Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 16 (17.9.1897)
- Article
- Zustände in Palästina
- Date
- 1897-09-17
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 16. MHVell.' Seite 5. 1. Gründung von, Handelsgesellschaften, überall wo zweckdienlich. 2. Einrichtung eines Lagerhauses oder ständigen Bazars in Jaffa, in ivelchem die Erzeugnisse jüdischen Fleißes und jüdischer Geschicklichkeit zum in- und ausländischen Vertriebe bereit gehalten werden. 3. Gründung einer Agrar- und Handelsbank. Der Arbeiternot h wäre abzuhelsen: 1. Durch Förderung der Hausindustrie. 2. Durch Decentralisation, d. h. Ueberführnng der in gewißen Städten, namentlich in Jerusalem, überflüßigen Handwerker und Arbeiter nach den nur spärlich oder gar nicht mit eine»! Handwerkerstande versorgten Städten und Ortschaften des Inlandes. Sonstige Miltheilungen über die commerciellen und industriellen Verhältnisse Palästinas, einschlägige statistische Daten und Anregungen zur Ausbesserung des jüdischen Arbeiterzustandes wird Herr Groß einer hiefür einzusetzenden Commission unterbreite». Das Gros der palästinisch-jüdischen Bevölkerung ist dem National-Judenthunl mit ganzer Seele ergeben. Ein Führer der Orthodoxe» in Jerusalem, erster Vorsteher eines großen Kolels, äußerte sich unlängst: Mit Zustimmung der Mächte und der Selbsthilfe der Juden kommt die Geulah und wir bahne» Moschinch s o den Weg. Eindrücke vom Baseler Zioiristeueongreß. („Kölnische Zeitung"). lieber den Verlauf und die Bedeutung des Zionistentages ist in diesem Blatte schon berichtet worden. Aber dieser Congreß hatte neben seiner sachlichen noch eine rein menschliche, ich möchte sagen, ästthetische Seite, und die Eindrücke, die der objectiv anschauende Beobachter da empfing, sind so stark und eigenartig, daß sie znr Wiedergabe geradezu herausfvrdern. Dem Ethnographen und Psychologen, der nach Material sucht, dem Dichter und Künstler, der nach „Impressionen" begehrt, hätte man den Besuch des Congresses empfehlen können, sie alle waren hier auf ihre Rechnung gekommen. Warf man eitlen Blick auf die Versammlung, so Hütte man ihr die Eigenschaft znschreiben mögen, die die ältere Aestthetik des vorigen Jahrhunderts vom Kunstwerk verlangte: die Einheit iit der Mannigfaltigkeit. Die Einheit wurde durch den ausgesprochen jüdischen Typus hergestellt, der allen Theilnehmern unverkennbar ausgeprägt war. Aber dieser Typus zeigte sich in den verschiedensten Varietäten, und es war für das geschulte Auge nicht schwer, nach einiger Zeit, an Körperhaltung unb Gestieulation, am Schnitt der Kleider und der Haartracht den russischen, deutschen, französischen, englischen Juden herauszuerkennen. Man glaube mm etwa nicht, daß die osteuropäischen Juden in der tradionellen Ghettotracht, dem langen Kaftan und mit Sehläfenlocken erschienen wären. Die-Männer, die sich zum Congreß eingefunden hatten, sind alle im Besitze der geistigen und materiellen Cirlturercungenschafteu unserer Zeit, aber an gewissen, schwer zu bestimmenden Eigenthümlichkeiten läßt sich ihre Staatsangehörigkeit erkennen. Freilich, daß sicherste Merkmal blieb immer die Sprache, und wer sich in beit Pansen in den Couloirs bewegte, der sah wohl, daß dieZionisten ihre Zusammenkunft nicht mit Unrecht einen Welkongreß genannt hatten. Hier in der Ecke sitzen im Zwiegespräch zwei befrackte Herren, der eine mit langem weißen Knebelbart, ein bedeutender Kiewer Augenarzt, der andere, eine schwarzhaarige Athletenfigur, ist Krons-Rabbiner in Südrnßlaud. Beide tragen, zum Zeichen des Ranges, den sie im russischen „Tschin" einnehmen, silberne Adler an ihren Rocklappen, und in prachtvoll accentnirtem, herrlich dahinrollendem Russisch tauschen sie ihre Ansichten ans. Dort in der Mitte des Saales steht eine Gruppe leicht beweglicher graziöser gali.stscher Doewren, und die Zisch' und Nasallaute des Polnischen steigen in die Luft, wie Raketen. Einige Schritte weiter nnd Pariser Französisch und londoner Englisch schlägt an unser. L hr. Unter den deutschen Dialecten macht sich besonders das gemü hliche Wienerisch bemerkbar, kein Wunder, da Dr. Herzl natürlich einen ganzen Stab mitgebracht hat. Biele der östlichen Inden thun sich in den Pausen keinen Z-wang an und sprechen ruhig ihr Jüdisch-Deutsch, ihren heimischen Jargon. Ich bitte diesen Jargon um Gottes Witten nicht etwa mit dem sog enannten Mauscheln zu identificiren. Das „Mauscheln" ist etw as, das nie und nirgends gesprochen wird, sondern als Typus nur in Witzblättern und antisemitischen Zeitungen existirt. Der Jargon hingegen bildet für fast alle östlichen Juden, d. h. also für mindestens Dreiviertel der ganzen Judenschaft, die gewöhnliche Umgangssprache: Es handelt sich beim Jargon um ein allerdings etwas verwildertes und mit fremden Elementen stark versetztes Idiom, dessen Grundlage das Deutsche bildet. Nur als hochdeutscher Dialeet betrachtet, wird der Jargon wissenschaftlich begreiflich. Vor einen halben Jahrtausend haben die aus Deutschland und Polen flüchtenden Inden ihre Sprache mitgenommen und, wenn auch umgewandelt, bis aus den heutigen Tag bewahrt, grade so wie eS die spanischen Juden bei der großen Vertreibung mit ihrer Sprache gemacht haben. Das Jüdisch-Deutsche birgt für den Germanisten manchen „altvergrabenen Schatz" aus atthochdeutscher und mittelhochdeutscher Zeit, es zeigt außerdem alle guten Eigenschaften einer Volkssprache: Bildlichkeit, Kraft, Witz, Drastik. Freilich, wer es stndiren will, mnß mit Luther „den Leuten auf das Maut sehen" und sich gleichzeitig in die nicht unbedeutende Jargon-Literatur hineinarbeiten. Hier in Basel hatte inan Gelegenheit, den Jargon in allen seinen Unterarten zu vernehmen: der litthanische Jude beispielsweise spricht ihn dumpf und hart, der polnische dagegen weich, melodisch, voeatreich, eS ist da ein Unterschied wie zwischen nord- und süddeutschen Dialekten. Das Merkwürdigste, was man da hören konnte, das war das Hebräische, richtiges biblisches Hebräisch, das viele der anwesenden Herren aus dem Osten mit der größten Leichtigkeit handhabten. Man wird sieh erinnern, wie vor kurzem der russische Unterrichtsminister den Moskauer AerzteCongreß mit einer lateinischen Ansprache erösfnele: vor der internationalen Versammlung benutzte er die alte internationale Sprache der Wissenschaft. Aehnlich ist auch das Streben der Hebraisten daraus gerichtet, das Hebräisch zu einer Art panjüdischer Sprache zu entwickeln, in der sich die Juden aller Länder verständigen könnten. Daß dieß keineswegs unmöglich ist, das weiß der Kenner der einschlägigen Verhältnisse. Die hebräische Sprache ist nie eigentlich tot gewesen, der russische Jude correspondirt und führt seine Geschäftsbücher bis ans den heutigen Tag in hebräischer Sprache. Er besitzt eine sehr mnfangreiche belletristische und journalistische Literatur, und es machte mir außerordentliches Vergnügen, zwei hebräische Schriftsteller, Redaetenre bedeutender hebräischer Blätter, in ihrem Thun zu beobachten: der eine schrieb die Verhandlungen des Congresses in hebräischer Sprache mit, wühreild der andere für sein Tageblatt, ebenfalls hebräisch, aber mit lateinischen Lettern eilt Telegramm abfaßte. Wer daS vermag, für den ist eS nur noch ein Schritt, hebräisch zu eouversiren und zn debattiren. DaS Concert all dieser Sprachen klang zusammen, als Dr. Herzl die Tribüne betrat. Da konnte man die mannigsaehsteu Jnterjeetionen hören. „Vive Herzl" riefen die Franzosen, „Hurrah Herzl" die Russen, „Hoch" die Deutschen und die Hebraisten ließen den biblischen Jnbelruf ertönen „Hedad! Hedad!" Dies erste Stuftreten Herzl's war einer der großen Momente des Congresses: minutenlanger tosender Applaus begleitet ihn, der Beifall schwillt zum Orkan all. Man merkt eS, in den Adern dieser Menschen fließt südliches Blick. Ruhig abwartend steht der Zionistenführer am Rednerpult. Ich glaube, dieser Augenblick hat ihn für manche auSgestande Mühsal und Unannehmlichkeit entschädigt. kleben Herzt war Max Nordau der slar deS Kongresses- Ich hatte ihn mir eigentlich ganz anders gedacht. Nordau uiacht auf den ersten Blick den Eindruck eines behäbigen Bourgeois. Betrachtet man sein Gesicht genauer, dann bemerkt man ivohl den Stempel ungewöhnlicher Begabung. Von besvnderm Reiz war es für mich, den rascheil Wechsel deS AnSdruckS in feinen wundervollen Angen zn beobachten: bald blicken sie scharf, durchdringend, bald melancholisch umflort, bald blitzt es in ihnen schalkhaft ironisch auf. Obwohl er kaum 50 Jahre alt ist, ist ihm Bart nnd Haar vollkommen ergraut. „DaS ist in nnsrrer Familie erblich," meinte er .n-unities praecox, aber nid)t senium