Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 19 (8.10.1897)
- Article
- Sein Kind
- Date
- 1897-10-08
- Page
- 16 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 16. FlkHM7 Nr. 19. Thür. Sic fühlte, daß jrdcr Fußbreit sie imiucr weiter von ihrem Vater führte — für iminer — immer —-. Noch einmal wendete sich ihr Blick der kleinen Gesellschaft zu, die glühenden Augen schauten durch den Thränenschleier zu Harry hinüber, der hinter seiner Mutter stand und sich krampfhaft an der Lehne ihres Sessels hielt. Die alte Frau hatte mit ehesten ihren Unmut!) verwunden, ans chren Augen leuchtete mütterliches Wehegefühl, dem die trotzige, leidenschaftliche Jrländerin sich beugte. Es zwang sie zur Schwester ihres Vaters, sie warf sich vor sie hin und flehte mit den Augen und gefalteten Händen. Und die alte Frau sprach: „Geh' nicht von uns, mein Kind, wir sind so gute Menschen, wie deine katholischen Freunde. Bleib' bei uns und leb' mit uns, wir wollen Dich nit stören, daß Du uns in unserer Weis' glücklich sein läßt!" „O Tante, ich kann nicht, ich hab's gelobt, ich bin gebunden!" schrie das Mädchen in tiefer Qual. „Tann soll Gott denen verzeihen, die Dich so weit gebracht haben — ich kann Dir nit helfen!" Die Thür ging. Em heftiger Windstoß schlug sie zu — eS klang wie ein Schuß. Der alte Mann sprang jäh auf und eilte zum Fenster. Von draußen drang durch das Pfeifen des Windes das Schluchzen der bcidenMadchcn, die einsam davonzogen-. Der alte Jude sank vor der Fenstcrbrüstung zusammen und schlug sich an die Brust. Dann stand er auf, wendete sich zu uns mit einem tief klagenden Ausdrucke im Gesichte. Er suchte nach Worten für sein Leid. Er öffnete den Mund und schloß ihn wieder, um ein Schluchzen zu unterdrücken, dann entrang sich seiner Kehle erst fremd, dann immer vcitrautcr ein Ruf. Es war der alte Wcheruf, das Losungswort der Heimkehr, ein Ruf des Leides und des Trostes, aufgelöst in Schluchzen: „Schmäh Israel!" Bücherwrlt. DaS Verderben des stovakifchen Bottes. Unter diesem Titel erschien in Wien in der Druckerei der Mechitaristen eine Flugschrift, welche sich in den heftigsten Ausdrücken gegen die „Tyrannei" Ungarns wendet. Nebenbei athmet die Flugschrift einen glühenden Judenhaß. Das slovakische Volk, das ehemals frei war, werde von den Ungarn geknechtet und mit ungeheuren Steuern gepeinigt, für die sich dann die Juden Paläste bauen Von dem schönen, längst zu einem Erbauungsbuche der gebildeten jüdischen Frauen gewordenen Werke „Stunden der Andacht" von Fanny N e u d a ist soeben die sechzehnte Auflage erschienen. Ein Kalender für das Bott. * Jargon! Welche unschönes Wort! Eine Sprache ohne Grammatik, ohne erkennbare Eihymologie! Die gelehrten Linguisten lächeln höhnisch und die stylrsircnden Aestheten spotten verächtlich. Das ist keine Sprache, nur ein Idiom. höchstens ein Dialect. Diese deutschen Laute mit der hebräiscben Grundsärbung und der slavischen Beimischung — sie klingen ihnen fremdartig, unverständlich ins Ohr. Aber der Völkerpsycholog, der in der Sprache die Seele des Volkes sucht, der Politiker, für den Alles nur Mittel zum Zwecke ist, sie bleiben stehen und lauschen. Da sehen sie, wie in dieser Sprache Hunderttausende, ja Millionen von Menschen denken und ihre Gedanken ausdrückcn, in ihrer Freude aufjanchzcn und in ihrem Schmerze wehklagen; sie finden in dieser Sprache eine herrliche Poesie und eine reiche Belletristik. Der Jargon hat seine Romanciers und seine Novellisten, seine Lyriker und Epiker, seine Dramatiker und Satiriker. Erst seit einigen Decennien. Man kann das den Anfang der jüdischen Renaissance nennen. Die Erzählungen von den Wunderrabis und den Wnnderprinzessinnen, die Fabeln von Hexen und verzauberten Schlössern, mit einem Worte, die „mases“ beginnen aus der „Belletristik" zu verschwinden; das jüdische Volk, das zu nationalem Selbstbewußtsein erwacht ist, suchte seinen geistigen Nahrungsstoff nur aus seiner Geschichte und aus seiner Gegenwart. Eine Schaar auserwählter Geister trat auf den Schauplatz, bestrebt, das Volk geistig und culturell zu heben, auch oft durch beißende Satire und Verspottung gewisser Vorurtheile zu bekehren und aufzuklären. Dem Volke eröffnete sich eine neue Bildungsquelle, die Bildungsquell.'. Hier schöpften sie Belehrung, Wissen, Erkenntnis, allzuoft auch Hoffnung und Erbauung in den trüben Stunden der Verzweiflung — die Hundertlausende, die keine andere Sprache kannten, weil sie keine gelernt haben. D i k's über 400 Skizzen, Anecdoten, Satiren,' eine Lieblingslectüre Ielinek' s. Goltloder's zahlreiche satirische Schriften, besonders „Zwei Chuppes ** an einem Tag", Ehrenkran z's Volkslieder, Linctzki's beißende Satyre „Polnische Jingel", die im Buchhandel bereits^vergriffen ist, S p e c t o r ’ § und Perez' Novellen, Frug ' s lyrische Gedichte, Goldfaden's Dramen und A b r a m o tu i c % ’ Romane gewähren uns einen tiefen Einblick in die Volksseele und Weltanschauung der jüdischen Massen, in ihr Leben ohne Freude und ihre Leiden ohne Eltde. Es ist eine „Arme-Leute-Literatur". Das beweist schon das Papier und der Druck. Aber mit Recht sagt Wereßtschagin in seinen „Lebensbeschreibungen armer Leute", daß auch sie es verdienen, in ihrem schweren Lebenskämpfe, in ihrem mühe- und qualvollen Ringen um das alltägliche Dasein beobachtet und geschildert zu werden. Wollen wir wissen, wie unser Volk „lebt": die kleinen Handwerker, Krämer, Marktfieranten, Wasserträger, Hochzeirsspieler, Melamdim ***, Bettler u. s. w., so greifen wir nur zu den herrlichen Schöpfungen Abramow i c z' „Fischke der Krimme,, und „Masojs Benjamin Hafchlischi" (Neisebeschreibungen Benjamin des Drnten), die uns mit wahrhaft epischer Kraft und schonungslosem Realismus den ganzen Jammer dieser Existenzen vor Augen führen und eine neue, unbekannte Welt enthüllen. Es ist charakteristisch, daß das letztgenannte Buch vom hervorragenden polnischen Romancier Klemens Junosza, dem meisterhaften Kenner des Jargons, als „Jüdischer Don-Quixote" ins Polnische übersetzt werden mußte, um die Aufinerksamkeit weiterer Kreise auf sich zu lenken. Und Abramowicz's „Klacze"t, dieses erschütternde Epos in Prosa, diese tiefsinnige Symbolik der jüdischen Leidensgeschichte, die die gehetzte Schindmähre den herumstehenden Gassenjungen erzählt! Es war ein Jrrthum, wenn Perez Smolensky den jüdischen Jargon bekämpfend einmal meinte, daß sich ein Talent nie einer verderbten Sprache bedienen dürfe. Wer zu den jüdischen Volksmassen sprechen, wer von ihnen verstanden werden will, der muß sich noch vorläufig des Jargons als eines Mittels bedienen. Das haben die Meister des Jargons verstanden; sie haben der Volksbildung und Volksaufklarung unvergeßliche Dienste geleistet. Bon denselben Momenten ließ sich auch das zionistische Comil6 in Lemberg leiten, als cs vor zwei Jahren an die Herausgabe eines „Volkskalenders" schritt. Gerade in Galizien, aus dessen Mitte kaum ein Jargondichter (Ehrenkranz gest. 1880) hervorgmg, wo es den Hunderttausenden nur des Jüdisch-deutschen Mächtigen an den nothwendigften Mitteln zur Befriedigung ihres Bildungsdranges mangelt, war diese. primitivste Form der Bolkslectüre, der Kalender, ein wahres Bedürfniß. Der geistige und materielle Erfolg des Unternehmens hat dies bewiesen. Wir haben heute den dritten Jahrgang vor uns. Wie feine Vorgänger enthält auch dieser eine Fülle belletristischen Stoffes und politischer Ärtikel. Die Grundtendenz ist zionistisch. Allein während in den früheren Jahrgängen das Hauptgewicht auf den politischen Theil, auf die Erziehung zum politischen Zionismus gelegt wurde, ist jetzt die Belletristik mehr in den Vordergrund getreten. Wir finden da die hervorragendsten Namen: Abramowicz, der seit letzter Zeit nur hebräisch schreibt, B e n A m m i, P e r e tz , F r u q , B r a: n i n u. A. Die Skizzen der beiden letztgenannten Dichter dürfen unter die besten Schöpfungen der Jargonliteratur eingcreiht werden. Frug's „Zu Ehren der heiligen Thora" zeigt uns eine der Schattenseiten des Synagogenlebens, den Kampf um die „Alijos", um den Aufruf zur Thora, der den Gegenstand vielsacher Ambitionen und Eifersüchteleien bildet. Was Fru g, der sich auch als russischer Dichter einen Namen erworben hat, schreibt, liest man gerne. Der Wohlkklang seiner Prosa und der musikalische Rhytmus seiner Zweizeiler zeichnet seine Schöpfungen vor anderen aus. Die Skizze „Binke der Dibek" tt von B rain in, der sich uns einmal ausnahmsweise als Jargonschriftsteller präsentirt, ist das Product eines scharfen Beobachters. Wer ist Binke? Er ist ein „Acher", ein Anderer. Aber nicht in der religiösen, sondern in der psychologischen Bedeutung des Wortes. Binke denkt anders, sieht anders und empfindet anders, als seine Umgebung; ja er sieht, er denkt, er empfindet inmitten der nur dahinvegeticrenden Gesellschaft, auf die der Fluch der Bibel Anwendung findet: „Und am Morgen beten sie, daß es werde Abend und am Abend, daß es werde Tag." Binke beugt vor Niemandem sein Knie, er ist frei; er arbeitet nicht, um sich zu bereichern; er bewundert die Natur, er lauscht dem Gesang der Vögel und wenn Chaim Klesmor-j-j-f spielt, so wird er ruhig, ernst, geistesabwesend. Chaim ist auch der einzige Mann in der ganzen Stadt, den Binke achtet und verehrt. Die Gesellschaft, die ihn nicht versteht, erklärt ihn für besessen. Es pflegt dies nicht blos in 'dem kleinen lithauischen Städtchen zu geschehen. Man könnte dem Helden einen beliebigen anderen Namen wählen unb ihn selbst in eine westeuropäische Stadt versetzen. L. Kofsler veröffentlicht eine gelungene Kritik des Jargon- Theaters, während der Nedacteur Bader und David Schreiber in ihren sehr interessanten Artikeln „Der Anfang vom Ende" und „Rückblick auf das Jahr 5657" die Bedeutung des Zionismus und seine Fortschritte im letzten Jahre eingehend würdigen. Möge auch dieser Kalender gleich seinen Vorgängern aufklärend, erleuchtend und belehrend auf unsere Volksmassen wirken! S. R Landau. * „Jüdischer Volkskalender", herausgegeben von der zionistischen Parteileitung in Lemberg und redigirt von G. Bader. Lemberg 5658. Dritter Jahrgang. ** Trauungen. *** Lehrer. t Ins Deutsche („Die Schindmähre") übersetzt von S. Horo^ witz und ins Polnische („Szkapa") von Kl. Junosza. Die russische Uebersetzung im „Woschod" wurde von der Censur verboten, ff Der Besessene, fff Der Musikant. Wegen Raummangel bringen wir den Schluß des Ussischkin'schen Artikels „Heimkehr vom Congreß" in der nächsten Nummer. Die Nedaction. Herausgeber: Psrrl Nsschauer. Verantwortlicher Nedacteur: Dr. Siegmunö Werner. Druck von Jacob Dux Wien, VIII., Laudongasse Nr. 57.