Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 21 (22.10.1897)
- Article
- Der organische Staat
- Date
- 1897-10-22
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Heike 4. JÄ^Wdtr Nr. 21. Heute würde Herr Siegnmnd Mayer*) die Sache dahindefiniren, daß die Stadt Rom ein organisches und kein mechanisches Ganze wäre. Mechanisch nennt er vermuthlich eine Stadt, die mit voller Absicht und nach einem bestimmten Plan gegründet wurde. Mir ist freilich nicht ganz klar, ob Herr Mayer etwa die Ansicht hegt, daß eine solche mechanisch begründete Stadt nicht lange bestehen kann. Jedenfalls ist er vorsichtig genug, solche Behauptungen still für sich zu behalten. Petersburg und Constantinopel, Lima, die Hauptstadt Perus, Chicago und andere Städte Nordamerikas wären doch ein zu drastisches Dementi, vor welchem die Vertreter des Organischen beschämt verstummen müßten. „Nun ja, eine Stadt", wird Herr Mayer mir antworten. „Aber ein Staat, und gar ein Judenstaat — ja Bauer, das ist etwas anderes." Aber warum? Auch Staaten wurden schon mehr als einmal mit Plan und Absicht gegründet. Nhodcsia ist über Nacht entstandeu, ebenso Bulgarien. In den Fünfzigerjahren blühte Californien plötzlich auf, und gegenwärtig hören wir, wie im nördlichsten Nordamerika, kaum daß man Gold entdeckt hat, auch schon von einem neuen Staat und einem neuen Stern im Banner der Union die Rede ist. O, wie unorganisch, o, wie mechanisch! Wenn es aber nur dauerhaft ist, so kann man sich die vorzügliche Mechanik schon gefallen lassen. Wir leben ja — nach Behauptung derer, die es wissen müssen — in einem Zeitalter, wo alles nur noch künstlich gemacht wird, und nichts mehr naturgemäß sich entwickelt. Da war doch die Menschheit des griechischen und römischen Alterthums von ganz anderer Structur. Die alten Hellenen waren schlicht und naiv, sie lagen am Busen der Natur, und ihre lebensvollen kleinen Staaten waren nicht schnödes Menschenmachwerk, sondern glichen den Blättern und Aesten eines mächtigen Baumes. Organisch, furchtbar organisch, so daß jeder Assimilationsjude, der vom Judcnstaat nichts wissen will, die reinste Freude daran hätte haben können. Die alten Hellenen selbst scheinen aber diese hohe, assimilatorische Weisheit nicht voll begriffen zu haben, wie manche Fakta ihrer Geschichte klärlich beweisen. Die Perser überzogen zu ihrer Zeit Griechenland mit Krieg. Sienaherten sich auch der Stadt Athen, und jeder Widerstand schien gänzlich aussichtslos. Da rieth Themistokles den Athenern, mit Weib und Kind die Schiffe zu besteigen und die Stadt ihrem Schicksal zu überlassen; denn so lange die Flotte noch wäre, so lange könnte man auch auf Sieg und Rettung hoffen. Nach dem Siege aber würden die Stadt und der Staat reicher und schöner wieder aus der Asche auferstehcn. Dieser Themistokles war eben ein Teufelskerl. Er hatte nicht Naturwissenschaft studirt und konnte also nicht wissen, daß der athenische Staat ein organisches Ganze wäre, die athenischen Schiffe aber nur ein Machwerk der Menschenhand. Einige Patrioten wollten darum auch nicht mit und verschanzten sich auf der Akropolis, wo sie von den Persern richtig erschlagen wurden — diese Märtyrer des Organischen. Jedoch Themistokles blieb hartnäckig nach wie vor. Die peloponnesische Flotte im Hafen von Salamis fürchtete sich vor der großen Uebermacht der persischen Schiffe, und der Gedanke tauchte auf, sich nach dem Peloponnes zurückzuziehen. Da aber drohte der athenische Feldherr, daß die Athener, welche die Mehrzahl der Schiffe stellten, Weib und Kind an Bord nehmen und nach Italien steuern würden, um eine neue Heimat dort zu gründen. Merkwürdigerweise imponirte diese Drohung den Pcloponnensiern ganz gewaltig, und mir ist durchaus nichts davon bekannt, daß einer dieser Herren etwa gesagt hätte: „Mein lieber Themistokles, so etwas thut man nicht. Das ist nicht organisch." Das mag ja nun freilich an der Unwissenheit der Peloponnesier und besonders der Spartaner gelegen haben, die wohl gut fechten und schwarze Suppen essen konnten, deren Schulbildung aber gräßlich vernachlässigt war. Herr Siegmund Mayer dagegen lebt in Wien und im Zeitalter der Naturwissenschaft — womit ich durchaus nicht sagen will, daß er ein großer Naturforscher *) Wir konnten diese Antwort auf den Artikel des Herrn Siegmund Mayer in der „Zeit" wegen Raummangels nicht früher veröffentlichen. Anmerkung der Nrdaction. ist. Themistokles also beharrte auf seinen unorganischen Principien, und so wurde die glorreiche Schlacht bei Salamis geschlagen, die noch heute, nach Jahrtausenden, jedes Herz vor Freude erbeben läßt, welches sich den Glauben nicht rauben lassen will, daß die Kraft des tief empfundenen Gedankens den Widerstand der Materie schließlich überwindet. Theodor Mommsen sagt einmal, daß die Weltgeschichte ebensowenig wie die Bibel es verhindern können, wenn der Teufel sie falsch citire, daß sie aber jeden, der hören und sehen will, erquicke und für falsche Citate reichlich entschädige. Aehnliches läßt sich von den Naturwissenschaften sagen. Herr Siegmund Mayer, den ich beileibe nicht mit dem Teufel vergleichen will, hat dennoch — exempla doeeut — falsch citirt. Wir wollen nun zuschen, ob wir dafür, nach dem Wort Mommsens, eine Entschädigung erhalten. Und in der That, der richtig verstandene Begriff des Organischen braucht den Nationaljuden durchaus nicht zn schrecken, sondern ist vielmehr sein mächtigster Bundesgenosse. Wieder, da wir nun einmal beim Citiren sind, will ich den Geist des Themistokles heraufbeschwören. Ihm hielt im Feldherrenrath der Stratege der Korinthier entgegen, daß ein Mann ohne Stadt und ohne Staat nichts mitzureden habe. Da wies Themistokles nur auf die Flotte hin und sagte lakonisch: „Hier ist Athen". Ja wohl, d'ort war Athen. Attikas Jugend und bestes Mannesalter — das athenische Volk — war auf diesen Schiffen versammelt. Die Herzen dieser Männer durchglühte und durchleuchtete das stille Feuer eines gewaltigen Patriotismus, und aus ihren Augen strahlte ein Muth, der laut verkündete, daß der Athener an Intelligenz und Willenskraft sein Aeußerstes aufbieten würde, um in furchtbarer Seeschlacht die Siegesgöttin an seine Schiffe zu ketten — oder zn sterben. Ueber diesen Schiffen aber, unsichtbar — vielleicht allein der Feldherr konnte sie sehen — schwebte mit Helm und Lanze Pallas Athene. Woher aber kam diese Göttin? Woher dieses Volk, woher dieser Todesmuth und ungeheure Patriotismus? Hier versagt uns jede Antwort, denn hier rühren wir an das Organische, an die Entwicklung der Jahrhunderte. Die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame Rasse, eine unendliche Verschmelzung und Ausgleichung der heterogenen Elemente, hatten schließlich ein eigenartiges, scharf markirtes Volksthum geschaffen, das sich umso stärker und dauerhafter erwies, je langsamer cs gewachsen war und je tiefer es in den dunklen Trieben des Unterbewußtseins wurzelte. Dieses athenische Volk war freilich ein organisches Gewächs, und thöricht und lächerlich wäre es gewesen, wenn ein ehrgeiziger Truppenführcr es versucht hätte, aus zusammengelausenen Elementen ein ähnliches Volk künstlich nachzuschaffen. Aber der athenische Staat war mit dem athenischen Volk noch keineswegs identisch. Als dieser Staat in Trümmern lag, überwand dieses Volk den Großkönig in blutigen Schlachten und ging dann wieder an die Aufrichtung seines Staatsgebäudes, und wir wissen ja wohl alle, welch' ein Staat das Athen des Perikles gewesen ist. Der Staat in aller seiner Herrlichkeit ist eben nicht etwas Organisches, etwas langsam Gewachsenes, sondern Menschenwerk, wirklich und wahrhaftig nur Menschenwerk. Er ist das Haus, welches das Volksthum, so lange es noch lebt und noch hofft, sich immer von neuem wieder aufrichtct. Hat man aber jemals gehört, daß ein Haus organisch aus der Erde wächst, wie etwa ein Baum? Nur müssen freilich Leute da sein, die bauen, lebendige, naturgeborene Menschen, welchen im Gehirn organisch Pläne und Gedanken keimen. Haben wir solche Menschen? Haben wir einen solchen Baumeister? Haben wir, mit einem Wort, ein organisch entwickeltes jüdisches Volksthum? Diese Frage stellen, heißt für den Zionisten, sie bejahen. Der beste Beweis, daß dieses Bolksthum existirt, ist eben der, daß es laut nach einem Staat verlangt, nach einem Staat schreit, wie der Hungrige nach Brot. Nach mehr als einem Jahrtausend blutigster Unterdrückung und gänzlicher Zerstreuung lebt dieses Verlangen mit elementarer Macht plötzlich wieder auf. Ein heftiger Ruck geht durch die Judenhcit der gesammten Erde, und dieser clektrifche Schlag,