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Die Welt · 1897-10-08 · 19 (8.10.1897) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
19 (8.10.1897)
Article
Regeneration
Date
1897-10-08
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19. ^nte 3, einer Republik — und eine andere Form ist ja schwerlich wohl denkbar — gedeiht der Adel, wie die Schweiz und Nordamerika erweisen, bekanntlich nur schlecht oder richtiger gar nicht. Ferner kann gerade in einer jungen Staatengründung jeder ein jedes Ziel leichter erreichen, er braucht nicht bloß Rabbiner oder Schristgclchrtcr zu werden. Es.entfallt somit die heiße Jagd nach dem Jiches, da die Möglichkeit des letzteren unendlich vervielfältigt ist. Habe ich bisher nur negative Vorzüge genannt, so komme ich nunmehr zu positiven und um, es gleich vorweg zu nehmen, zu solchen höchst bedeutsamer Gattung. Nach Zion werden ja Juden ans aller Herren Länder strömen. Der Baseler Congreß hat die Gewißheit gebracht, daß solche Voraussetzung durchaus keine Selbsttäuschung ist. Aus Marokko und Nordamerika, aus Asien and Rußland werden unsere Volksgenossen nicht minder zuverlässig eintrcffeu als aus Europas westlichen Culturländcrn. Mit diesem Zusanuneiiströmcn jedoch ist ein Neues, Unschätzbares gegeben, ich meine die Kreuzungsmöglichkeit im eigenen Stamme und in solch' einem außerordentlichen Umfang, wie cs den Juden noch niemals geboten ward. Denn innerhalb gewisser unverwüstlicher Eigenschaften hat der Jude sich dem Boden und dem Klima eines jeden Landes anpasscn müssen, hat das gesellschaftliche Milieu, in dem der Jude lebte, Cultur- und Fortschrittsgrad seiner jeweiligen Heimat bestimmend und umgestaltcnd auf ihn eingewirkt, hat die Vererbung dann dauernd fixirt und erhalten. So wurde z. B. der Jude in Marokko, trotzdem er ein Jude blieb und gewisse Stammesmerkmale Jahrhunderte lang bewahrte, in zahllosen Einzelheiten ein durchaus anderer, wie der Jude von Nordamerika. Und selbst in einem und demselben Erdtheil ist der russische Jude dem französischen oder englischen gar nicht zu vergleichen. Das gibt für die Verbesserung der Rasse durch ständige Kreuzung ganz unvergleichlich günstige Bedingungen. Selbst wenn der Zionismus nichts anderes wirkte, als bloß diese einzige Rassenvcrbesscrung, so wäre sein Nutzen ein ungeheurer, und für den Fortschritt der Judenhcit, ja der Menschheit selber nicht hoch, nicht werthvoll genug zu veranschlagen, doch seine Bedeutung ist weiter reichend, und Eines hat er schon heute erzielt, mag auch die Erfüllung des Ideals noch in weiter Ferne schweben, er hat den Juden einen Halt gegeben, einen stolzen, weithin stammenden Leuchtthurm, zu dem die Schiffbrüchigen hoffend cmp erschauen, eine Freude der Zukunft und ein Sehnen des Herzens. Der Jude hat wieder ein Ideal gewonnen, das allein schon lebenerhaltcnd wirkt. Auf dem Basler Congreß ward Jedermann sichtbar, wie Hoffnung und Zuversicht von Neuem cinzog in viele schwergeprüfte Herzen. Wie wird doch das Vertrauen zu sich selber, zu einer glücklicheren Zukunft des jüdischen Volkes, das mancher schon kampscsmüdc aufgcgcbcn, wiederum geschwellt schon allein durch die Möglichkeit eines neuen Zion. Wie wird erst vollends die frohe Erfüllung.'jene noch aufrichtcn, wenn schon das ncrvcucrhaltcndc Lustgefühl der Hoffnung sie soweit eniporzuhebcn vermochte! Mir klingen Herzls Woite, cs werde ein Geschlecht von wunderbaren Juden aus der Erde emporwachsen, ein neues, stolzes Makkabäcrthum, beinah wie Prophezeiung künftiger Größe. Und fast will mich bedünkcn, jene Worte könnten noch wahrer werden, als ihr Urheber selbst wohl gehofft und ge ahnet. Der Nervenarzt hat diese Zeilen begonnen, der Zionist sic geendet. Fürwahr, ganz leidenschaftslos und objektiv zu bleiben auf der kalten Höhe exactcr Wissenschaft, ist in Herzenssachen ein Ding der Unmöglichkeit. Die Woche. Wien, 6. Oktober 1897. Es gibt jetzt einige jüdische Richter in Oesterreich. Sic wurden gelegentlich des großen Avancements im Justizdienft vor wenigen Tagen mit den übrigen befördert. Und schon ist man mit Beschimpfungen hinter ihnen her. Pünktlich hat man sie aus der Masse ihrer christlichen Collegcn hcrvorgcholt, um ihnen die mühsam erworbene Auszeichnung zu verbittern. In öffentlicher Sitzung erklärt der Gemcindcrath, daß dein jüdischen Richter nicht die Fähigkeit bcigemesscn werden kann, nach Recht und Gesetz zu urtheilen. Denn der Jude wird seinen Spruch nach den Satzungen des Talmuds fällen, und er wird sich ein Vergnügen daraus machen, die Gefühle des Volkes, die ihm fremd sind, zu kränken. Es wäre nutzlos, darauf zu entgegnen, daß solchen jüdischen Richtern der Talmud sicherlich viel fremder ist, als die Gefühle jenes Volkes, das im Wiener Gcmeinderathe vertreten wird. Aber wir können uns nicht versagen, bei dieser Gelegenheit ein Gcschichtchen von neucruannten jüdischen Richtern zu erzählen, das einigen Reiz hat. Als die neue Civilprozeßordnung den großen Richtcrschub erforderte, wollte der Justizminister des Cabinets Badcni auch Juden berücksichtigen. Es wurden mehrere jüdische Advokaten zu Richtern ernannt. Wie groß war nun die Ueberraschung im Ministcrinm, als diese Herren plötzlich ihre neuen Taufscheine vor legten, die man gar nicht verlangt halte! Jud bleibt freilich Jud in den Augen der Antisemiten, und auch'diese unerbctene Liebesmühe war umsonst. Und noch humoristischer ist die Art und Weise, wie sich die gewissen braven Juden unter solchen Fußtritten benehmen. Sic sagen mit Secleugrößc: „Die beste Vertheidigung sind Tüchtigkeit und Fleiß." Und sie warten mit Fassung auf den nächsten Fußtritt. * * * Die Antisemiten sind cs übrigens, die uns immer und immer wieder auf die Tüchtigkeit der Juden aufmerksam machen. Stets verzeichnen sie cs mit großer Genauigkeit, wenn irgendwo ein Jude Professor geworden, wenn ein jüdischer Künstler einen Orden, ein jüdischer Maler einen Preis oder ein jüdischer Arzt einen hohen Titel bekommen. Sie erhalten uns fleißig auf dem Lausenden über die Fortschritte, welche die Juden auf allen Gebieten machen, und wir müssen ihnen dafür danken. Es ist nur schwer zu bgrcifen, warum diese Leute eigentlich sorgfältig über jüdische Erfolge Tagebuch führen. Wer die „Inferiorität" unserer Race beweisen will, sollte sich doch hüten, derartige Dvcumente mit so vielem Eifer zu sammeln. * * * Wahrscheinlich wollen sie damit auf die immer mehr sich ansbreitendc „Vcrjudung" Hinweisen. Die Carriorc eines Juden muß offenbar als agitatorisches Aufreizungsmittel dienen, und die Leistungen von Juden sollen nicht als nützlich, sondern vielmehr als provocirend angesehen werden. Was anderen als Verdienst angcrcchnet wird, legt mau dem Juden als Ueberlnuth aus. Nur aus Ucbcrmuth ist der Jude Forscher, Erfinder, Künstler und Lehrer; nur aus Frechheit begeht er Dinge, die schlechterdings anerkannt werden müssen, und nur um seine Mitmenschen zu reizen, zeichnet er sich aus. O Jude, warum bist du nicht bescheidener, warum nicht talentlos aus Dankbarkeit und Dcmuth gegen diejenigen, so dich in ihrer Mitte dulden! Wir haben doch Warner genug in unserem Kreise, die cs an Ermahnungen nicht fehlen lassen und beständig wünschen, der Jude möge sich nicht „hcrvorthun", nicht „abzustechcn" tracht n von dem Volk, in dessen Schoß er wohnt. Sie erschrecken wahrscheinlich immer, wenn sie die Erfolge der Juden in den Anliscmitcnblättern lesen und haben cs offenbar auch dem Manne, der jüngst Direktor der Wiener Hofopcr geworden ist, verübelt, daß er so kühn war, diese exponirtc Stellung auzunehmcn. Sie beben, wie schuldbewußt, wenn sic von der „Vcrjudung der Oper" lesen und wagen vor sich selbst nicht das Geständniß, daß man deu Jude» eben nur dann ruft, wenn man ihn dringend nöthig hat. Ach, und cs sind dieselben, welche sagen, Tüchtigkeit sei die beste Vertheidignng, wobei sie doch immer meinen, cs sei die einzige Entschuldigung. Sie entschuldigen sich ja bei allen passenden und unpassenden Assimilirungsgelcgenheiten dafür, daß sic „leider Gottes" Juden sind, und sie wären imstande, das eigene Auge auszureißen, wenn eS einen Anderen ärgert. * * * Indessen werden die Antisemiten immer conscquenter. Sic wollen nicht nur keine jüdischen Leistungen, auch die Wohlfeilheit verschmähen sic, wenn sic vom Juden konnut. Der G'.nndsatz „Kauft nur bei Christen" wird in jedem

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