Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 25 (19.11.1897)
- Article
- Der Justizirrthum Dreyfus
- Date
- 1897-11-19
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 25. Folgen zu Recht bestehen. Es könne nur durch einen Revisionsbescheid conform den Anordnungen des Artikels 443 des Strafgesetzes — modificiert durch das Gesetz vom 8. Juni 1895 — aufgehoben werden. Nach den Bestimmungen dieses Gesetzes kommt das Recht, eine Revision zu verlangen, dem Justizminister zu: „wenn nach einer Verurteilung ein Factum angeführt oder entdeckt wird, oder Beweisstücke, die zur Zeit der Verhandlungen unbekannt waren und nun vorgebracht werden, derart sind, um die Unschuld des Verurteilten zu begründen". — Da der Jüstitzminister von keinem neuen Factum und keinem bisher unbekannten Beweisstücke in Kenntnis gesetzt wurde, könne die Regierung nichts thun, als das Urtherl weiter in Geltung zu belassen." Um diese Note zu verstehen, muss bemerkt werden, dass Herr Scheurer-Kestner der Regierung die Beweisstücke, die in seinem Besitze sind und die Unschuld Dreyfus' sicherstellen, nicht übergeben hat. Der Bicepräsident des Senates begnügte sich damit, dem Ministerpräsidenten Meline und dem Kriegsminister Billot Mitteilung von den Beweisstücken zu machen, die er besitze- Von nun an tritt die Affaire Dreyfus in ein ganz neues Stadium. Vor einem Jahre noch wäre die Möglichkeit einer Revision des Processes Dreyfus jedem als eine Chimäre erschienen. Heute zeigt die Regierung selbst, indem sie sich strenge an das vom Kriegsgerichte ausgesprochene Urtheil hält, das sie auszuführen verpflichtet ist, Herrn Scheurer-Kestner das Mittel, um die Revision zu erwirken. Da es sich nicht um eine einfache Ueberzeugung des Herrn Scheurer-Kestner handelt, sondern um einen sicheren Nachweis, so ist die Hoffnung berechtigt, dass die Beweisstücke, auf die er sich stützt, die Unschuld des Deportierten der Teufelsinsel ans Licht bringen werden. Dass diese Beweisstücke wirklich existieren, das unterliegt für Herrn Bernard Lazare keinem Zweifel. Bernard Lazare hat mit einem Muth und einem Feuer, die wahrlich unvergleichlich sind, die Sache des Capitäns Dreyfus im letzten Jahre in die Hand genommen. Es ist dies vielmehr die Sache der Gerechtigkeit und Billigkeit, als die des Capitäns Dreyfus. Bernard Lazare, der vollkommen informiert ist, täuscht sich sicherlich nicht. Während man auf die Enthüllungen Scheurer-Kestners wartet, hat unser Freund Bernard Lazare soeben ein zweites Buch über den vom Kriegsgerichte begangenen Justizirrthum veröffentlicht. Es ist ein Buch von mehr als 300 Seiten.*) Es enthält eine Denkschrift von Bernard Lazare, neun Gutachten von Sachverständigen im Schreibfache, eine Kritik des Gutachtens von Bertillon, ein Facsimile des Anklageschriftstückes und 17 Briefe des Capitäns Dreyfus. Der Denkschrift Bernard Lazares geht eine Vorrede voraus welche einen Brief des Vertheidigers des Capitäns Dreyfus, Herrn Dem an ge, enthält, der nie aufgehört hat, an die Unschuld des Verurtheilten zu glauben. M. Demange bestätigt noch einmal, dass er niemals andere Anklagen gegen den Capitän Dreyfus gekannt habe, als die von Bernard Lazare besprochenen (d. h. das berüchtigte Bordereau). Was die Versicherungen Bernard Lazares anbelangt, dass man den Richtern in Abwesenheit des Angeklagten und seines Vertheidigers eine Mittheilung gemacht habe, so wagt es Herr Demange nicht, daran zu glauben. Er fügt auch hinzu: „Meine besten Wünsche sind mit Ihnen, und wenn ich allen denen gegenüber, die sich mit mir über die Affaire Dreyfus unterhalten wollten, vollständiges Stillschweigen beobachtet habe, so geschah es nicht, weil meine tiefinnerste Ueberzeugung von seiner Unschuld erschüttert worden wäre, es ist dies vielmehr die einzige Art für mich, um diese absolute Ueberzeugung mit der Achtung in Einklang zu bringen, welche ich einem bereits erfolgten Richterspruche schulde." *) Der Titel heißt: „Ein Justizirrthum. Die Affaire Dreyfus." Bon Bernard Lazare. Paris 1897. (303 Seiten in Großoctav.) Dieses unverwerfliche Zeugnis dessen, der unter allen am ehesten berufen ist, sich zu äußern, bestätigt das, was Herr Bernard Lazare immer gesagt hat und noch heute behauptet: „Der einzige gegen den Capitän Dreyfus vorgebrachte „Beweis" stützt sich auf das Gutachten der Sachverständigen im Schreibfache. „Ich weiß nicht," sagt Herr Bernard Lazare, „ob Herr Demange auch heute noch daran zweifelt, dass eine geheime Mittheilung im Kriegsgerichte gemacht wurde, das den Capitän Dreyfus verurtheilte. „Ich habe niemals andere Anklagen gegen den Capitän Dreyfus gekannt," sagt der berühmte Advocat, „als die von Ihnen erwähnten." Wird man seinem Worte Zweifel entgegenbringen? Wer wird das thun können, ohne damit zuzugeben, dass man ihn über gewisse Thatsachen oder bestimmte Beweisstücke in Unkenntnis gelassen habe, das heißt, ohne damit die Richter anzuklagen, dass sie ihre Pflicht nicht ganz erfüllt haben? Vor einem Jahre bereits hat Bernard Lazare erklärt, dass der Capitän Dreyfus infolge eines einzigen Beweisstückes verurtheilt worden ist. Heute hat erden stricten Beweis erbracht, dass dieses einzige von der Anklage vorgcbrachte Beweisstück sich in unwiderleglicher, sieghafter Weise gegen diese selbst kehrt. Es stellt sich also heraus, dass ein Mann durch eine unglückliche Verkettung unglaublicher Frrthümer vor das Kriegsgericht gestellt wurde, und dass er infolge von leichtsinnig erhobenen und durchaus nicht gesetzlich festgeftellten Verdachtsmomenten aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen wurde. Man wird nun staunen, dass es solange dauerte, bis die Wahrheit ans Licht kam. Dieses einzige Beweisstück, von dem die Rede ist, besteht in dem bekannten Schriftstück. Doch hier ist vielleicht ein kleiner Rückblick auf die Geschichte dieses Processes nöthig. — Eines Tages bemerkte man im Kriegsministerium, dass Documente abhanden gekommen seien; offenbar wurden sie einer fremden Macht ausgeliefert. Wer hätte das thun können? Im Generalstab befindet sich nun ein Jude« Ein Franzose — so deuken sich die leitenden Persönlichkeiten — ist eines solchen Verbrechens doch nicht fähig! Also muss der Jude der Schuld tragende sein. Und nun wurden alle Mittel angewendet, um das dem Inden anzuhängen. Eines Tages findet man noch in einem Kehrichtbehälter der Botschaft einer fremden Macht ein Papier, das in vier Stücke zerrissen ist. Der Spion, der beauftragt wurde, dies Papier herbeizuschaffen, überbringt es wirklich ins Kriegsministerium. Man prüft das Document; die Schrift gleicht der des Capitäns Dreyfus. Also kein Zweifel mehr: es ist wirklich der Jude, der das Vaterland verrathen hat. Man beauftragt einen militärischen Untersuchungsrichter, die gerichtliche Untersuchung einzuleiten. Dieser Richter war ein Officier namens Paty de Clam. Dieser Mann führte die Untersuchung mit einer Parteilichkeit sondergleichen. Der Kriegsminister ermuthigte ihn noch dazu. — Die Affaire, die bis dahin geheim gehalten worden war, wurde nun ruchbar. Wer hat nun zuerst die Neuigkeit von der Verhaftung des Capitäns Dreyfus gebracht? Das erste Journal, das die Verhaftung desCapitänsDreyfus mittheilte, war die„Libre Parole". Die Nachricht wurde ihr am 28. October durch einen anonymen Brief übermittelt. Am 29. October 1894 fragte das Journal Drumonts an, ob es wahr sei, dass eine wichtige Verhaftung flattgefunden habe. Einige Journale reproducierten diese Notiz; unterrichtet aber war die einzige „Libre Parole"; der Verfasser des anonymen Schreibens wusste wohl, was er that, dass das Opfer, wenn einmal Drumont sich der Sache bemächtigt habe, nicht mehr würde entkommen können. Am 1. November kündete denn auch das antisemitische Blatt mit großem Tam-Tam die Verhaftung eines jüdischen Officiers an, indem es Daten vorbrachte, welche Personen, die nicht dem Militärgerichte angehörten, unmöglich mitgetheilt haben konnten. „Wie kamen also, da im Kriegsministerium selbst nur ein ganz begrenzter Kreis von Personen um die Verhaftung des