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Die Welt · 1897-11-12 · 24 (12.11.1897) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
24 (12.11.1897)
Article
Börsenelend
Date
1897-11-12
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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3Bct»ötfemftfj' cvyccjcii'..//• ^üljcv fonvmf >tc Gh'rlosigstit der Börse. Darum gesteht-jrin solcher kleiner Märktbesucher nur zaghaft, beinahe errölhcnd/, dass er ein „Börsianer" sei, als ob"das ein unehrliches Gewerbe wäre und nicht eine allgemein nützliche, rechtschaffene Thätigkcit. Der „Banquiei" freilich,' und' gar ein Bankdirectbr — Hut ab vor Solchen! Und' es gibt Läkeicy genüg, leider auch im. Journalismus, die' vor diesen Herren die tiefsten Bücklinge machen. Äh, diese Herren empfinden „nichts' vorn schlechten Geschäftsgang, ja nicht' einmal' votn Antisemitismüs, den sie erzeugt haben. Sie finden schon Mittel und Wege, uin sich von den Angriffen ddr /juöenfresscrifchcn Radaupresse loszNkaufen, die dann mit umso edlerem Ungestüm über die armen kleinen Börsianer herfüllt. Die Ueberwälzung ist eine vollständige. Und wir haben 'das empörende Schauspiel vor uns,- wie diese Herren ihr all« Moralbegriffe beleidigendes Vermögen ausbreitcn, gleich den Thcaterdirnen, die auf schamloser Brust den glitzernden.Schmuck ihrer Prostitution tragen. Wir finb bodE> feine Kinder, wir wissen doch/dass diese Theatcrdame' und jmerj Bankdirector sich von ihrer Gage , nicht s» viel „erspart" haben können. Diese Edelsteine und jene Millionen sind Bekenntnisse der beschämendsten Art. Aus den Ergebnissen lässt sich die Vorgeschichte crrathen. Man sieht ordentliche den Bankjüngling, wie er auf Grund von erlauschten und missbrauchten VurcaugcheiUinisseu heimlich an der Börse „operiert", .bis er genug Geld hat, um selbstävdigden Gimpelfang zu betreiben und sich entweder eine Clicntcl zusammenznstellen, der er. faule Werte aufschwatzt — oder wie er als Bankdirector „Führer" des Marktes wird und mit den Mitteln der Bank Schwindelcurse hervorruft, deren Zusammenbruch das Elend, in viele Häuser bringt, Roth und Tod/ Man sieht endlich den Großgewordenen,/ mit Orden behängt, mit Titeln geschmückt,. hei den „Staatsgeschästen" anlangen, sieht ihn Verbindungen eingehen, um sich gegen' mögliche Verfolgungen zu, decken, sieht käufliche Schreiber in seinem Sold, und wehe dem Unabhängigen, der gegen solche namenlose Corruption die Stimme erhebt. Ein solcher ltnabhängiger-wird gekrsinkt, geschmäht,, und, wenn es geht auch verdächtigt, und' lässt sich schon, nicht sagen, dass er seine Hatid jctnals /durch' Trinkgelder befleckt habe, so ist cs der Neid, der ihn leitet . . .s Indessen röchelt das Börsenelend um Hilfe. Ach ja, man beginnt sich, auch wirklich schon damit zu beschäftigen, und. es heißt, die Börsenkammer wolle Vorkehrungen treffen, um, di« Börse Zu purificieren. Pn-^-ri—fi—cie—ren! -Das ist ein guter Gedanke. Wie wcrdcii die Herren das machen? Werdeu„sie die notorischen Würger ausschließen, die wie jene Londoner Strolche im Nebel hepänkommen und den Ahnungslosen gar.rotiercn? Werden sie' alle diejenigen dauernd disquälific irren,, die als Urheber /oder Helfer Attentate auf den Markt verübt haben?, Welcher Art soll die Abhilfe sein? Ist rrur an die Erschwerung des Zutritts zum Geschäfts- Verkehre gedacht, so ist zu befürchten, dass die Frage damit nicht gelöst sein werde. Die Proletarier drin iM Börsensaäle würden sich nur um so viele Kopfe vermindern, als zu den Proletariern draußen vor dem Börsengebäude hinzukämen — vdrausgesetzt, dass nicht einige gleicht um cmpaar Schritte weitergingcn, bis ans untere Ende/des Schottenringes, um im Donaucanill ' den Ausweg zu suchen. Man vergesse nicht, dass das Börsenclcnd damit, nicht behoben ist, - wenn man etliche Börsenbcsitcher auf die Gasse hinaüswirft. Wohin soll ein solcher Mensch sich in dieser Zeit wenden.? Wohin, um Gotteswilsen? Das Börsenelend ist ein Theil der allgemeinen Judennoth, es ist'zugleich betrübend uüd empörend. Man kennt es nicht in ferner wahren Gestalt. Ein wenig Licht in diese Sache zu bringen^,, kann, nicht, schaden, und zwar -weder j den anständigen Juden/der Börsej noch/ auch den anständigen Inden »ußerhalü/dieses, Kreises. Darum sollte und musste das Einmal gcsagtj werden. - /. ' Wir haben heute/eiste Pflicht, gethan. - . Oie wsche. :/. / SB i c 11, 11. November 1897. Von nun ab dürfen sich die Juden nicht mehr beklagen, dass sie zu arg beschimpft werden. Denndie Antisemiten sind ja die wahren Lämmer, wenn sie gegen die Juden losziehen-. . Nur wenn sie sich untereinander ihre Meinung sagen, werden sie wild. Das hat sich in jener dramatischen Nachtsitzung gezeigt, in der sie zu raufen begannen. Nie haben die Antisemiten gegen Juden solche Beleidigungen' gebraucht, wie gegeneinander, nie haben sie für die Juden so verächtliche Worte gefunden, wie für . sich selbst. Mitten in diesem racenrcinen Tournier brach Dr. Lueger in den schmerzlichen. Ruf aus: „Und deshalb hat man zehn Jahre lang gegen die , Juden gekämpft'" Da begannen sich die. Kinder Israels zu freuen,, denn sie glaubten, man werde nun nicht mehr gegen sie kämpfen und daran vergessen, sie zu verfolgen. Aber sie irren sich. Dieser Ausruf galt nicht der Sache, sondern nur der persönlichen Stellung des Herrn von Wien. Es werden neue Herren kommen, und sie alle werden gegen die Juden kämpfen. Nebenbei werden sic sich gelegentlich mit anders schattierten Gesinnungsgenossen zanken. Da können die Juden dann die Schimpfworte, die in diesem Streite fallen, auflesen und mit jenen vergleichen, die sie seit so und solange einsteckcn, und sich am Unterschied trösten. „Es ist nicht so schlimm!" wird cs dann heißen. Nein — Beleidigungen an sich sind nicht schlimm, sie werden es nur durch die Art, mit der man sic erträgt. . , ’'' * Die Herren von Wien werden in Baden gebändigt. Da sind denn die Juden mit wahrem Feuereifer dabei. Sie bieten ihre ganze Kraft auf, dass statt der christlich-socialen Antisemiten deutschnationale Antisemiten gewählt werden. Fast scheint es, als hätten sie sich mit dem Antisemitismus abgefunden und als sei es ihnen nur noch um die Abwechslung zu thün. Allein sie ahnen nicht, nach welch schlimmem Tausch sie so eifrig streben. Von den Christlich-Socialen wurden sie mit Ruthen.gezüchtigt. Die Deutschnationalen jedoch halten Scorpione in Bereitschaft. Die güten Juden ahnen auch nicht, wie sehr sie ihre eigene Sache fördern. Statt des. konfessionellen Judenhasses wird der nationale Judenhass dominieren. UNd dieser wird vielleicht erziehlicher wirken. * Eigentlich gibt es ja schon fast keine Partei mehr, die nicht antisemitisch wäre. Man nimntt nur das Wort nicht gerne in den vfficrellen Titel auf. Jetzt, da alle Parteien sich nach nationalen Grundsätzen bilden, können sie den Juden' mit mehr oder weniger Höflichkeit hiuauscomplimentieren. Es . wird auch bald kein Land mehr geben, das nicht antisemitisch ist.. Nun Hören wir auch aus. Britannien das Lied von den „Fremdlingen" klingen, das überall so gut bekannt ist. Mr. White hat es -zurrst in der „Pall Mall Gazette" angestimmt. Die Melodie ist genau dieselbe wie bei uns: die Juden sind Fremdlinge, sie sollen Englands Angelegenheiten fern bleiben, denn sie haben, keinen Tropfen englisches Blut in den Adern rc. rc. Es muss wirklich dahin kommen, dass alle Nationen den Judenaus ihrer Gemeinschaft verweisen, damit die Juden sich darauf besinnen, dass sie selbst schließlich auch eine Nation sind und nicht gerade die jüngste. * sfc * Und gerade England war es, das am kräftigsten für die; Juden eingetrcten ist. Es war das Werk Disraelis, dass die Berliner Confercnz Rumänien zur Gleichberechtigung der ' Juden verpflichtete. Rumänien hat seine Pflicht auch erfüllt. Der Jude ist dort gleichberechtigt, dl h. er darf niemanden ermorden und darf von niemandem ermordet werden. Allein — als Staatsbürger ist er nicht anerkannt. Und nun hat ' Rumänien eine äußerst sinnreiche Judenfteuer, so eine moderne Art Ghettvabgabe erfundcn. Man plant eine Armeereform, beschränkt die Wehrpflicht auf rumänische Staatsbürger und

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