Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 19 (8.10.1897)
- Article
- Der Zionismus in England
- Date
- 1897-10-08
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 19. Seite 5. Reigen an. „Cosinopolis" bringt ans der Feder Langwill's „Eindrücke vom Congrcß". In „Äsiatic Quarterly Review“ gibt Dr. Garster unter dem Titel „Die Rückkehr der Inden nach Palästina und die zionistische Bewegung" eine geschichtliche Darstellung der zionistischen Idee und setzt die politische Bedeutung der selben für die Mächte auseinander; endlich erwidert Mr. Herbert Bcntwich in cincin Artikel „Philo-Zionistcn und Antisemiten" auf die Angriffe des Dr. Emil Reich, welche vor einiger Zeit unter dem Titel „Zionismus" in derselben Zeitschrift erschienen sind nnd entwickelt bei dieser Gelegenheit seine eigenen Ansichten von der zionistischen Bewegung. Dr. 6! a st e r verfolgt die Geschichte der zionistischen Idee bis zu ihren Anfängen, wie sie in unserem Gcbclbuche zum Ausdrucke kommen. Als jene Gebete verfaßt wurden, dachte man sich die Rückkehr nach Palästina als eine selbstverständliche Folge des goldenen messianischen Zeitalters; in demselben Geiste, in welchem sie versaßt wurden, wurden sie auch von den frommen Betern in der ganzen Judcnheit verstanden. Diese Hoffnung war so weit von der Gegenwart, so weit von der Möglichkeit der Erfüllung entfernt, daß das Acußerstc, zu welchem sich der Optimismus eines Juden aufschwang, ein Grab auf heiliger Erde war. Mit dem Eintritte der modernen Judenemancipation änderte sich das alte Poetische Bcrhältniß zum gelobten Lande. „Die emancipirtcn Juden schlossen sich mit Leib und Seele der Cnltur jener Länder an, in denen sic lebten. Eine Zeit lang sah es so aus, als würde' Israel unter den Völkern aufgehcn. — Zion schien vergessen. Aber die Wiederbelebung des nationalen Gedankens, die vom Anfang unseres Jahrhunderts datirt, erinnerte auch die Juden daran, daß sie ein Volk sind. Dazu kam die Versolgungswuth des modernen Antisemitismus, welcher in einem großen Theile Europas die Juden in ihrer gesellschaftlichen und ökonomischen Stellung, ja geradezu an Leib und Leben bedrohte. Das trug natürlich nicht wenig dazu bei, ihr Nationalgcfühl zu wecken. Aber der Antisemitismus hatte noch eine weitere Folge. Es trat an die Juden die ^othwcndigllit heran, für ihren Fleiß und ihren Thatendrang neue Gebiete zu suchen. Der Gedanke der jüdischen Colomsation wurde geboren. Die Auswanderer richteten ihre Blicke auf Palästina; vor etwa 15Jahrcn wurde, mit durch die Unterstützung Dr. Gastcrs, die erste jüdische Colonie in Palästina gegründet. Die Colonicn im heiligen Lande zeigen von Anfang an ein erfreuliches Gedeihen; ähnliche Versuche auf anderem Boden sind gescheitert. Daraus folgt, daß die Ansiedelung in Palästina eine unabweisbare Nothwendigkeit ist. Aber mit allmäliger Colomsation ist uns nicht gedient, das ivürde die Lösung der Frage um mindestens 300 Jahre verschieben. Eine wirkliche Hilfe aber bringt der Judeustaat Dr. Hcrzl's. Dr. Gastcr versteht Herzl's Plan dahin, daß wir Palästina in ähnlicher Weise für uns erwerben, wie England Cypcrn von der Türkei erwarb. Die Insel wird von England verwaltet, gehört aber völkerrechtlich der Türkei, und England hat dieser Macht einen jährlichen Tribut zu entrichten. In gleicher Weise hätten wir Palästina von der Türkei zu erwerben, ohne cs der Oberhoheit des Sultans zu entziehen, und wir hätten einen jährlichen Tribut nach Maßgabe der Staatseinnahmen zu zahlen. Dafür wurde uns unsere Autonomie gesichert, unter dem Schutze der Türkei. Diese Macht hat die Juden von jeher freundlich behandelt, sic haben volles Vertrauen zu ihr und fühlen sich vollkommen sicher untcr türkischem Schutz. Dr. Gaster rechnet aus» daß drei Millionen Juden sich bereit stiidcn würden, nach Palästina auszuwandcrn, wären erst einmal die Garantien für jene Autonomie vorhanden. Die ersten Einwanderer würden nicht gerade den ärmsten Claffen angehörcn; es würden sogar einige sehr reiche unter ihnen sein; in der Mehrheit aber würden sic sich aus der Mittelklasse rckrutire», Handwerker, Bauern und ähnliche Schichten. Die einzige finanzielle Hilfe, die wir brauchen, ist ein Vorschuß für den zu entrichtenden Tlibut; du Rückzahlung würde aus den Staatseinnahmen erfolgen. Dieser Vorschuß ist nach Dr. Gastcr leicht zu bcfchaffeu. Es gibt Capitalien, sagt er, welche durch Sammlungen und Legate zustande gekommen sind und den Zweck haben, dürftige Juden zu unterstützen, namentlich solche, welche von den Verfolgungen in Osten betroffen werden. Wenn jene Männer, denen die Verwaltung dieser Capitalien anvertraut ist, zur Einsicht gelangen — und sie werden zur Einsicht gelangen, und zwar bald — daß unsere Bewegung unwiderstehlich ist und jene Ergebnisse hcrbeizuführen verspricht, aus die sie selbst losarbeiteten, so werden sie das Geld für den Vorschuß hergcben, der dazu dienen soll, den Judeustaat zn begründen. Das Gedeihen dieses Staates steht außer allem Zweifel, und wir haben von ihm mehr als das zu erwarten; er wird ein Mittelpunkt des geistigen Lebens werden. Eine Universität in Jerusalem mit. jüdischen Professoren, wie sie jetzt an europäischen Hochschulen wirken, wird leicht einen Vergleich aushalten mit jeder europäischen Universität. Und ein Judcnstaat in Palästina bedeutet nicht für die Juden allein einen großen Gewinn : die orientalische Frage würde durch diese Schöpfung eine neue Wendung bekommen, und man braucht kaum daran zu erinnern, welchen Werth Palästina für jene große orientalische Macht haben muß, welche den Suezcanal und Egypten beherrscht. Ueberaus interessant ist der Aufsatz Z a n g w i l l's über den Congreß, nicht als ob er neue Gedanken brächte oder neue Gesichtspunkte eiöffnete, aber er bezeugt, die hinreißende Macht der Bewegung, der sich selbst widerstrebende "Geister, Pessimisten und spottsüchtigc Zweifler vom Schlage eines Zangwill nicht länger entziehen können. Der berühmte englische Erzähler kam nicht gerade als Freund; englische und deutsche Blätter hatten in seinem Namen allerlei gegnerische Aussprüche verbreitet, und es ist kein Zweifel, daß er thcilnahmslos, kühl bis ans Herz hinan, . bei der ersten Sitzung des Congrcsses erschien. Es war Zangwill offenbar um ein menschliches Document, um eine schriftstellerische Studie, um ein neues Bild für feine Galerie der „Ghettoträumer" zu thun. Im Verlaufe der Verhandlungen, wurde er ein anderer: die Ereignisse des Congresses haben aus dem Spötter einen warmen Lobredner und begeisterten Verfechter unserer Hoffimngcn gemacht. „An den Strömen Babels saßen wir und weinten, ja, wir weinten, da wir, Zion, dein gedachten. Am Strome Basels sitzen wir, entschlossen, nicht mehr zu weinen." Ein Anfang, der nicht gerade zu dem Ernste des Baseler Ercigniffes stimmt und daher zu keinen besonders freundlichen Erwartungen berechtigt. Aber das ist ein Jrrthum. Wir können nur einige markante Stellen aus dem Aufsätze Zangwills mittheilen, aber diese werden vollkommen genügen, um den berühmlen Schriftsteller als Freund der zionistischen Bewegung zu zeigen. „Eine seltsam zusammengewürfelte Gesellschaft, diese Führer, aber alle mit dem Tintenzeichen auf der Stirne, das auf dem Continente das Abzeichen der Thatkraft ist, wie es in England das Sinnbild der Unfruchtbarkeit vorstcllt; alle von dem naiven Glauben durchdrungen, daß die Feder mächtiger ist, als das Gold des Millionärs. Einer von ihnen hat in der That die Welt mit seiner Fcdcrspitze bewegt, ein Prophet der Neuzeit, mit dem Weherufc der Psycho-Physiologie; er selbst frisch, kraftstrotzend, weit von Entartung entfernt; der große graue Kopf steckt voll von Thatsacheu und Sprachen; er hat ein goldenes Herz und einen goldenen Mund, ein Redner, der in gleicher Weise Weinen oder Lachen hervorzuzaubcrn vermag. Einen ausfallenden Gegensatz zu dieser quasi teutonischen Gestalt bildet mit der schwarzen Mähne das Löwenhaupt des russischen Führers, ein Apollo in der Rolle eines Berserkers, prächtig, überwältigend, aus dessen herrlichem Munde die barbarischen Worte wie Gebirgsdonner rollen. Und wie auch nicht zwei unter den Führern einander gleichen, so ist auch in der Masse keine Aehnlichkeit unter den Einzelnen zu finden. Schriftsteller und Journalisten, Dichter und Erzähler, Professoren, Mcdiciner, Juristen — Leute, die einst aus ihrer jüdischen Haut zu schlüpfen versuchten und nach Darwin'schcn Grundsätzen die Farben der Umgebung anzunehmcn versuchten, die aber jetzt entweder in