Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 25 (19.11.1897)
- Article
- Die jüdische Colonialbank
- Date
- 1897-11-19
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. 91c, SB. Die Entstehung der jüdischen Colonialgesellschaft mag man sich etwa in der folgenden Weise denken: Eine Gruppe anständiger und in der-Geschäftswelt wohlaccreditierter Personen setzt sich mit den Leitern unserer Bewegung in Verbindung. Für die letzteren wäre es selbstverständlich mit ihren Ausgdlbe» inkompatibel, an der Verwaltung der Gesellschaft in irgetid einer besoldeten Stellung oder in welcher Form immer an den Gewinnen theilzunehmcn; nur müssten sie die Möglichkeit gesichert haben, zu jeder Zeit die Bankpolitik zu überwachen. Die Subscriptionseinladung werden sie mitunterfertigen, um den Zweck zu markieren, welchem das Ganze dient. Der Sitz der Gesellschaft wäre London. Ein Aktienkapital von zwei Millionen Pfund Sterling wäre aufzubringen, die Aktie zu 1 Pfund Sterling. Ist nicht anzunehmen, dass sich für eine Gesellschaft mit Aufgaben der jüdischen Colonisation Unterzeichner in genügender Menge in der ganzen Welt finden werden? Das möge jeder einzelne von sich aus beurtheilen. Es wird gewöhnlich in finanziellen Prospekten den Unterzeichnern von einzelnen Stücken eine besondere Berücksichtigung zugesichert. Daran müsste man sich auch bei Schaffung der jüdischen Colonialbank halten. So wird dieses Institut auch die finanzielle Selbsthilfe der breiten Schichten bedeuten. .Welche Aufgabe, hat also die jüdische Cvlonialbank zu erfüllen? Gleichwie wir bisher an Stelle des philanthropischest Zionismus den politischen gesetzt haben, so muss an die Stelle des Schenkens und Almosennehmens in der Colonialbewegung das reine Geschäft treten. Durch die Wohlthaten wurden bisher die Geber ein bischen ärmer — aber die Nehmer auch. Die Schnorrerzucht nahm einen bedeutenden Aufschwung, und der Arbeit fehlte das Beste: Das Gefühl der Verantwortlichkeit. Der Colonist, der immer nach dem fernen Patron oder Protektor auslugt, gehört nicht zu derjenigen wirthschaftlichen Kategorie von Juden, deren Entstehung für die moralische Hebung unserer Nation von irgend einem Werth sein kann. Der jüdische Bauer und Handwerker soll auf einem anderen Weg zur wirthschaftlichcn Freiheit auf dem nationalen Boden geführt werden. Das Land wird durch die Besiedlung mit Menschen werthvoll, dem Ansiedler gebührt folglich mehr als ein Geschenk; es gebührt ihm der Credit. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass der Credit für Geber und Nehmer nicht nur moralisch, sondern auch materiell mehr werth ist, als das Geschenk. Der Credit hat die Tendenz, zu wachsen; das Geschenk hat die Tedenz, sich zu verringern. Der Mann, der Credit genießt, wird unter normalen Bedingungen wirtschaftlich immer stärker. Der Mann, der Geschenke empfängt, wird unter normalen Bedingungen wirtschaftlich immer schwächer. Dass der Wohlthäter nur Undankbare schafft, und andere bittere Weisheiten können wir uns in diesem Augenblick ersparen. Wir öffnen überhaupt nur kurz den Ausblick auf diese Gedankengänge, die uns mit dazu bestimmen, eine geschäftlichere Form der jüdischen Colonialthätigkcit zu wünschen. ’ Für die Subskribenten der Colonialbank hat es nur ein Geschäft zu sein. Sie werden mit sich zu Rathe gehen, ob das eine Anlage zu werden verspricht. Ob eine Anstalt, welche den auswanderungslustigen Juden die bankinäßige Unterstützung gewähren will: Bankkredit und andere Bankhilfe auf Grund vernünftiger Sicherheit und unter billigen Bedingungen — ob eine solche Anstalt, wenn sie von anständigen. Menschen geleitet wird, Aussicht auf Erfolg hat? Die Anfänge der Thätigkeit wären in den bereits bestehenden Colonien zu machen. Die Colonisten würden einen Agrarkredit mit außerordentlichem Jubel begrüßen. Sie benöthiges ihn dringend, das wissen wir aus ihren Seufzern und Klagen» die lauter wären, wenn sie nicht fürchten müssten, die Gnadt der Wohlthäter zu verscherzen. Landwirtschaftliche und gewerbf licht Berufsgenossenschaften sind augenblicklich gebildet. AM diejenigen, welche den Umfang und die Beschaffenheit der jetzigen zionistischen Bewegung kennen, wissen sehr wohl, dass bedeutende Massen arbeitsluftiger Juden namentlich im Osten Europas, aber auch in England, Amerika und Nordafrika bereit stehen. An manchen Orten haben sich solche Arbeitsgruppen im Hinblick auf den kommenden Zweck sogar schon unter verantwortlichen Partieführern organisiert. Diese Leute brauchen nur noch den Credit, der ihnen in allen Formen, als: Transport-, Agrar-, Industrial-, Commereial- und Baucredit zu gewähren ist. Bei der eigenthümlichen Art dieses Unternehmens ist auch die Gefahr von Geschäftsverlusten bei schlechten Creditnehmern gering anzuschlagen, denn die von der Gesellschaft erworbenen Ländereien würden durch die Besiedlung jedenfalls eine kompensatorische Werterhöhung erhalten. Es ist nun nicht ausgeschlossen, dass die mannigfachen Vorth eile, welche in Aussicht stehen, auch viele Nichtzioniften angeregt werden, Aktien der Colonialbank zu erwerben. Zu hoffen ist aber, dass der Aktienbesitz hauptsächlich in die Hände von Zionisten kommen werde, weil ja diese an die Sache schon jetzt glauben und den Umfang der Bewegung kennen. Es ist sogar wahrscheinlich, dass schon vor der Bildung der Gesellschaft an verschiedenen Orten Gruppen zusammentreten werden, welche sich eine Anzahl von Aktien werden sichern wollen. Die hiemit eröffnete Diskussion dürfte praktische Anregungen aller Art zum Vorschein bringen. Man wird hinter den nächsten Aufgaben die ferneren Zwecke sehen. Eine solche Gesellschaft mit Niederlassungen an den Hauptorten der jüdischen Geschäststhätigkeit mag berufen sein,. eine nicht unbedeutende Rolle im Weltverkehr zu spielen. Und während jetzt eine Anzahl von Banken und Banquiers jüdisch sind, ohne das doch eingestehen zu wollen, und dem Judenthum dennoch durch ihre Praktiken schweren moralischen Schaden zufügen — würde diese neue Bank die Dienste der Judenheit in einwandfreier Weise besorgen müssen. Es möge jeder von sich aus beurtheilen, ob die jüdische Bank Aussicht hat, rasch populär zu werden. Von vornherein auf eine gesunde Grundlage gestellt, nach vernünftigen geschäftlichen Grundsätzen organisiert, unter nationaler Aufsicht verwaltet, muss es ein sehr starkes Institut werden. Die Anhänglichkeit des jüdischen Publikums an eine solche Bank darf wohl vorausgesetzt werden, und es gehört keine übermäßige Phantasie dazu, wenn man annimmt, dass die jüdische Bank von Haus aus in Europa, Amerika und im Orient auf eine ausgebreitete Clientel rechnen kann. Ist aber etwa gedacht, dass diese Bank mit dem Actiencapitale von nur zwei Millionen Pf. St. zur unmittelbaren Erwerbung der für die jüdische Colonisation erforderlichen Landstriche aufgestellt wird? Nein. Dazu würde dieses Capital selbstverständlich nicht hinreichen. Es gibt weit größere jüdische Colonialfonds, welche auf die Erfüllung dieser Aufgabe warten und sobald die öffentlich rechtlichen Voraussetzungen geschaffen sind zu privatrechtlichen Landkäufen und philanthropischen Ackerbauunterstützungen dienen sollen. Die jüdische Colonialbank hat eben die öffentlich rechtlichen. Sicherheiten durch ihre Bankpolitik herbeizuführen. Die jüdische Colonialbank wird als der unpersönliche Banquier der zionistischen Bewegung konstituiert und hat fernerhin als Vermittler von Anlehen des Staates, mit dem das Abkommen, das wir wünschen, getroffen werden soll, bei den sich darbietenden Gelegenheiten zu wirken. Wir begnügen uns vorläufig mit dieser Andeutung, die wohl von jedem verstanden werden wird. Die vorstehenden Bemerkungen sind selbstverständlich kein „Prospekt", sondern nur die erste Verlautbarung, durch die unsere Freunde überall verständigt werden sollen, dass die vom Cougress vorgesehene und angeordnete praktische Arbeit begonnen hat. Zur Beurtheilung der Aussichten, welche die Bank hat, wird es nun erforderlich sein, die thatsächlichen Grundlagen der Colonisation auszuarbeiten, das statistische Material, insoweit es schon vorliegt oder noch herbeizuschaffen ist, in übersichtlicher Gruppierung vorzubringen und verbürgte Mittheilungen zu machen über Klima, Bodenqualität, Verkehrsmittel, Absatzverhältnisse, schon vorhandene und noch hinzulcitende Arbeitskräfte, endlich über die rechtlichen Bedingungen, unter denen sich alles vollziehen soll. Mancher Widerstand wird zu überwältigen,, manches Uebelwollen und Missverständnis zu beseitigen sein, und die Männer, welche