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Die Welt · 1897-10-29 · 22 (29.10.1897) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
22 (29.10.1897)
Article
Mein Großvater
Date
1897-10-29
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Skr. »• JÄt^VWtr ©eitel*. Ich schiuz das Büch zu und schob es zur Scilc, b> theiligte mich jedoch nicht am Essen. Mein junges Gehirn . mühte" Ich vergedeys ab, eine Anstvort auf die schwierige Frage zu finden: Was ist der Tod? Wird man mich auch in die Erde 'senlen? Wozu dann das Essen und Trinken und alle die schölten Geschichten des Sepher ha^joschor? „Warum bist Du so traurig?" fragte mich die Großmutter, »warum ißt Du denn gar nicht?" „Ich bin nicht traurig, mich hungert nicht," gab ich zur Antwort, während mein Kopf angestrengt arbeitete. In meiner'Einfalt glaubte ich, daß cS mir gelingen werde, diese Frage zu lösen. „Du bist gewiß vor der kleinen Leiche erschrocken? Fürchte Dich nicht, Kind, auch die Großen und Mächtigen thun Dir nichts, wenn sie tobt sind. Sie liegen dann da, als wären sie aus Holz." Bei ihren letzten Worten erinnerte ich mich daran, daß mein kleiner Kamerad wirklich wie ein Stück Holz dagelegen war, und von Neuem durchschauerten mich Schreck und Entsetzen. Die anderen Kinder spotteten über mich. „Ich könnte eine Leiche umfassen und küssen, ohne Furcht zu spüren," sagte einer von ihnen. — „Ich könnte ruhig neben einem Tobten schlafen," prahlte ein anderer. — „Ich könnte mit ihm ruhig in einer Gruft liegen," überbot der dritte. „Werdet ihr nicht sogleich nufhören, Dummheiten zu sprechen?" gebot die Alte. Während die Kinder noch leise ihr Gespräch fortsetztcn, und jeder mit feiner Unerschrockenheit prahlte, kehrte mein Großvater ' schweigend vom Friedhof zurück. Seine Hände waren erstarrt, der Bartmit Eiszapfen bedeckt, und seine Zähne schlugen vor Kälte aneinander. „Macht-mir etwas Platz, Kinder, laßt mich auf den Ofen steigen und mich etwas, erwärmen." Meine. Großmutter reichte ihm Brot und schenkte ihm Thee ein. Er wusch sich die'Hände und begann zu essen. Das heiße Wasser, dem die Blätter eine unbestimmte Farbe verliehen hatten, labte und erquickte sein Herz und regte seine Gedanken an, als würde er Haschisch trinken. „Welchen Tractat lernst Du in diesem Semester?" fragte er munter. „BÄbo-mezio.“ „Debora, reich' mir das lange Buch, dort oben aus der rechten Ecke!" Einer der Knaben sprang behende vom Ofen und brachte das, verlangte Buch herbei. ' Mein Großvater begann mich eingehend zu' prüfen ‘ Auf jeder. Seite fand er für mich schwWgk'Sragw," änf^d^ich mit lauter Stimme eine gründliche und richtige Antwort gab. Endlich gab er sich zufrieden. Sein Gesicht strahlte vor Freude, als er mich auf die Stirn küßt: und sprach: „Gott gebe Deinem Vater langes Leben und segne ihn, dass er Dich auch ferner so erziehen kann. Dir aber stärke er bas Herz, dass Du sein heiliges Gebot weiter studierst und immer größer werdest an Weisheit und Wissen, auf dass Du ein Gaon werdest in Israel!" Bei diesen Worten klärte sich das Gesicht der Großmutter auf, die Runzeln, glätteten sich ein wenig. Meine kleinen Onkel aber blickten auf mich mit einer Ehrfurcht, "ls wäre ich ein höheres Wesen. „Großvater, wie gerne möchte ich ein Gaon werden!" „Du wirst es sicher, so Gott will!" Jetzt erst schwand mir die letzte Spur der Furcht vor dem Tode; ich genoß etwas wie Unsterblichkeit. Im Hause ward es still. Das schaurige Pfeifen des Windes zwischen den Bäumen des. Friedhofs drang zu uns herein, und ich glaubte, deutlich das Weinen meines todtcw Kameraden, zu hören. „Großvater, stirbt auch ein großer Gaon?" „Alle Menschen müssen sterben." „Was haj er denn vor anderen Menschen voraus?" fragte ich hartnäckig weiter. „Seine Werke sind unsterblich." „Unsterblich?" ftagte ich erstaunt. „Aber sag'mir, lieber Großvater, Du begräbst doch auch die alten, zertissenen Bücher; wieso sind sie denn unsterblich?" „Genug der Fragen, Kind!" erwiderte er, „die letzte war schon nicht mehr klug. Wenn Du hcrauwachst und ein Gaon wirst, so wirst Du alles wissen — viel mehr, als ich Dir sagen kann!" Ich schwieg, konnte - mich' aber im Innern nicht der "Fragen erwehren; mein Hirn arbeitete weiter und weiter. Die ganze Nacht schloß ich kein Auge. Die kleine Lampe 'fing an auszugchcn. Die Kinder schliefen schon längst und schnarchten um die Wette. Draußen heulte der Wind in langgczogcnen, schauerlichen Tönen, bald mit Kraft hervorbrechend, bald allmählich leise ersterbend. Ich allein war wach, und in meinem kleinen Hirn bohrte etwas, tiefer und immer tiefer. Heute ist dieser Stachel schon abgestumpft, damals aber fühlte ich seine ganze .Schärfe; es erregte mich mächtig und ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Und mitten im nächtlichen Aufruhr hörte ich, wie mein Großvater zu sich selber spricht: . . Kein Zweifel, es ist richtig, daß die Franzosen bei ihrem Durchzug durch unsere Stadt im Jahre 1812 vüle Säcke mit Gold auf meinem Friedhof vergraben haben. Bor zwanzig Jahren habe ich selbst beim Aufwcrfcn eines Grabes zwei Goldstücke gefunden . . ., also muß der Schatz in der Nähe liegen . .., meine eigene Schuld, daß ich an dieser Stelle noch nie tief genug gegraben habe . .., kein Zweifel, dort, wo ich schon mehrmals zu graben begonnen habe, muß der Schatz liegen..., gleich noch geh' ich hin und finde die vollen Goldsäcke .... und dann!... Debora, schläfst Du?" fragte er baut. „Was gibt's?" — „Bald sind wir alle unsere Sorg u los!" „Wird es vom Himmel Goldstücke regnen, oder werden Deine Tobten lebendig und bezahlen Dir für ihr Bcgräbniß?" „Das ist mein Geheimniß, Debora, «der dessen kannst Du sicher sein, daß uns bald geholfen ist; morgen wirst Du es selber sehen." „Schon dreißig Jahre kenne ich Deine Phantasien und Luftschlösscr! Immer, wenn die Noch uns zu erdrücken droht, nimmst Du den Spaten und gehst nach Deinem Friedhof, um da nach dem eingebildeten Schatz zu suchen, der aber nirgends existirt, als in Deiner Einbildung. Jedesmal versicherst Du, diesmal werde es gelingen. Ist auch heute der böse Geist über Dich gekommen? Willst Du auch bei diesem Unwetter nach dem eingebildeten Schatz graben?" „Ja, ich gehe! Mein Herz sagt es mir, daß es mir jetzt gelingen wird; jetzt ist gerade die glückliche Stunde." „Schlafe lieber, Chaim, und phantasiere nicht von Schätzen! Wozu brauchen wir Schätze? Gott hat uns mit Kindern und Enkeln gesegnet, die mehr wcrth sind, als alle Schätze! . Schätze .. . Schätze ... weiter nichts als Wahnsinn! Ich möchte nur meine Schulden bezahlen, und Du träumst von Schätzen! Ich brauche keine Schätze,' Du bist mein: Schatz!" — — — — — — —-— - „Sie schläft," sagte der Alte, „jetzt geh' ich!" Mein Großvater zündete das Lämpchen an. Bei . seinem Scheine sah ich sein vor Erregung blasses Gesicht. In seinen Augen flackerte ein fremdes Feuer,, er zitterte am ganzen Leibe. Mitleidig und zugleich voller Hoffnung blickte er auf seine schlafenden Kinder, während er sich in seine geflickten Kleider hüllte. Noch heute steht vor mir das Bild meines Großvaters, als er sich zum Schatzgrabcn rüstete. So muß ein Alchemist ausgeschen haben, wenn er glaubte, den vielgcsuchten Stein der Weisen gefunden zu haben. Mein Großvater öffnete leise die Thür und schlich hinaus. Die Nacht war stockfinster und stürmisch. Während alle anderen fest schliefen, fand ich keinen Schlaf. Eine große Unruhe hatte sich meiner bemächtigt. Beim Gedanken, daß der Großvater zur nachtschlafenden Zeit auf dem Friedhof steht und zwischen den Gräbern umherwühlt, bebte ich zusammen, während gespenstische Erscheinungen vor meinen Augen auftauchten, und die Stimme meines eben bestatteten Kameraden mir immer zurief: „Löse mir doch das Näthsel! Löse mir doch das Räthsel!"

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