Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 23 (5.11.1897)
- Article
- Unter jüdischen Proletariern
- Date
- 1897-11-05
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 23. Geschöpfe schon längst verlernt. Sie haben keine Zeit zu verlieren, denn sie arbeiten im Accord. Bei übermäßigem Flciss und großer Fertigkeit verdient ein Mädchen 35 kr., sonst nur 25—30 kr. täglich. Die erwachsenen Männer, welche die todbringende Arbeit des Tauchens oder Sortierens in der Trockenkammer verrichten, bekommen einen Wochenlohn von 4—5 fl. Da, in einer Kammer, die einst eia Stall war, sitzen II Mädchen und kleben Schachteln. Es sind liebe Geschöpfe mit unschuldig-naiven Mienen, aufkeimende Knospen, die hier auf dem Misthaufen zugrunde gehen. Wie stumm sitzen sie da den ganzen Tag, denn jede hält die Papierstreifcn zwischen den Zähnen, von denen sie jedesmal einen hervorzieht und mit beiden Händen um eine Form wickelt. Für 1000 Schachteln bekommt sie 4 kr., sage vier Kreuzer! ... Diese Fabrik, in der die Zündhölzchen aus dem vergiftenden gelben Phosphor hergestellt werden, ist nicht die einzige in Galizien. Wir finden sie in Stanislau, Skolc, Boleschow u. s. w. Ueberall stellen die Juden das Hauptcontingent der Arbeiter und damit auch der Opfer. In seinem letzten Jahresbericht *) erzählt uns der k. k. Gewerbe-Jnspcctvr für Galizien von 1230 Unfällen in den 10 galizischen Fabriken, wie Lungcnerkrankungen, Kieferkrankheiten, Verbrennungen durch Explosionen u. s. w. Er tadelt aber auch zu wiederholtem Male die fortdauernde Ueberschreitung der Gewerbeordnung durch Verwendung von Kindern unter 16 Jahren und durch Beschäftigung über 8 Stunden täglich. Was nützt es? Die Erzeugung schwedischer Zündhölzchen bezeichnete uns der Fabriksbesitzer als unmöglich. Der Artikel sei viel schwerer an den Mann zu bringen; denn der galizische Bauer gebe nur für drei Dinge Geld aus: für Steuer, Salz und Zündhölzchen Die beiden letzteren stehen aber in einer unlösbaren Verbindung. Der Bauer kauft gewöhnlich um 10'/» kr. einen Tolpen Salz und für den restlichen halben Kreuzer bekommt er eine Schachtel Zündhölzchen. Um diesen Preis könne man schwedische Zündhölzer nicht liefern. Zudem seien diese bei den Bauern unbeliebt, weil sie im Winde auslöschen und weil eine Schachtel kaum die Hälfte soviel enthält, wie bei den Phosphor Zündhölzchen. Darum sollen lieber jährlich hunderte von Menschen zugrunde gehen. ... (Schluss folgt.) Ungarischer Antisemitismus. Bon Moriz Zobel. Jawohl, meine Herren Verschmelzungsjuden magyarischer Ausgabe: Ungarischer Antisemitismus. Nicht einmal ein Fragezeichen setze ich dahinter, und bin doch selber ein ungarischer Jude; allerdings ein guter Sohn meines armen jüdischen Volkes — ein simpler Nationaljude. Ungeachtet eures allfälligen Geschreies beharre ich also darauf: es gicbt einen Antisemitismus in Ungarn, er erfreut sich eines stetig fortschreitenden Wachsthums, schlägt immer tiefere Wurzeln im Volke — in der sogenannten Gesellschaft fühlt er sich längst schon heimisch —, und wenn er sich erst zur Genüge ausgebreitet und entsprechend acclimatisiert hat, dann soll die Welt ihre blauen Wunder sehen, wie das Ephcmeron, genannt ungarischer Manchester-Liberalismus, sammt allem, was d'rum und d'ran ist, gleich der Federkrone des Löwenzahns spurlos nach allen Richtungen hin zerstieben wird. Der ungarische Liberalismus! Auch darüber habe ich meine eigenen Ansichten. Ich halte nämlich dafür, dass derselbe in den unteren Schichten gar keinen, oder doch nur äußerst geringen Anklang findet, dass seine vorgebliche Judenfrcundlichkeit eine geheuchelte i st, dass er, um es kurz zu sagen, e>in kryptoantisemitisches Machwerk der obersten Zehntausend, ein Gentry-, oder sagen *) Bericht dcS k. k. Gewerbe-Inspektors für daS Jahr 1896, S. 363, ff. wir Honoratiorcn-Ljberalismus ist, der beispielsweise dem französischen nicht einmal das Wasser reichen, geschweige denn mit dem englischen auch nur im Entferntesten verglichen werden kann. Ich behaupte vielmehr, ersterer ähnle, was seinen Wert und feine Vitalität betrifft, dem ö st e rr ei chi scheu Freisinn frappant, und ich stelle ihm demgemäss das Prognosticon. Oder kann man einen Liberalismus ernst nehmen, ihm irgendwelche Lebensfähigkeit zuerkennen, dessen genialster Repräseutant, der von der judenliberalen Presse in den Himmel, nein, jn den Olymp gehobene „Heros", „Titan", „Prometheus", — und wie die epitheta ornantia sonst noch lauten mögen — : Exministcrpräsident Dr. Alerandcr W e k e r l e, Präsident des „Orzagos Kaszino“ ist, einer Gentry-Reunion, die notorisch keinen Juden unter ihre Mitglieder aufnimmt, also ausgesprochen antisemitisch ist??! Und was für ein Bewenden hat cs denn mit der Judcnfreundlichkeit der gegenwärtigen Regierung? — Alle Achtung vor der Unparteilichkeit und wahrhaftig freiheitlichen Gesinnung einzelner Mitglieder des derzeit am Ruder befindlichen Cabincts, so des Ministerpräsidenten Bü,nffy und in vorderster Linie des Cultus- und Unterrichtsminislers Wlassics. Aber die Regierung als Handhaberin der Exekutivgewalt ist bcmüssigt, soll sie ihre Position nicht unhaltbar machen, der Stimmung des Gros der Gesellschaft Rechnung zu tragen und der herrschenden Kaste, nämlich derjenigen der hochmögend.n, dünkelhaft-protzigen Gentrys in Bezug aus den Judcnpnnkt gewisse Concessionen zu machen. Daher kommt cs, dass hierzulande, wo doch die Einwohnerzahl der Juden zu der der übrigen Bevölkerung gleich 1:20 sich verhält, nicht nur ein jüdischer Ober- und Vicegespan, sondern selbst ein jüdischer Stuhlrichtcr oder Kreisnotar erst geboren werden muss. Ebenso steht es mit der Ernennuyg, Pardon, Nicht crnennung eines Vertreters des Judenthüms ins Magnatenhaus. Bekanntermaßen haben in Ungarn die Mitglieder des Hochclerus aller recipierten Confessionen Sitz und Stimme im Magnatenhaus. Obwohl auch die israelitische zu den gesetzlich anerkannten Rcligionsgenossenschaften zählt, verabsäumte es das liberale Ministerium bisher gleichwohl, der Krone einen Rabbiner behufs Ertheilung der Peerswürde in Vorschlag zu bringen, obschon ein Theil der officiellen und inofficicllen Judenpresse kurz nach Gesetzwerdung der Reception die Angelegenheit wiederholentlich aufs Tapet brachte. Und nicht nur die „Judenblätter", auch die jndcnreinen behandelten diese Frage eingehend, freilich in einer Weise und mit einer Tendenz, die derjenigen der elfteren schnurstracks zuwiderlicf. So nahm z. B. „Hazänk", dazumal Organ der mittlerweile selig in den Herrn entschlafenen Szapary- Fractio», die Gelegenheit wahr, sich in einem martialischen Entrefilet nach berühmten Wiener Mustern über die „unverschämte. unglaublich freche Zudringlichkeit der Judenheit", namentlich aber der „Judcnscriblcr" (zsido-ürirüszoir), empört zu geberden. Wie denn auch nicht; waren doch zmnal letztere tollkühn genug gewesen, unumwunden auszusprcchen, dass sie sich mit einer Gleichstellung auf dem Papiere nicht zufrieden geben, vielmehr für die jüdische Religion eine Reception in praxi heischen. . . . Nur die gonvernementalen Blätter.hüllten sich wohlweislich in tiefes Schweigen. — Man sieht also, dass auch die Regierung sich nicht einer jeden Rücksicht gegenüber den hierarchischen und feudal clericalen Kreisen entschlageu kann und — mag. Angesichts dieser opportunistischen Haltung der Regierung und der liberalen Koryphäen ist es gar nicht zu verwundern, dass von den Karpaten bis zur Adria, in der Provinz, in Schule und Haus, in den Zirkeln der Intelligenz ebenso, wie im Kreise des Volkes, in den Spalten der regierungsfreundlichen Presse nickt minder, als in denjenigen der Oppositionsorgane der Geist des Antisemitismus sich machtvoll regt und prägnant kundgiebt. Ad vocem Regierungspresse sei es mir nur gestattet auf «Pesti Hirlap" hinzuwcisen, ein gouvernemcntales Tage-