Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 16 (17.9.1897)
- Article
- Ein Zeitroman
- Date
- 1897-09-17
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14. Nr. 16. seinen Weg; die Begeisterung, die an seiner Spitze steht, trotzt der Bedrückung und dem Tode. Aber die Kunde, daß Sabbatai Zewi die Fahne Israels in den Koth geworfen,' daß er zum Islam übergetreten ist, schlägt die Auswanderer aufs Haupt und trifft sie ins Herz. Das Ghetto nimmt sie wieder auf, der Traum von Zions Glanz und Glück ist verflogen, verwest im Nachtgewölke, das schwer wie ein Leichentuch sich wieder über ihre Seelen senkt. Indem der Verfasser seinem Werke diesen Prolog voransetzt, eine Ghettoschilderung übrigens, die sich neben Heine's „Rabbi von Bacharach" behaupten kann, gibt er gleich symbolisch den Hauptgedanken, der den Leser durch, das Labyrinth der Geschehnisse seines Buches leiten soll. Diese Geschehnisse zu erzählen, wäre eine niüßige Aufgabe. Sie laufen wirr und ungeordnet durcheinander, grundlos verknotet, zwecklos sich aufdröselnd. Auch ist dem Verfasser nicht um die Fabel zu thun. In anderenr Sinne als er gewollt, sind seine Menschen Symbole. Es sind Sinnbilder seines Denkens und Fühlens. Und beides kreist um die Judenfrage. Einzelne Trümmer jenes Auszuges der fränkischen Juden zu Sabbatai Zewi gründen die Ortschaft Zionsdorf, woraus dann später Zirndorf wird. Ein junger, siebzehnjähriger Mensch, Agathon Geyer, wächst in der Judengemeinde auf, wachst über seine Zeit und seinen Glauben hinaus, ängstlich tastend, heimlich suchend, offen kämpfend für eine freie, große Zukunft. Er versinnbildlicht die Messiasbewegung unserer Epoche. In ihm wird dasselbe Sehnen lebendig wie in der Judenschaar, die der Ruf des Senyinaer Propheten lockte, aus ihrer Enge hinaus-. zustreben. Er fühlt und sieht sich im modernen Ghetto gebunden, geknechtet, verhöhnt und will die Bande sprengen. Der Ruf zur Freiheit weitet seine Brust, in der es gährt und übergeht von all den Ideen, die uns, Kinder unseres Säculums, bewegen. Und sein Blick geht weiter als bis. zur Gemarkung seines Städtchens, weiter als bis morgen. Er erkennt den merkwürdigen Zusammenhang des Antisemitismus mit dem Culturgedanken. Der Antisemitismus bedeutet ihm einen Kampf gegen den jüdisch-christlichen Geist. „Der wirkliche Antiseinitismus müßte ein noch feurigerer Antichrist sein." Aus dem Judenthnme ist das Christenthum emporgewachsen, die Ertödtung des Fleisches, das „frevelhafte Wort von der Selbstüberwindung", die Askese, die Mystik, die Religion des Leidens und des Leides, das „ewige Schuldsühlen". Und zum Christenthum strebt das Judenthum jetzt zurück. „Wir wirklich modernen Juden haben aufgehört, Juden zu sein. Wir sind in unserer Seele Christen geworden. Nicht Christen nach der Form, sondern nach dem Geiste." Aber die Entwicklung der Menschheit sucht neue Bahnen. Immer sucht es das gelobte Land der Träume. Auch Agathon Geyer sucht es. Er will „den Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben". Er will die Götter 'entthronen um des Irdischen willen; die Freude, das Licht will er bringen. Jeder Messias ist Promotheus in neuer Gestalt. Ein griechischer Glanz soll das neue Zion bestrahlen, ein freies, voni Himmel losgelöstes, befreites Volk soll es betreten. Der Knabe, der in glühender Liebe für Israel feinem Volke, seinem Glauben Rettung bringen will, wird in seinem dunklen Drange — zum Anarchisten und Atheisten. Wie Sabbatai Zewi fällt er ab vom Glauben. „Aller Glaube ist Judenthum" sagt sein tiefes Wort. Die Sinnlichkeit soll den Thron wieder besteigen, den sie vor zweitausend Jahren verlassen hat. Ein flammendes Verlangen nach Lust und Wonne des Daseins treibt Agathon Geyer durchs Leben. Das wahre Ghetto ist in uns. Wir müssen uns von uns befreien, um aus seinem Thor herauszutreten. Aber können wir es? Sind wir reif dazu? Nein, lautet die Antwort. Bald ist dieses Nein trotzig, bald verzweifelnd, bald der wilde Aufschrei des wahnsinnigen Herzens, bald der traurige Klageton der Harfe, die an den Weiden hängt.' Die Wüstenwanderung ist noch nicht zu Ende. Weit ist noch das Land Kanaan! „Das Wesen eines Volkes," sagt Wassermann, „ist wie das Wesen einer einzelnen Person: sein Charakter ist sein Schicksal." Und indem der Dichter den Charakter des modernen Juden zeichnet, mit einer Schärfe zeichnet, die unerbittlich ist in ihrer Wahrheit, weist er ihm den Weg des Schicksals. Er sieht die Fehler und Schwächen, die Tugenden und Vorzüge seines Volkes. Und wie jede übergroße Liebe, sieht auch die seine oft die Fehler in übertriebenem Maße. Er schlägt und züchtigt aus Liebe. Ja, er haßt manchmal aus Liebe. Er sieht in den Juden das starke und störrische Volk, dem ein gemeinsamer Erfolg, ein kleiner Sieg die Kräfte verzehnfacht, das aber das völlige Gelingen, der große Sieg nicht auf der Höhe findet. „Sie brechen leicht in dem Erstaunen über ihre eigene Größe." Er sieht in seinen Glaubensgenossen das merkwürdige Gemisch von Güte, innerlichen Schönheiten, Seelenadel, tiefer Weisheit, ehrfurchtgebietender Festigkeit und Herzensstärke mit den Eigenschaften des Schlammes und Morastes. Auch ein Charlatan, ein seiger Sclave, ein blindwüthiger Fanatiker, ein krallender Schachergeist ist der Jude. Und er sieht staunend, wie manchmal aber über tiefsten Schlamm ein strahlender, leuchtender, heiliger Stern schwebt, eine göttliche Blüthe des Judenthums und der Menschheit. Die Juden sind ein arbeitsames, intelligentes, aber stets an Extremen bauendes Volk. Freilich ist ihm Intelligenz oft „nur jene Intelligenz des Augenblicks, die von dem verborgenen Werthe der Dinge nichts weiß, die an der Stunde festklebt, mit der Stunde rechnet und die Augen schließt, wenn die Macht kommt." Oberflächengeist und tiefster Forscherdrang wohnen im Juden hart nebeneinander. Der zu Extremen neigende Charakterzug des Juden macht ihn der Raserei in jeglicher Form zugänglich. Und derselbe Zug bringt es auch mit sich, daß gerade in den Juden die moderne Bewegung, wie sie auch zu verschiedenen Zeiten verschieden heißen mag, sich stets am weitesten und stärksten vorschiebt. So paradox es klingen mag: die Juden sind immer die modernsten Menschen. Aber Waffermann sieht im jüdischen Element keinen Segen für die Cultur. Im Gegentheil! „Die modernen Juden, die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der Uebercultnr des Jahrhunderts, sie sind es, die mit ihrer menschlichen Düsterkeit und ihrer geistigen Schärfe kommen und ein Pseudochristenthum aufrichten und Gefühlskasteiungen fleckenloser Liebe und dergleichen. Sie haben die Welt schwarz verhängt, fort mit dem dunklen Schleier, nieder mit den düsteren Hallen, Licht und Freude komme über die Menschen! „Laßt sie brennen, die Kirche!" schreit Agathon Geyer Nicht in der Kirche wird das Glück geboren, auf der Erde, sprießt es, aus der Erde kommt es!" Und mit dem Willen zur Freude, mit der lauten und heißen Bejahung des Daseins wirkt der knabenhafte Ungläubige Wunder, Wunder des Evangeliums. Er heilt Kranke, er entreißt dem Tode seine Beute, er steigt nieder in die Hölle. Aber es ist die Hölle unserer Verdammniß in That und Gedanken, es ist der Pfuhl unserer Sünden an Geist und Körper. Agathon Geyer hat nur Einen Glauben, den Glauben an die Macht des Herzens, der Sinne, der Seele, mit Einem Worte, an die Macht des wahren Menschen. Aber trotzdem er vom Glauben seiner Väter abgefallen ist, erkennt er den Fluch, unter dem sein Volk, dem er mit Seele und Herzen, nicht mehr mit Formeln und Buchstaben angehört, leidet und zu Boden sinkt. „Alle die haßt er, die sich des religiösen Gewandes entäußert hatten und wie Trümmer eines großen Baues auf dem Ocean des Lebens treiben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden Fall Schmarotzer auf einem fremden Stamme. Inmitten deutschen Lebens ein fremdes Volk, voll gezwungener Fröhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto." Jude sein, heißt eine Aus-