälischen Gemeindebundes doch zur Welt gekommen. Man schrie ihn für todtgeboren aus, aber seine gewaltige Stimme übertönte all' diese Reden mit dem Rufe „Ich lebe!" und er wurde zu einer Macht in Israel. Da galt es, dieses Enfant terrible, das alles beim richtigen Namen nennt und all' die heiligen Regeln des modernen Ghettogeistes ignoriert, um jeden Preis zu vernichten. Denn dieser Zionismus kann gefährlich werden, er kann noch verrathen, dass man an sein theures Westphalenthum selbst nicht recht glaubt. Im Vertrauen gesagt, so ganz messianisch-friedlich sieht es in Westphalen eigentlich nicht aus, und von der Liebe der verehrten Mitbürger nichtjüdischen Glaubens merkt man verflucht wenig. Man munkelt sogar, dass niemand gesellschaftlich mit Juden verkehren will, und dass jüdische Mitglieder sich veranlasst sahen, aus Geselligkeitsvereinen, denen sie seit Decennien angehörten, auszutreten. Nun ja, das mag wohl sein, aber in jüdischen Vereinen wenigstens darf man doch die Genugthuung haben, sich als unverfälschter Germane zu legitimieren, und wenn diese indiskreten Zioniflen ironisch darüber lachen, dann. . . könnte man aus der Haut fahren. Also, diese gefährliche Bewegung muss bekämpft werden Aber wie? Das schreckliche Ding hat ein zähes Leben, und die Proteste aller Hoch- und Ehrwürden haben es nur gestärkt, die gepfefferten Predigten haben ihm nur neue Anhänger zugeführt. Und siehe da, das rettende Mittel ist gefunden worden. Bei jeder Generalversammlung der Gemeinden werden sehr schwungvolle Reden gehalten, und in jeder Rede wird der Zionismus siebenmal gründlich abgeschlachtet. Das muss helfen. So eine pathetische Rede nach dem dritten Gange eines edlen Diners mit einem Glase Rüdesheirner in der Hand wirkt gewaltig. Diesesmal war Herr Dr. Mannsbach der auserkorene Zionistmtödter. Er hielt auf dem letzten Gemeindelag in Münster eine Tischrede, die eigentlich die Grabrede des Ziomsmus sein sollte. Die „Kölnische Zeitung" und die ganze liberale Presse verkündeten diese große That der ganzen Welt, dass nämlich der Herr Prediger Mannsbach gegen den Zionismus ist. Was nun? Da ist nichts mehr zu machen, dahat eben der Zionismus keine Existenzberechtigung mehr. Ja, diese Westphalen sind starke Naturen, und sie gehen nur mit Radikalmitteln vor. Aber, wenn der Zionismus dennoch nicht todt wäre, was dann, Herr Mannsbach? Da wäre wieder eine schöne Rede umsonst gehalten worden. Und ich fürchte, es ist so. Ja, die Welt geht aus den Fugen, denn wir haben in Westphalen selbst Zivilisten. Auf dem Congresse in Basel waren nur wenige deutsche Studenten vertreten, ich glaube nur zwei, und davon war einer aus Westphalen. In der Kölner Bereinigung ist ein Westphale ein hervorragend thätiges Mitglied, ja in Dortmund ist unter der Jngend eine starke zionistische Strömung, und wir hoffen