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Die Welt · 1897-10-29 · 22 (29.10.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
22 (29.10.1897)
Article
Die Juden am Rhein
Date
1897-10-29
Page
5 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 22. Pk$w«r Seite 6. Dir IMen am Ktzein. R»n AabiuS Schach. II. ' Wenn man anthropologisch vom Rheinland spricht, dann darf man nicht den politischen,sondern muss den natur-geographischen Bezirk im Sinne haben. Nicht die ganze Provinz, sondern die Städte am Rhein müssen in den Kreis der Betrachtung gezogen werden. Echt rheinisches Leben herrscht eigentlich in den ursprünglichen Nheingauen, in den Plätzen, die direct am Rhein liegen. Man wird hier nur an den Rhein vön Düsseldorf aufwärts, dafür aber bis in die schöne Pfalz hineindenken dürfen. Die Menschen am Niederrhein und die Einwohner des Bergischen Landes bilden einen'anderen Typus, sie sind schwerfälliger, ernster, exclnsiber. Dagegen fließt in den Adern des Rheinpfälzers trotz seiner haierischen Zugehörigkeit unverfälschtes rheinisches Blut, und die Gemüthlichkeit schaut ihm aus den Augett Hervor. Für diesen specisisch rheinischen Typus bildet die. altehrwürdige rheinische Metropole Köln mit ihrer gothischen Pracht und 'ihrer weinlustigen Stimmung den natürlichen Mittelpunkt. Köln ist eine echte Rheinstadt mit einem ausgeprägten Charakter geblieben. Daran haben Freizügigkeit, industrieller Aufschwung und moderner Zeitgeist wenig geändert. Sogar die altpreüßische Schneidigkeit, die überall die Spuren der Volksromantik mit dem. Besen der Bureaukratie wegfegte, musste sich hier dem urwüchsigxn Element anpassen. Die Colonia Agrippina hat wie kaum eine zweite Großstadt in Deutschland sich den alten Grundzug bewahrt. Etwas anders gestaltet sich das Verhältnis der Kölner Judenheit, und sie nimmt infolge ihrer geschichtlichen Entwicklung eine ganz eigenartige Stellung ein. Die Kölner jüdische Gemeinde ist die größte des Rheinland es, denn sie zählt 800 Personen, „Seelen" hätte ich beinahe gesagt, wenn diese Bezeichnung nicht . oft gar zu ironisch klänge. Ja, die Gemeinde nimmt den ersten Rang in Westdeutschland ein, aber ihr einheitlicher Charakter hqt sich erst jüngst auSgebildet. Johannes Scherr würde.sagen: .sie hat auch heute die Eckigkeiten der Backfischjahre noch nicht /abgelegt. Es sind eben gor zu verschiedene Elemente in der-G.e- 7 7 7 77' 7*' v -.. *JL ««K «t*. «U emgehm. b. h. stch der von der meinde, und nur wenige Juden in Köln sind alte Kölner. Aber vielleicht wird man gerade in diesem Sammelbecken aller jüdisch-, rheinischen Elemente psychologische Experimente mit Erfolg machen können. Im gesellschaftlichen Leben passiert es uns oft, daß wir nicht wissen, ob wir eine Dame für eine ältere Jungfrau oder eine junge Frau halten sollen. Ganz so.geht es dem Beobachter mit der Kölner jüdischen Gemeinde. Köln ist eines der ältesten und zugleich eines der jüngsten jüdischen Gemeinwesen Deutsch- - Muds. Die alte jüdische Gemeinde in Köln hat schon in den ersten Jahrhunderten des Christenthums existiert, und die Gelehrten, g'ölns (Chaclime Coloniae) genossen einen großen Ruf in der ganzen Diaspora. Aber das Dasein dieser Gemeinde wurde fast 400 Jahre unterbrochen. Seit dem 28. August 1424 durfte kein Jude in ^üln wohnen, und erst im April 1798 war es Josef Stern aus '.'Bülheim gestattet, sich als erster Jude in Köln niederzulassw. -der die alte Synagoge war inzwischen längst ineine Kapelle rungewandelt, der Friedhof zerstört und verschüttet, und man ' -usste alles von neuem aufbauen. Nur Trümmer ehemaliger - j l'nöße fanden die Epigonen des großen Geschlechtes, und vom i l ren Ruhm war nur eine wehmüthigö Erinnerung geblieben, -ehr bescheiden musste die neue Gemeinde'anfangen, und in!> ordneten' Zuständen befindet sie sich erst seit kaum 1)0 Jahren. Das jüdische Köln der Gegenwart ist' eine wohlgeordnete ' cmeinbe, die aus Juden aller Theile Rheinlands und Westfalens besteht. Das sittliche und materielle Bild'der Gemeinde i't ein durchaus günstiges. Man sieht hier keine Zerfahrenheit, keine Zwistigkeit,' die Parteien — wenn'man sie überhaupt so nennen darf — leben in Frieden miteinander, und man begegnet Einwohner.ist eine.relativ gute. Eine statistische Untersuchung, die ich. vor zwei Jahren. mit Hilfe der Sreuereinschätzung angestellt habe, ergab das Resultat, dass nur ein kleiner Procentsatz, der Gemeinde ein steuerfreies Einkommen (bis-900 Mark jährlich) hat, dagegen auch nur wenige über ein Einkommen von über. 60O0 Mark jährlich verfügen. Das ist im Vergleich zu den Verhältnissen der nichtjüdischm Bevölkerung ein erfreuliches Ergebnis. Unerfreulicher, schon ist die Berufsstatistik. Bon den paar Aerzten, < Rechtsanwälten und Beamten abgesehen, besteht die ganze Gerneinde aus solchen Leuten, die mittelbar oder unmittel- . bar vom Handel.leben. Deswegen sind sie freilich noch nicht alle gesättigte Bourgeois. Ein Handelsgehilfe mit einem Durchschnitts?'- gehakt, von 100 Mark monatlich ist wohl schlimmer, daran als' der Fabriksarbeiter mit seinem Durchschnittseinkommen von 80 Mark monatlich. Er schleppt nämlich mit sich daS vormhMe Elend, er muss den Schein wahren und mit aufgeputzter Armut einhermarschieren. Es wäre also ein logischer und ökonomischer Unsinn, wollte man sagen: sie arbeiten wenig und verdienen viel. Wohl aber darf man behaupten: sie arbeiten ungesund und verdienen unsicher. Ja, ungesund im höchsten Grade ist. dieser Zustand, denn er bedeutet die körperliche Degeneration' die personificierte Halbbildung und oft-auch die sittliche Verwahrlosung.; Freilich, wir haben uns so sehr an diese Verhältnisse .gewöhnt)- dass wir gar nicht begreife^ wie verkehrt sie sind. Es ist lächerlich, wenn man uns von feindlicher. Seite als Ausscmgrr dcftstellt. Wir. saugen uns selbst' aus, wir zerstören unsere e ig ene Kraft und erzeugen ein unglückliches nervöses Geschlecht.' Dre kaufmännische Thätigkeit ist eine körperlich einseitige,- aufreibende Und nervenverzehrende. Dann muss dieser Beruf mit eintzr Bildung prunken, die nur in den seltensten FMert vorhandenist, und eine innere Hohlheit, verdeckt durch eine dünne- Culturschicht, ist die nothwendige Folge. Und auch siltkich ist dieser Stand schlecht bestellt, Mil der junge Kaufmann mit seinen geringen Einkünften undgroßen Ansprüchen nur in den seltensten Fällen der Wahl seines Hetzens folgen barst Er muss in der Regel entweder ünverheiratet bleiben oder eine ,/Bernünft- Gesellschaft privilegierten Form der Prostitution verkaufen. Der Arbeiter ist zweifellos besser daran. Er arbeitet' mit dem Körper und den Muskeln,' braucht sich nicht mit dem lächerlichen Schein der Talmibildung zu umgeben und heiratet das Mädchen seines' Heizens. Das sind allerdings keine besonderen Eigeuthümlichkeiten Kölns, aber wer sein Volk liebt, wird stets bei solchen Verhältnissen verweilen und sie beleuchten, wo er sie auch..finden mag. Wir leben ja in einer Zeit, wo noch viele die Existenz einer. Judenfrage als socialer Frage negieren. 7 Dieschärfste Scheidewand zwischen Jude mnd Nichtjude zeigt sichln Westdeutschland im gesellschaftlichen Leben. In Rheinland speciell ist i>ie Trennung der Stämme streng durchgeführst und die .Jr;den. leben ha. eigentlich in einem Ghetto ohne Mauer. .Das. Wort „ohne"./braucht .man nicht, einmal -gar.zu streng zu nehmen,- denn der Salstrring in Köln könnte ebensogut Salmnonsring heißen, und. ein Freund.fragte mich unlängst ob hier auch ein Nichtjude wohnen dürfe. Ich spotte nicht darüber. Warum ,sM.en diese Juden, deren Gemüth nach einer natürlichen Geselligkeit lechzt, sich nicht zusammenfinden, um nach ihrer eigenen Art zu" leben? Niemand findet, es lächerlich, daß die englische Colonie in Dresden ihr eigenes Viertel hat. Das Lächerliche beginnt erst, wenn, man sich dieses natürlichen Stammesgefühles schämt, wenn man sich selbst belügt. Und wofür? ' Man glaubt im Grunde genommen selbst nicht ernstlich daran, dasi man Germane jüdischen Glaubens ist, man kann ja seinen Stammbaum auf Hermann den Cherusker nicht gut zurückführen, aber — man will, dass die anderen das glauben sollen. Es ist charakteristisch für die gesellschaftliche Stellung der inen schreienden Mißstanden. Die sociale Lage der jüdischrnJuden am Rhein, dass man in einer so bedeutenden Handels-

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