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Die Welt · 1897-11-26 · 26 (26.11.1897) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
26 (26.11.1897)
Article
Unter jüdischen Proletariern
Date
1897-11-26
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 26. Sette 7. Unter jüdischen Proletariern.*) Von Dr. S. R. K««da». H Skanislau. ^Nachdruck verboten.! Eine aufblühende Stadt. Neben der Landeshauptstadt Lemberg und der Jagellonenresidenz Krakau die dritte in Galizien. Breite Straßen, monumentale Staatsbauten, moderne Zinskasernen und wenn es Nacht wird, Licht, recht viel Licht, eine helle, großstädtische Beleuchtung. Sie lockt nicht bloß die Nachtfalter, sondern auch die armen Juden herbei. Hieher lenkt sich der immer stärker werdende jüdische Auswanderungsstrom. aus den kleinen Städten und Dörfern, denn hier erwarten sie Arbeit und Verdienst. Hier gibt es ja auch reiche Juden und viel Capital, das in den 17 „jüdischen Banken" aufgespeichcrt liegt. Aber was sie erreichen, ist gewöhnlich» dass es nur immer enger wird in den knappen Räumen, die für die Armut übrig sind, und dass sie das Angebot an Kräften erhöhen, für die es keine Nachfrage gibt. Dann möchten sie noch weiter fort, wenn sie nur könnten ... Abseits von der breiten Heeresstraße, hinter den größeren Bauten verschämt gelegen, findet man die Wohnstätten der Armen. Es sind ganze Complexe von hölzernen Häuschen in der Halicka-, Zarwanska-, Belvedergasse u. s. f., sehr verschieden an Aussehen, innerem Zustand, Anzahl und Größe der bewohnten Räumlichkeiten. Biele von ihnen sind baufällig und die meisten sollen geräumt werden. Die jüdischen Referenten im Gemeinderathe ziehen jedoch die Berichterstattung hinaus. Soviel lhun sie schon für ihre Glaubensgenossen; man hat ja auch ein Herz. Sie geben ihnen vom Cultussäckel nebstdem noch 1—5 Gulden per Familie auf Ostern. Bei der letzten Betheilung haben sich 1200 Familien mit über 6000 Köpfen darum beworben. Das sind die Bettelarmen; sie bilden fast 50 Percent der jüdischen Bevölkerung. Bon den übrigen haben nach der Schätzung eines jüdischen Schuldirectors bis 25 Percent ein Einkommen unter 600 Gulden jährlich. Was in jenen Wohnungen sofort auffällt, ist, dass die Kinder den ganzen Tag fort sind. Man schickte sie bisher in die „Cheders"; seit jüngster Zeit haben sich auch viele entschlossen, es mit der Baron Hirsch'schen Schule zu „versuchen". Aber selbst diese Kinder gehen nach 11 Uhr auf Nachstunden, während deren sie sich zumeist im Hof herumtummeln, in die Cheders. Die Baron Hirsch'sche Schule hat die Sympathie der Bevölkerung gewonnen, seitdem sie auch der Pflege der hebräischen Sprache Aufmerksamkeit zuwendet. Heuer zählt sie 620 Schüler. Während der Pause um 10 Uhr habe ich sie alle im Hofe gesehen. Was an diesen Kindern von 6—13 Jahren sofort aufsällt, ist neben der ärmlichen Kleidung, die zumeist nicht von Tuch, sondern von fadenscheinigem Baumwollstoff ist, die blasse Gesichtsfarbe, der Mangel an jedem kindlichen Frohsinn und die gedrückte Stimmung; die älteren unter ihnen sind für ihr Alter auffallend zart und verwachsen. Nur bei sehr wenigen bemerkte ich Scheitellocken. Fragte ich den einen, was er denn heute zum Frühstück gegessen habe, so antwortet er: „Ein Stück Brot"; der andere: „Eine Schwammerlsuppe"; der dritte, vierte und fünfte schaute mich mit den lieben schwarzen Augen an, senkte dann seinen Blick und gab gar keine Antwort. Inmitten der Hunderte von Schülern fällt ein besser gekleideter Knabe auf, der sich mit Selbstgefälligkeit bewegt, ein Gegenstand des Neides für seine Schulgenossen. Bald erfahre ich sein Nationale: sein Vater ist Hausierer in Wien. Hart neben dieser Schule befinden sich die Cheders. Sie leiden wohl unter dieser Concurrenz; aber sie bestehen dych fort. Die Controle der Behörden hat es wenigstens zustande gebracht, dass sich die Kinder während des Unterrichtes; in größeren lichten Räumen befinden. In der untersten Stufe, beim „ dardiger - melamed“,J) sind aber diese Zimmer für *) Vgl. Nr. 23 und 24 der „Welt". l) Lehrer des hebräischen Alphabets und Betens. 50 Schüler und noch mehr zu eng; nur beim «vüimesolimelamed“,2) der 10—15 Schüler hat, und beim „gemuremelamed“,3 4) an dessen Hochschule kaum 6—8 Kinder theilnehmcn, ist ein genügender Luftraum vorhanden. Diese drei Kategorien von Schulen stehen mit einander sowohl in geistiger, als in geschäftlicher Verbindung. Die Lehrer der unteren Stufen übergeben ihre Schüler, erst wenn diese bei ihnen „fertig" sind, den Lehrern der höheren Fächer. Diese sind dafür verpflichtet, kein Kind ohne Zustimmung seines früheren Lehrers aufzunehmen. Das ist ein regelrechtes Cartell, wenn man anch in den Judenghettos noch nie dieses Wort gehört hat. Je höher das Fach des Lehrers, umso geringer die Anzahl der Schüler und umso größer seine Entlohnung. Denn während sich der äaräigsr-mslamed einiger Helfer bedienen kann, müssen die zwei anderen selbst unterrichten. Und da nicht alle Schüler auf gleicher Bildungsstufe stehen, so dass z. B. beim oüimsvolr-mslamsd die einen den Pentateuch oder die Propheten lernen, andere aber schon Mischna anfangen, so ist der Unterricht derart eingetheilt, dass während die einen lernen, die anderen den gelernten Abschnitt wiederholen, wobei der fähigere für seinen minder begabten Collegcn dem Lehrer verantwortlich ist. Der Unterricht dauert an allen diesen Lehranstalten von 8 Uhr morgens bis halb 1 Uhr mittags und dann von 2 Uhr nachmittags bis 8 Uhr abends. Das Honorar beträgt im gewöhnlichen Chedcr 2 Gulden den „Sman“ *) und einen freien Kosttag wöchentlich für einen Helfer; bei den Cheders höherer Kategorie 15—20, respective 20—25 Gulden. Alles in allem verdient also ein Melamed, wenn es gut geht, 150 Gulden halbjährlich. Davon zahlt er 100—120 Gulden jährlich Miete, denn er muss in einem luftigen und geräumigen Zimmer wohnen; vom Rest lebt er mit seiner Familie. Diesen lucrativen Erwerb betreiben in Stanislau beiläufig 50 Leute. Ihren unmittelbaren Nachbarn geht es weit schlimmer. Da wohnt in einer kleinen Kammer mit einem Fenster ein Tischler. Hier ist auch seine Werkstätte. Er macht Holzrahmen zu billigen Bildern, da er keine andere Arbeit findet. Er ist zufrieden. Sein Verdienst beträgt 1 Gulden täglich und manchmal 1 fl. 20 kr. Davon lebt er, seine acht Kinder und ein Lehrling. Alle schlafen sie in diesem Raum, der beiläufig so groß ist wie die Schlafzelle für einen Verbrecher. Und dafür zahlt er 35 Gulden jährlich. Einige Kinder sind zu Hause, denn der Mann kann nicht einmal das Geld für das Cheder erschwingen. Doch einer besucht ja die Baron Hirsch'sche Schule und mein Begleiter Herr Schulleiter Sperber stellt ihn wegen seines Ausbleibens zur Rede. Der Knabe näherte sich ehrerbietig und schamhaft; er war barfuß. Die Herren Stiftungsvcrwalter müssen aber früher den ersten Schnee gesehen haben, bis sie an die Vertheilung der Schuhe und Mäntel schreiten. Auf der anderen Seite wohnt ein Flickschneider. Sein Wochenverdienst beträgt 1 fl. 50 kr. Davon kann er nicht leben und darum muss seine Frau auch erwerben. Sie haben das Vorzimmer in einen Kramladen umgewandelt und für ihr ganzes Barvermögcn von 50 Gulden Waren angeschafft: Zündhölzchen, Kerzen, Petroleum, Seife, Gewürze, Zucker und allerhand Artikel für den täglichen Gebrauch. Die Waren wurden schnell verkauft, aber die Leute nahmen auf Borg und haben noch nicht bezahlt. „Man muss da aushalten können und unser Capital ist schon zu Ende. Wenn man aber den Leuten nicht weiter borgt, so bezahlen sie nicht das Frühere. Meine Frau nimmt zwar wöchentlich kaum 10 Gulden ein, aber man verdient doch wenigstens etwas," so lautete die Klage des Schneiders, der seine Frau vertreten musste, wenn sie um die Mittagszeit Gebäck und Petroleum ihren Kunden in die Wohnung trug. In derselben Gasse um die Ecke, in einem kleinen Stübchen bemerkt man durch das Fenster einen Schneider, 2) Pentateuch-Lehrer. 3) Talmud-Lehrer. 4) Semester. Nach diesem Zeitabschnitte werden gewöhnlich Lehrer, Handelsangestellte und Dienstboten entlohnt.

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