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Die Welt · 1897-10-08 · 19 (8.10.1897) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
19 (8.10.1897)
Article
Sein Kind
Date
1897-10-08
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 19. Seite 15. reizvolle Zeichnung verlieh. Von besonderer Kraft sprachen die dunklen, glänzenden Augen, um geben von kräftigen Brauen und langen Wimpern. Das zweite, kleinere Mädchen wies in Gesicht, Gestalt und Wesen Züge der väterlichen Familie auf. An Beider Wangen merkte man die Spuren von Thränen. Die Kleine schluchzte laut auf, als sie den Vater erblickte, lief rasch zu ihm hin, sank zu seinen Füßen und verbarg das Gesicht in seinem Schoß. „Schämst Du Dich nicht," rief das größere Mädchen, „hier vor so vielen Leuten?! Und Du, Vater, thust uns die Schmach an, aus dem Hause zu laufen?" Sie sprach herrisch, hart. Die alte Frau fuhr auf. „„Wie sprichst Du zu Deinem Vater?"" Harry eilte zu seiner Mutter und bat: „Lasse sic, menge Dich nicht darein!" Dabei zitterte seine Stimme in heftiger Aufregung, von der auch sein bleiches Gesicht Zcugniß gab. „„Ach was,"" entgcgncte die Frau heftig, „„ich will ihr bcibringen, wie ein Kind zu seinem Vater sprechen soll, wenigstens ein jüdisch Kind!"" Nun wurde das Mädchen bleich bis in die Lippen. „Tante,^ o Tante," stammelte sic, „glaubst Du, wir Katholiken kennen kein viertes Gebot? Das ist cs doch eben, was mich so unglücklich macht! Aber es heißt: „Ehre Vater und Mutte r", und unsere Mutter, o unsere arme Mutter leidet im ewigen Leben. Sie wird im Fegefeuer gemartert, sie steht mit ihrem ganzen Leib im brennenden Schwefel und wird in alle Ewigkeit leiden!" Sie sprach dies mit Uebcrzcugung, mit dem Ausdrucke tiefen Schmerzes. „„Aber Kind, Kind,"" meinte die Tante eifrig, „„der Leib Deiner Mutter ruht in der Erde — — — „Tante, aber ihre Seele leidet und wird gemartert. Denke Dir, die ganze, lange Ewigkeit ist sie verdammt und ächzt und bereut, daß sie den Vater nicht zum rechten Glauben bekehrt hat. Und sie war gar nicht richtig verheiratet, wir sind ihr im Himmel eine Last, eine Sünde, weil Vater nicht katholisch, ist und kein katholischer Priester die Ehe eingescgnet hat!" „„Aber Magid, Du beschimpfst ja Deine eigene Mutter im Grabe,"" ivarf die Tante ein, „„verstehst Du denn nicht, daß das herzlos ist, was Du sagst?"" „Das sag' ich auch immer," murrte der alte Mann. „Nein, mein Beichtvater katiror Mc. Call thut nichts Schlechtes und verlangt nichts Schlechtes von mir. Er sagt, wenn unser Vater katholisch wird, dann ist Alles gut, dann hat die Seele unserer armen Mutter ihre ewige Ruhe, und auch wir sind dann anständige Kinder. O Tante, sei nicht böse," wendete sie sich zur alten Frau, „sich', ich Hab' meine Mutter noch übcr's Grab hinaus so gerne, denk' Dir, wenn „O Vater, lass' nur latiror Mc. Call mit Dir reden, er wird Dich bekehren, Du wirst glauben und glücklich sein. Ich werde für Dich beten, ich und Sarah, damit Du den rechten Glauben findest. Nicht wahr, Sarah, wir werden beten? Wir werden glücklich und in Eintracht leben und mit der Seele unserer Mutter wird Frieden sein!" Der alte Mann schwieg. Das Mädchen blickte flehend von Einem zum Anderen und endlich blieben ihre Blicke an Harry hängen. „O Harry äoar, ich weiß, ich Hab' Dich gekränkt, ich war nie, wie eine Verwandte sein soll. Aber ich weiß auch, daß Du mich gerne hast! Hilf' mir, red' dem Vater zu!" Der junge Mensch versuchte zu antworten, er vermochte es nicht. Nur seine Augen sprachen, sie funkelten vor Sehnsucht, wie sie die trotzige Gestalt des Mädchens überflogen. „O Hab' Erbarmen," flehte die Kuieendc; „sieh', Euch bedeutet der Glaube nichts. Ihr seid Alle keine gläubigen Juden, was hängt Ihr an dieser alten, verfallenen Religion, an der eine Blutschuld, der Fluch des Heilandes klebt!" Der alte Manu hatte sich während dieser leidenschaftlichen Worte erhoben und sah erzürnt auf sein ihm so unähnliches Kind. Sic blickte gespannt auf zu dem alten Manne. Er schüttelte den Kopf und sprach: „Ob Deine Mutter noch leidet, das weiß ich nit, aber ich wär' unglücklich, wenn ich thät', was Du willst, ich wär' nicht mehr ich." „O Vater, ist denn die katholische Religio« eine Schande?" „Nein, Gott bewahre, aber ich glaub' nit daran und ixrüßt' mit einer Lüge leben und sterben! Das verlang' nit von mir altem Manne — das nit, Kind!" Deine Kinder Dich sollten leiden lassen und könnten Dir helfen-." „„Aber, Kind, bedenk' doch,"" erwiderte die Frau etwas sanfter, „„was Du verlangst, er hat doch Eure Mutter auch nie jüdisch machen wollen und Euch auch nicht!"" „Ach, ich wollt', man hält' uns nicht katholisch erzogen, wir wären dann verdammt gewesen, ohne cs zu wissen, aber jetzt, Tante, bin ich gläubig, und ich bin glücklich in meinem Glauben! Und wir könnten Alle glücklich sein, o so glücklich, wenn Vater nur wollte! O Vater" — sie warf sich leidenschaftlich vor ihm nieder — „hilf Deinen Kindern, hilf Deiner Frau, unserer Mutter, im Jenseits, erbarme Dich ihrer, erbarme Dich meiner!" „Nun bist Du aber still!" rief er zornig. Sie wollte antworten, er aber schrie heftig: „Nun schweigst Du, ich red', Dein Vater! Und steh' auf, ich kann das Knien einmal nit leiden, ich bin's nit gewöhnt. Du hast gefragt, warum ich Dir die Schand' anthu' und aus dem Hause geh'!? Ich bin Dir davongclaufen, weil Du mich peinigst, weil Du junges Mädel mich alten Maun belehren und bekehren willst! Du, uiciit Kind, mein Fleisch und Blut, schämst Dich meiner und meiner Religion, Du schimpfst über das Judenlhum. Was weißt Du davon, was gcht's Dich an? Deine Mutter willst Du aus dem Fegefeuer erlösen? Meine Frau war ein braves Weib, sic hat ein herrliches Leben geführt und das Paradies auf dieser Welt gehabt, ein Leben, wie sie sich's als irische Eingcwanderte nie geträumt hat. Sie war glücklich und zufrieden. Was überhcbst Du Dich über Deine Eltern? Was zerstörst Du meine alten Tage? Ist das der Dank für meine Sorgen um Dich, für die Erziehung, die ich Dir gegeben Hab', oder glaubst Du, weil ich jetzt nichts mehr für Dich thun kann, daß Du wie der Baum im Wald aus der Erde gewachsen bist? Du warst zart und klein, wie alle kleinen Kinder, Du warst krank, sterbend krank — — — „O Vater, ich wollt', Du hättest mich sterben lassen!" „Ich wollt's auch!" „Vater!-" „Ja, besser, Du wärest lobt, als in solcher Sünd' gegen den Vater zu leben!" „Vater, wie sprichst Du zu mir?" „Wundcrt's Dich? Sichst Du, zuhause trau' ich mich nit! Du und Deine Freundinnen mit ihren Heiligen und Rosenkränzen, dann der Pater und die Crucifix' und was weiß ich! Ich bin ja ganz wirbelig, ich Hab' wirklich schon gemeint, ä Jud' is ä AusnahmSmensch und muß sich schämen, daß er auf der Welt ist. Soweit hast Du's, mein eigen Kind, gebracht! Aber hier, hier darf ich ein Jud' sein, hier unter meine Leut' Hab' ich Kraft, und ich sag' Dir, ich lass' mich nit taufen, nit um die Welt! — Und Du, Harry, mein Jung', mach' Dir nichts d'raus, wenn sie uns Juden nit mag. — Wenn sie Dich gerne hat, soll sic Jüdin werden!" Magid hatte von Schauer gepackt die Augen geschlossen, die Hände znsammengcballt und fuhr mit den Fäusten in die Luft, als wollte sie gewaltsam etwas Unangenehmes, Ekles von sich stoßen. Dieser Ausdruck des Abschcucs vor dem Judcnthume brachte Alle gegen sie ans. Sie merkte cs und rüstete zum Aufbruche — — —. Draußen war cs inzwischen dunkel geworden. Ein scharfer Wind fuhr durch die Straßen, daß Fenster und Thüren erzitterten. Magid ordnete ihrem Schlvcstcrchcn die Haare. Es geschah langsam, zögernd, als hoffte sie ans ein Wunder, das die Verwirrung der Gemüther zu lösen vermöchte. Keine Hand rührte sich. Sie hüllte sich in ihr Tuch, nahm die Kleine an der Hand und schritt zagend, fast schleichend zur

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