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Die Welt · 1897-12-03 · 27 (3.12.1897) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
27 (3.12.1897)
Article
Der Justizirrthum Dreyfus
Date
1897-12-03
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Gerte S. Antisemitismus" hat sich doch gewiss als treuer Freund bewährt! Man muss den Mann loben, der die Eigenschaft der Treue besitzt. Wir würden also gewiss ignobel handeln, wenn wir unserem Feinde nicht auch Gerechtigkeit widerfahren ließen. Nun denn, Drumont lässt seinen Freund sich vertheidigen und bequemt sich sogar zu dessen Vertheidigung durch seine eigene Feder. Ein wenig matt allerdings ist diese Vertheidigung. Wenn man die Artikel Drumonts liest, möchte man fast sagen, er habe Furcht, sich allzutief in die Sache verwickeln zu lassen; es scheint, dass er die Ereignisse abwarten wolle. Aber schließlich und endlich steht sein Journal doch den anonymen Artikeln Walsin-Esterhazys offen. Es war nämlich vor seiner Nennung durch den Bruder von Dreyfus, dass „Dixi" a1ia8 Walsin- Esterhazy den Borsprung zu gewinnen trachtete. Durch eine kleine oder vielleicht auch große Anstrengung seiner Einbildungskraft machte er nämlich eine Entdeckung. Sie ist zwar nicht sehr originell, aber, mein Gott, ein solch trauriger Held wie der unserige ist doch nicht verpflichtet, auch noch originell zu sein. Er erklärte nämlich anfangs in seinem Artikel, Dreyfus habe nie aufgehört, heimlich mit dem Auslande zu correspondieren. Es ist ganz nutzlos, darüber ein Wort zu verlieren, was für Blödheit eine solche Behauptung bei den Lesern voraussetzt, denen man sie auftischt. Aber wahrscheinlich kennt die „Libre Parole" ihre Leser und weiß, was man ihnen bieten darf.? Der gewisse Artikelschreiber erklärt betreffs der Angelegenheit Dreyfus wciters, es sei im letzten Moment noch der Familie Dreyfus und seinen Vertheidigern der Vorgang enthüllt worden, dessen sich der Verräther bei seiner Correspondenz mit dem Auslande bedient hätte. Er ahmte die Schrift eines Officiers nach, den er persönlich gar nicht kannte. Jetzt sei es den unermüdlichen Anstrengungen des Syndicats Dreyfus — „Ihr wisst doch, meine lieben Leser, dass es wirklich ein solches Dreyfus-Syndicat gibt!" — gelungen, den Officier zu finden, dessen Schrift sich „der abscheuliche Verräther" bedient habe. Diese Schrift zeige auch das berüchtigte Bordereau der Anklage. Und es sei gerade dieser unglückliche Officier, der durch einen Zufall ausfindig gemacht worden sei, den sich die „Dreyfus-Bcmde" als Sündenbock ausgewählt habe, um auf ihn die Schuld des „jüdischen Berräthers" zu überwälzen. Ist es Esterhazy selbst, der diesen Schwindel erfunden hat, oder ist es eine von den „verschleierten Damen", die ihm denselben suggeriert hat — wir werden es wahrscheinlich in kurzem bereits wissen. Diese ganze Geschichte ist augenblicklich nicht so wichtig. Wichtig ist die Existenz dieser verschleierten Damen. Es ist so, wie ein englischer Journalist jüngst gesagt hat: „Die Affaire Dreyfus wird ein wahrer realistischer Roman." Und hat es nicht Emile Zola soeben erst im „Figaro" geschrieben, dass „angesichts dieser Entwicklungen von förmlich tragischer Schönheit, die das Leben uns vorführe, das Herz des Romanschriftstellers in leidenschaftlicher Bewunderung klopfe?" Der Artikel des „Dixi" war also eine Antwort oder beanspruche wenigstens eine Antwort auf die Enthüllungen des „Figaro" zu sein, die zweifellos von Scheurer-Kestner herrühren. Dieser Kampf aber gegen Anonyme, wo man auf ein „ich sah" antwortete: „ich sagte", was heißen sollte, ich habe die Absicht, mich durch Worte zu vertheidigen, seien es welche immer, dieser Kampf mit maskiertem Gesichte musste einen beunruhigenden Charakter annehmen in Anbetracht dessen, dass der Verdacht auf ganz Unschuldige fallen konnte. Und in der That begann man bereits mit umso unentschuldbarerem Leichtsinn, weil es bei einer sonst sehr maßvollen Zeitung der „Liberte" vorkam, den Namen eines ehrenhaften Officiers, des Herrn Denis de Rougemont, zu nennen. Deshalb musste man die Maske abwerfen und dem Verbrecher, der es noch wagte, das Haupt zu erheben, offen den Krieg erklären. Das that Mathieu Dreyfus mit Zustimmung des Herrn Demang:, des Vertheidigers des Berurtheilten. Der Brief, durch den Mathieu Dreyfus gegen Walsin-Esterhazy die Anzeige machte, hatte geradezu die Wirkung eines Theatercoups. Nun stand die Regierung vor einer formellen Anklage. Was blieb ihr anders zu thun übrig, als eine Untersuchung zu eröffnen? Mit der Anzeige Mathieu Dreyfus fällt der Zeit nach auch der Brief Scheurer-Kestners an einen seiner Freunde und Senatscollegen zusammen. Man machte Scheurer-Kestner sein Schweigen gar sehr zum Vorwurf. Warum schweigt er? Warum sagt er das nicht, was er über die Sache weiß. Daraus schloffen die Feinde des Capitains Dreyfus auf den völligen Mangel an Documenten und an materiellen Beweisstücken zu Gunsten des Deportierten von der Teufelsinsel. „Herr Scheurer-Kestner ist nicht zu bewegen, sein Portefeuille zu öffnen — denn sein Dossier enthält nichts!" Und um dies so recht zu betonen, wiederholte man dreimal dieses „nichts". Alle die boirlangistischen und antisemitischen Journale und jene, welche einen Delegierten des angeblichen Syndicats Dreyfus erwarteten — sie werden auch weiter auf diese mythische Person eines noch mythischeren Syndicats zu warten haben — sie alle schrien fort und fort im Chor: „Nichts, nichts, nichts!" Scheurer-Kestner aber erklärte plötzlich in seinem Briefe, er habe nur deswegen Schweigen bewahrt, weil der Kriegsminister ihn darum gebeten habe, indem er ihm eine Frist von 14 Tagen setzte. Dieser Brief war ein Schlag direct ins Gesicht des Kriegsministers. Die Kammer konnte nunmehr nicht länger indifferent bleiben. Man richtete an das Ministerium eine Anfrage. Der Kriegsminister beantwortete sie durch eine zweideutige und sehr wirre Erklärung. Aus dieser Erklärung aber entwickelte sich eine sehr wichtige Thatsache. Während früher die officiösen und officiellen Kundgebungen der Regierung immer betonten, Dreyfus sei nach Gesetz und Recht verurlheilt worden, wagte es der Kriegsminister angesichts der Briese Scheurer-Kestners nicht mehr, von der Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit der Verurteilung Dreyfus zu sprechen. Daraufhin zeigten sich die wildesten Wuthausbrüche im Lager Esterhazys, während die Vertheidiger des unglücklichen Capitains sich für befriedigt erklärten. So wurde also neuerlich eine Untersuchung eröffnet. Das war es aber, was Scheurer-Kestner von allem Anfange au vom Kriegsminister verlangt hatte. Seit zehn Tagen wird nun diese Untersuchung vom General Pelreux geführt. Es ist früher noch nicht erwähnt worden, dass Walsin- Esterhazy den Obersten Picquart, den früheren Chef des Bureaus im Generalstabe, anklagte, weil Picquart angeblich gegen ihn ein Complot angezettelt habe. Oberst Picquart wurde im letzten Sommer strafweise nach Tunis versetzt, weil er es gewagt hatte, seiner Meinung von der Unschuld des Capitains Dreyfus Ausdruck zu geben. Der Oberst war seinerzeit in seiner Stellung als Chef des Bureaus des Generalstabes mit Nachforschungen über den Major Walsin-Esterhazy beauftragt gewesen. Diese Nachforschungen brachten eines Tages zahlreiche Briefe von Walsin-Esterhazy in seinen Besitz. Er war geradezu niedergeschmettert durch die erschreckende Ähnlichkeit der Schrift Walsin-Esterhazys mit den Schriftzügen des dem Capitain Dreyfus zugeschriebenen Bordereaus. Der Oberst wendete sich an seinen Vorgesetzten, den General G o n s e, und trug ihm folgendes vor: Entweder ist Dreyfus einzig und allein auf Grund des Bordereaus verurteilt worden, dann ist es nicht er, der hätte verurtheilt werden müssen, sondern Esterhazy, dessen Schrift keine Abweichung von der des Bordereaus zeigt; oder Dreyfus ist auf Grund einer geheimen Mittheilung an das Kriegsgericht, die in Abwesenheit des Angeklagten und seines Vertheidigers vorgebracht wurde, verurtheilt worden, dann ist das Verfahren ungesetzlich. In beiden Fällen ist die Revision des Processes nicht zu umgehen." Das war allerdings eine tadellose Logik. Zum Dank für die Formulierung dieses Entweder-Oder siel Picquart »n Ungnade und wurde nach Afrika geschickt. Der General Gonse sagte selbst eines Tages zum Obersten: „Was geht Sie die Affaire Dreyfus eigentlich an? Schwelgen Sie doch!" Worauf der tapfere Officier antwortete: „Seien Sie überzeugt, dass ich das Geheimnis, das über dieser Angelegenheit liegt, nicht mit in mein Grab nehmen werde." Das ist es eben. Der Oberst Picquart kennt das Räthsel dieser ganzen dunkeln Machenschaften, welche die Affaire Dreyfus bilden. Nachdem er formell von Mathieu Dreyfus angeklagt worden war, schob Esterhazy die ganze Anklage auf Picquart. Nach Esterhazy habe sich der Oberst dem Syndicat Dreyfus verkauft und habe ihm die geheimen Schriftstücke geliefert, die in seinem Besitze waren, als er Chef des Bureaus im Generalstab gewesen. Zur selben Zeit, als er Picquart beschuldigte, übergab Esterhazy dem Kriegsminister die Photographie eines Schriftstückes, das derart sein sollte, um die unumstößliche Schuld des Capitains Dreyfus zu beweisen. Woher erhielt er dieses Stück? Da kommen wir in ein Romancapitel der Gattung hinein, wie sie Ponson de Teraille zu schreiben pflegte. Eine verschleierte Dame hätte Esterhazy hinter der Kirche äu Haers-Ooeur von Montmartre ein Rendezvous gegeben, behaupten die Einen, die Anderen wieder, das Rendezvous hätte hinter der Brücke Alexander III. stattgefunden, die für die Ausstellung von 1900 eben errichtet wird. Das war einmal so recht nach dem Geschmacke des Boulevards sowohl, als auch des Faubourgs. Von da ab wurde ihnen die Sache erst recht interessant und schrecklich nervenkitzelnd. In Wahrheit war es eine ordinär abgefasste Seite in einem Buche

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