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Die Welt · 1897-10-29 · 22 (29.10.1897) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
22 (29.10.1897)
Article
Die Juden am Rhein
Date
1897-10-29
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite S. J)|JPC Nr. 22. stadt wje Köln kannr drei Geschäftsfirmen findet, in denen Juden und Nichtjuden affociiert find. In den jüdischen Salons trifft man selten einen Nichljuden, und wenn das pörkommt, so ist das ein Renonnnierarier. Dass Juden zu Christen geladen werden, kommt natürlich noch seltener vor. „Die Juden waren als Gastgeber noch stets erträglicher wie als Gäste." Die Freimaurer-Loge, die sich mit einem mysteriösen Nimbus umgibt, im Grunde aber; nichts weiter als eine edlere, aber steifere Geselligkeit bedeutet, ist hier wie in ganz Deutschland „judenrein", obwohl sie hier, im katholischen Centrnm, fast nur auf Beamte angewiesen ist/' und es mit Freuden begrüßt, wenn ein gebildeter Kaufmann cintritt. Aber auch in der „Lesegesellschaft", in der die Liberalen das Scepter führen, sind nur zwei bis drei Juden vorhanden, und heute hat keiner mehr Aussicht, ausgenommen, zu werden. Es liegt kein Hass in diesem System. Der Rheinländer ist zu gutmüthig, um wüthender Antisemit zu sein, aber er will keine zu enge Gemeinschaft mit dem Juden haben. „Geh' Du Deine Wege, ich wandle die meinen, politische Rechte will ich Dir gerne gönnen!" so würde diese Lebensmaxime in Worten ausgedrückt lauten. Eigentlich ist das der natürlichste, ehrlichste und gesündeste Zustand, und es wäre wenigstenszu keinem politischen Antisemitismus in Deutschland gekommen, wenn es überall so gewesen wäre. Nur der Gegensatz zwischen der inneren Gefühlswelt und der äußeren Schablone der Gleichheit aller Bürger hat die Reaction in der Form des parlamentarischen? Antisemitismus hervorgerufen. Warum soll der anständige, gebildete Mensch nicht sagen. dürfen: „Ich achte Dich als Mensch und als Bürger,.Nachbar Levy, aber ich habe meine Eigenthümlichkeiten, Dü die deinen, lass' uns Freunde bleiben, jedoch cnrs der Ferne!" Ja, s a g e n dürfen! . Darin besteht eigentlich das Ganze. Ein jeder empfindet es, aber die liberale Doctrin verbietet, es auszusprechen. Nun, die Zeiten haben sich geändert, der ehrliche, unabhängiger Christ spricht cs ohne Scheu aus, dass er, sich ohne Juden wohler fühlt. Und der Jude? Er gibt cs uichW zu — das wäre ja mittelalterlich — aber innerlich.fühlt er sich doch am wohlsten, wenn er in jüdischer Gesellschaft ist, wo er sich seiner Individualität nicht zu schämen braucht. . Jede jüdische Gemeinde am Rhein hat ihre eigenen Kegcl- und Scat-Clubs, ihre eigenen Belustigungen und Tanzvergnügen. In Köln gibt es, von den kleinen Bereinigungen abgesehen, drei große jüdische Gescttigkeitsvereine, in denen die Mitglieder Zerstreuung suchen und finden. Freilich ist es da bis jetzt noch Mode, den jüdischen Geist in der Tasche zu verstecken, und viele Mitglieder würden sofort austreten, wenn ihnen das „Glück" winken würde, in nichtjüdischen Vereinen eine Rolle zu spielen. Aber die Verhältnisse drängen, wenn auch noch in chaotischer Gestalt, nach der nationalen Richtung hin, und ein frischer Wind wird die verborgene jüdische Fahne schon aufrollen. Die jüdische Religion in Rheinland wandelt friedliche Bahnen, von wenigen gekannt, von wenigen gehindert. Die größte Anzahl der Gemeindemitglieder ist völlig indifferent. Darin liegt die-Erklärung für die wunderliche Erscheinung, dass z. 33. in Köln die Gemeinde sehr frei ist, die Synagoge und das Rabbinat orthodox sind. Eine solche Anomalie ist nur unter der Herrschaft der Gedankenlosigkeit möglich. Ja, in vielen Gemeinden Rheinlands bildet sich allmählich das System eines katholischen Judenthums heraus. Man macht aus dem schlichten Rabbi einen hochwürdigen Priester, der für die ganze Gemeinde fromm sein muss. „Je weniger ich nach den Gesetzen der Religion lebe, desto mehr musst Du cs thun, der Du dafür bezahlt wirst." Das ist die Logik des gedankenlosen Freidenkers. Die alte hohe Bedeutung des jüdischen Rabbi als volksthümlicher Gelehrter, als Lehrer und Erzieher der Gemeinde, als Bruder und Berather — ist völlig geschwunden. Es ist so angenehm, die Religion aus dem Hause und der Familie nach der Synagoge zu verdrängen, namentlich wenn man nicht dahin geht. Es-ist so bequem, die religiösen Pflichten von den eigenen Schultern zu wälzen und sie dem „Geistlichen" auszubürden. Die Grenzen zwischen den einzelnen religiösen Richtungen sind hier derart verwischt, dass man nicht weiß^ wo der Ganz-, der Halborthodoxe, und wo der Reformierte anfängt. Die wirklich Orthodoxen sind gering an Zahl, und cs sind nur wenige einflussreiche Männer darunter. Es herrscht ein tiefer Friede zwischen den religiösen Strömungen, und man muss der rheiüischen Orthodoxie nachsagen, dass sie nicht intolerant und fanatisch ist. Vielleicht ist das eine Tugend des Temperaments, - der Bequemlichkeit, aber die Folgen sind jedenfalls angenehm. - Politisch spielen die Juden am Rhein keine Rolle, sie sind aber ihrem Bekenntnisse nach selbstverständlich freisinnig. „Selbstverständlich" freilich nur in einer Zeit, . die so reich an Unklarheiten und Verwirrungen ist. Man begreift.gar nicht, was das für ein Unsinn ist, wenn ein Volk, das aus verschiedenen Interessengruppen und Dmkrichtungen besteht, Ln corpore einer politischen Partei zuströmt. Der deutsche Jude könnte tatsächlich bei der polizeilichen Anmeldung angeben.- mosaischer Religion, Richter'scher. Confession. Indessen gibt es auch Ausnahmen. Diejenigen, welche auf die commercienräthliche .Herrlichkeit hoffen, die Candidaten des Stadtrathes,. und die auf Orden reflectieren gehören am Rhein der hoffähig gewordenen, mit sanften Rickertschen Tropfen verzuckerten Freisinnigen Vereinigung an. Literarische und wissenschaftliche Regsamkeit merkt man hier noch weniger unter der Judenheit, und man findet am Rhein selten Stammesgenosstn, die in der literarisch-wissenschaftlichen Well etwas bedeuten. Sogar diejenigen, welche in der Jugend von idealem Sinn getragen waren, haben längst ihre Flügel sinken lassen und fühlen sich in diesem Jammerthal beim 8tatU8 quo sehr wohl. Die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur nahmen anfangs im Rheinland einen großen Aufschwung, und sie könnten richtig geleitet, zu ersten Stätten der Volksbildung in Israel werden, aber sie sind heute schon im Rückgänge begriffen. Der Cardinalfehler ist, dass man den jüdisch-nationalen Geist aus diesen Vereinen verbannt hat. Ohne die einheitliche Auffassung der Juden ist keine volksthümliche Förderung der jüdischen Wissenschaft möglich. Die rheinische Judenheit bietet äußerlich kein unangenehmes Bild, aber man darf nicht zu sehr nach Wesen und Inhalt suchen, man darf nicht zu kritisch bei der Untersuchung zuwerke gehen. Die rheinischen Gemeinden befinden sich in geordneten Verhältnissen, aber das pulsierende Leben fehlt. Johannes Heiniüch Dunant. Der Schweizer Henry Dunant, der Samariter von Solferino, der Begründer des Rothen Kreuzes und Urheber der Genfer Convention, ist auch einer der ersten Philozionisten, ja der „politischen Zionisten" unserer Zeit. Henry Dunant, am 8. Mai 1828 in der Vaterstadt Rousseaus, in Genf, als der Sohn einer altansässigen und hochangesehenen reformierten Familie daselbst geboren, zeigte schon frühzeitig eine tiefe Begeisterung für Werke der Nächstenliebe. Im Jahre 1858 veröffentlichte er ein Buch gegen die Sklaverei in den Bereinigten Staaten. Im nächstfolgenden Jahre, 1859, wirkte er als Samariter bei Solferino. Endlich sehen wir ihn als Begründer des Fricdenswerks auf dem Schlachtfelder der Institution des RothenKreuzes und alsUrheber des zweifellos allermenschlichsten internationalen Vertrages unserer Zeit, der Genfer Convention.

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