Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 25 (19.11.1897)
- Article
- Der Justizirrthum Dreyfus
- Date
- 1897-11-19
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Seite 7. Capitäns Dreyfus wusste, so genaue Nachrichten an die „Libre Parole"? Wieso hatte sie während der ganzen Dauer der Untersuchung Kenntnis der Polizeiberichte, welche nur der Officier besitzen konnte, der mit der Untersuchung der Angelegenheit betraut war, der Commandant Paty de Clam? Wieso hatte sie Kenntnis von diesen anonymen, lügenhaften Berichten, welche selbst die Anklage während des Processes ablehnen und zurückweisen musste? Wer übermittelte diesem Journal nebst den gehässigsten Erzählungen, den gefälschtesten und feindseligsten Neuigkeiten Beweisstücke, welche die Untersuchung betrafen?" Diese Fragen, welche von Bernard Lazare mit größter Präcisiion und Klarheit gestellt wurden, sind geradezu vernichtend für die damaligen Geschehnisse. „Vom Beginn der Angelegenheit an," sagt Bernard Lazare, „hören wir zwei lügenhafte Behauptungen immerfort wiederholen: Der Capitän Dreyfus hat ein Geständnis abgelegt, und: Man hat unwiderlegliche Beweise gegen ihn." Er hat so wenig etwas gestanden, dass am nächsten Tage nach der Verwerfung seiner Appellation der Kriegsminister zu ihm Paty de Clam entsendete, um von ihm ein Geständnis herauszubekommen, und dass die Zeitungen nach dieser Zusammenkunft eine osficielle Note brachten, welche besagte, dass der Excap itän Dreyfus, der durchaus nichts eingestehen wollte, mit der äußersten Strenge behandelt würde. Der Mann, der geradezu heroisch, ohne sein Haupt zu senken, welches er mit Recht hoch tragen durfte, die Degradation über sich ergehen ließ, wobei er immer seine Unschuld betheuerte, hat niemals zugegeben, auch nur eine Unklugheit begangen zu haben, und er konnte es nicht Zugeben, da er ja unschuldig war. Was nun die „unwiderleglich e n B e w e i s st ü ck e" anbelangt, so werden wir bald ersehen, was es damit auf sich hatte. Nichtsdestoweniger bildete sich schon in den ersten Tagen, während welcher die Affaire Dreyfus bekannt wurde, die Legende von seiner erwiesenen Schuld, und man weiß, welchen Einfluss diese Legende auf alle Geister gewann. Ein Mann war im Gefängnis. Man kannte das Verbrechen nicht, dessen man ihn bezichtigte, keines der Verdachtsmomente, die auf ihm lasten sollten — und trotzdem nahm man, im Sturme sozusagen, an, dass er schuldig sei und hielt es für sicher, dass er bereits eingeftanden habe. Der Jude wurde preisgegeben ohne alle Vertheidigung, man konnte nunmehr weiter gehen, da man von allem Anfang an ihm alle Sympathien entzogen hatte, indem man selbst den Zweifel an seiner Schuld untersagte. Nachdem man so vom Beginne an aus dieser Angelegenheit eine antisemitische Affaire gemacht hatte, so wusste man schließlich, dass der Angeklagte verurtheilt werden würde ohne dass jemand zu intervenieren wagte. Um das zu verstehen muss man sich die Zeit des Processes vergegenwärtigen. A. L. (Schluss folgt.) Die Anivrrsttäk. Wien, 18. größere Dimensionen annahm. Die besonneneren Elemente legten sich jedoch in's Mittel, die zionistischen Studenten sangen in mächtigem Chore ihr Bundeslied und wollten die Aula verlassen, da stürmten die Deutschnationalen gegen die Zionisten an, und er entwickelte sich eine Schlägerei, wie sie in der Universität noch nie dagewesen. Man vergegenwärtige sich die Situation. Ueber 1000 Studenten auf der einen Seite, kaum 50 Zionisten auf der anderen. Wir sind weit davon entfernt,, einen Raufhandel gls den Ausdruck besonderer persönlichen Tapferkeit hinzunehmen, wir müssen uns aber mit einem gewissen Gefühle der Befriedigung gestehen, dass die zionistischen Studenten trotz der colossalen Uebermacht nicht einen Schritt zurückwichen, ja im Gegentheile immer mehr an Terrain gewannen. Und wäre nicht die Polizei den Zionisten, wörtlich, genommen, in den Rücken gefallen und hätte sie nicht die einzelnen Verhafteten förmlich durch die Lust hiuausgetragen, so hätten gewisse Blätter nicht mit Schadenfreude constatieren können, dass „die Kadimahner hinausgedrängt wurden." Es ist oft genug von zionistischer Seite betont worden, dass die Streitigkeiten der österreichischen Nationalitäten uns nicht so weit interessieren können, um uns daran activen Antheil nehmen zu lassen und die zionistische Bewegung zurückzustellen. Nur Böswillige können in dem spontanen Ausbruch jugendlicher Leidenschaftlichkeit eine abgekartete Sache erblicken. Es ist richtig, dass die Juden frühreif werden und keine Jugend gekannt haben. Der jüdische Knabe, der in der Schule verhöhnt, auf der Gasse geschlagen und zu Hause nur bittere Worte über den unermesslichen Judenjammer hörte, hatte keine Jugend. Der Hohn und dre Schläge und die bittere Ironie verscheuchten in ihm jede naive Höflichkeit und jeden Glauben an die Menschheit. Und nun geht im Osten eine neue Sonne auf und thaut mit ihrer Wärme das Eis auf, das sich um ihre Herzen gelegt hat. Und in das Herz der Jugend dringt ein frischer Hauch von Leben und Natürlichkeit. Die zionistischen Studenten haben ihre Jugend wieder gefunden mit allen Reizen und allen Fehlern. Wir müssen in den Excefsen an der Universität eine Unbesonnenheit erblicken, und sollte nur ein leiser Verdacht auf irgend welche Vorbereitung vorliegen, müssten wir sie eine Thorheit nennen. Denn jeder Kampf, und jedes Streben muss des Zieles werth sein, das erreicht werden kann. Aber in der Thatsache, dass die zionistischen Studenten für ihre Ueberzeugung einen wenn auch derben Ausdruck gefunden haben, dass sie einer Uebermacht mannhaft widerstanden, sehen wir etwas Tröstliches. ES sei uns nur eine Frage gestattet: Welche jüdischen Studenten sind jemals für ihr Judenthum eingetreten, welche haben ihre Ehre rem erhalten und sie vertheidigt mit allen Kräften? Waren es nicht immer zionistische Studenten? Wenn nicht alle Zeichen trügen, ist jene Zeit nicht gar so ferne, wo die Schonzeit für die Juden vorbei sein wird. Dann wird man vielleicht die zionistischen Studenten anders beurtheilen, die für den gesunden Sinn des jüdischen Volkes eingetreten sind. I. Schallt. Vergangene Woche fanden in Wien zwei Studentendemonstrationen statt. Das erstemal zogen 2000 Studenten vor das Parlament und bereiteten den radical deutschnationalen Abgeordneten Schönerer und Wolf eine Ovation. Im zweiten Falle kam es in der Säulenhalle der Universität zu einem förmlichen Kampfe zwischen zionistischen und verbündeten jüdischen und christlichen Deutschnationalen. Die Ursache dieses Kampfes war die Demonstration vor dem Parlamente. So unglaublich es auch klingen mag, ist es doch bewiesene Thatsache, dass an der Ehrung antisemitischer Helden auch jüdische Studenten, jasogar Studentenverbindungen, deren einziger Paradechrist noch vor einem Jahre im Budweiser Tempelchör mitsang, theilnahmen. In der Aula kam es darob zwischen einem zionistischen Studenten und einem solchen deutschnationalen Juden zu einem Wortwechsel, der bald Tribüne. Wien, den 16. November 1697. Geehrter Herr Redacteur! Die Vorgänge, die sich Samstag, den 13. November 1897 in der Wiener Universität abspielten, haben tendenziös entstellte Berichte in verschiedenen Blättern veranlasst, Bosheit und Verleumdung uns die niedrigsten Motive unterschoben. Dies zwingt uns, die letzten Ereigniffe, den spontanen Ausbruch allgemeiner Erbitterung und Entrüstung der jüdischen Studentenschaft, hiemit klarzulegen und unser Verhalten vor dem allein kompetenten Richter, dem jüdischen Volke, därzustellen. — Eine Clique jüdischer Studenten hat es verstanden, das Judenthum in jeder erdenklichen Weise zu compromittieren, unsere heiligsten Gefühle, unsere Liebe zum jüdischen Volke zu verhöhnen und zu besudeln. -Gesellen, die, von der antisemitischen Studentenschaft tausendmal zurückgewiesen und beleidigt (die Mitglieder der „Fidelitas"