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Die Welt · 1897-11-12 · 24 (12.11.1897) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
24 (12.11.1897)
Article
Unter jüdischen Proletarierm
Date
1897-11-12
Page
6 (sequence 1)
Language
German
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Seite «. -MAWt.- :Nr. S4. Anker jüdischen Proletariern. Von Dr. S. R. Landau. I. Kolomea. (Schluss.) ^Nachdruck verboten.j Dcr Rückweg führt mich zuerst iu eine Wagmschmierx- und SchuhwichscfFabrik. Hier sind 25 Arbeiter beschäftigt, nur Juden: 7 Männer und 18 Mädchen. Die Mämicr - erzeugen die Waren und verdienen wöchentlich 4 -6 Gulden; die Mädchen kleben Schachteln oder füllen sie. Ihr Lohn beträgt 6—8 Gulden monatlich oder 40 Kreuzer per 1000 Holzschachtcln. Dann gelangte ich, geführt von nicincin liebenswürdigen Cicerone, dem Schulleiter Grünes, in eine Pctrolcunl- Raffinerie und Kei zcnfalnik. Hier, sind 70 Arbeiter, darunter über 50 jüdische, beschäftigt. 20 davon find Männer und verrichten die schwersten Arbeiten gegen eine Entlohnung von 60 Kreuzern täglich. In einer finsteren Kammer, wo der schwarze Pctrolcumsatz zu . weißer Kcrzenmassc r affiniert wird, sah ich zwei massige Hüncugcsralteü mit schlügen. Armen und langen Bärten, die mir in dieser Umgebung im erstell Augenblick wie Cyclvpen vorkaincn. Es waren nicht die einzigen Prachtexeruplarc jüdischer Arbeiter, die ich unterwegs antraf. - Christliche Arbeiter werden hier nur beschäftigt, damit die Fabrik auch am Soiirs'täg betrieben werden könne. ' - Es ist Mittagspause. Ans der Ferne dringt ein Kicher», Lachen und singendes Durcheinander aus "allen möglichen - Opern Goldfadens an mein Ohr. Auf meine Frage erklärt - mir der Fabriksbesitzer, dass sich die Arbeiterinnen in der Kerzengießerei jetzt unterhalten. Er meint, dass es ihnen; nicht schlecht gehe, denn sic möchten noch recht, viele Nachtschichten machen,, und am Samstag seien sic „aufgeputzt. wie Damen". Es herrscht in dem großen luftigen Raun«, wo die Kerzen von den 30 jüdischen, im Alter von 12 Jahren aufwärts stehenden Mädchen in Formen gegossen werden, auch wirklich eine ganz andere Stimmung als in der Züudhötzchcilfäbrik. Sie sind munter, machen Spässc, singen, plaudern. Aber ihr Lohn ist geringer. Sic verdienen 20 oder 25, . mitunter sogar nur 15 Kreuzer täglich und arbeiten von 6 Uhr morgens bis ü Uhr abends. Eine interessante Organisation besitzen die Wasserträger. In Kolomea gibt cs ihrer 14, aber.sic sind keine Arbeiter, sondern Unternehmer. Jeder von ihnen nennt einen Wagen mit einem langen Fass, vier Kannen und einer alten Schindmähre sein, eigen; das ist seine Erwerbsquelle. Bon Samstag . abends bis Freitagnachmittags fährt er herum und bringt den Leuten „frisches Wasser" ins Haüsi Zwei Kannen kosten 1 Kreuzer; die monatliche Zufuhr kostet 40-70 Kreuzer, je nach der beanspruchten Quantität. Jeder Wasserträger' beschäftigt noch einen Arbeiter, den Kannenträger/ dem er 50 Kreuzer täglich zählt. Das Gewerbe eines Wasserträgers /in Kolomea hat einen goldenen Boden, denn es ist freivon -jeder Concurrcnz: Die 14 Unternehmer haben die Stadt in : 14 Rayons, eingetheilt; keinem wird cs einfallcn, in;das Gebiet des anderen übcrzugreifen. Damit erlangt auch jeder innerhalb seines Gebietes ein Monopol,, aber er beutet es nicht aus, die Preise bleiben fest. '. .. Eine eigentliche Fachorganisation besitzen nur die Boistensorticrer und seit wenigen Tagen auch die Talcswcbcr in ihrem Verein „Einigkeit". Die anderen jüdischcii Arbeiter socialdrMokiatisch zu organisieren, bczcichncte mir ein jüdischer Socialistcnführcr als unmöglich. Die einen, wie die Bäcker/ -Petroleum-Raffinerie- und Zündhölzchenarbeitcr, seien Utit ihren Fabriken, wo sic von Generation zu Generation arbeiten, : allzusehr verwachsen; die anderen, wie die Fiaker,- haben Angst vor. den Behörden. Aber selbst jenen Fachvercinc» gehören nicht alle Arbeiter dieser Kategorien an. Vorzüglich organisiert, vielleicht -die beste Fachorganisation in ganz Galizien, sind die Bvrstcnsorliercr. Der Verein besitzt ein kleines Capital und wird, wmu.^>ic»,Mitglicdcr strikcn, in eine . Prodlic.tMenosscyschafN imrZtMldeltz,iNnr!.'dai;iirch gelang es den Mitgliedern dicjer Branche, so hohe, vereinzelt dastclMde -Löhne zu nziclerr. Andcxs.-.bci-hen:.Tvlkswcbern. Die .älteren unter ihnen kümmern sich weder.um Verein, noch um Politik. - Es sind -mitunter Grstfe,/ die. iw, :dty..Web.stühlctt: sitzen und uin einen Lohn von 5 - 7 Gulden die.Woche, zwölf Stunden . täglich das Trittbrett. bewegen Und das Schiffchen zwischen . den Ketten hin imd -her schießen .lassen. Aber, die jüngeren sind Seeiqldcmokratey. .Sv pennen sie sich, -so.-.fühlen:sie-sich. . Was das Endziel dev S ocialdeinokratie. -ist, kann inan jedoch schwer von. ihnen erfahren. Sie haben cs vielleicht nie gehört - und auch, nicht gelesen,, - denn' sic find - zumeist Analphabeten. . D.ic socialdculoki »lischen Agitatoren unter der jüdischen Arbcitcr- , schaff verlegen sich...zumeist auf --die .Kritik, der bestehenden Ordnung und da finde» sic empfängliche Grmüthcr../Jn -KolouiLa und auch anderweitig: fi.nd.et .Man:untcr den socialdemokratisch gesinnicit jüdischen Arbeitern: ein buntes Ge misch vom pvlilischcn und socialen Gedanken,- das-sich: schwer mit dein -waschechten Partc.iprog-.amni .deckt,. aber .sie sind--alle dp rin. einig: sic niöchtcn .kürzere Arbeitszeit Md.-bessere Löhne. „Uns .ist schlecht, wir. wollen besser.leben, wir arbeiten ja," — sagte einer. Es gibt auch unter.-den Taleswcbcrir viele Zi.onistcn; dassind . die, welche betonen,.: dass .sic,--um diese . Anforderungen zu erheben, nicht gerade-internalivnale Social- . dciiiokiatcu zu sein: brauchen. Einer von .' ihnen .'antwortete mcincin Begleiter aus die Frage: - ' / : •*: - .... „Wollen Sic nach Palästina gehen? Dort werden Sie . ja - auch arbeiten müssen.". : „Wollen wir denn nicht arbeiten?: Ueberall inriss man . arbeiten.. Aber muss man denn so schwer arbeiten, wie.hier?" Was die jüdischen Arbeiter znr Söcialdemokratie- -treibt, ist auch nicht das Programm. In ihrem grenzenlosen Elend greifen sic: nach jeder: Hand,' die -sich ihnenbcntgcgenstrcckt, sie . vergöttern , jeden, dcr zu ihnen hcrabsteigt, an ihren Leiden thcilnimmt, ihren Schmerz .mitempfindet - und': ihre schwcr-e-n Anklagen .gegen : die Gesellschaft: in Worte zu fassen vermag. Die jüdische Intelligenz und die. paar Capitalistcir Galiziens, die in' .ihren diversen. „Banken" nur ein Wuchcrrnoiwpol betreiben, haben sich nie um das Volk.gekümmert; sie haben : es höchstens während -der politischen Wahlen als Stimmvieh zur Urne .getrieben. Was Wunder, wenn' sich die so'cial- . demokratischen Agitatoren alseinzige Volksfreundc die Gunst des: jildischcm.Prolctariats erwarben und sie nochdort-besitzen, wo die zionistische Agitation-nur hin'Keime steckt: b ,::.- Jcdenfalls bleibt die socialdcmokratischc Agitation lediglich ans die qualificiertcn Arbeiter beschränkt. Denn ihnen steht die riesige Phalanx dcr „Luftmenschcn" gegenüber. Was ist .das?! Das/sind/jene, weiche ckcip Gewerbe undj /keinen Handel betreiben, die heute nachts nicht wissen, wovon sic morgen früh leben, und des Morgens, wovon sie ihre Familien zu Mittag ernähren werden. Sie sind bald Makler, 'bald lernen sic Mischna, wenn jemand stirbt, bald' sind sic als „Cursoren" Concurrentrü der Post, indem sie für zwci-Kreuzer cipen Brief und für 5 — 10 Kreuzer ein Paket in die nächstliegendcn Orlschaftm befördern. Ihre physische Kraft ist-ja wertlos, denn sie findet keinen Abnehmer. Je kleiner die Ortschaft, nmso.geringer -die Arbcitsgclcgmhcit, umso größer das Elend. „Kömiiicii Sie zu mir nach Gwozdzicc, da., sollen Sic erst was sch'«," proponicrle mir dcr dortige Schulleiter, und, sein Ämtscollege von Zborolo suchte ihn zu überbiclcn, iildcin er 'mich zu sich einlud. Die „Luftmcnschcu" bilden den größten Thcil der 772.000 Juden Galiziens. „Wir haben vielleicht 100 wohl- : habende unter den 14.000 Juden Kolomeas" — jagte mir ein alter Rcligionslehrcr der Baron Hirsch'schen Schule. Die meisten kämen selbst in Verlegenheit, wenn mau fic fragte, wovon sie leben „Gott hilft schon." Und hilft er -nicht/ dann kommt dcr Hungertyphus und macht ein Ende. Nack) den Berechnungen Szczcpanowssis sterben in Galizienjährlich Inns-' bis sechstausend Juden Hungers. . . ' ‘ Man würdi: 'meinen/ dass sich wenigstens alle Mädch'ctl etwas - verdienen können. Die in den Fabriken kein Unterkommcil finden, könnten in Dienst gehen. Selbst das nicht.

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