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Die Welt · 1897-11-05 · 23 (5.11.1897) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
23 (5.11.1897)
Article
Ungarischer Antisemitismus
Date
1897-11-05
Page
7 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23. MHMk Seite 7. Im Namen und im Aufträge des einen angeklagten Lehrers, Alfred SchLuvicky, veröffentlicht ilnn aber dessen Bruder, der gleichfalls Lehrer ist, eine Erklärung, in welcher die Eltern der angeblich ohne „böswillige Absicht" gequälten Kinder um Vergebung gebeten werden, und gleichzeitig bezeugt wird, Schönviczky habe sich von der Grundlosigkeit der gegen seinen College« Gabel erhobenen Beschuldigung der Dcnunciation überzeugt. Trotz alledem und alledem aber wird dieser ganz unschuldige jüdische Lehrer bestraft. So erhält das geflügelte Wort aus Lessings „Nathan" eine funkelnagelneue Variante: „Thut nichts, der Jud wird, ver—setzt". Das Schönste an der ganzen Sache aber ist, dass der Präsident des Schnlstuhles, der als solcher Vorsitzender der Unterjuchungscommission war, Bola Z b o r a y in einer an diemeisten Budapester Journale versandten geharnischten Erklärung sich dahin äußert, die von ihm geleitete Untersuchung habe „unzweifelhaft" ergeben, dass die gegen die beiden Lehrer erhobenen Recriminationen aus der Luft gegriffen und auf die Urheberschaft eines strafwürdigen Amtsgenosscn (Gabels) zurückzuführen sind. Nun noch einige Facta. Am 5. Oktober v. I. hatte die Studentenschaft der Budapester alma mater einen überaus bewegten Tag. Es sollten die Functionäre des „Egyctemi Kör" (Universitätsclub), welcher die gesammte Budapester Universitätsjugend in sich fasst — das Burschenwescn ist nämlich an den beiden ungarischen Universitäten unbekannt — gewählt werden. Um das Präsidium bewarben sich zwei Candidaten, stuck, zur. Adolf M e r k l und Bela H e r c z e g, deren jeder über eine erkleckliche Anzahl begeisterter Anhänger verfügte. Erstcrcn unterstützte das sich noch zu freisinnigen Principien bekennende akademische Bürgerthum mit Einschluss des größten Thcils der Juden, letzterem leistete alles Heeresfolge, was an der Universität antisemitisch denkt, fühlt, spricht und handelt — einige wenige „Glaubensgenossen" mitinbegrisfen. H e rczcg wurde gewählt. Desider Tauber, ein jüdischer Rechtshörer, begab sich am gedachten Tage zu Wagen auf den Schauplatz des Wahlkampfes. Plötzlich hörte er, dass ein neben dem offenen Gefährte einherschreitender junger Mann „Saujude" rief. Tauber ließ anhalten, stieg ab und fragte den Provokanten, ob er gut gehört habe? Dieser wiederholte die Insulte, worauf Tauber ihm eine schallende Ohrfeige versetzte. Der solcherstalt abgefertigte junge Mann, der sich Stefan Szalay nennt, Jurist und Sohn des Mmrsterialrathes Peter Szalay ist — in parantllssi fei vermerkt, dass seine Mutter als Jüdin geboren wurde — ließ Tauber durch seine Freunde Franz PLlsfy und Edmund G r e g e r s e n fordern, worauf Tauber seinerseits die «tnck. zur. Anton S i v i r ß k y und Ladislaus Dessewffy als seine Secundanten nominierte. Diese vereinbarten sodann mit den erstgenannten Beiständen des Gegners ein Säbelduell, welches denn drei Tage nachher thätsächlich stattfand und mit der schweren Verwundung Szalays endete. Zwei Stunden nach seinem Rencontre mit Szalay gerieth Tauber abermals ohne feine Schuld in einen Handel hinein, aus dem sich im weiteren Verlause ein veritabler kleiner Rattenkönig von Ehrenaffairen entwickelte. Als Tauber nämlich nach Ausübung seines Wahlrechtes sich entfernte und die Straße betrat, versperrten ihm drei Studenten den Weg, und während ihrer zwei ihm die Hände festhielten, insultierte ihn der dritte im Bunde, C. I. Goza P e t r a s o v i c s v. U j e z t, thätlich. Tauber forderte noch selbigen Tages Satissaction, allein Petrasovics gab den Secundanten desselben die schriftliche Erklärung ab, er schlage sich nicht mit einem Juden. 6'est tont comme chez nous — werden die Wiener sagen. Was that aber Tauber? — Der kleine, schwächliche Tauber verschaffte sich eigenmächtig und eigenhändig Sastsfaction von dem reckenhaft gebauten Petrasovics, und zwar keine moralisch-platonische, sondern eine höchst handgreifliche Genugthuung. Einige Tage nämlich nachdem Petrasovics das obenerwähnte Bubenstück vollführt hatte, begegnete ihm Tauber auf einem der belebtesten Budapester Boulevards, zog eine eigens zu diesem Behufe in Bereitschaft gehaltene Huudspeitsche aus der Tasche, brachte sie zuvörderst in eine Nichts weniger als sanft zu nennende Berührung mit der Visage Petrasovics und zerbrach deren Griff sodann, als Petrasovics zum Stocke greifen wollte, an dessen Handfläche. Tauber verließ den Schauplatz, ohne von dem dermaßen gezüchtigten, rüpelhaft-feigen, antisemitischen Auskneifer auch nur berührt worden zu sein. Vorerst erkundigte er sich aber nach dem Namen des Begleiters Petrasovics', der diesem zwar nicht zuhilfe gekommen, wohl aber bübisch genug gewesen war, dem wenig erbaulichen Vorgänge aus respektvoller Distanz zu folgen und von seinem Standorte aus dem Tauber auserlesene judenfeindliche Schimpfreden zuzurufen. Der würdige Collega des Petrasovics verweigerte jedwede Auskunft mit dem lakonischen Bemerken: „Einem Juden sage ich meinen Namen nicht", Tauber erkundete jedoch den Namen des jungen Mannes anderweitig und ließ ihn fordern. Derselbe heißt Emerich K o m l 6 s s y und ist d e r S o h n d e s Prä s identen der D e b r e c z i n e r li b e r a l e n Partei. Er mochte mittlerweile offenbar sein „Princip" an den Nagel gehängt haben, denn er leistete der Herausforderung des Juden Tauber Folge, was übrigens nicht zu verwundern ist, da ja selbst sein Vorbild Petrasovics nach Empfangnahme seiner Tracht Prügel sich eines Besseren besonnen zu haben scheint. Letzterer ließ nämlich nachträglich bei Tauber anfragen, ob dieser nunmehr geneigt wäre, sich mit ihm zu schlagen. Tauber wäre darauf vielleicht eingegangen, allein seine Secundanten, durch die er Komlüssy hatte fordern lassen, erklärten, sie duldeten cs nicht, dass ihr Mandant einem disqualiffcierten Individuum Genugthuung mit den Waffen ertheile. Aus Anlass der Durchpeitschung Petrasovics' wurde Tauber in noch einen Ehrenhandel verwickelt. Diesmal war nicht er der herausfordernde Theil, sondern der Rechts- Hörer Paul Mckßü ros, der gleich Komlüssy zur Zeit der Geißelung Petrasovics' diesem das Geleit gab und durch eine beleidigende Aeußcrung Taubers seine Ehre verletzt erachtete. Beide Affaircn wurden mittelst Säbels ausgctragen und endeten mit der schweren Verletzung der Gegner Taubers. So traurig es ist, diese Raufereien aufzählcu zu müssen, so charakteristisch sind sie durch ihre Entstehung und ihren Verlauf. * * * Facta loquntur! Und fürwahr, eine äußerst beredte Sprache ist es, die aus all den mitgctheilten Thatsachen uns stammes- und selbstbewussten Inden entgcgcnschallt. . . Uebrigcns wäre es, was speciell den Antisemitismus der Jeunessc döree anbelangt, von Interesse, dem Borne nachzugrabcn, dem derselbe entquillt. Denn eines steht fest und unverrückbar: würden die empfänglichen Herzen der Kinder nicht schon seitens der Eltern — hohe Rcgicrungsfunctionäre und sonstige „Säulen des Liberalismus", wie aus dem vorhergehenden ersichtlich, nicht ausgenommen — mit dem Krankhcitsstoffe der Judophagie imprägniert, diese Seuche gewänne im Körper der heranrcifendcn Generation unmöglich jene Intensität und jene Dimensionen, die wir wahrzunehincn die Gelegenheit haben. Leider stehen mir betreffs des „häuslichen" Antisemitismus, sowie auch bezüglich des Antisemitismus in den Mittelschulen, deren Einfluss auf die nachmalige Gesinnung und Haltung der Schüler schwer in die Wagschale fällt, nur spärliche, lückenhafte Daten zur Verfügung. Ferner böte auch der Antisemitismus der Juden selbst einen lohnenden Vorwurf. Doch davon ein andermal. Zangivill und die Nsstmilstioir. Ein Ausspruch I. Zangwills im „Daily Chronicte" gibt den englischen Assimilationsjuden viel zu schaffen. Bekanntlich hat dieses große Londoner Tagblatt in einem geradezu gehässigen Tone das Tberna der „Judenfrage" in England ins Rollen gebracht; tagtäglich druckt es Zuschriften aus dem Publicum für und wider die Juden, und alle möglichen Vorschläge zur Lösung der Frage werden gemacht. Natürlich

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