Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 24 (12.11.1897)
- Article
- Unter jüdischen Proletarierm
- Date
- 1897-11-12
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 24. 'Seite 7. Die Mädchen verstehen /nicht einmal die primitivsten häuslichen Arbeiten; das WasDy-^SWkyr,-RLhen.M °dgL' sink» für sie unerschwingliche Fertigkeiten. Sie haben nichts gelerntnicht einmal das Hebräische Alphabet; niemand hat sie erzogen, niemand hat sich um sie gekümmert. Den eigenen Müttern sind sie zur Last, MÜ M SÄtzec Eine alte Geflügel- Händlerin zeigte mir, wie sie zersetzten Kleide hernmgehe, das ihr die erwachsene WWr nicht einmal zu reparieren verstehe. . ' ' ■,. ■ Nach dieser Richtung wird es.in dir nächsten. Zeit anders werden. Gegenüber der neuen Baron. Hirsch'schcn Schule wird noch ein Gebäude errichtet. Die Baukostm,22000 Gulden, sind von der Frau Baronin gespendet und Wr sollen m ersten Jahre 30, in den solgenden 00 Mädchen in den wichtigsten häuslichen Arbeiten unterrichtet werden. Warum nur hier, wenn es in vielen Städten noththut? Wo bleibt denn die Baron Hirsch'sche Stiftüng selbst mit ihren kolossalen Geldmitteln, die doch beiden 'Geschlechtern zugute kommen sollten? . , ' Mein Rundgang ist zu Ende. Habe ich denn schon alles gesehen? Mein Begleiter.zupft mich am Ann. Da, hart an der Landstraße, in einem tiefen Graben steht eine alte Baracke. Man nennt es hier Hans. Das Dach ist durchlöchert, die Balken verfault, die Bretter auf der „Fahnde" hängen lose herab, das Ganze droht jeden Augenblick zusammenzustürzen. Wohnen denn darin Menschen? ^Das Haus ist gesperrt, aber wenn man durch die Fenster hineinblickt, sicht man doch Bcstandtheile von Wohnungseinrichtungen. „Da wohnt eine Ofeshändlerin *) auf der einen und ein Mezeiwekrizer**) auf der anderen Seite," erzählte uns die Obsthändlerin, die vor dem Hause ihren Kram hat. „Sie kommen nur bei Nacht nach Hause, um zu schlafen, und die Kinder sind tagsüber ill Cheder," setzte sie fort. „Man will sie schon seit langem von hier fortjagen, aber sie bitten und so bleiben, sie." „Glauben Sie nicht-, dass das Haus einmal den Leuten über dem Kopf zusammenstürzen kann?" fragte ich die gesprächige Frau. „Ei was, Gott hat schon für jedermann die Todesart bestimmt. Wir sind hier alle in seiner Hand." Als ich dieses morsche, in allen Fugen ächzende Gebäude betrachtete, da hatte ich das wirtschaftliche Bild Galiziens. Noch steht das Haus, wie von einer wunderbaren Kraft gehalten; doch jeden Augenblick kann es über den Köpfen seiner Einwohner krachend Zusammenstürzen. Fort, fort aus diesem Haus! Nus Russland. Ende Oktober Es verlautet allerorten, besonders aber in der ausländischen Presse, dass eine neue Aera für die Juden in Russland angebrochen sei. Es lässt sich nicht leugnen, dass man in den höchsten Kreisen, milder über die Juden zu denken scheint, viele Stimmen verlangen als die beste Lösung „Gleichheit vor dem Gesetze." Der Minister des Innern, ohne Zweifel ein hochbegabter und edelgesinnter Mann, wird für einen Vertreter der Gleichheit gehalten, in Finnland und den baltischen Provinzen athmet man Freiheitsluft, der Senat hat in Berufungen schon oft zu Gunsten der Juden entschieden — aber es kann nicht nachdrücklich genug betont werden, dass die wirkliche Lage der Juden trotz alledem sich noch nicht um ein Iota gebessert hat, dass sie sogar, weil eben nicht die geringste Besserung eingetreten ist, von Tag zu Tag schlimmer wird. Trotzdem die Stimmung in den höchsten und allerhöchsten Kreisen eine etwas bessere geworden ist, darf man sich keiner Täuschung hingeben — im großen und ganzen wird das System dasselbe bleiben, nach menschlicher Berechnung noch für lange Zeit hinaus dasselbe bleiben. Die Ausnahmsgesetze, die Ausschließung von öffentlichen Aemtern, die Beschränkung im Besuche von Schule und Universität — sie alle sind nur *) Geflügelhändlerin. **) Grabsteinmetzgehilfe. der Ausdruck herrschender Ideen der öffentlichen Meinung, und wenn auch der stete Fortschritr der Cultur dazu beitragen wird, das System ein wenig zu erschüttern, so wäre es doch einfach romantisch, zu glauben, dass eines schönen Morgens die Gesetze, die sich auf die Juden beziehen, annulliert werden würden. Man muss die Judenfrage in Russland endlich verstehen. Die Einschränkungen, denen man die Juden unterwirft, sind weder der Ausfluss eines momentanen Hasses, noch die willkürlichen Handlungen Einzelner; sie sind ein historisches Ereignis, das einfach aus der Thatsache hervorgeht, dass die conservativorthodoxe und streng nationale Idee die Entwicklung des russischen Staates beherrscht... Eine Polemik über diesen Gegenstand wäre ganz wertlos und würde zur Lösung der Fudenfrage auch nicht dasAllergeringste beitragen, wir haben es mit Thatsachen zu thun : die Ausnahmsgesetze bestehen und werden auch weiterhin bestehen. Das ist das Traurige, das Trostlose an der Judenfrage in Russland-; gegen dieses Problem ist die antisemitische Bewegung im Westen Europas ein harmloser Zeitvertreib: in Russland handelt es sich um die Existenz von Millionen Menschen, und die Regierung leugnet den Ernst der Lage nicht. Die Ausnahmsgesetze werden nicht annulliert werden. Das Unglück ist groß und nimmt immer größere Dimensionen an. Der Händel, einst fast ausschließlich die Domäne der Juden,, bietet jetzt nicht einmal dem fünfzigsten Theile derselben ihren Lebensunterhalt, eine unbegrenzte Concurrenz vermindert den Wert der Waren, Preise und Löhne werden fortwährend niedriger, «nd überall wird der Ruf laut: „Die Juden haben den Handel zugrunde gerichtet." Und daS ist dem furchtbaren Elend der Juden zuzuschreiben. Ein Warenhaus erhebt sich neben dem andern, ein Laden bei dem andern, es gibt mehr Verkaufsstellen als Käufer, zahllose Agenten und Zwischenagenten. Es existieren hundertmal so viele Läden, hundertmal so viele Menschen sind mit Handel beschäftigt, als erforderlich wären, ihre Zahl ist fast unglaublich. In Wilna z. B. und ebenso in Kursk können höchstens 50 Colonialwarenhändler bestehen, aber es gibt ihrer mehr als 1900. In Berditschew könnten 30 oder 40 Fabrikanten ihr Auskommen finden, es gibt ihrer mehr als 500. Und das Elend wird immer größer, weil die Juden sich so rasch vermehren, während die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, eine immer geringere wird. Die Armen sind Meister in der Kunst, ihre Bedürfnisse zu verringern: ist kein Fleisch zu erschwingen, so muss Brod genügen, ist auch dieses nicht zu haben, so begnügen sie sich mit Kartoffeln. An Wochentagen überhaupr ist das Essen nicht von Wichtigkeit, wenn nur für den Sabbath etwas zu haben ist. Aber auch die Kunst zu hungern, hat ihre Grenzen. , Im kommenden Winter werden einige neue Gesetze, die die Juden betreffen, erlassen werden. Seit November 1889 dürfen Juden sich nicht mehr als Advocaten niederlasseu; es sind nur sehr wenige Ausnahmen infolge specieller Erlaubnis des Justizministers gemacht worden. Nach dem neuen Gesetze werden 10°/» der Juden zu diesem Be rufe zugelassen (jüdische Schreiber in gleichem Verhältnis). Einige Mitglieder der Commission, welche das neue Gesetz ausarbeiteten, behaupteten, dass die jüdischen Advocaten nicht schlimmer seien als die christlichen und waren gegen jedwede Beschränkung, fanden aber damit so wenig Beifall bei den anderen, wie der berühmte Moskauer Advocat Plevako, der den Antrag stellte, getaufte Juden, da dieselben weit schlimmer seien als diejenigen, die treu an ihrem Glauben halten, keinerlei Vorrechte zu gewähren. Ein anderes Gesetz betrifft die jüdischen Eolonien in den Gouvernements Cherson und Ekaterinoslaw. Die Colonisten sind allen Verpflichtungen gegen die Regierung bereits nachgekommen und hofften nun die rechtmäßigen Besitzer ihres Eigenthums zu werden. Diese Hoffnung hat sich aber nicht erfüllt. Der neue Gesetzentwurf lautet: „Der Staat bleibt Besitzer des Landes, jeder Bauer wird nur als beständiger Pächter betrachtet und darf sein Stück Land weder verpfänden, noch verkaufen; auch muss er es persönlich bebauen, sonst verfällt es dem Staate."