Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 24 (12.11.1897)
- Article
- Börsenelend
- Date
- 1897-11-12
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Ländern, um die bleichen Mädchen in dev galizischen Zündhölzchcnfabriken oder um die Proletarier bei Wiener Börse handle. '- ' - ' Wir haben vorhin die ökonomischen Segnungen — das Wort kann von Unverständigen belächelt werden — der Börse erwähnt. Wir wissen wohl, dass es da auch die verderblichsten Auswüchse und Missbräuchc gibt. Jede Berscinerung trägt Coriuption in sich. Nachfrage und'Angebot werden oft gefälscht, die Preisbildung wird durch Manöver gelegentlich entstellt, der Einzelne wird in Anlage und Realisierung seiner Habe manchmal geschädigt, Industrien und Handelszweige können durch Schwindeleien oder Functionsstörungen der Börse in Mitleidenschaft gezogen werden, und der Staatscredit selbst ist vor dem Spiel mit falschen Nachrichten nicht sicher. Aber wenn dies auch alles wahr ist, wird doch nur ein Thor die ganze Einrichtung, nur ein Ungerechter alle Theilnehmer der Börse verdammen. Halten wir uns bei der Albernheit nicht auf, die sich in dem berühmten Worte vom „Giftbaum" ein dauerndes Denkmal gesetzt hat. Wenn Missbrauche vvrliegen, dürfen sie nur denen zugeschrieben werden, welche sie wirklich begangen haben und noch begehen. Ist es schwer oder gar unmöglich, dies festzustellen? So muss wenigstens der Kreis der Untersuchung auf diejenigen beschränkt werden, welche die Kraft haben, sie zu begehen. Wenn irgendwo eine Ucbelthat geschehen ist, und zwar mit einem Werkzeug, das nur cm starker Mann heben kann, wird man doch vernünftigerweise Kinder und Schwächlinge' gar nicht erst verdächtigen. Wer hat also die Kraft, mit der Börse Missbrauch zu' treiben? Da steht die Frage! Man spreche nicht von den kleinen Stückchen und Streichen. Minima non curat praetor. Dadurch wird kein nennenswerthcr Schaden ungerichtet. Man darf sogar gelassen die Behauptung >wagen, dass aus keinem Markte Treu und Glauben so ernst geübt wird, wie an der Börse. 'Das ist kein Paradoxon. Der ganze Verkehr beruht auf Treu und Glauben eines hingeworfenen Wortes, einer flüchtigen Einschreibung in ein Taschenbuch. Ja, diese kleinen Leute der Börse, die man so gern in Bausch und Bogen verleumdet, von denen man im verächtlichsten Tone zu reden pflegt, sind in Wahrheit mit geradezu verschwindenden Ausnahmen durch und durch ehrliche Menschen, die ein auch körperlich anstrengendes Gewerbe rechtschaffen betreiben. Hier sei der Brief eines sehr anständigen Mannes von der Börse eingeschaltet: Wie», 3. Novinrber 1897. „Als ich vorgestern von Ihnen den ehrenden Auftrag erhielt, Ihnen einige Angaben über die Börse zu liefern, nahm ich mir vor, die Feiertagspause adzuwarten, um ani ersten Werktage zunächst die Wirkungen der neuen verfünffachten Umsatzsteuer wahrzuuchuicn. Ich ging nun gestern Früh wie gewöhnlich zur Börse, leider mein Beruf seit 26 Jahren. Es läutete 16 Uhr. Anfangs sah ich Gruppen sich versammeln, ich hoffte, cs wären Geschaftslustige. Allein kaum waren einige Minuten verstrichen, musste ich mit Bedauern wahrnehmen, dass es lauter Neugierige waren. Zwar bald waren die Coulissen aufgelöst und die Mitglieder an allen Enden zeistreut, die meisten verkümmert und versorgt, nach dem kleinsten Verdienste lechzend. Auf manchem Gesichte lagerte schlecht verheimlichter . Jammer. Alle Gruppen, die einst wie undurchdringliche Knäuel Coulissen bildeten, wo die gangbarsten Effecten geräufchvollst gehandelt wurden, sind gelichtet. Es fehlen die Faiseurs, welche sich ihrer zu bedienen pflegsen, die ihrer dringend bedurften, um legale und illegale Mätzchen hinter ihnen zu machen. Mich dünkt, man heißt diese Gruppen deshalb Coulisse. So lange die Regierungen Anleihen zu placieren hatten, sorgten ihre Helfershelfer dafür, dass eine lungenstarke, marktschreierische Coulisse existiere. Jetzt, in dem deficitloscn Intervall, glaubt mg» ihrer entrathen zu können. Ueberdies wurde jede Unternehmungslust vom Antisemitismus verscheucht. Endlich wurden in früheren Jahren B.-rirrungen durch o f f i e t eite Personen heraufbeschworen und die Börse manchem Freibeuter ausgeliefert. Die wahnwitzigste Phantasie wurde angefacht, bis zum Paroxismus gesteigert, worauf dann eine wohlbestellte kalte Douche folgte, welche den/ganzen Organismus zerstörte. Es war das Jahr 1395, in welchem die Börse der Freibeuterei prcisgegeben wurde. Bon da ab verlor die Börse nicht nur Geld und Ansehen, sondern auch ihre kaufmännischen Rechte. Diese Rechtslosigkeit bildet den Hauptgrund ihres Verfalles. Nicht also eine Ursache rief die gegenwärtige Misere hervor; cs waren deren viele, die ich übersichtlich resümieren möchte: Mängel an Regierungsgeschästen, Unternehmungsscheu, llebertreibungen, wie Ueberschätzungen eigener und fremder Kräfte und Autoritätencultus. Zuguterletzt kam nun der antisemitische Schrecken iu,Förin einer fünft fachen Umsatzsteuer. Diese Steuer sollte den Reichen treffen und erschläg, den Armen, Alle'Banken und/Bankiers habest in. einer Conserestz welche bei der Credilanstalt stattgesunden, hat, beschlossen, die gatlze Steuer in ihrer vollen Wucht apf die Clienten zu/ überwälzen. Diese Banken werden von der Steuer, 'nicht getroffen,/ hingegen reduciert sich der geringe Nutzen d«S kleinen Manstxs,/ auf ein. Minimum//bei dem er nicht wehr existieren kann. Das JÖpter ift/der unbemittelte Coulissier dieser harrt, trotz Unbill der Zeiten, aus/ seinem Platze auS und sucht schreiend, kreischend-im Schweiße seines' Angesichtes seinen Tagesbedarf zu erwerben. Um sich vor größeren Verlustin zu salvieren, »muss er oft sogenannte „Fehlschlüffe" mit kleinem'Verluste rasch realisieren, um sogleich ein neues Geschäft zu versuchen,bei welchem es ihm wieder fehlschlagen kann. Bis ein solcher Mann etwas verdient, steigern sich die Spesen in's Unerschwingliche. Bei einem'solchen Manne könnten die.im Laufe eines ganzen Monats angcwachsene Steuer und Arrangementspesen existenzvernichtend wirken." Das ist ein lehrreiches Document. Was uns' darin am meisten frappiert, ist die Gegenüberstellung des unbemittelten Börsenbesuchers und der cölikirten' Banken/ Ec wirkt beinahe wie der sattsam bekannte Gegensatz zwischen, Arbeit und Capital. Gibt es das auch auf der Börse? Da stehen auf der einen Seite die Marktleule der Börse, müde wie Dienstmänner, abgehetzt, heiser vom Schreitn, dabei sorgen- ' voll und in wunderlicher Logik der Thatsachcn zu „Fehl- . Müssen" gedrängt. Wird man diese Leute für minder würdig der Theilnahme und Achtung halten, als die ehrsamen Händler anderer Märkte, weil' es dort concretere Waren gibt? Eine neue Steuer ist über sie gekommen und schlägt sie nieder. Ihr Geschäft besteht in der Häufigkeit der Abschlüsse ’f die Häufigkeit wird von der Steuer getroffen, folglich ist das Geschäft ans, einfach aus. Das wenigstens ist kein Fehlschluss. Es bleibt nur noch die Frage übrig, was ein solcher Mann morgen thun soll? Das sind ja keine Taglöhner, sondern intelligente Kanflcüte. Die meisten haben bessere Zeiten gesehen, lind ihre Kinder wollen auch in den schlechten Zeiten etwas essen, ein Stück Brot zum Beispiel. Freundlicher sieht die Sache auf der anderen Seite aus. Da erblickt man eine gar nicht aus dem Gleichgewichte gerathene Gesellschaft. Man setzt sich zusammen, beräth, vielleicht nicht einmal lange. Das erlösende Wort ist so bald gefunden: die Steuer wird übcrwälzt. Warum haben Sie; das nicht gleich gesagt? . . . Es ergibt sich daraus des ' Ferneren, dass die Starken wieder einmal gekräftigt aus dem Abenteuer hervorgehen. Ah, die Uebcrwälzung ist eine goldene Erfindung. Die Starken überwälzen jede Last, auf die Schwächeren, und je kräftiger einer ist, umsv weniger hat er zu tragen. Das Schauspiel ist ja nicht neu. Uebcrall siegt Las größere Capital über das kleinere. Aber während diese Erscheinung auf allen anderen Gebieten zu den heftigsten Zornesansbrüchcn und Anklagen führt, ist die arme Börse/, stumm. Ist etwa hier die. Uebermacht und Brutalität der Großen nicht so empfindlich? Nein, sie ist viel ärger als auf jedem anderen Felde. Der Kleine ist dem Großen einfach an's Messer geliefert. Die dickere Brieftasche entscheidet, wie in dem berüchtigten amerikanischen, Hazardspiele, in dem der gewinnen muss, . der mehr Geld auf den Tisch legen kann. Wie, und doch werden die Kleinen nicht fortwährend von den Großen erdrosselt? Am Ende steckt. Grpßmulh dahinter, man gibt wohl den armen Teufeln einen 'Bissen Brod zu vcr- , dienen, man lässt sie leben? Na, nä! Die Wahrheit ist, dass man sie nicht, sterben lässt — wenigstens nicht inrnt r. Man erhält sic — um ein Wort aus dein Volksmunde zu; nehmen — an der Krepierhalfter; denn, man braucht sie ad und zu, wenn man das lebhafte Marktgeschrei und diesen / Tumult benöthigt, in welchem die großen Streiche unbcmcrlt gelingen. Die „legalen und illegalen. Mätzchen", von, denen unser Briefschrciber spricht. Aber von alledem erfährt man nichts. Stumm ist die arme Börse — stumm, weil sie arm ‘ ikt. Silence aux pauxres! Es ist Zeit, dass für, diese armen Leute ein Rächer aufftehe. , Denn die Ucberwälzung beschränkt sich nicht auf-die / gesetzlichen Abgaben. Alles wird ans die Kleinxp abgewälzt : auch die Verantwortung für die finanziellen Katastrophen, auch der Hass, den alle diese Vorgänge in der umgebenden