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Die Welt · 1897-12-03 · 27 (3.12.1897) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
27 (3.12.1897)
Article
Die guten Europäer
Date
1897-12-03
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. L7. Seite 3. Europas*) erfolgen. Dann erst wird das Meer der europäischen Cultur überallhin so hohe Wogen schlagen, dass auch das schwächste Talent, welches im allerengsten Winkel lebt, hoch emporgetragen wird und einen freien Weltblick gewinnt. Immer deutlicher zeigen sich auch schon die ersten Ansätze zu dieser neuen Entwicklung. Die reinen Socialrcformer ohne abstracte Dogmen gewinnen langsam, aber stetig an Terrain. Als das jüngste Zeugnis dieser geheimen Evolution erscheint der große Aufschwung der zionistischen Bewegung in den letzten Jahren. Der Nachwuchs wenigstens, zu dem auch ich und meine Freunde gehören, nimmt den Zionismus vor allem in seiner culturellen Bedeutung und sucht ihn in den Entwicklungsgang der Zeit organisch einzustellen. Ganz aufrichtig will ich hier aussprechen, dass diese Ueberzeugung, dadurch die Gcsauimtcultur zu fördern, mich viel entschiedener zum Anschluss an die Bewegung bestimmt hat, als Leiden und Empfindlichkeiten, die ich als Jude durchzumachen hatte und die, bei den Verhältnissen in Norddeutschland, gar nicht sonderlich groß gewesen sind. Ich weiß jetzt, dass das Nationaljudeiithum und ein kleines jüdisches Gemeinwesen in Palästina nur dazu dienen können, den Zusammenschluss Europas zu beschleunigen — und das ist das höchste aller Ideale, die ich kenne. Ich weiß, dass gerade die Judenfrage, wie sie bisher behandelt wurde, Sprengstoffe in alle Lager rüg und die Entwicklung hemmte und fälschte. Und ich weiß endlich, dass die Rückkehr zum alten Stamm, die Pflege von tiefgehenden, nationalen Scelcncigenschaften mich ebensowenig zu hindern braucht, ein guter Europäer zu sein, wie irgend einen Jungwicner die Liebe zu seiner Vaterstadt. Sie aber, meine Herren Modernen und Intimen, die Zie dem Rococo-Goethe unterthänige Reverenz erweisen, Sie brauchen sich, wofern etwelche Juden unter Ihnen sind, vor eer zionistischen Bewegung durchaus nicht zu fürchten, da diese Ihnen nicht schaden wird — gar nicht. Wohl aber nützen, unendlich nützen, indem sie die Entwicklung zum guten Euroväerthum beschleunigt und also dazu mithilft, Sie, meine Herren, aus der süßen Rococoschnörkelei, die dem gesunden Menschen betäubend auf die Nerven fällt, herauszureißen und zu den großen, stolzen Linien einer echten Renaissance emporzuragen. Eine Luxuslit.'ratur für Feinschmecker, die nicht zugleich mit einem elementaren, großen Griff das Leben packt, hat keine Existenzberechtigung, gar keine! — — Die Woche. Wien, 2. December 1897. Unter brausendem Jubel ist der Graf Badcni gefallen. Der Commandostab entglitt seiner Hand, die man einst die iserne geheißen hat, gerade in dem Augenblick, in welchem > ic Leute zu glauben anfiengen, dass diese Hand wirklich von iscn sei. Ministerpräsidenten pflegen sonst geräuschloser zu i ürzen. Sonst haben sie die Abgänge kleiner Schauspieler, e c gelegentlich von der Scene verschwinden, ohne Zischen rid Applaus, indessen die große Comödic ihren Fortgang nimmt. Man merkt es kaum, dass sie weg sind, nur dass h e und da bei einigen besonders Strebsamen eine schüchterne iuaque sich zu regen versucht. Auf irgend ein Stichwort i >d sie erschienen, haben irgend etwas agiert, ohne die große Menge zu erschüttern, sind dann wieder verschwunden, sodass! an oft nicht einmal zu erkennen vermochte, ob sie Talent i saßen oder nicht. Der Graf Badcni hat von seinem ersten Auftreten an interessiert/ wiederholt ist er bei offener Scene von Applaus und von Zischen unterbrochen worden, und seinen Abgang l sn der öffentlichen Bühne begleitete ein Ausbruch donnernder reude, wie er vielleicht seit Mctternich nicht erklungen ist. Will man von der Wirkung, die dieser Mann erzielt hat, H Für mich bedeutet das Wort Europa nicht einen geographischen, ändern Culturgattungsbegriff. Ein europäischer Staat in diesem Sinne l mnte auch in Asien liegen. auf seine Eigenschaften schließen, dann gibt es nur zwei Dinge: Er war entweder von einer noch nicht dagewesenen revoltierenden Unfähigkeit oder ein hervorragendes Talent. Eigentlich aber ist es ein müßiges Beginnen, jetzt noch darüber zu grübeln. Gras Badcni ist gestürzt, und wir haben nicht den wohlfeilen Elan, auf einen Gefallenen loszuhauen. Auch ist es jetzt noch nicht möglich, zu erkennen, ob er nicht von seinen Freunden falsch berathen und von seinen Gegnern missverstanden wurde. Dergleichen ist in Oesterreich schon manchmal vorgekommen. Man erfährt es in der Regel zwanzig Jahre später. Die Spuren, die der hinwegdemonstrierte Ministerpräsident zurückgelassen, sind doch eigenthümlich. Die Politik in Oesterreich war träge und behäbig geworden, ehe der Graf Badcni kam. Das politische Leben sank in lässig geführten Kämpfen, in schläfrigen Tumulten immer mehr in der allgemeinen Theilnahme. Man gieng mit stumpfen Waffen gemächlich auseinander los, aber es hat sich Niemand ernstlich aufgeregt. Der Graf Badcni brachte die Politik der Temperamente auf. Mit ihm zog die Politik der starken Erregungen ein, der tiefn Erbitterungen. Er hat die Leute aufgerüttelt, die Theilnahmslosen zur Politik gezwungen. Man muss sage«, er hat eine lebendige Regie geführt. Schläfrige Scheingefechte gab es unter ihm nicht, und was die Mcininger dem deutschen Theater gewesen, das wurde er der österreichischen Politik. Es war alles echt — man lernte die wirklichen Tumulte wieder kennen, die wirklichen heißen Flammen des Hasses, und die stumpfen, gemüthlichen Waffen wurden wieder scharf geschliffen. * * * Graf Badcni ist über einige eclatante Ungesetzlichkeiten zu Fall gekommen. Er musste vor dem eisten Ansturm der allgemeinen Entrüstung weichen. Und als es auf den Straßen bekannt wurde, dass er demissioniert habe, da verstummten die Excesse, die Husaren rückten in die Kaserne ab, die Wachleute versorgten den gezückten Säbel, und die Leute verliefen sich und stellten Lichter in die Fenster, zum Zeichen, dass sie nun wieder als friedliche Unterthanen in ihre Wohnungen zurückgekehrt seien. Von dieser Beleuchtung aber fällt kein Schimmer in die Zukunft und sagt uns, ob nun wirklich alles wieder gut ist. Alles ist so ernst und so compliciert geblieben, wie es war, nur die Geschehnisse der letzten Tage werden Folgen haben. Denn diese Geschehnisse werden es bewirken, dass man von nun ab die Politik bei uns anders betreiben wird, als bisher. Die Leute haben eine neue Art gelernt, die Massen zu bewegen, eine lebendigere, „natnrwahrere", eine echtere — die Meiningcrei in der Politik wird Schule machen. -x Es war wohl nicht gerade das, was er zustande bringen wollte, aber er hat es zustande gebracht. Seine heftigsten Gegner sind ihm zum größten Danke verpflichtet. Wir betrachteten und betrachten diesen ganzen Conflict ohne die Leidenschaft, iu die manche — sich hineinreden. Wir standen und stehen auch dem Grafen Badcni vollkommen fern. Aber wir können den Eindruck nicht los werden, dass er mit gutem Willen kam und Ordnung machen wollte, obwohl oder weil er die Verhältnisse nicht kannte. Er wollte nicht „fortwursteln", das war sozusagen seine tragische Schuld. Da verstand Graf Taaffe sein Oesterreich besser. Badcni wollte die Deutschen und die Czcchen befriedige». Das geht nicht. Taaffe wollte weder die Deutschen, noch die Czechen befriedigen. Das geht. Und wenn dieser Staatsmann nicht gestorben wäre, so lebte er noch heute — das heißt, er käme wieder an's Ruder. Den Juden war Graf Badcni kein Feind, obwohl er Dr. Lueger unter dem Druck der Verhältnisse als Bürgermeister bestätigte. Die Zustände der Juden in Oesterreich haben sich unter dem Grafen Badcni nicht wesentlich verschlimmert. Es kam sogar infolge seiner Politik eine

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