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Die Welt · 1897-10-22 · 21 (22.10.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
21 (22.10.1897)
Article
Der organische Staat
Date
1897-10-22
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21. Seite 6. der durch den Volkskörper zuckt, hat es auch dem Blödesten unwiderruflich klar gemacht, daß dieses Volk noch existirt, noch lebt, noch athmet. Und dieses Volk ist zugleich so uralt und still und langsam hat es sich entwickelt. Ist das nicht organisch? Nicht eine geheimnißvolle Arbeit der Natur? Sollten wir dabei nicht an das gute und tröstende Wort denken, daß die gewaltigsten Bäume cs sind, welche am längsten wachsen? Nein, wie man sieht, wir brauchen den Begriff des Organischen durchaus nicht zu fürchten. Wir haben ein organisch entwickeltes, jüdisches Bolksthum, welches sich auch sein Haus, seinen Staat, wieder aufrichten wird. Die Juden am Rhein. Bon Fabius Schach. I. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, die uns bei jeder Betrachtung des modernen jüdischen Lebens entgegentritt: das Zweiseelen-System. Es sind nicht immer zwei sich befehdende Seelen, aber doch zwei Seelen. Der westeuropäische Jude bildet überall ein interessantes Object für den Völkerpsychologen. Er ist ein Sohn der heimatlichen Cultur und ist doch wiederum auch etwas Anderes. Besseres? O nein. Auch nicht Schlechteres, aber — etwas Eigenartiges. Darin besteht auch die Schwierigkeit der jüdischen Geschichtschreibung. Man muß, wenn man eine Geschichte des lebenden jüdischen Volkes und nicht blos der jüdischen Kirche haben will, die Geschichte aller Länder, aller Völker und aller Culturen schreiben und dann dazu die Geschichte der Juden. Die rheinische Judenheit culturgeschichtlich betrachten, heißt den Rheinländer psychologisch untersuchen und die jüdische Volksseele in ihren mannigfaltigen Regungen studieren. Man begreift den rheinischen Juden nicht, wenn man das rheinische Leben nicht kennt, man begreift ihn aber auch nicht, wenn man die jüdische Individualität nicht kennt. Im rheinischen Juden verschmolz das specisisch Rheinische mit dem specifisch Jüdischen zu einer Einheit. Ich hätte beinahe „zu einer Harmonie" gesagt, wenn es nicht Reactionen und Differenzen in Fülle gäbe. Es hat hier eine Ehe stattgefunden, die freilich keine Liebesehe ist, sondern einer modernen conventionellen Heirat gleicht. Nirgends in Deutschland ist es so leicht, sich den Verhältnissen anzupassen und sich, heimisch zu fühlen, wie am Rhein. Ueberall findet hier der Fremde, ja auch der Ausländer offene Thüren, und überall begegnet er liebenswürdigen Gesichtern, so daß das erdrückende Gefühl der Verlassenheit bald von ihm weicht. Es wird von ihm nicht die Annahme einer neuen Cultur verlangt, sondern nur das Abstreifen des steifen Wesens, das Abschleifen der Ecken und Kanten des nichtrheinischen Charakters. Also keine Verhärtung, sondern eine Verweichlichung, eine Ablegung des Ernstes, ein fröhliches Gemüth, eine leichtere Lebensauffassung, wird von ihm gewünscht. Thut er noch den Gefallen, die Herrlichkeit des rheinischen Lebens anzuerkennen, dann ist er persona gratissima. Das sind Bedingungen, denen man sich leicht fügen kann. Die rheinische Art hat für den Fremden etwas Bestechendes, Anziehendes, und sie wirkt ansteckend. Darin liegt die natürliche Erklärung, daß sich der Jude an den rheinischen Gestaden bei mäßigem Wohlstand sehr häufig auch innerlich als Mensch und als Jude wohlfühlt. Der rheinische Jude ist thatsächlich mehr Rheinländer als der pommersche Jude Pommer. Bedeutet das eine Assimilation im psychologischen Sinne? O nein. Denn die Eigenartigkeit der jüdischen Psyche tritt hier gar oft hervor. Was der rheinische Nichtjude aus innerem Zwang thut, das thut der rheinische Jude aus Sitte und Mode, aus Berechnung und oft auch zur Betäubung. Das Gemüth ist rheinisch geworden, der Geist ist jüdisch geblieben. Der Jude macht gern alle Sitten, ja alle Thorheiten mit, er lebt wie der arische Rheinländer, ergötzt sich an allem, was Jenen erfreut, aber — er denkt anders. Er besitzt alle Tugenden und Fehler des Rheinländers, aber nebenher anch noch specifische Tugenden und specifische Fehler. Die besonders hervorragenden Eigenschaften des Rheinländers, die leicht wahrnehmbar sind, bilden die Fröhlichkeit, H arm l o^s ig kei t und Leichtlebigkeit. Diese Qualitäten des Gemüthes wird man auch bei den leisten rheinischen Juden finden, aber sie haben bei ihm schon eine andere Gestalt angenommen und äußern sich nicht nur in anderen Schattirungen, sondern streben auch einem anderen Ziele entgegen. Der rheinische Jude ist fröhlich, aber er vermag sich diesem Gefühle nicht ohne Rückhalt hinzugeben, denn im Hintergründe seiner Seele schlummert etwas, das ihn erinnert, er sei ein Jude. Ja, er kokettirt oft nur mit diesem Gefühle der Fröhlichkeit und trägt es zur Schau, ohne innerlich ergötzt zu sein. Der Bacillus der Unzufriedenheit und des Mißtrauens, das Erbe des Ghetto und des modernen Antisemitismus, hat in seiner Brust Platz gefunden. Er macht Witze, aber sie entbehren der Derbheit und der Leichtigkeit, sie sind voll von Sarkasmus und Ironie. Die jüdischen „Kretzcher" sind weder nach Form, noch nach Inhalt die der anderen. Er ist harmlos und gutmüthig, aber er braust leichter auf wie sein Nachbar, er geräth leichter in Aufregung, sein Blut läßt sich nicht verleugnen. Er ist leichtlebig, er wird entflammt beim Anblick einer Flasche Rüdesheimer oder gar einer holden Jungfrau, und doch empfindet er den Ernst des Lebens in höherem Grade, er vergißt Ziel und Maß nicht, die Berechnung schwindet niemals gänzlich aus seinem Seelenreiche. Es ist ein gewisses Etwas in ihm, das ihn nicht recht glücklich werden läßt, es ist formlos und umnebelt und übt doch eine gewaltige Kraft aus. Würde er suchen, sich darüber Rechenschaft abzulegen, er würde finden, daß es das ewige Leid seines armen Volkes ist, das ihm dchr Duft der Lebensfreude raubt.! Will man den Rheinländer gründlich studieren, so muß man ihn während des Carnevals beobachten, wo er in seinem eigentliAcn Element ist, wo alles, was in seinem Innern wohnt, in potenzirter Form zum Ausbruch kommt. Der Carneval mit all seinen berauschenden Freuden steht im Mittelpunkt seines Gemüthslebens, und unbewußt lenkt sich seine Sehnsucht nach dieser Richtung hin. Ihm erscheint die überschäumende Lebenslust, die übermüthige Tollheit nicht blos als eine angenehme Abwechslung, sondern als die eigentliche Weihe des Daseins. Sein Paradies malt er sich als einen bis ins Ueberschwängliche gesteigerten Faschingsjubel, als ein Narrenreich, in dem Freude und Lust unbeschränkt herrschen und jeden Ernst, jedes tiefere Grübeln verscheuchen. Nun, der Carneval, der nur drei Tage dauert, drückt dem ganzen rheinischen Leben seinen Stempel auf, und der echte Rheinländer kann sich eine wirkliche Freude nur in carnevalistischer Gestalt denken. Ja, sogar die patriotischen Feste tragen hier einen carnevalistischen Charakter, und mag der Sohn des grünen Stromes sich noch so viel Mühe geben, steif und pathetisch zu erscheinen, er wird sich selbst komisch und fällt bald aus der ihm lästigen Rolle. Das Ziel des rheinischen Juden ist, diesem Ideale nachzujommen, aber — es gelingt ihm nicht, denn seine innerste Natur sträubt sich dagegen. Es ist psychologisch interessant, den Juden am Carneval zu beobachten. Er tollt mit seinem Nachbarn mit, er trinkt und singt, tanzt und springt und strengt sich an zu bekunden, daß trotz seiner mehr an den Jordan erinnernden Physiognomie echtes rheinisches Blut in seinen Adern fließt, und er überbietet sich und die anderen in Ausgelassenheiten und Narrheiten. Da hört er plötzlich einen schlechten Witz über Juden, sieht irgend eine lächerliche Judenkarikatur und — seine Freude ist dahin, der Rausch ist verflogen. Welch eine Metamorphose! Sein Blut geräth in Wallung, alles empört sich in ihm gegen . . . ja, gegen wen eigentlich? Gegen den Nachahmer und — komisch, aber wahr — gegen den Nachgeahmten. Er ist

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