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Die Welt · 1897-11-05 · 23 (5.11.1897) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
23 (5.11.1897)
Article
Ungarischer Antisemitismus
Date
1897-11-05
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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«eite s. IlrWe blatt pur exosUeuos, dessen Abonncntencontingeilt zudem größtentheils aus Juden sich recrutiert, das sich keine Gelegenheit entgehen lässt, den Juden eines am Zeuge zu flicken, ihr Gehaben in geschmackvoll-saftiger Weise zu parodieren, die Rabbiner um jeden Preis lächerlich zu machen und sie als verbohrt, beschränkt und ultramontan (!) an den Pranger zu stellen u. s. f. So führte „Pesti Hirlap" eine „Zsidä ultramontanizmus“ (jüdischer Ultramontanismus) übertriebene stehende Rubrik ein, deren Tonart ich genugsam charakterisiert zu haben glaube, wenn ich folgenden, daselbst von einem evang.-ref. Pastor gethanen Ausspruch hiehcrsetze: „Die jüdische Religion ist ein Cultus des Teufels, und ihre Geistlichen, sie sind Beelzebub-Priester!" Das ist doch recht nett. Was nun die regierungsgegnerischen Tageszeitungen betrifft, so sind diese, vielleicht mit 1 — 2 Ausnahmen, bei all' ihren sonstigen Verschiedenheiten und mehr oder minder scharfen Gegensätzen, sich darin gleich, dass sie sämmtlich in antisemitischer Wolle gefärbt sind — intensiv oder blos oberflächlich gefärbt, das ist uns füglich einerlei — und auch das haben sie mit einander gemein, dass sie ausnahmslos von unseren Brüdern pränumeriert werden —; btt hierländischm, wie alle sonstigen Golus-Juden hegen nämlich eine eigenthümliche perverse Vorliebe für geistreichclnde, judenfresserische Schmöker. Ich gönne ihnen schon ihren Geschmack aus ganzem Herzen. Festgenagelt zu werden verdient jedoch das Vorgehen eines besser ungenannt bleibenden obscuren Einkreuzer-Abend - blattes, welches, von lauter „jüdischen Magyaren" redigiert, die Stirne hatte, anlässlich der jüngsten „patriotischen" Demonstrationen gegen die deutschen Vorstellungen im Budapester Lustspieltheater — an denen sich auch leider unsere Glaubens- und Volksgenossen, „magyarischer Race" wie an allen hurrah-patriotischen Veranstaltungen hervorragend betheiligt hatten, zartsinnige, mit „koscherem Humor" gewürzte Anspielungen auf die confesstonelle und Raffenzugehörigkeit des Stammpublicums dieses Leopoldstädter Thalia-Tempels zu machen. Den Herren wurde indess gründlich hcimgcleuchtct. „Borsszem Jankö", das von Adolf A g a i geleitete vortreffliche Witzblatt, persiflierte die Gebahrung derselben köstlich, indem es, ein ungarisches Sprichwort*) travestierend, bemerkte: Zsido reti izraelit&nak, bogy lieber. Zn Deutsch: Der Jude wirst dem Israeliten vor, er sei ein Hebräer. Den Antisemitismus der höheren Gesellschaftsschichtcn habe ich im Vorhergehenden bereits einigemal gestreift. Hür erwähne ich nur noch, dass es innerhalb der Gemarkungen meines Vaterlandes kaum eine größere Ortschaft giebt, die nicht zumindest einen judenrcinen Gcsclligkcitsclub besäße, die „reinliche Scheidung" ist eben auch diesseits der Leitha ein wohlbekannter Begriff und wird allerorten aufs Gewissenhafteste durchgeführt. Dass aber auch das V o l k, und nicht in allerletzter Reihe das „nüchtern denkende, politisch reise" magyarische Volkselement, stark antisemitisch durchsetzt ist, das ist ein Factum, vor dem sich heute niemand mehr verschließt, es sei denn das wahnverblendete Assimilantenthmn, das thöricht genug ist, dem magyarischen Bauer Philosemitismus zu unterstellen. Wer hingegen nicht zu dieser Species der unverbesserlichen Querköpfe gehört, dürfte schon durch die folgenden, aus der Fülle des mir zu Gebote stehenden Materials aufs Gerathewohl herausgegriffenen Daten gar bald eines Besseren belehrt werden. Vor ungefähr zwei Jahren erschien in der hochofficiöscn „Magyar Uysag" ein Feuilleton, welches sich quasi als eine kleine ethnographische Skizze gab und von der stockmagyarischen Bevölkerung des Plattenseeufers handelte. Unter Anderem wurde darin auch die urwüchsige, kernige Denkungsart dieses Menschenschlages zum Gegenstände des Plauderns gemacht und dies dadurch illustriert, dass der Siüfoker Landmann eines Juden, sei derselbe auch Adeliger und reicher Villenbesitzer, nie anders als per „az a zsido“ — dieser Ju d' Er- *) Dasselbe lautet„Vak veti vil&gtalannak, hogy nem lät.“ (Der Blinde macht dem Augenlichtlosen zum Borwurf, er sehe nicht.) Nr. SS. wäynüng thue. Wenn man erwägt, mit welch' heillosem Respect der ungarische Bauersmann sonst vom „nagysdgos dr“ (gnädigen Herrn) spricht, so wird man des Quantum des Herabwürdigenden und Geringschätzenden, das in dieser Redensart gelegen ist, wohl zu ermessen vermögen. — Und die immer wieder sich erneuernden Juden-Epcesse, die sich insbesondere dort unausbleiblich ciufinden, wo irgend ein Christenkind durch längere Zeit vermisst wird, sind sie nicht ein Zeugnis der unverwüstlichen Gefühle des Hasses, ein Beleg der unausrottbaren Vorurtheile, die das Volk uns gegenüber nährt? Oder kann es vielleicht jemand in Abrede stellen, dass seit dem berüchtigten Process von Tisza-Eßlär noch kein Jahr verfloß, da der grausige Blutmordspuk sein Unwesen nicht getrieben hätte? . . . Auch das laufende Jahr hat bereits ad majorem populi hnngarici gloriam zahlreiche Ritualmordbeschuldigungs- Affairen hinter sich, von denen ich nur eine erwähne, die sich vor kurzer Zeit in der Gemeinde T h a ß des Szabolcser Comitates zutrug. Daselbst ermordeten nämlich zwei entmenschte Bauernbursche, Andreas Szilagyi und Johann P o l y a k mit Namen, den zweieinhalbjährigen Johann Rajlik aus purer Blutgier auf bestialische Weise und bargen sodann dessen Leichnam in einem hohlen Baumstamme. Nur dem Umstande, dass einer der beiden jugendlichen Mordgesellen sich unvorsichtigerweise verschwatzte, haben cs unsere daselbst wohnhaften Brüder zu verdanken, dass sie mit heiler Haut davonkamen. Des Ferneren spricht auch für die überwältigende Judenfreundlichkeit der ungarischen Volksclasscn die Thatsache, dass die Rcichstagsabgcordneten, die der antisemitischen Volkspartei angehören, überwiegendentheils von kemungarischen, transdanubischen Plebejern ins Abgeordnetenhaus entsendet wurden, und dies allen gouvernementalen Finten und Mittelchen zum Hohne, obgleich doch diese allbekannten Wahlpraktiken gemeiniglich ihren Zweck nicht zu verfehlen pflegen. Ein grelles Licht auf das Umsichgreifen der Judophobie in den Reihen der unter st en Zehnmillionen, und zwar ohne Unterschied der Rationalität, wirft auch die unglaubliche Prosperität und weitausgedehnte Leserschaft, deren sich die denkbar rohesten und schalsten Producte der für die misera plebs berechneten antisemitischen Schundzeitschriftenliteratur, als da sind : „Herkü Pdter", „Magyar Nsplap", „Krestan", „Christliches Bolksblatt" rc., erfreuen. Schließlich bemerke ich noch, dass auch die agrar-socialistische Bewegung im Alföld antisemitischer Belleitäten nicht enträth, obschon das Junkerygrarierthum auch diese Bewegung den Juden in die Schuhe schiebt, indem es ausstreut, die Leitung der ungarländischen socialdemokratischen Partei befinde sich in jüdischen Händen, die im Alföld agitierenden Emissäre seien Juden u. s. f., woran jedoch kein wahres Wort ist. Weit folgenreicher indes als all die bisher besprochenen judengegnerischen Strömungen muss man den Antisemitismus in der Schule nennen, worunter ich sowohl den Judenhass der Lehrerschaft, als auch den aus demselben nothwendig und unfehlbar resultierenden Antisemitismus der studierenden, namentlich aber der akademischen Jugend begreife. Ueber das Amtsäthiopicrstückcheii der Schulbehörde des Budapester YH. Bezirkes sind die verehrten Leser dieser Zeitschrift theilweise bereits unterrichtet. Der Casus ist jedoch ein solch merkwürdiger, dass es der Mühe verlohnt, sich eingehender mit ihm zu befassen. In einer Budapester Communalschule machen sich zwei Lehrer ihren jüdischen Schülern gegenüber antisemitischer Straßenbübereien schuldig; die Eltern der misshandelten Kinder erstatten di« Anzeige, und cs wird eine sogenannte Untersuchung eingeleitet, wobei aber niemand anderer, als die beiden wackeren Jugendbildner vernommen werden, also weder die insultierten Kinder noch deren Eltern. Nun werden die beiden selbstvergessenen Lehrer strafweise in eine entlegene Schule transferiert, dieselbe Strafe wird aber auch über den an derselben Schule angestelllen jüdischen Lehrer Julius Ga b e l, als angeblichen intellectuellen Urheber der gegen die beiden Lehrer geführten Beschwerde, verhängt.

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