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Die Welt · 1897-11-26 · 26 (26.11.1897) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
26 (26.11.1897)
Article
Unter jüdischen Proletariern
Date
1897-11-26
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Veit« 8. AryWe 9h. 26, der fleißig an einer Weste arbeitet. In dem Raume steht ein Bett, eine Bank und beim Fenster ein kleines Tischchen. Mehr findet hier keinen Platz. Der Schneider, ein kleines, verwachsenes Männchen im Alter von 26 Jahren, näht bloß Westen. Für eine Weste bekommt er 15 Kreuzer Arbeitslohn. „Wie viel Westen machen Sie denn täglich fertig?" frage ich ihn. „Wenn ich zwei herstelle, bin ich froh," war seine Antwort. Davon zahlt er einen Jahreszins von 30 Gulden und erhält seine Mutter, mit der er hier zusammenwohnt. „Verdient denn die Mutter gar nichts?" — „Wie selten! Sie handelt mit „Ofes"?) Manchmal verdient sie 25 oder 30 Kreuzer, oft auch gar nichts." Die alte Frau steht schon zeitlich früh auf, geht in die benachbarten Ortschaften, wo sie den Baucrnweibern ihr Geflügel abkauft, das sie in den Häusern zum Kaufe anbietet. Je nach dem Bedarf und der Freigebigkeit der Kundschaften richtet sich dann ihr Verdienst. Nun aber wäre noch ihr einziger Wunsch, dass ihr Sohn heiratet, damit doch ein weibliches Wesen zu Hause Ordnung halte. „Aber wie kann ich denn mit 30 Kreuzern täglich heiraten?" sagt das Schnciderlein mit bitterem Lächeln. „Ja, wenn ich wenigstens 5 oder auch nur 4 Gulden die Woche verdienen könnte!" Sein Nachbar der Lastträger Nahum Sandler ist bescheidener. Er verdient nur 2—3 Gulden wöchentlich und hat doch schon Weib und Kind. Ein Zweites kommt nach. Wenn man einen hölzernen Riegel bei Seite schiebt, ist man im Zimmer. Es ist groß, reinlich, aber niedrig und feucht. Die Frau ist trotz ihrer Jugend ganz gebrochen, und fuhr bei. unserem Eintritt erschrocken auf, da sie gerade (es war am Donnerstag) ein Stückchen Gans für Sabbath nach ritueller Vorschrift einsalzte. Im Gespräche erklärt sie, ihre Lage mit Ergebenheit zu ertragen, denn man dürfe nicht murren. „Was Gott gibt, ist gut. Man kann sich doch mit Gott nicht herumschlageu." Nur in einem Falle sah ich statt der dumpfen Resignation . eine muthigc Auflehnung gegen das Schicksal, einen wirtschaftlichen Kampf wahrhaft prometheischcr Art, um den Mangel an Productionsmitteln durch die physische Kraft zu ersetzen. Ucbcr eine schmale und steile Treppe gelangt man zu einem Batimmachcr.^So werden die Erzeuger von Gehäusen für Tcfillin") genannt. Es gibt ihrer in ganz Galizien nur drei. Die W.rkstätte des Stanislaucr befindet sich in einem kleinen Dachstübchen, wo Vater und Sohn arbeiten. Kein Fremder darf diesen Raum betreten. Das Fell, das lediglich die Kalkgerberci passiert, wird hier getrocknet und dann in verschiedenen Handmaschinen durch Wochen gepresst, bis es die Cylinderform erhält. Successive werden allwöchentlich kaum zwei bis drei Paar fertig; der Verdienst ist demnach trotz des Monopols ein sehr geringer. An Aufträgen fehlt es hier, selbst vom Auslande, nicht, wohl aber an Erzeugnissen. Die Maschinen, die hier verwendet werden, sind primitivster Art, denn es fehlt den Leuten an Capital. Und so sinnt das Familienhaupt fortwährend darüber nach, wie er seine „Maschinen" verbessern könnte, um die Händekraft besser auszunutzen und die Gehäuse in kürzerer Zeit fertigzustellen. Capital, für dieses Gewerbe verwendet, könnte Hunderten Brot schaffen; ohne dasselbe kämpft ein Proletarier mühsam um seine Existenz. Kein Gleichnis kann die „Uebermacht des jüdischen Capitalismus" so trefflich illustrieren, wie das Kämmerlein des Batimmachers mit den unbeholfenen Handpressen, wo ein Massenartikel für Millionen ebenso hergestellt wird wie vor dreihundert Jahren, weil Erzeuger und Consumenten zumeist jüdische Proletarier sind. (Schluss folgt.) Zur Frage der Trades-Unions. (Von Eugen Guilarow London.) Mit Vergnügen mache ich von der Gelegenheit Gebrauch, zu der in Ihrem Blatte, von Herrn Leo Rafaels ventilierten Frage der Trades-Unions Stellung zu nehmen. Das Erscheinen dieses Artikels in Ihrem Blatte hat mich sehr erfreut, denn ich bin überzeugt, dass eine so offene und rückhalt-lose Besprechung dieser wichtigen Frage in einem anderen jüdischen Organe nicht möglich gewesen Ware. Dies beweist mir, dass die zionistische Bewegung sich nicht mit Allgemeinheiten begnügt, sondern, dass sie in ernster Weife die gegenwärtige Lage der jüdischen Arbeiter in den verschiedensten Gegenden ihrer Betrachtung' unterzieht. Gestatten Sie mir zu bemerken, dass ich sozusagen ein . „Rekrut" in der Bewegung bin, nachdem ich bereit- Socialdemokrat ‘ und leidenschaftlicher Trades-Unionist gewesen bin und in dieser Eigenschaft in London mehrere jüdische Trades-Unions gegründet habe, in deren Diensten ich auch als Secretär stand. Sie werden mir zustimmen, wenn ich sage, dass ich die Frage der Trades-Unions vielleicht nicht nach allen Seiten hin kenne, aber ich kenne wenigstens etwas davon. Ich möchte noch bemerken, dass ich weder ein österreichischer noch ein russischer Jude bin und dass ich deren ökonomische Lage gar nicht kenne. Nun zur Sache selbst: Ist es für die Zionisten unbedingt nothwendig, unter den jüdischen Arbeitern Trades-Unions zu. gründen? Nach langen Erwägungen erkläre ich entschieden: Nein! ' Es wäre et« undankbares Unternehmen, ohne irgend eine materielle Aussicht für die zionistische Bewegung. England ist bekanntlich die Urstätte des Trades-Unionismus und nach einer Existenz von hundert Jahren was finden wir? Dass der Trades-Unionismus, der nach dem Gesetz von 1672 gesetzlich anerkannt ist, nicht diejenigen Fragen lösen kann, die die Trades-Unions nothwendig gemacht hatten. Von welchem Gestchts- 7 punkte Sie immer den TradeS-UnioniSmus betrachten, so werden Sie zur Einsicht gelangen, dass er seine Mission verfehlt hat. Die Socialj demokraten betrachten den Trades-Unionismus als einen natürlichen $ Ausläufer des sogenannten Classenkampses, denn in dieser Annahme ^drückt sich ja auch die ganze Structur des Socialismns aus. i Der Trades-Unions-Congress, der alljährlich statrfindet, hat die i Ambition ca. eine Million engltscher Arbeiter zu repäsentiren. Ich will es hier nicht erst betonen, dass die verschiedenen Verbände, die den Congress bilden, bezüglich vieler Fragen verschiedener Ansicht sind, wie ' zum Beispiel in den Fragen der Kinderarbeit und des Achtstundentages. Aber was ich betonen will, ist, dass trotz der mächtigen Organisation mit einem Resevefonds von über 500.000 Pf. St. die Verbände unterliegen müssen, wenn sie einem Strike im großen Maßstabe gegenüber stehen. Ich will nur eia Beispiel anführen: Der gegenwärtige Strike der Eisen-und Metallarbeiter, die einen der verbreitetsten ■ ttttb reichsten Verbände in England bilden, ist meines Erachtens rettungslos verloren, trotz der großen Anstrengungen der Presse und der verschiedensten Beiträge, welche nicht nur von Verbänden und : Privaten in England, sondern auch am Continente, ja selbst in Australien und Afrika gespendet werden. Wenn von der Million organisierter Arbeiter, die der Congress zu repräsentiren vorgiebt, jeder auch nur 3 Pence die Woche subscribierte, so würde das eine respektable Summe von 12.500 Pf. St. "wöchentlich geben, und wenn wir hiezu noch die andern 8000 Pf. St! hinzufügen würden, so könnten die Arbeiter aushalten. - Allein, dem ist nicht so. Wenn wir die Jahresstrtistik der Strikes Wnau durchsetzen, so finden wir, dass circa 70 Percent derselben -mißlungen, nur 20 Percent zum Theil und kaum 10 Percent vollständig gelungen sind. Und das sind die so sehr angerühmten englischen Trades-Unions. Was wollen wir dann von den jüdischen Unions ,erwarten? Das erste Mißlingen irgend eines Unternehmens würde 'den Zionismus für Jahre hinaus schädigen.! In Amerika verhält es sich ähnlich. Die Unions vermehren sich hier wie die Pilze. Aber bei der ersten Berührung mit dem organistrten Capital gehen sie zugrunde. Die Trades-UnionS sind eine englische Specialität. Am Continente jedoch sind sie eine fremde Pflanze, die sich nicht aklimalisieren wird. Wenn jedoch etwas von den Zionisten unternommen werden fofj damit es sowohl von einem moralischen als finanziellen Erfolge begleitet werde, so wäre es die Gründung und Organisation von Cooperativ-Gesellschaften. Wenn wir die Trades-Unions und die Cooperativ-Gesellschaften Englands vergleichen, so müssen wir den letzteren sowohl bezüglich der Mitgliederanzahl als auch des Capitalden Vorzug geben. Wenn der Trades-UmonS-Congrefs den Anspruch erhebt, eine Million englischer Arbeiter zu repräsentiren, so repräsentirt der jährliche Congress der Eooperativ - Gesellschaften über zweieinhalb Millionen und ein Capital von über 80 Millionen Pf. St. Ihr Umsatz ist enorm und ebenso ihr Profit. Nach dieser Richtung sollten die Zionisten ihre Versuche unternehmen. Ich bin überzeugt, dass wenn derartige Gesellschaften begründet und gut geleitet werden, so würden sie dem Executivcomite viele tausende Pfund zuführen, und wir würden dann nicht mehr an unsere reichen Juden zu appellieren brauchen. Verzeihen Sie, dass ich soviel Raum in Anspruch nehme, aber 'ich möchte jeden denkenden Juden und insbesondere meine zionistischen ' Gesinnungsgenossen in der ganzen Welt an regen, darüber nachzudenken, ob eS nicht möglich wäre, durch Gründung von Cooperativ-Gellschaften unter den jüdischen Arbeitern dieselben für ihr zukünftiges Werk im Lande unserer Väter zu organisiren und sic dadurch vom Elend und von der Sklaverei zu befreien. •) Geflügel. •) Gebetriemen.

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