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Die Welt · 1897-11-19 · 25 (19.11.1897) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
25 (19.11.1897)
Article
Die jüdische Colonialbank
Date
1897-11-19
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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m:&Si an die Lösung dieser Aufgabe Herangehen, sind sich dessen ernst bewusst. Sie rechnen aus die hingebungsvolle Mitwirkung aller, denen die nationale Sache nahe geht. Dass sie auch die Constituierung des finanziellen Organs der Bewegung in die Hand nehmen, wird sie möglicherweise in der ersten Zeit bösartigen Verdächtigungen anssetzen. Es ist nicht das erste, nicht das letzte Opfer, das sie der Sache bringen. Uebrigens ist die Gefahr, auf diesem Punkte missverstanden zu werden, nur eine kurz befristete. Denn sobald der finanzielle Verwaltungskörper namentlich bekanntgemacht wird, werden auch unsere Gegner nicht daran zweifeln können, dass die politischen Leiter der Bewegung die Bank lediglich beaufsichtigen wollen. Die Jncompatibilität des Politischen mit dem Geschäftlichen ist Ehrensache. Die Woche. Wien, 18. November 1897. Dass dieser unglückselige Capitain Dreyfus zu all seinem sonstigen Pech auch noch ein Jude sein muss! Die ganze Angelegenheit wäre einfacher bei einem christlichen Verräther und alle würden von einem reineren, menschlicheren Standpunkte aus darüber sprechen. Alle würden dann nur das einzig Wichtige in dieser Sache erörtern: die entsetzliche Möglichkeit, dass man vielleicht einen Unschuldigen mit namenloser Schmach beladen nach der Teufelsinsel gesendet habe. Bei diesem Gedanken würde das Gewissen von ganz Europa in Unruhe und Erregung gerathen, und die Objectivität dieser Erwägungen könnte höchstens durch den französischen Chauvinismus theilweise getrübt werden. Die Affaire des Juden Dreyfus aber ist hundertfach compliciert. Jetzt handelt es sich gar nicht mehr darum, ob der gepeinigte Mann alle die Qualen schuldlos erleidet, oder ob er sie verdient hat. Nun ist es nur mehr der Jude, der nicht frei werden darf, der allein dadurch, dass er ein Jude ist, verdächtig und anrüchig wird, und ver schon deswegen das Recht verwirkt hat, zu seiner eigenen Beschwichtigung und zur Beruhigung seiner Richter, öffentlich verhört und verurtheilt zu werden. Blos iveil Dreyfus ein Jude ist, wurde sein Process keine Frage der Menschlichkeit, sondern eine Angelegenheit der antisemitischen Partei. Die große antisemitische Internationale macht das zu ihrer eigenen Sache, und würde es als eine politische Niederlage empfinden, wenn Dreyfus seine Unschuld beweisen könnte. Dass Dreyfus verurtheilt bleibt, ist nun ein integrierender Bestandtheil des antisemitischen Programmes geworden. * -i- * Dabei können sie es gar nicht einmal wissen, ob Drehsus wirklich ein Verräther ist. Aber das kümmert sie nicht. Nicht die leiseste Beunruhigung darüber erschüttert sie in ihren Ueberzcugungen. Dreyfus ist ein Jude, und hat als solcher allein schon die Teufelsinsel verdient. „Welch ein Geschrei um einen Juden!" sagen sie verächtlich. In Eger hat man neulich einen Redacteur eingcsperrt. Man hat ihn nicht vor der versammelten Front bespuckt und entehrt, man hat ihn nicht geschlagen und beschimpft, und sein Kerker war kein wüster Fels, umbrandet vom breiten Ocean. Aber wie hat die öffentliche Meinung sich empört, wie hat man sich erhoben, und wie bald waren die Thüren seines Arrestes gesprengt. Man musste unwillkürlich an den einsamen Mann auf der Teufelsinsel denken, an diesen Einzigen, den die Menschheit ausgestoßen hat aus ihrer Mitte. Wie, und wenn er dennoch, und trotz alledem unschuldig wäre! Wenn man ihm glauben aarf, dann liebt er sein Frankreich mehr, als jener Schriftleiter in Eger sein Oesterreich. „Welch' ein Geschrei um einen Juden!" * * * Es soll hier gewiss nicht behauptet werden, dass Dreh" sus unschuldig sein müsse, etwa weil er ein Jude ist. Man kann ja von Wien aus schwerlich den wirklichen Verräther wa.)rnehmen, aber man kann auch ebensowenig von Zwettl, Krems, Tulln oder Scheibbs aus gesehen haben, wie Dreyfus in Paris jenes Bordereau geschrieben. Nur dass er MHlM f^etie & schuldig sein muss, weil er ein Jude ist, dass man sich nicht getraut an dem Urtheil zu rütteln, den Process zu prüfen, aus Angst, es werde sonst heißen, der internationale jüdische Einsiuss habe dieses Kunststück zu Stande gebracht, und dass jetzt möglicherweise ein Unschuldiger zugrunde geht. Das ist ein fürchterliches Beispiel für die wahre Stellung der Juden. Dass es hinreicht, wenn einer ein Jude ist, damit sich alle Völker ihrer Culturpsiicht entbunden glauben gegen ihn, und die Begriffe von Recht, Menschlichkeit und Erbarmen sich verwirren. Das ist die tragische Lehre, die sich aus der Dreyfus-Geschichte ergibt, das ist der Schutz und die Gleichberechtigung, die wir genießen, die Asfimilierung, auf die wir stolz fein dürfen, und das ist es, wofür »vir jene Dankbarkeit schulden, zu der man uns so unablässig auffordert. * * * Hauptmann Dreyfus muss verurtheilt bleiben, damit man ihn den Juden ewig zum Vorwurf machen kann. Denn was irgend ein einzelner Jude begangen hat, das wird immer dem ganzen Volke vorgeworfen. Wenn irgendwo einer zum Schurken geworden, müssen [bie anständigen Leute sich um seinetwillen beschimpfen lassen. Dafür werden wir aber auch nicht gelobt, wenn einer was Großes geleistet hat. „Echt jüdisch", das sagt man nur, wenn ein Jude gestohlen hat, oder betrogen, oder sich auflehnt oder sonst etwas sehr Schlechtes begeht. Allein, wenn ein Jude tausende von Kranken curiert, od.er wenn er ein unsterbliches Lied erdacht, oder wenn er dejn menschlichen Geiste neue Bahnen erschlossen, dann hört man es nirgends, dieses: „echt jüdisch!" * * * Es ist eben alles anders, wenn wir es thun. Wenn die die Czechen die Einrichtung einer czechischen Schule fordern, dann haben sie „die heiligsten Interessen ihrer Nation gewahrt", wenn die Deutschen gegen die Sprachenverordnung Obstruktion machen, haben sie die Güter ihrer „Sprache und ihrer Cultur vertheidigt". Wenn aber jetzt in einem kleinen croatischen Nest die Juden sich einen Religionslehrer vom Banus nicht wollen verbieten lassen, dann sind sie eben frech, wie nur die Juden sein können. * * Mit welcher Romantik werden nicht die Schmuggler und die Pascher umgeben. In schauerlichen Geschichten wird ihre wilde Entschlossenheit, ihr übermenschlicher Muth geschildert. Das ist, wenn es sich um Süd-Tiroler, um Nordböhmen und andere Gegenden handelt. In Galizien ist das anders. Dort hat man kürzlich eine jüdische Schmugglerbande erwischt und nach Verdienst behandelt. Wir verlangen gewiss nicht jenen romantischen Schimmer für die polnischen Schwärzer. Aber den Unterschied kann man ein bischen hervorheben. Dort wird der Gesetzverletzer gefeiert, gepriesen und verehrt, hier wird er verhöhnt, verlacht und „angenagelt." Das Gesetz freilich waltet hier wie da seines Amtes, aber die Gesinnung ist es, die man bemerken muss." * * * In dieser Gesinnung ist nicht allein der Mangel an Wohlwollen. Die Gehässigkeit ist es, mit der man unser Thun und Lassen verfolgt und jeden unserer Schritte begleitet. Ein jüdisch klingender Name, und Alles horcht gespannt auf, sieht schärfer zu. Da hat ein betrunkener Kerl ein kleines Bübchen „entführt". „Man duldet es, dass die Juden unsere Kinder schlachten, und was gedenkt die hohe Regierung u.s. w." Der blutige Dampf jenes alten Märchens vom Ritualmord steigt wieder empor, und die Juden zittern. Plötzlich stellt es sich heraus, dass der besoffene Grünfeld ein katholischer Kindesräuber war. „Ach so", heißt es dann, — „aber es hätte grad' so gut ein Jud sein können." Wenn aber der besoffene Grünfeld nicht gleich gefunden wird? Das soll ja mitunter vorgekommen sein. Dann müssen die Juden eben wieder für das Blutmärchen bluten, wie sie immer büßen müssen, nicht für das, was sie thun, sondern für das, was man wünscht, sie mögen es gethan haben.

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