Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 23 (5.11.1897)
- Article
- Unter jüdischen Proletariern
- Date
- 1897-11-05
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 28 Unter jüdischen Proletariern.*) Von Dr. S. R. Landau. I. Kolomea. jNachdruck verboten.j Es ist Simchath-Thora Nachmittags. Wo srommgläubige Juden wohnen, pflegt man sich an diesem Tage zu freuen, ja, sich einem Freudentaumel, von dem alle Straßen widerhallen, hinzugeben — in Kolomea ist alles ruhig. Die Straßen sind öde, die Marktplätze leer und in den niedrigen Häuschen mit dem morschen Gebälk und dem geflickten Schindeldach sieht man die weißen Linnen, die blanken Leuchter und die Brosamen auf den Tischen,' aber man hört keinen Laut. Sabbatruhe. E» ist Dienstag. Schon sein Freitag Abends wird geruht; es wird nichts verdient. Das sind schwere Feiertage. Jedes Häuschen hat seine Sukkah. Drei Wände aus mit Schnüren aneinauder gebundenen Brettern, damit diese durch Nägel nicht beschädigt werden, darüber Maisblätter statt des kostspieligen Tannenreisigs, und da- Zelt ist fertig. Es hat seinen Zweck bereits erfüllt. Morgen wird man es auscinandernchmen und dem Händler die Bretter zurückstcllen, die man nur entlehnt hat. Inzwischen wird es Abend. Die Männer eilen zum Minchagebete und die Frauen versammeln sich vor der Schwelle, um zu plaudern. Eine erzählte gerade als ich vorübergieng der anderen, dass man ihrem Manne, einem Zmidhölzchenarbeiter, morgen die Kinnlade operieren werde. Dabei weinte sie gar nicht, denn heute ist ja Feiertag. Wovon mögen die anderen gesprochen haben? Ihre grün-gelbe Gesichtsfarbe, ihr durchfurchtes Antlitz, das von einem Tuch eng umschlosien ist, ihr Körper, an dem man die Schönheit weiblicher Formen vermisst und. der wehmütige Zug der Resignation in den Gesichtern lassen es errathcn: hier haust Frau Sorge. Die das jüdische Weib geschildert haben, suchten es unter diesen Frauen nicht, aber sie hätten es in seiner wahren, naiven Gestalt am ehesten finden können, wie es in einer Person gleich Gattin, Mutter, Erzieherin, ja sehr oft auch die Ernährerin der ganzen Familie ist. Sie saßen nun.da, die Tücher auf dem Kopfe, die jeden Unterschied des Alters undeutlich machten, und sprachen von dem, was sie drückte. Denn morgen beginnt wieder die Arbeit. Oder nein. Der Kampf um's Dasein beginnt, der sich auch hier in den Formen des modernen wirtschaftlichen Lebens bewegt. Die jüdischen Borstcnsortierer wollen morgen zum Strike, durch den Kolomea berühmt wurde, greifen. Es sind ganze Kerle. Viele von ihnen waren schon jenseits des Oceans, sie verstehen gründlich ihr Jach und haben es zu den in Galizien fabelhaften Wochenlöhnen von 10 — 15 fl. gebracht. Aber die Leipziger Messe mit dem allzu großen Warenangebot ist schlecht ausgefallen und in Kolomea wollen die Unternehmer den Lohn drücken. Der Strike soll die Antwort sein.' Und dann wollen auch Andere nicht arbeiten. Sie sind Nicht classcNbcwusst, denn sic zählen kaum 12—14 Jahre, aber in der kurzen Schule des Lebens haben sie schon die wirtschaftliche Tragweite des Strikes kennen gelernt. Und diese unschuldigen Geschöpfe, die sich nur gegen eine physische Ucberbürdung wehren, bringen einen ganzen Productionsprocess zum Stillstand und machen viele Familienväter brotlos. Die Handlanger in der Taleswebercien, die für 1 fi. 20 kr.'wöchentlich 2—3 Wcbstühle bedienten, haben die Arbeit eingestellt, denn man verlangt von ihnen, dass sie ihre Thätigkeit auf 6—7 Wcbstühle ausdehnen. Die Talesweber können ohne Handlanger nicht arbeiten, auch wenn sie wollten. Woher sollen sic nun leben? Sv klagte mir schwer seufzend eine Frau in der — Spinozagasse. Die Juden von Kolomea wisse» eigentlich selbst Nicht, wieso sic dazu kamen, ihren zwei großen Glaubensgenossen, Spinoza und Mcndelsohn, Gassen zu widmen. Fragt man einen, wo diese Gassen sind, so blickt er verwundert auf, "1 Hlcmit begmneu wir die Veröffentlichung einer Artikelserie über die Verhältnisse des jüdischen Proletariats i» Galizien auf Grund des vom Verfasser an Ort und Stelle gesammelte» Materials. Die Red. schüttest den Kopf und wählend er die Rechte nach rückwärts in die Taschen steckt, macht er mit der Linken eine abwehrende Geste. So sprechen sie alle. Das ist verständlich. Er weiß nicht. Die zwei großen Philosophen haben es auch nicht einem Juden zu verdanken, wenn ihre Namen die einzige „Zierde" dieser engen, schmutzigen, an einem schönen Hcrhfttdge mit kothigeu Pfützen bedeckten Gasse bilden. Sygurt Wisniewski, der vielgereiste Millionär und Philanthrop, gab die Anregung dazu, der Gemeinderath nahm sie an, jede Gasse erhält eine neue Tafel und die meisten Einwohner Kolomeas wissen bis heute nicht, wo . diese Gassen sind, geschweige denn wer die Männer waren, nach denen sie benannt sind. In diesem Viertel befinden sich auch die Bethäuser. Es sind zwar keine stilvollen, aber große, schöne, luftige Räume, würdig des Zweckes, dem sie dienen. Nach den Stunden der Andacht werden hier die Tagesereignisse besprochen, oft lebhaft discutiert. Die so glücklich sind, Zeitungen lesen zn können, oft auch nur als Subabonnentcn aus dritter oder vierter Hand, werden von einer Schar Wissbegieriger umgeben and mit Fragen bestürmt, was sich „Neues thut". „Moze Jvmtew"*) wird von hier signalisiert. Sobald der erste Abendftern am Himmel erglänzt, wird das Marew-Gcbct verrichtet. Die lange Kette von Feiertagen ist zu Ende, an denen man besser leben musste, aber nichts verdiente. Die Ersparnisse sind erschöpft und draußen harrt ein langer, kalter Winter ... * * * Unweit von Kolomea liegt das Dorf Wierzbiarz. Da hinaus wandern schon frühzeitig, um sechs Uhr morgens, über 140 Leute, zumeist Kinder im Alter von 12—14 Jahren. Ihre Gesichter sind aschfahl, ihre Lippen bleich und ihre Augen eingefallen: das sind die jüdischen Zündhölzchen-Arbeiter. In einem Fiaker — sit venia verbo — erreichte ich die Fabrik itt 15 Minuten. Während dieser Zeit hatte ich Gelegenheit, die Lage des gedrückten, aber sehr gesprächigen Kutschers kennen zu lernen. Er ist erst seit einigen Wochen selbständig. Ans Rücksicht für feine gelähmte Mutter schenkte ihm die „Frau Baronin" 150 Gulden, für den er sich diesen alten, kreischenden Kasten ankaufte. 60 Gulden lieh ihm die Sparkasse auf Wochenabzahlung von 1 fl. 20 kr. und damit gelangte er in den Besitz eines Pferdes. Früher verdiente er als Kutscher 2 fl. 50 kr. wöchentlich, jetzt trägt's ihm schon etwas mehr. Wenn er 12—14 Gulden wöchentlich einnimmt, ist er froh. Davon entfallen 7 fl. auf das Pferd; der Rest bleibt ihm und seiner Mutter. Ost verdient er nur 10 Gulden, aber das Pferd braucht doch jeden Tag seinen Hafer. Und dann kommen noch auf die Sparcasfe 1 fl. 20 kr. Die kranke Mutter schilt und tobt, wenn, er so wenig nach Hause , bringt. Was soll er aber machen?; In Kolomea ist, wie in den meisten galizischen Städten, ' das Fuhrgewcrbe in jüdischen Händen; es zählt 25 Zwei- ' spänncr, 38 Einspänner und 20 Wagen „zweiter Güte". Es sind ehrliche Gesellen und wer mit ihnen größere Strecken zurücklegt, lernt ihr gntmüthigcs Wesen, ihr erzählerisches * Talent und ihren Reichthum an Anecdoten aller Art kennen. . Wir sind an Ort und Stelle. Die Fabrik gleicht einer : großen Holzkammer, in die durch die kleinen, schmutzigen ' Fenster, nur spärliche Luft und schwaches Licht dringen, wie wenn dafür gesorgt wäre, dass die tödtlichen Schwefel- und , Phosphor-Ausdünstungen nicht entfliehen. Hier arbeiten in verschiedenen Abtheilungen über 140Personcn. Es giebt hier nur ' drei Christen, die Uebrigen sind Juden: mehr als 100 Mädchen '-jm Alter von zwölf Jahren aufwärts und der Rest Männer. In einer Atmosphäre, die ich keine zehn Minuten ertragen konnte, sitzen sie von 6'/» Uhr morgens bis 8 Uhr abends mit einer Stunde Mittagspause. Die einen bringen die Hölzchen in Rahmen, bevor sie in Schwefel und Phosphor getaucht werde«, die anderen sortieren sie nach dieser Procedur. ' packen sie ein oder erzeugen gar die Schachtel. Alles geschieht mit einer mechanischen Hast, nirgends hört man ein über- ‘ flüssiges Wort, das Lachen oder Singen haben diese jungen *) Der Abend des letzten-Feiertages, ein Uebergang zu den Werktagen.