Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 19 (8.10.1897)
- Article
- Der Zionismus in England
- Date
- 1897-10-08
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 19. J?i«^Wdtr bcr Erkenntniß ihrer vergeblichen Brinühniigcn oder in ucucrwachtein Stolze ihre Zusammengehörigkeit in Zion bekennen — von nah und fern sind sic herangestromt, aus unaussprechlichen und unbekannten Dörfern der Bukowina und des Kaukasus, aus den großen Hauptstädten Europas? in dichten Schaaren kamen sie aus den Gebieten der Verfolgung, ver» cinzclt aus den freien Reichen England und Amerika, ein seltsames Gemisch von Gesichtern. Ein kleiner Pole mit fahler Gesichtsfarbe und rorstchcnden Backenknochen, ein blonder Ungar mit flachsgelbem Schnurrbart, ein brauner Rumäne mit scharfgcschniltcnem Gesicht, ein Franzose mit rosigem- Teint, ein dunkler Holländer von marannischcr Abkunft, ein behäbiger Deutscher, ein Russe mit feurigen Augen, der sich aufgeregt in das Haar fährt, vielleicht in der Vorahnung, daß ihn bei seiner Rückkehr der Kerker erwarte, ein dunkclsärbiger Egyptcr mit kurzgcschorcnem krausem Haar, ein Schwede mit strohgelbem Bart, ein manierlicher Wiener Advvcat, ein deutscher Student mit stolzen Schmissen im Gesichte, ein Wiener Couleurstudent, ein Schläger ersten Ranges an der Universität, ein Stutzer, der an die besten Petersburgcr Kreise erinnert, und ein einziger Jude im Kaftan mit Scidenlockcn n»d Sammtkäppchen. der einen Hauch vom kabbalistischen Mysticismus des Karpathen-Messias in die Atmosphäre des neunzehnten Jahrhunderts cinführt. Ernst ist der Stempel der ganzen Situation. Er rnht auf den vorspringendcn Schläfen des russischen Oeulisten, auf dem eiförmigen Schädel und weißen Haar des Heidelberger Professors, auf dem offen in die Welt blickenden Antlitz des ungarischen Architekten. Welches europäische Parlament zeigt eine solche Fülle von Intelligenz! Ist nicht Jedermann ein geborener Redner, ein Meister der Künste oder Wissenschaften? Hat nicht sogar der Kaftanjude aus den Karpathen Gedichte und philosophische Werke verfaßt? Heine hat de» Juden als einen Hund dargestellt, dem die Ankunft der Prinzessin Sabbath wieder seine Mannesgestalt gibt. Mächtiger noch als die Prinzessin hat der Congrcß die Mannheit des Juden der Welt vor Augen geführt. Der alte Maler, dessen Todtcntanz jahrhundertelang einen Hauptanziehungspunkt Basels bildete, stellte den Juden als einen Geizhals im Kaftan dar, der erst bei der Berührung des Todes seinen Gcldsack fahren läßt. Wohlan denn, hier böte sich ihm ein anderer Anblick, könnte der Tod, der auch ihn hinwcggerafft hat, ihn für einen Augenblick hicher bringen — diese Gelehrten, Denker, Dichter aus allen Landen des Exils, die sich zu Ehren der tobten Pionniere des Zionismus erheben und, die rechte Hand gegen den Himmel erhoben, ausrufen: „Wenn ich dein vergesse, o Jerusalem dann möge meine Rechte verdorren!" Christen übev Dolrslaus Prus. Alexander Growacki hat sich unter dem Pseudonym BoleslauS Prus in der polnischen Belletristik eine hervorragende Stellung erworben. Seme Romane „Placowka" und „Lalka" gehören zu den besten und neben den Sienkiewicz'schen zu den gelesensten. Aber Sienkiewicz ist blos Romancier; Prus ist auch Publicist. In seinen Sonntags-Feuilletons des Warschauer Tagblattes „Kuryer Codzienny" behandelt er stets die actucllsten Ereignisse mit viel Witz und Sarkasmus, die überhaupt seine stärkste Seite sind. Prus ist der Publicist des patriotischen polnischen Bnrgenhums. Er ist aber auch einer der wenigen polnischen Schriftsteller, die fern von jeder Oberflächlichkeit und Voreingenommenheit die Judenfrage als eine wichtige Landesfrage betrachten und studiren. Mit dem Zionismus kam Prus im vorigen Jahre zum erstenmale in Berührung, als er den Artikel des Herrn von Ko^mian über den „Judcnstaat" im „Kraj" mit Bezugnahme auf die darin enthaltene Nebeneinandcrstellung der Judenfrage und der Gicht in einem Sonntags-Feuilleton: „Herr von KoLmian. die Juden und die Gicht" ironisirte. Heute denkt wohl Prus über den Zionismus tiefer, klarer. Beweis dessen sein Feuilleton im „Kuryer Codzienny" vom letzten Sonntag, das eine Antwort auf die Angriffe des „Kraj" (vgl. Zeitschriftcn-Rundschau) enthält und das wir unseren Lesern mittheilcn. Die Feuilletons von Prus pflegen gewöhnlich die Runde durch die gesammte polnische Presse zu machen. Die beherzten Worte eines ernsten patriotischen Mannes wie Prus könnten auch diesmal belehrend und anfklärend auf die polnische öffentliche Meinung wirken, deren Organe zum Theil aus falsch verstandener „Judcnfreundlichkeit" den Zionismus verschweigen oder aus Böswilligkeit entstellen. Wenn Boleslaus Prus spricht, pflegt das polnische Bürgerthum aufzuhorchcn. Die Redaction. -r- * * „Die Welt gehört nicht denjenigen, die nur ewig jammern und klagen und nach den kleinsten Hindernissen auslugcn, sondern denen, die vorwärts schreiten und siegen, wenn auch Im Kampfe — mit der Bestimmung. Ein anderes, vielleicht viel wichtigeres Ereigniß als die geschilderte Polar-Expcdition war der Zionistcn-Congreß in Basel. Zionisten sind diejenigen jüdischen Patrioten, die in ihrem Volke eine Nation sehen und die die jüdischen Nationalgefühle vielleicht höher stellen als die religiösen. Die Zionisten wollen ihre Nation materiell und moralisch heben. Einen Theil — die Intransigenten — möchten sie in Palästina ansiedcln, den anderen, der in Europa bleiben will, gesellschaftlich organisiren. Die Zionisten beabsichtigen 250 Millionen Mark zu sammeln, dafür Palästina zu kaufen und den jüdischen Colonisten den Schutz der türkischen Regierung und eine gewisse Autonomie zu verschaffen. Das ist sehr wichtig. Die Zionisten anerkennen, daß die Indenfrage. manche europäischen Länder „mit Juden übersättigt" sind, und daß diese Uebersättigung zwei Folgen nach sich zieht: 1. eine Judennoth, 2. den Haß der christlichen Bevölkerung. Die Zionisten erklären, daß der Antisemitismus nicht; der Ausfluß relegiöscr Antipathie, sondern — ökonomischer j Collisionen sei. Ich habe über den Zionistcn-Congreß nach verschiedenen! Richtungen nachgedacht, soweit mir aus den polnischen : Zeitungen seine Verhandlungen bekannt wurden. Aber ich habe darin nichts Tadclnswerthcs gefunden. Das Ziel der Zionisten, ihr Volk zu heben, ist edel; die ans Gcldsammlung gerichteten Wege sind ganz klug, und die Ansiedelung der jüdischen Massen aus den mit Juden übersättigten Ländern ist — lobenswerth. In der asiatischen Türkei kommen auf ein Quadratkilometer 9 Einwohner, während cs bei uns deren 84 und darunter 12 Juden gibt. Wenn davon wenigstens ein Theil nach Asien nbersiedeln würde, so könnten wir uns der „lieber* sättigurig" entledigen, die Juden würden ihr Vaterland gewinnen, und jene Ländereien würden zu einer Einwohnerschaft gelangen, deren sie so dringend bedürfen. Was würden denn einige Millionen Juden für die asiatische Türkei bedeuten?... Einen Tropfen im Meer! Man würde sie dort nicht einmal bemerken oder man würde an ihnen nur die guten Seiten sehen. Ich kann cs daher nicht begreifen, warum der „Kraj" mit so viel Ausstellungen die Zionisten überfällt. Ist ja doch der Zionismus eine Lösung der Judenfragc! Im Allgemeinen finde ich die Vorschläge der Zionisten so vernünftig und ehrlich, wenn auch entfernt und schwer erreichbar, daß ich für deren Urheber die aufrichtigste Sympathie hege. Ja, arbeitet nur an der Wiedergewinnung Eures uralten Vaterlandes, an der Beglückung und Veredelung Eures Volkes, an seiner Erlösung vom Hasse der anderen Völker! . . . Wie ich höre, hat jeder Jude für zionistische Zwecke eine Mark jährlich zu zahlen. Wenn diese Ziele wirklich ernst gemeint sind, so müßte jeder Christ behufs Erwerbung Palästinas für die Juden zwei Mark zahlen . .. Ich selbst will mir gerne diese Steuer auferlegen. Kaufet Euer Land los, erwerbet Euch die Liebe Eurer Mitmenschen, mögen Euch Gott und alle edlen Menschen helfen!"