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Die Welt · 1897-12-03 · 27 (3.12.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
27 (3.12.1897)
Article
Die guten Europäer
Date
1897-12-03
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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»rite Nr. «!. deutschland verschlagen sah. Endlich erhielt ich die ersehnten Hefte und überließ mich mit Heißhunger der ersehnten Lecture. Mein erster Eindruck war: „Jawohl, gut europäisch." Mein zweiter aber: „In Eurem Lager ist Oesterreichund endlich: „Wienerthum, ganz Wienerthum." Damals fiel mir die letzte Binde von den Augen, und ich blickte verträumt und berauscht in die Zukunft hinaus, und so etwas wie die Ahnung unendlicher Entwicklungen dämmerte vor mir auf. Damals erst machte ich gründlich Kehrbesen mit dem alten Wahn, dass Nationalitätsbewusstsein und Demokratie, Heimatsgesühl und gutes Europäerthum sich ausschließen müsSten. Nein, so ist es nicht, so nicht, — nein und dreimal nein! Soviel wenigstens war mir damals klar: Mau kann ein guter Vaterländler und zugleich ein guter Europäer sein. Jetzt aber sage ich: Wer das eine ist, der muss zugleich das andere sein. Ein ganz Großer, ein überragender Genius kann vielleicht von dieser Regel ausgenommen werden, ganz und gar nicht aber der Durchschnittsmensch. Wenn sich ein solcher in den Kopf setzen sollte, nur Europäer, nichts als Europäer zu sein, so würde ich ihm rathen, Weinreisender einer Weltfirma oder schauspielerischer Virtuose zu werden. Heute müsste er in Berlin sein, morgen in Paris, und dann über den Canal dampfen, um in London seinen Kunden oder dem kunstverständigen Publicum die Taschen zu leeren. Hat er aber gar das Weltmeer überschritten und schwelgt er in den unsagbaren Genüssen der guten Stadt New-Aork, dann trifft plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, eine Depesche ein, die ihn nach Rom beruft, wo er im Colosseum den Lear spielen oder der verrotteten italienischen Weinzucht wieder aufhelfen soll. Gewiss, dieser Glückliche wird nachgerade ein Europäer, ob aber ein guter — timt is tüe gusstion. Jedenfalls muss die Mehrzahl der heutigen Culturmenschheit anderen, mehr sesshaflcn Berufen nachgehen, und es kann schon passieren, dass der eine oder andere die modernen Culturcentren gar nicht zu Gesicht bekommt. Er wird mit Naturnothwendigkeit dem besonderen Einflüsse des Landes oder der Stadt unterliegen, in welcher er gerade lebt. Wenn er überhaupt etwas Gründliches und Dauerndes schaffen will, so muss er eben so lange in einem bestimmten Orte und Lande leben und wirken, als er noch nicht Genie, Weinreisender oder Virtuose ist. Wenn er trotzdem zugleich guter Europäer sein soll, so muss eben auch schon seine engere Heimat von einer ganzen Fülle europäischer Anregungen durchdrungen sein, die sich mit der localen Atmosphäre innig verschmelzen. Als Beispiel möchte ich wieder die Wiener Wochenschrift „Die Zeit" heranziehen. Diese Zeitschrift bekennt sich zu einem radical-demokratischen Programm in der Politik, zu einem durchaus modernen, sogar modernsten Geschmack in der Literatur — also zu dem entschiedensten Europäerthum, das man sich denken kann. Und doch, wenn sich diese Zeitschrift nicht auch eingehend und intim mit der inneröstcrreichischen Politik, mit den Nationen und Natiönchen des Kaiserstaates beschäftigen wollte — wäre sie möglich? Wenn sie neben ganz modernen Dichtern aus der Fremde nicht auch die Literatur des jungen Wien pflegen würde — wäre sie möglich? Nein, sie wäre nicht möglich oder würde nicht den geringsten Einfluss auf das Geistesleben von heute ausüben. Das Europäerthum ist eben nicht ein beliebiges Abstractum, welches irgendwo in der Luft schwebt, und wir sind nicht vor ein plumpes Entweder-Oder gestellt, sondern verpflichten uns nur, aus den Lebensformen der engeren Heimat solche zu wählen, welche mit dem allgemein giltigen modernen Geschmack in keinem zu schroffen Widerspruch stehen. Anders geht es wirklich nicht, und immer, wenn die Nivellierungswalze über die Länder rollte, erfolgte, trotz äußerlich glänzender Erfolge, die Katastrophe oder innerliche Erstarrung. Es ist dann wie mit einer Sprache, der nicht mehr der Jungbrunnen der Dialecte zu Gebote steht, die nicht mehr vom Leben, sondern vom Salon und von der Akademie gemacht wird. Frankreich ist bekanntlich der Salon von Europa, und es versorgt uns jahraus, jahrein mit neuen Damenhüten und neuen Schlagworten in Literatur und Kunst. Trotzdem haben die Franzosen noch keinen Wcltdichter von wahrhaft universaler Bedeutung hervorgcb.acht: Keinen Shakespeare, wie die Engländer, keinen Goethe, wie die Deutschen, keinen Dante, wie die Italiener. Napoleons Weltreich gieng vor her Zeit zugmnde, weil er den nationalen und localen Eigenthümlichkeiten der ihm unterworfenen Völker nicht genügend Rechnung trug, und das große Römerreich wäre nicht innerlich abgestorben, wenn es verstanden hätte, die Kräfte der ihm einverleibten Nationen zu entwickeln, statt sie zu unterdrücken und zu vernichten. Eins gehört zum Andern und das ökonomische Sprichwort: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Thalers nicht werth, lässt sich auch auf die Politik übertragen: Wer Provinzen und Nationen nicht ehrt, ist des Weltreiches nicht wert. Vorläufig freilich nimmt noch der Wahn, dass Nationalismus und Europäerthum Gegensätze wären, die besten Köpfe gefangen. Das ist eine Folge der napoleonischcn Weltherrschaft zu Anfang des Jahrhunderts, die alles nivellieren wollte und naturgemäß die nationale Reaction herausrief. Später benutzten dann noch die conscrvativen Regierungen national-chauvinistische Tendenzen, um den verhasstcn Liberalen den Garaus zu machen. Die Folge war, dass jener künstliche Gegensatz den Anschein einer Realität gewann und dadurch das Unwirkliche, die klingende Phrase in Politik, in Literatur und Kunst obenauf kam. Gegenwärtig freilich besinnt man sich wieder auf das Besondere und Persönliche, und gerade die guten Europäer unter den modernen Literaten zeigen sich erfüllt von der Erkenntnis, dass das Kleine und das Große, das Besondere und Las Allgemeine sich keineswegs ausschließen, söndern gegenseitig bedingen. Dafür sind sie auch mit Haut und Haar gleich dem entgegengesetzten Extrem verfallen — sie wollen nur noch intime Kunst geben und noch eine locale, eine Winkeleckenkunst ohne Horizonte und ohne Gedanken. Freilich kann sich ein echter Künstler — und das sind die Modernen fast alle! — der Ideen doch nicht ganz entschlagen. Aber er bemüht sich, sie in einer so impressionistischen Form, wie nur möglich, zu geben — er entkleidet sie nicht der momentanen Stimmung, der zeitlich-persönlichen Laune, um sie zu krystallklaren, ewigen Formen abzuklären. Wenigstens bis vor ganz kurzer Zeit war es so, während gegenwärtig die Rückkehr zu Goethe gepredigt wird. Nur leider zum behaglichen, zum intimen Goethe, nicht zu Goethe, dem Titanen, der den „Werther" und „Faust" schuf und den Gesichts- und Gefühlskreis der europäischen Menschheit unendlich erweiterte. Uebcrhaupt das Intime, das Feine, das Innige, daneben noch das Locale, Jungwienerische u. s, w. m s. w. — darüber kommen die Jungen und Jüngsten noch immer nicht hinaus. Sie geben ihr Bestes in kleinen Novellen, aphoristischen Skizzen, in Apercus und Essays, deren Form locker genug ist. Das einzige größere Werk dieser Richtung, das einen wirklich durchschlagenden Einfluss auf das Leben der Zeit genommen hat, Hauptmanns „Weber", bringen bezeichnender Weise — eine Revolution im Winkel. Hauptmann strebte nach höheren Zielen und schuf den „Florian Geher", der ihm nicht ganz gelang. Seither aber ist er leider in das Lager der Intimen und neumodischen Anhänger des Rococo-Goethe hinübergegangen — siehe „Die versunkene Glocke". Nein, um solche Resultate zu erreichen, dazu hätte es keiner literarischcn Revolution bedurft! Doch, zum Glück, wir sind ja erst im ersten Stadium. Die moderne Literatur wird ganz gewiss noch zu sehr viel größeren Aufgaben heranreifen, wenn der Zwiespalt zwischen Heimatsgefühl und Europäerthum, zwischen den Dialccten und der Schriftsprache endgiltig beseitigt ist. Ich habe nun einmal die Ahnung, dass erst eine immense politische Vorarbeit gethan werden muss, bevor der von uns allen sehnlichst erwartete Dichter ersten Ranges erscheint. Die Socialdemokraten mussten zu Socialreformern in großem Styl geworden sein; die Nationen mussten gelernt haben, ihren wechselseitigen Besitzstand zu respektieren, ihre Eigenthümlichkeiten intensiv zu pflegen und ihre geistigen Werte gegeneinander auszutauschen. Und endlich, als Letztes und Höchstes, müsste in irgend einer Form der politische Zusammenschluss

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